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Milliardendebatte um Bürgergeld

„Kahn wird untergehen“: Handwerker wenden sich beim Bürgergeld gegen Merz-Regierung

Reformstau beim Bürgergeld: CDU und Wirtschaft fordern Änderungen. Mehr Arbeit muss sich wieder lohnen – sonst droht das System zusammenzubrechen.

Berlin – Die Diskussion um das Bürgergeld entwickelt sich zunehmend zum sozialen und politischen Zündstoff. Während die Bundesregierung unter Friedrich Merz (CDU) eine umfassende Reform vorbereitet, wächst der Unmut unter Handwerkern und Wirtschaftsvertretern – angeführt von Handwerkspräsident Jörg Dittrich.

Handwerker verlieren Geduld beim Bürgergeld mit Merz-Regierung

Dittrich warnt gegenüber der dpa drastisch: „Wir sitzen in einem Schiff, das am Rumpf ein Leck hat. Und wenn wir dieses nicht bald abdichten, wird der Kahn komplett untergehen“. Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) sieht die sozialen Sicherungssysteme in einer Schieflage. Insbesondere der Umgang mit dem Bürgergeld steht im Fokus seiner Kritik. Die bislang fehlenden strukturellen Reformen seien „butterweiche Aussagen“, heißt es mit Blick auf den Koalitionsvertrag. Die aktuelle Politik verschleppe notwendige Entscheidungen, stattdessen werde die Verantwortung in Kommissionen ausgelagert. Das sei nicht nur ineffizient, sondern gefährlich.

Besonders die abschlagsfreie Rente mit 63 stellt Dittrich in Frage. Zu viele Menschen würden sie in Anspruch nehmen und dadurch dem Arbeitsmarkt fehlen. „Statt einer starren pauschalen Altersgrenze für alle wären vermutlich flexiblere Lösungen basierend auf den Erwerbsbiografien gerechter“, sagt er.

