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Krankenkassen in Finanznot
Wirtschaftsweiser prognostiziert Rekordbeiträge für Rente und Krankenkasse unter Merz-Regierung
Die Sozialbeiträge nähern sich einem Rekordniveau. Wirtschaftsweise Martin Werding mahnt zur Vorsicht. Ohne Reformen drohen Rente und Krankenkassen zu scheitern.
Berlin – Die Sozialabgaben in Deutschland steuern auf ein historisches Rekordniveau zu. Bereits heute fließen rund 42 Prozent des Bruttoeinkommens von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern inklusive Anteile von Arbeitgebern in die sozialen Sicherungssysteme. Doch das könnte bald noch deutlich mehr werden: Der Wirtschaftsweise Martin Werding warnt die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) eindringlich davor, dass die Beiträge ohne grundlegende Reformen auf bis zu 50 Prozent steigen könnten. „Die aktuelle Entwicklung ist atemberaubend“, sagte Werding gegenüber der Rheinischen Post.
Die Ursachen für diese dramatische Entwicklung liegen vor allem im demografischen Wandel. Deutschland altert zunehmend, und dies belastet die sozialen Sicherungssysteme massiv. Laut dem Demografieportal der Bundesregierung nimmt der Anteil der älteren Bevölkerung rasant zu. Bereits heute ist jede fünfte Person in Deutschland älter als 66 Jahre, und der Anteil hochbetagter Menschen über 85 Jahre wird sich bis 2055 von derzeit rund 2,3 Millionen auf bis zu 6,5 Millionen nahezu verdreifachen. Diese Entwicklung bringt das umlagefinanzierte System der Renten- und Krankenversicherung an seine Grenzen.
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Die Folgen dieser demografischen Entwicklung sind bereits jetzt spürbar. Experten sprechen bereits von einer tiefgreifenden finanziellen Krise der gesetzlichen Krankenkassen. Ein Defizit von 6,2 Milliarden Euro allein für das Jahr 2024 zwingt viele Kassen, ihre Zusatzbeiträge drastisch zu erhöhen. Laut GKV-Schätzerkreis liegt der durchschnittliche Zusatzbeitrag inzwischen bei 2,5 Prozent, einzelne Kassen verlangen sogar bis zu vier Prozent, zusätzlich zum allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent. Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, bezeichnete die Lage im Podcast „‘ne Dosis Wissen“ der Apotheken Umschau als dramatisch: „Das ist nicht mehr eine übliche Finanzkrise, sondern wir sind für einen Teil der Kassenlandschaft wirklich am Rande des Zusammenbruchs.“
Der Wirtschaftsweise Werding prognostiziert, dass die Sozialabgaben bereits im Laufe dieses Jahres auf etwa 43 Prozent steigen werden. Grund dafür seien vor allem die erhöhten Zusatzbeiträge der Krankenkassen und eine bevorstehende Anhebung der Pflegeversicherung. Doch damit nicht genug: Spätestens 2027 oder 2028 werde auch die Rentenkasse betroffen sein. Die Rentenbeiträge, die aktuell bei 18,6 Prozent liegen, könnten dann sprunghaft auf annähernd 20 Prozent steigen. „Damit ist bis zum Ende dieser Legislaturperiode eine Abgabenbelastung von 45 Prozent in Sicht“, betont Werding. Er mahnt dringend Reformen an, da die derzeit diskutierten Maßnahmen bei Weitem nicht ausreichten.
Babyboomer gehen in Rente: Rentenbeiträge steigen spätestens 2028 deutlich an
Ein Blick auf die Daten des Statistischen Bundesamtes bestätigt diese Einschätzung: Die Zahl der Menschen im Rentenalter wird bis 2037 auf bis zu 20 Millionen steigen. Danach verschieben sich die stark besetzten Jahrgänge der sogenannten Babyboomer-Generation zunehmend in die Gruppe der Hochbetagten. Dies bedeutet, dass immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentnerinnen und Rentner finanzieren müssen. Laut einer aktuellen Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP) könnte der Beitragssatz zur Sozialversicherung bis zum Jahr 2050 sogar auf 52,9 Prozent ansteigen, wenn die Politik nicht entschieden gegensteuert.
Die Konsequenzen dieser Entwicklung treffen vor allem jüngere Generationen hart. Laut WIP zahlt ein heute geborener Mensch im Laufe seines Erwerbslebens durchschnittlich rund 904.000 Euro an Sozialabgaben – das sind etwa 260.000 Euro mehr als jemand, der 1960 geboren wurde. „Wenn künftige Erwerbstätige über die Hälfte ihres Einkommens für Sozialbeiträge aufbringen müssen, ist das kein tragfähiger Generationenvertrag mehr“, warnt Dr. Frank Wild, Institutsleiter des WIP. Wenn man die 50 Prozent, die mancherorts für die Miete aufgebracht werden muss, hinzuzieht, bleibt von den Einkommen mancher Bürger de facto nichts mehr übrig.
Um die Lage zu entschärfen, fordert Andreas Storm eine umfassende Reform des Gesundheitssystems. Neben einer finanziellen Neuausrichtung schlägt er ein Primärarztsystem vor, bei dem Patientinnen und Patienten zunächst zu einer Hausärztin oder einem Hausarzt gehen müssen, bevor sie spezialisierte Leistungen in Anspruch nehmen. Dies könnte laut Storm helfen, die prekäre Situation bei der Terminvergabe zu verbessern.
Auch die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung sowie das Beihilfesystem für Beamte stehen zunehmend in der Kritik. Storm hinterfragt offen, ob diese Systeme noch zeitgemäß seien. „Man kann natürlich nur ganz schwer erklären, warum zum Beispiel ein Lehrer, der angestellt ist, eine andere Gesundheitsabsicherung hat als ein Lehrer, der verbeamtet ist“, so Storm im Podcast der Apotheken Umschau. Die Bundesregierung steht somit vor einer immensen Herausforderung. Ohne tiefgreifende Reformen drohe das soziale Sicherungssystem in Deutschland langfristig an Akzeptanz zu verlieren. (ls mit Material der dpa)