Großer Mittelstand „unter Druck“
Deutsche Traditionsunternehmen in der Krise: Neue Studie zeigt alarmierende Trends
Große Mittelstandsunternehmen in Deutschland sehen sich „mit Problemen konfrontiert“. Eine Studie des IW Köln legt offen, mit welchen Schwierigkeiten viele der Traditionsunternehmen derzeit zu kämpfen haben.
Köln - Nicht nur die deutschen Großkonzerne wie die Autobauer Volkswagen, VW und Mercedes leiden unter der stagnierenden Wirtschaft im Land – auch große Mittelstandsunternehmen „sehen sich zunehmend mit Problemen konfrontiert“. Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zeigt, wie viele Firmen in Deutschland betroffen sein könnten. Gerade für viele Traditionsunternehmen und ihre jeweilige Region steht einiges auf dem Spiel.
Mehr als 16.000 große mittelständische Unternehmen in Deutschland – in diesen Bundesländern gibt es die meisten
Eine neue Studie des IW-Köln vom Montag analysiert die wirtschaftliche Lage der 16.400 Unternehmen in Deutschland, die zum großen Mittelstand gehören. Das sind Unternehmen, die mehr als 250 Beschäftigte haben und daher nicht mehr als kleine oder mittelständische Unternehmen gelten, aber weniger als 3000 Beschäftigte aufweisen. Insgesamt arbeiten 10,4 Millionen Beschäftigte in Firmen dieser Größe.
Bei diesen Unternehmen, die oft als Mid Caps bezeichnet werden, handelt es sich meist um Familienunternehmen – Traditionsunternehmen, die eine wichtige Rolle für ihre Heimatregion spielen, da sie für viele Arbeitsplätze sorgen und durch die Gewerbesteuer zur Region beitragen. Eine Studie von Anfang September der Creditreform zeigte bereits, dass sich die Anzahl der Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat.
Die Bundesländer mit den meisten großen Mittelstandsunternehmen sind Nordrhein-Westfalen mit 2281 Unternehmen, Bayern mit 1939 und Baden-Württemberg mit 1814 Unternehmen. Diese drei Bundesländer vereinen 60 Prozent aller Mid Caps. Zu den Mid Caps gehören auch viele „Hidden Champions“, also Unternehmen, deren Namen oft außerhalb ihrer Heimatregion wenig bekannt ist, die aber dennoch international eine bedeutende Rolle spielen. Die meisten Mid Caps entfallen auf das Verarbeitende Gewerbe, das rund 36,4 Prozent aller dieser Unternehmen ausmacht. Darauf folgen der Bergbau-, Energie- und Wasserversorgungssektor mit 35,5 Prozent sowie die soziale und persönliche Dienstleistungsbranche mit 34,4 Prozent.
Stagnierende Wirtschaftszahlen für großen Mittelstand – Unternehmen stehen „unter Druck“
„Der große Mittelstand hat traditionell eine starke Stellung in Deutschland. Doch die Unternehmen sehen sich zunehmend mit Problemen konfrontiert“, erklärt Klaus-Heiner Röhl, IW-Experte für Mittelstandspolitik und Regionalpolitik und Autor der Studie in einem Bericht der Welt. Laut der Studie stagniert das Wachstum des großen Mittelstands seit der Corona-Pandemie. Zwischen 2019 und 2022 hat die Anzahl an Mid Caps und deren Beschäftigte auch nur geringfügig zugenommen, nachdem sie jahrelang zugenommen hat. Dies wird neben der Pandemie auf die zunehmende Bürokratie, die schleppende Digitalisierung und die marode Infrastruktur in Deutschland zurückgeführt. Zudem verschärft der Fachkräftemangel das Problem. Besonders seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 stehen die Unternehmen „unter Druck“, wie Röhl im Bericht anmerkt.
Der Autor der Studie sieht das Problem darin, dass große mittelständische Unternehmen denselben Regelungen unterliegen wie Großunternehmen in Deutschland. Sie überschreiten die regulatorische Grenze der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und müssen daher die gleichen bürokratischen und rechtlichen Anforderungen erfüllen wie Großunternehmen. Ihre wirtschaftliche Struktur, insbesondere bei Mid Caps mit weniger als 1.000 Beschäftigten, ist jedoch oft nicht darauf ausgelegt, diese Belastungen im gleichen Maße zu tragen. Zudem sind Förderprogramme in der Regel eher für kleinere Unternehmen vorgesehen und für diese größeren Mittelständler nicht zugänglich.
„Nicht zu unterschätzen“: Studie klärt über notwendige Maßnahmen auf zur Trendwende
Ebenfalls kritisiert Röhl die verschlechternden Standortbedingungen und „eine zunehmend als wenig verlässlich bis sprunghaft wahrgenommene Politik“, die die Mid Caps bedroht. „Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hängt entscheidend davon ab, dass die digitale und vor allem die grüne Transformation so bewältigt werden, dass Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft gestärkt werden, anstatt sie zu beschneiden. Dies ist eine große Aufgabe für die aktuelle, aber vor allem auch für die zukünftige Politik, die nicht unterschätzt werden darf“, heißt es in dem Bericht.
Die Studie schließt mit der Forderung, dass wirtschaftspolitische Maßnahmen notwendig seien, um den stagnierenden Trend umzukehren. Höhere Importzölle auf Produkte aus China seien dabei keine ausreichende Lösung. Stattdessen sollten Maßnahmen wie die Überprüfung öffentlicher Aufgaben und Ausgaben ergriffen werden, um mehr Investitionen zur Beseitigung infrastruktureller Engpässe zu ermöglichen.
Zudem empfiehlt die Studie, Arbeitsanreize weiter zu verbessern, den EU-Binnenmarkt zu stärken und den großen Mittelstand stärker in Förderprogramme einzubeziehen. Wichtige Herausforderungen wie die Digitalisierung und Bürokratie müssen angegangen und der globale Handel ausgebaut werden.
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