Merz-Kabinett: Neue Namen, alte Bekannte – die Komplette Liste in Bildern

Friedrich Merz
Das Kabinett Merz ist die seit dem 6. Mai 2025 amtierende Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Friedrich Merz. Es handelt sich um die fünfte schwarz-rote Koalitionsregierung und die 17. Regierung unter Führung der Unionsparteien auf Bundesebene. © Michael Kappeler/dpa
Nina Warken
Nina Warken hat bereits Geschichte geschrieben: Als erste Frau wurde sie im Juli 2026 Chefin des Bundeskanzleramtes. Die bisherige Bundesgesundheitsministerin übernahm das Amt von Thorsten Frei – und damit die zentrale Koordinationsstelle der Regierungsarbeit.  © Christoph Soeder/dpa
Linnemann
Im Zuge des Personalumbaus hat der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Juli 2026 das Gesundheitsressort übernommen. Allerdings hat er vorab selbst Zweifel gesät, dass er wirklich der richtige Mann für den Job ist. Er wäre nach der Regierungsübernahme durch Merz gerne Arbeitsminister geworden, musste das Ressort aber der SPD überlassen. Dem Sender Phoenix hatte er im Mai 2025 zum Interesse an anderen Kabinettsposten gesagt, es sei nicht „sein Ding“, nur Minister zu sein, damit das irgendwo in Wikipedia stehe. „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.“  © Christoph Soeder/dpa
Steffen Bilger
Ebenfalls neu im Kabinett ist der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Er gilt als fachlich geeignet, ist sehr gut vernetzt, arbeitete in der schwarz-roten Koalition bislang aber vor allem im Hintergrund. Der gelernte Rechtsanwalt stammt aus Baden-Württemberg und ist ausgewiesener Verkehrsexperte: Er saß schon als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2013 im Verkehrsausschuss. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wiederwahl von Angela Merkel (CDU) 2017 war er als Vertreter der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur beteiligt. 2018 wurde er dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium. © Marijan Murat/dpa
Sommerfest der SPD im Landkreis Verden
Und sonst? Lars Klingbeil ist als Vizekanzler weiter der zweite starke Mann in der Regierung Merz. Eigentlich brennt er für die Außenpolitik und geprägt durch den familiären Hintergrund als Soldatensohn am Heeresstandort Munster für Verteidigung. Jetzt steht er dem Finanzressort vor. Für Klingbeil, der im konservativen SPD-Flügel zuhause ist, könnte es das Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur 2029 sein - auch wenn manchen in der Partei aufstößt, mit welcher Skrupellosigkeit er sich zuletzt seine Macht sicherte. © Focke Strangmann/dpa
Alexander Dobrindt
Innenminister ist Alexander Dobrindt. Der bisherige Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag galt schon seit Wochen als gesetzt für den Posten, auf dem er die von der Union verlangte „Migrationswende“ umsetzen soll. Dobrindt war von 2009 bis 2013 CSU-Generalsekretär, danach vier Jahre Bundesverkehrsminister. Als CSU-Landesgruppenchef galt er als wesentlicher Faktor für die relativ geräuschlose Zusammenarbeit von CSU-Chef Markus Söder und Merz. © Sebastian Gollnow/dpa
Außenminister Wadephul bei der UN
Auswärtiges Amt: Johann Wadephul. Erstmals seit fast 60 Jahren führt die CDU wieder das Außenamt. Den Posten hat Merz, der im Kanzleramt maßgeblich auch die Außenpolitik mitgestalten will, nun an einen Fachpolitiker aus dem Bundestag vergeben. Wadephul kommt aus Schleswig-Holstein und ist bisher als stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Er gilt als international gut vernetzt und war in den vergangenen Wochen bereits in Paris, London und Warschau, um sich mit den dortigen Außenministern zu treffen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsminister Pistorius besucht Objektschutzregiment
Verteidigungsminister Boris Pistorius war für die SPD gesetzt – schließlich ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Als er im November 2023 „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ für die Bundeswehr ausrief, legte der Niedersachse die Latte hoch. Seit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse kann er sich über mangelnde Finanzierung nicht mehr beschweren. Der Jurist wurde in Osnabrück geboren, er arbeitete in mehreren niedersächsischen Regierungsstellen und war von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt („das schönste Amt der Welt“). In den zehn folgenden Jahren war er Innenminister von Niedersachsen. 2023 übernahm er das Verteidigungsministerium von Christine Lambrecht und gewann in kurzer Zeit die Anerkennung der Truppe und der Verbündeten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu Energiekosten
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie ist Katherina Reiche. Lange galt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als wahrscheinlicher Minister – doch der sagte ab und blieb auf seinem Posten an der Spitze der Parteizentrale. Merz entschied sich dann für die frühere Umwelt- und Verkehrsstaatssekretärin Reiche aus Brandenburg. Sie ist seit vielen Jahren in der Wirtschaft und war von 2015 bis 2019 zunächst Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär. Die stellvertretende CSU-Vorsitzende war schon von 2018 bis 2021 als Staatsministerin für Digitales im Kabinett von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Bär kam 2002 zusammen mit vielen anderen jungen Christsozialen während der Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber erstmals in den Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen das deutschlandweit höchste Ergebnis. © Heiko Becker/Imago
Aktionsplan Steuer- und Finanzkriminalität
Justiz: Stefanie Hubig. Die SPD-Politikerin begann 2000 im Bundesjustizministerium und stieg zur Referatsleiterin auf. 2008 ging sie nach Mainz: Erst in die Staatskanzlei, 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung Strafrecht im Justizministerium. Hubig wurde 2014 Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Justizminister war damals ihr Parteikollege Heiko Maas. Beide gerieten mit dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range aneinander: Dabei ging es um später eingestellte Ermittlungen gegen zwei Blogger von Netzpolitik.org wegen Landesverrats. © Michael Kappeler/dpa
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Karin Prien – Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Die in Amsterdam geborene Prien arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsanwältin im Bereich Wirtschafts- und Insolvenzrecht, engagierte sich aber auch früh in der Hamburger Lokalpolitik. 2011 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt, bevor sie nach Schleswig-Holstein wechselte. Im „Zukunftsteam“ des gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet war sie 2021 gleichfalls für den Bereich Bildung zuständig. © Jens Schicke/Imago
