Noch länger arbeiten?
Rente mit 70 – Betroffene verärgert: „Können nicht weiterarbeiten“
Die Rente mit 70 steht wieder im Fokus der Debatte. Demografische Entwicklungen belasten das Rentensystem, doch helfen längere Lebensarbeitszeiten wirklich?
Berlin – Das Rentensystem in Deutschland steht aufgrund des demografischen Wandels vor großen Herausforderungen. Die steigende Lebenserwartung bei gleichzeitig niedrigen Geburtenraten führt dazu, dass immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Dies hat zur Folge, dass die Rentenversicherung unter Druck gerät und entweder höhere Beiträge, niedrigere Renten oder eine längere Lebensarbeitszeit nötig werden könnten, um das System zu stabilisieren. Aktuell wird wieder die längere Lebensarbeitszeit diskutiert – doch die stößt auf in weiten Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung.
Immer weniger Beitragszahler – immer mehr Rentner
Das Problem: 1957 gab es noch etwa 373 Beitragszahlende, die 100 Rentner finanzierten, 2023 waren es nur noch 220. Nach den Prognosen der Deutschen Rentenversicherung werden es dann 2045 nur noch 174 Beitragszahlende pro 100 Rentner sein. Die Rechnung wird nicht aufgehen und das Umlagesystem der Deutschen Rentenversicherung, wonach die jüngeren Generationen die Renten für die Älteren erwirtschaften, gerät ins Wanken.
Aktuell wird am Umlagesystem nicht gerüttelt – eine echte Rentenreform ist nicht in Sicht und wird von der Bundesregierung auch nicht angegangen – trotz anderweitiger Ankündigungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor der Wahl. Um die Renten zu stabilisieren, auf 48 Prozent des Durchschnittseinkommens, hat die Regierung gerade ein fast 50 milliardenschweres Rentenpaket auf den Weg gebracht, das aus Steuergeldern finanziert werden soll. Das hilft kurzfristig, kann aber das Rentenproblem längerfristig nicht lösen.
Überalterung der Gesellschaft braucht Lösungen für die Rente
Längere Lebensarbeitszeiten könnten ein Teil der Lösung sein – denn es sind gerade die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer, die jetzt in das Rentenalter kommen. Die Babyboomer-Generation umfasst etwa 19,5 Millionen Menschen, wobei die ersten Jahrgänge bereits ihre Regelaltersgrenze erreicht haben. Ein großer Teil der Babyboomer geht außerdem vorzeitig in Rente. Bezogen auf die Jahrgänge 1954 bis 1957 haben bereits 1,8 Millionen vorzeitig die Rente angetreten. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln hat berechnet, dass der Altenquotient (Anzahl der Personen über 67 Jahren pro 100 Personen im erwerbsfähigen Alter) von 29,5 im Jahr 2022 auf 41,1 im Jahr 2040 ansteigen wird.
Immer mehr Menschen arbeiten über das Rentenalter hinaus
Ob Deutsche im Rentenalter länger arbeiten sollen, wird sehr kontrovers diskutiert. Fakt ist jedoch, dass dies tatsächlich schon passiert. Die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen ist von 2013 bis 2023 bereits von 13 auf 21 Prozent gestiegen. Dabei spielt nicht nur die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre eine Rolle, insbesondere im Osten des Landes ist fast jeder vierte Bürger zwischen 60 und 79 Jahren armutsgefährdet. Viele arbeiten auch nach dem Erreichen der Regelaltersgrenze weiter, um ihren Lebensstandard halten zu können.
Rente sichern durch längere Lebensarbeitszeit stößt auf Ablehnung
Eine generelle Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird jedoch von vielen Betroffenen abgelehnt. Die Argumente dafür sind vielfältig, wie aus einer nicht repräsentativen Umfrage des Nordkuriers hervorgeht. Zum einen wird argumentiert, dass 40 oder 45 Jahre als Beitragszahler in die Rentenkasse ausreichen sollten für einen angemessenen Ruhestand. Auch könne man in vielen Berufen nicht mehr in einem hohen Alter arbeiten. Eine Frau, die nach eigenen Angaben seit 45 Jahren als Krankenschwester arbeitet und ihr Mann als Metallbauschlosser, sagte der Zeitung: „Wir gehen im nächsten Jahr in Rente. Unseren Lebensstandard können wir mit der Rente nicht halten, wir sind gezwungen umzuziehen. Trotzdem sind wir gesundheitlich nicht mehr so leistungsfähig, dass wir weiterarbeiten könnten.“
Eine längere Lebensarbeitszeit würde nach Meinungen der Umfrage zwar die Rentenkasse entlasten, dafür aber die Krankenkassen zusätzlich belasten. Verärgert äußern sich befragte Bürger auch darüber, dass eben diejenigen, die gar nicht in das System eingezahlt haben, bei der Debatte außen vor gelassen werden. Thematisiert werden auch immer wieder die versicherungsfremden Leistungen der Rentenversicherung. Die längere Lebensarbeitszeit ist also ein heißes Eisen.
Auch Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, lehnt eine pauschale Erhöhung des Renteneintrittsalters ab. Sie hält den Vorstoß für sehr gefährlich und unrealistisch. Ihrer Meinung nach ist es in vielen Berufen jetzt schon schwierig, das reguläre Rentenalter von 67 Jahren zu erreichen. Für sie ist es wichtiger, Menschen zu unterstützen, die wirklich länger arbeiten wollen und können. Sie begrüßt deshalb auch die Pläne der Regierung, eine Aktivrente einzuführen, bei der diejenigen, die weiterarbeiten möchten, bis zu 2000 Euro vom monatlichen Einkommen steuerfrei behalten dürfen.
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