Brisanter Einzelfall
Kostspielige Förderung: Jobcenter zahlt 20.000 Euro für einen Führerschein
Ein Jobcenter zahlt das einem Arbeitslosen 20.000 Euro für einen Busführerschein. Was steckt hinter der enormen Ausgabe?
Stuttgart – Erwerbslose sollen möglichst schnell wieder in Arbeit kommen. Denn die Erfahrung zeigt: Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, und schließlich gegebenenfalls der Bezug des Bürgergelds, desto schwieriger wird die Vermittlung in Arbeit. Gerade Langzeitarbeitslosigkeit gilt als Vermittlungshemmnis, die Betroffenen sind für potenzielle Arbeitgeber uninteressant.
Jobcenter investiert 20.000 Euro in Weiterbildung eines Bürgergeld-Empfängers
Um Erwerbslose in Arbeit zu bringen, haben die Jobcenter verschiedene Instrumente zur Verfügung. Eines davon ist die Übernahme der Kosten einer Weiterbildung. Nach Berichterstattung der Bild-Zeitung gerät nun ein Fall eines Mannes in Baden-Württemberg ins Rampenlicht.
Der frühere Mitarbeiter eines Labors will eine Umschulung zum Busfahrer machen. Die Aus- und Weiterbildung dazu kostet laut Bild 20.000 Euro. Das Jobcenter übernehme die Kosten des Führerscheins vollständig. Demnach liegt ein Bescheid über „Leistungen für die Teilnahme an einer Weiterbildungsmaßnahme vom 17.02.2025 bis 11.08.2025 nach §§ 81 und 83 ff Drittes Buch Sozialgesetzbuch (SGB III)“ bei. Darauf sind die Kosten der „beruflichen Weiterbildungsmaßnahme insgesamt“ vermerkt – mit 20.204,82 Euro.
„Es geht mir darum, schnell wieder arbeiten zu gehen“, sagte der Mann der Bild. „Der Führerschein dauert viel länger als in einer privaten Fahrschule“, kritisiert er jedoch. Der Führerschein koste demnach 20.360 Euro. Laut der Springer-Zeitung würde ein Bus-Führerschein normalerweise halb so viel kosten.
Jobcenter zahlt 20.000 Euro für Busführerschein – „je nach Können nicht unrealistisch“
Der Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen (WBO) beziffert die Kosten eines Busführerscheins mit Berufskraftfahrerqualifikation auf 14.500 Euro. Für den Fall, dass ein im Ausland erworbener Pkw-Führerschein nicht als Grundlage anerkennt werde, kommen noch die Kosten dafür hinzu.
„Je nach Können des Fahrschülers sind Kosten in Höhe von 20.000 Euro bei der Umschulung eines ausländischen Staatsangehörigen dann nicht unrealistisch“, erklärte der WBO auf IPPEN.MEDIA-Anfrage. Hinzu kommen weitere – „im Vergleich aber eher zu vernachlässigende“ Kosten für Gesundheitsprüfungen und Verwaltungsgebühren.
Jobcenter können Weiterbildungen zahlen – um Arbeitslosigkeit und Bürgergeld-Bezug zu verhindern
Hintergrund dieser 20.000 Euro-Investition des Jobcenters ist das Dritte Sozialgesetzbuch. Es regelt die Arbeitsförderung. Demnach können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei „beruflicher Weiterbildung durch Übernahme der Weiterbildungskosten gefördert werden“, wenn die „Weiterbildung notwendig ist, um sie bei Arbeitslosigkeit beruflich einzugliedern oder eine ihnen drohende Arbeitslosigkeit abzuwenden, die Agentur für Arbeit sie vor Beginn der Teilnahme beraten hat und die Maßnahme und der Träger der Maßnahme für die Förderung zugelassen sind“.
Die besten Arbeitgeber in Deutschland: Zu diesen Unternehmen wollen Fachkräfte 2025 gehen




Das umfasst Lehrgangskosten und Kosten für Prüfungen, Kosten für eine möglicherweise nötige Unterbringung und Verpflegung sowie die Kosten für Kinderbetreuung.
Qualifizierung und Weiterbildung kommt immer größere Rolle bei Ausweg aus der Arbeitslosigkeit zu
Weiterbildung und Qualifizierung spielt eine immer wichtigere Rolle bei der Vermittlung von Arbeitslosen in Jobs. Denn häufig haben die Erwerbslosen nicht die Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Besonders unter den Bürgergeld-Empfängern haben zwei Drittel keinen Berufsabschluss. Zusammen mit der schwachen Wirtschaftslage führt das dazu, dass „die Chance von Arbeitslosen, eine Beschäftigung aufzunehmen, sich aktuell auf einem historischen Tiefstand befinden“, erklärte das Arbeitsministerium kürzlich.
Gleichzeitig gibt es jedoch Berufe mit einem enormen Fachkräftebedarf. Busfahrer ist ein solcher Engpassberuf. Schon jetzt sei der Bedarf hoch und werde weiter zunehmen, erklärte der WBO-Sprecher. „Viele Busfahrerinnen und Busfahrer werden in absehbarer Zeit in den Ruhestand treten“, erklärte er IPPEN.MEDIA. „Zudem ist es das erklärte Ziel der Politik, im Rahmen der Verkehrswende, hin zu einer klimafreundlicheren Mobilität, den ÖPNV weiter stark auszubauen.“ Der Bedarf werde damit weiter steigen.
Umschulung laut Verband von Busunternehmen eine Lösung gegen den Fahrermangel
„Die Umschulung ist eine Lösung“, erklärte der WBO auf Nachfrage zu den Programmen der Agentur für Arbeit. Um Zugangshürden zu reduzieren und dem Mangel „wirksam zu begegnen“ brauche es jedoch eine Reform des Busführerscheins und der Berufskraftfahrerqualifikation. Bisher gebe es hier eine hohe Anzahl von Pflichtfahrstunden und eine Dopplung von Lerninhalten bei der Führerscheinausbildung und der Berufskraftfahrerqualifikation.
Dadurch könnten die Kosten gesenkt werden. Der WBO vergleicht Deutschland dabei mit Österreich, wo der Busführerschein „lediglich halb so viel“ koste wie hier.
Kritik an hohen Jobcenter-Ausgaben für den Führerschein – doch diese Fälle sind selten
Der von Bild beschriebene Fall mit Ausgaben von über 20.000 Euro ist jedoch bisher selten. In den vergangenen Jahren habe es nur 200 bis 300 Fälle von Bildungsmaßnahmen gegeben, die in das beschriebene Raster passten, zitiert die Zeitung die Bundesagentur für Arbeit. Zum Vergleich: Im Mai 2025 nahmen 231.000 Menschen an Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung teil.
Rubriklistenbild: © Sina Schuldt/Sebastian Gollnow/dpa