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bodenständig, geradlinig, klar: Als Bundestagspräsidentin hat sich Bärbel Bas einen guten Ruf erworben. Zuvor war die Duisburgerin einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie sitzt seit 2009 im Bundestag und kümmerte sich unter anderem um Gesundheitspolitik. Ihre unkomplizierte Art mag mit der Herkunft zu tun haben: Die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales wuchs als zweitälteste von sechs Geschwistern in materiell einfachen Verhältnissen auf. Spielen, so erzählte Bas später, musste sie als Kind draußen, weil im Kinderzimmer zu wenig Platz war. © Imago
Pressekonferenz Wildberger und Warken
Digitalisierung und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger. Merz hat ganz früh angekündigt, dass er einen Experten aus der Wirtschaft mit dem neu geschaffenen Ressort betrauen will. Nun soll der Chef der Holding der Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn den Posten übernehmen. Der promovierte Physiker Wildberger war von 2016 bis 2021 Vorstand der Holding des Energiekonzerns Eon und davor unter anderem in Managementpositionen bei den Telekom-Konzernen Vodafone und Deutsche Telekom. © Soeren Stache/dpa
Fortsetzung der Sommerreise von Bundesumweltminister
Umwelt und Klimaschutz: Carsten Schneider war in der Ampel-Regierung von Olaf Scholz Staatsminister und Beauftragter für Ostdeutschland. Damit war er eine der profiliertesten Stimmen dieser Region und sollte vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern sorgen. Schneider stammt aus Erfurt und sitzt bereits seit 1998 im Bundestag. Dort war er unter anderem Haushaltspolitiker, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Der 49 Jahre alte Bankkaufmann gilt als pragmatisch, erfahren und vielseitig einsetzbar.  © Stefan Sauer/dpa
90. Grüne Woche Berlin - Eröffnungstag
Ernährung, Landwirtschaft und Heimat: Alois Rainer. Nach dem Rückzug des zunächst vorgesehenen bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner ist der Niederbayer zum Zug kommen. Der 60 Jahre alte Metzgermeister sitzt seit 2013 im Bundestag. Schon sein gleichnamiger Vater saß 18 Jahre im Bundestag, seine Schwester ist die ehemalige Bundesbau- und Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt. © Sebastian Gollnow/dpa
Reem Alabali-Radovan
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Reem Alabali-Radovan hat eine steile politische Laufbahn hingelegt. Zuletzt war sie Integrationsbeauftragte der Ampel-Regierung. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter der Schwerinerin. Geboren wurde Alabali-Radovan 1990 in Moskau. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie, die vor den politischen Verhältnissen im Irak floh, nach Mecklenburg-Vorpommern. Als Integrationsbeauftragte setzte sie sich unter anderem gegen Racial Profiling ein, also die verdachtsunabhängige polizeiliche Kontrolle von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe und anderen ethnischen oder religiösen Merkmalen. Alabali-Radovan ist verheiratet mit dem Profiboxer Denis Radovan und bekam 2023 eine Tochter.  © Katharina Kausche/dpa
Verena Hubertz
Die neue Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist eine politische Senkrechtstarterin: Verena Hubertz ist seit 2021 Bundestagsabgeordnete und wurde direkt stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, zuständig unter anderem für Wirtschaft, Klimaschutz und Energie, Bauen und Wohnen. Oft führte sie in der Ampel-Koalition Verhandlungen mit Politikern von Grünen und FDP, wenn es um strittige Fragen ging. Laute Töne sind nicht ihr Fall. Die Triererin und Betriebswirtin hat eine für Politiker eher ungewöhnliche Biografie. 2013 gründete sie mit einer Studienkollegin das Küchen-Start-up Kitchen Stories. Die Idee: in Videos und Schritt für Schritt zu zeigen, wie einfach Kochen sein kann.  © Kay Nietfeld/dpa
Patrick Schnieder
Bis Juli 2026 war Patrick Schnieder Bundesminister für Verkehr. Verkehr. Merz hat ihn entlassen, weil er mit seiner Amtsführung unzufrieden war – besonders bei den Dauerkrisenherden Schienennetz und Infrastruktur. Die Entlassung Schnieders nach nur gut einem Jahr im Amt stieß in der CDU teilweise auf heftige Kritik. © Sven Kaeuler/dpa
Jens Spahn
Auslöser für den Kabinettsumbau im Juli 2026 war der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef. Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz nahm den Wechsel an der Fraktionsspitze zum Anlass, die CDU in Regierung und Partei neu aufzustellen. © Michael Kappeler/dpa
Thorsten Frei
Umbau auch in der Union: Thorsten Frei übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag. Er war bisher Kanzleramtsminister. Frei steht für eine unverwüstlich wirkende Freundlichkeit, gepaart mit geduldiger Erklärlust. Trotz seiner nach außen getragenen Sanftmütigkeit steht wr inhaltlich für Härte. Die innere Sicherheit und die Begrenzung der Migration zählen zu den Kernthemen des Innenexperten, der als Sohn eines Polizisten in Südbaden aufgewachsen ist. © Michael Kappeler/dpa
Franziska Hoppermann
Für Linnemann wurde Franziska Hoppermann als CDU-Generalsekretärin ins Amt gewählt. Die bisherige Bundesschatzmeisterin gilt als arbeitnehmernah und hat ein starkes Profil in der Frauen Union.  © Christoph Soeder/dpa
Philipp Amthor
Philipp Amthor bekam eine Schlüsselrolle bei der föderalen Zusammenarbeit. Er wurde von Merz zum neuen Staatsminister im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen ernannt, der bisherige Amtsinhaber Michael Meister musste gehen. Amthor war bisher parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium. © Christoph Soeder/dpa
Christiane Schenderlein
Christiane Schenderlein wird Nachfolgerin von Tino Sorge als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Sie war bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt.  © Kay Nietfeld/dpa
Wolfram Weimer
Er bleibt Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer. Er will aber nur für eine Legislaturperiode im Amt bleiben. 2003 war er Gründer des Berliner Magazins „Cicero“, das er bis 2010 leitete. Zuvor arbeitete er als Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie bei den Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Nach „Cicero“ war er bis 2012 Chefredakteur des Magazins „Focus“. Anschließend gründete Weimer gemeinsam mit seiner Frau, der früheren „FAZ“-Journalistin Christiane Götz-Weimer, die Weimer Media Group. © Georg Wendt/dpa

