Stromversorgung in der Tschechischen Republik
Neue Atomreaktoren nahe Bayern? Prag will Kernkraftwerke stark erweitern
Die tschechische Regierung will mehr neue Atomreaktoren bauen als geplant. Schon jetzt ist absehbar, dass Zeitplan und Kostenrahmen nicht eingehalten werden.
Prag - In der Tschechischen Republik sind an zwei Standorten Kernkraftwerke sowjetischer Bauart in Betrieb. In Temelin arbeiten zwei Reaktoren mit einer Leistung von 2164 Megawatt, in Dukovany vier ältere Reaktoren mit einer Leistung von 1792 Megawatt.
Tschechien will vier neue Atomreaktoren bauen: Ursprünglich war nur ein Meiler geplant
Das Land setzt bei der Energieversorgung auch in Zukunft auf die Kernenergie. Deshalb plante die tschechische Regierung zunächst den Bau eines weiteren Reaktors im Kernkraftwerk Dukovany. Nun sollen es insgesamt bis zu vier werden, je zwei in Dukovany und Temelin unweit der Grenze zu Bayern.
Damit änderte die Regierung ihre ursprüngliche Ausschreibung und forderte die Bieter auf, ein verbindliches Angebot für den Bau von bis zu vier neuen Reaktoren abzugeben. Allerdings wurde der Bieterkreis stark eingeschränkt. Aus Sicherheitsgründen wurden die russische Rosatom und der chinesische Staatskonzern China General Nuclear Corporation von der Ausschreibung ausgeschlossen.
Tschechien will vier neue Atomreaktoren bauen: US-Konzern Westinghouse ist überraschend aus dem Rennen
Aber auch der US-Konzern Westinghouse ist nicht mehr dabei. Dessen Angebot sei nicht verbindlich und habe daher bei der Bewertung nicht berücksichtigt werden können, erklärte der tschechische Handels- und Industrieminister Jozef Síkela. Das ist eine Überraschung, da Westinghouse zu den Favoriten zählte.
Damit sind nur noch Electricité de France (EDF) aus Frankreich und Korea Hydro Nuclear Power (KHNP) im Rennen. Beide Unternehmen haben nun bis zum 15. April Zeit, verbindliche Angebote abzugeben. Bis Mitte des Jahres soll eine Entscheidung über den Gewinner fallen. Danach folgen Verhandlungen über einen konkreten Vertrag. Der erste neue Reaktor soll 2036 am Standort Dukovany in Betrieb gehen.
Tschechien will vier neue Atomreaktoren bauen: Hohe Wahrscheinlichkeit einer Kostenexplosion
Die Kosten für den Bau der Reaktoren stehen noch in den Sternen. Das mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche tschechische Energieunternehmen České energetické závody (ČEZ) spricht von 6,5 Milliarden Euro pro Block. Diese Zahl basiert jedoch auf Berechnungen aus dem Jahr 2020, so dass die Kosten inzwischen deutlich höher liegen dürften.
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Neben der hohen Wahrscheinlichkeit von Kostensteigerungen ist auch der Zeitplan unsicher. Das zeigt das Neubauprojekt Hinkley Point C in Südengland, das von EDF realisiert wird. War zu Baubeginn 2016 noch eine Inbetriebnahme im Jahr 2025 geplant, soll der erste Reaktor laut EDF nun zwischen 2029 und 2031 ans Netz gehen. Ursprünglich waren Kosten in Höhe von 18 Milliarden Pfund veranschlagt, nun sollen es zwischen 31 und 34 Milliarden Pfund sein. Allerdings handelt es sich dabei, so EDF, um den Wert des Pfundes im Jahr 2015. Das bedeutet, dass die tatsächlichen Kosten zu heutigen Preisen deutlich höher liegen dürften.
Aber nicht nur Prag setzt auf Atomkraft. Auch Frankreich will bis zu acht neue Akws bauen, Schweden zehn.
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