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Wirtschaftliche Lage der Nation
Merz warnt vor Firmenkrise: „In vielen Unternehmen gehen Arbeitsplätze verloren“
Viele deutsche Unternehmen bauen Stellen ab. CDU-Bundeskanzler Merz warnt vor einer kritischen Wirtschaftslage. Experten sehen 2026 keine Erholung.
Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz hat in einem vierseitigen Schreiben einen Appell an die Bundestagsabgeordneten von Union und SPD gerichtet. Zum Jahresauftakt zeichnet der CDU-Vorsitzende ein besorgniserregendes Bild der deutschen Wirtschaft. „Die Lage der deutschen Wirtschaft ist in einigen Bereichen sehr kritisch“, heißt es in dem Brief. Merz mahnte, dass die bisherigen Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit noch nicht ausreichen würden.
Der Kanzler findet dazu klare Worte: „Große Industriezweige stehen ebenso wie erhebliche Teile des Mittelstandes und des Handwerks vor gewaltigen Herausforderungen, in vielen Unternehmen gehen Arbeitsplätze verloren.“ Die Ankurbelung der deutschen Wirtschaft erhalte für 2026 höchste Priorität. Trotz bereits beschlossener Investitionen des Bundes habe sich die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands noch nicht hinreichend steigern lassen.
Standortkosten belasten deutsche Unternehmen erheblich – Mittelstand und Industrie unter Druck
Als zentrale Probleme identifizierte der Bundeskanzler strukturelle Schwächen: „Die Produktivität in Deutschland unter den veränderten wirtschaftspolitischen Bedingungen auf der Welt einfach nicht mehr gut genug ist“, heißt es in dem Schreiben. „Die Arbeitskosten, die Energiekosten, die Bürokratielasten und auch die Steuerlasten sind zu hoch. Daran werden wir gemeinsam arbeiten müssen.“ Merz fordert die Koalition auf, sich 2026 darauf zu konzentrieren, „die richtigen politischen und gesetzlichen Entscheidungen zu treffen, um die Standortbedingungen durchgreifend zu verbessern“.
Die Zahlen untermauern Merz’ Warnung: Die 100 umsatzstärksten deutschen Unternehmen erwirtschafteten in den ersten neun Monaten 2025 zwar einen leicht höheren Gesamtumsatz von rund 1,55 Billionen Euro – ein Plus von 0,6 Prozent. Doch der Gewinn vor Steuern und Zinsen schrumpfte um 15 Prozent auf 102 Milliarden Euro, wie aus einer Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hervorgeht. „2025 war ein weiteres Krisenjahr für die deutsche Wirtschaft“, erklärt EY-Experte Jan Brorhilker.
Besonders hart trifft es die Autobauer: Der Gesamtumsatz von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz sank nur um zwei Prozent, doch der Gewinn im Tagesgeschäft brach um 46 Prozent auf rund 17,8 Milliarden Euro ein. Noch drastischer fiel der Gewinneinbruch bei den Chemiekonzernen mit minus 71 Prozent aus. Zudem gingen von Januar bis September 2025 bei den Top-100-Unternehmen rund 17.500 Jobs verloren. Seit 2023 sank die Beschäftigtenzahl insgesamt um etwa 100.000 Stellen.
Für das neue Jahr zeichnet sich keine schnelle Besserung ab. Laut der traditionellen Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft rechnen 22 von 46 Wirtschaftsverbänden 2026 mit einem Stellenabbau. Nur neun Verbände erwarten mehr Mitarbeiter in ihrer Branche, 15 gehen von einer stabilen Beschäftigung aus. Unter den Branchen, die Personal abbauen wollen, sind beschäftigungsintensive Bereiche wie die Metall-, Chemie-, Stahl- und Automobilindustrie sowie der Maschinenbau und das Handwerk.
Bundeskanzler Merz warnt vor massiven Arbeitsplatzverlusten in Industrie und Mittelstand. Nach seiner Neujahrsansprache kritisierten viele, er verfehle den richtigen Ton.
Wirtschaftsverbände prognostizieren weiteren Stellenabbau für 2026
„Wer auf ein baldiges und umfassendes Ende der Wirtschaftskrise gehofft hat, wird auch 2026 enttäuscht“, so IW-Direktor Michael Hüther in einer Pressemitteilung der IW Köln. Die deutsche Wirtschaft stabilisiere sich auf niedrigerem Niveau. Hinter den schlechten Ergebnissen stehen altbekannte Ursachen: zunehmender Protektionismus, anhaltende Exportschwäche und hohe Standortkosten verschlechtern die preisliche Wettbewerbsfähigkeit.
Die wirtschaftliche Flaute macht sich auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt bemerkbar. Der Stellenmarkt ist im Dezember 2025 saisonbereinigt um 1,7 Prozent zurückgegangen und verzeichnet damit auch im Jahresvergleich ein Minus von 11,6 Prozent, wie aus einer Analyse der Jobseite Indeed, die IPPEN.MEDIA vorliegt, hervorgeht. Besonders schwer wiegt, dass dieser besonders schwache Beginn der Winterpause überrascht, nachdem in der zweiten Jahreshälfte erste Anzeichen einer Stabilisierung zu beobachten waren.
Investoren wenden sich vom Standort Deutschland ab – vorsichtige Hoffnung trotz anhaltender Unsicherheit
Immer mehr insolvente Unternehmen finden keinen Käufer mehr. Vor vier Jahren wurden noch zwei von drei insolventen Firmen gerettet, jetzt sind es laut Daten der Unternehmensberatung Falkensteg deutlich weniger als die Hälfte. „Wir bekommen in unseren internationalen M&A-Prozessen mittlerweile sehr häufig die Rückmeldung, dass Investoren ganz grundsätzlich in Deutschland nicht mehr investieren“, berichtete Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt gegenüber der Wirtschaftswoche. „Deutsche Unternehmen sind in vielen Branchen einfach raus.“ Die Liste der Abwicklungen ist lang: Der schwäbische Weltmarktführer Mayer & Cie., die Autozulieferer AE Group und Allgaier, der Autoverleiher Starcar, die Bekleidungskette Gerry Weber oder die deutschen Standorte des Schweizer Solarzellen-Unternehmens Meyer Burger mussten aufgeben.
Dennoch gibt es auch positive Signale: 19 von 49 befragten Wirtschaftsverbänden rechnen 2026 mit höherer Produktion oder mehr Umsätzen als im Vorjahr. „Ein Ende der Misere ist in Sicht“, sagt Hüther laut IW Köln. Eine „leichte Stimmungsaufhellung“ werde erkennbar. Zu den Aufsteigern gehören Branchen, die vom Sondervermögen oder dem Anstieg der Verteidigungsausgaben profitieren, etwa Luft- und Raumfahrt, Schiffbau oder Teile des Baugewerbes. Auch der Dienstleistungssektor meldet eine bessere Lage als im Vorjahr. Auch EY-Experte Brorhilker blickt vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Von der deutschen Autoindustrie gab es im Jahr 2025 vor allem schlechte Nachrichten. Aber die strategische Neuausrichtung und starke neue Modelle, auch und gerade im Elektrosegment, bieten durchaus Chancen, dass das Tal der Tränen bald durchschritten sein wird.“ (ls/dpa)