CDU-Generalsekretär Linnemann: „Es wird ein Herbst, der sich gewaschen hat“

Unterstützung bekommt Dittrich aus Reihen der CDU. Generalsekretär Carsten Linnemann kündigte jüngst eine weitreichende Reform an, die bereits im Herbst 2025 beginnen solle. „Es wird ein Herbst, der sich gewaschen hat“, sagte er im Interview mit WELT TV. Wer arbeitsfähig sei, solle auch arbeiten – andernfalls müsse das Bürgergeld gestrichen werden. Linnemann sprach sich explizit gegen eine „Sozialstaatsillusion“ aus, bei der Transferleistungen missbraucht würden: „Wer Sozialleistungen erhält und arbeiten kann, der kann einfach nicht erwarten, dass das Menschen bezahlen, die jeden Tag arbeiten gehen.“

Der Münchner Ökonom Andreas Peichl, Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik, analysiert die Lage nüchtern, aber deutlich: „Das alles ist überhaupt nicht aufeinander abgestimmt“, erklärte er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ). Der deutsche Sozialstaat sei ein Sanierungsfall – nicht nur wegen des Bürgergelds, sondern wegen des gesamten Systems von Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag und Sozialversicherungen.

Peichl nennt konkrete Fehlanreize: Ob ein Paar „zusammen 3500 oder 5500 Euro brutto verdient, jeweils brutto, spielt keine Rolle. Denn netto bleibt ihnen das Gleiche“, so der Volkswirt. Der Grund: Wegfall von Wohngeld und Kinderzuschlag bei steigendem Einkommen. Die Folge: Erwerbsarbeit lohnt sich für viele finanziell kaum.

Zwei Seiten, ein Problem: Handwerkspräsident Jörg Dittrich und Kanzler Friedrich Merz fordern Reformen beim Bürgergeld – mit unterschiedlichem Ton.

Finanzielle Schieflage: „Falsche Anreize“ wegen Bürgergeld und Milliardenkosten

Bundeskanzler Friedrich Merz sieht in der geplanten Bürgergeld-Reform nicht nur ein Mittel zur Arbeitsmarktintegration, sondern auch zur Konsolidierung des Haushalts. Bei seiner Sommerpressekonferenz sagte er gemäß AFP: Es gebe viele, „die sich die Möglichkeiten unseres Sozialstaates zunutze machen“. Die Kosten für das Bürgergeld belaufen sich 2025 auf knapp 52 Milliarden Euro – ein Rekordwert, heißt es auf buerger-geld.org. Merz will diese Summe „signifikant“ senken.

Das Bürgergeld dürfe laut Merz keine falschen Anreize setzen: „Die Bevölkerung muss wissen, dass für Altersversorgung, Vorsorge für die eigene Gesundheit, Gesundheitsversorgung und Pflegebedürftigkeit im Alter auch höhere Anstrengungen von uns allen unternommen werden müssen.“ SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf warnte hingegen gegenüber t-online.de: „Wir müssen endlich aufhören zu glauben, dass wir den Staat auf Kosten der Bürgergeldbezieher sanieren könnten. Das ist schlichtweg falsch.“

Bürgergeld im Jahr 2025 – Überblick

AspektInformation
EinführungSeit 1. Januar 2023 – ersetzt das frühere Hartz IV
Regelsatz (Alleinstehende)563 € monatlich
BezugsberechtigteErwerbsfähige Menschen ohne ausreichendes Einkommen
ZusatzleistungenÜbernahme von Kosten für Unterkunft und Heizung, Mehrbedarfe (z. B. für Alleinerziehende), Bildungs- und Teilhabeleistungen
Hinzuverdienst-Regelung100 € monatlich anrechnungsfrei, danach gestaffelte Freibeträge: – 100–520 €: 20 % frei – 520–1000 €: 30 % frei
Bezieherzahl (2024)Rund 5,5 Mio. Personen (davon ca. 3,8 Mio. erwerbsfähig)
Jahreskosten (2025)Ca. 52 Mrd. Euro im Bundeshaushalt inkl. Unterkunft/Heizung
ReformpläneMehr Arbeitsanreize, schärfere Bedürftigkeitsprüfung – geplant für Herbst 2025

Quellen: Bundesagentur für Arbeit (BA Statistik), buerger-geld.org, Die Welt, AFP.

Bürgergeld: Ein Flickenteppich mit 500 Leistungen?

Der Wildwuchs an Einzelleistungen im Sozialstaat wurde zuletzt vom Ifo-Institut auf über 500 bezifferte Sozialleistungen beziffert – viele davon seien unkoordiniert, ineffizient und kaum von den Bürgern beantragbar. Peichl fordert in der SZ: „Wir brauchen Leistungen aus einem Guss.“ Statt separater Zuständigkeiten für Bürgergeld, Kinderzuschlag und Wohngeld, solle ein integriertes System geschaffen werden.

Der Wissenschaftler warnt zudem vor illusionären Sparversprechen: „Eine sinnvolle Reform kann hier erst mal Geld kosten.“ Ziel müsse sein, dass sich Arbeit endlich wieder lohnt – was mit dem derzeitigen System vielfach nicht gegeben sei.

Kritik an Merz-Plänen für das Bürgergeld: Verbände warnen vor Wohnungslosigkeit

Die angedachten Kürzungen bei Wohn- und Mietkosten stoßen auf breite Ablehnung. SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt nennt Merz’ Vorschläge „unausgegoren“ und warnt vor Obdachlosigkeit, notiert tagesschau.de. Auch der Deutsche Mieterbund und der Sozialverband VdK äußern massive Bedenken: „Die Ankündigung von Bundeskanzler Friedrich Merz, bei den Wohnkosten kräftig sparen zu wollen, entbehrt jeder Grundlage“, kritisierte VdK-Präsidentin Verena Bentele.

Der DGB moniert, dass eine Deckelung der Mietkosten ohne gleichzeitige Investitionen in bezahlbaren Wohnraum das Problem nicht lösen werde – sondern verschärfe.

Zielkonflikt beim Bürgergeld: Einsparen oder motivieren?

Forschungsinstitute wie das IAB sehen in der Bürgergeldreform einen „Balanceakt“ zwischen fiskalischen Zielen und sozialer Gerechtigkeit, analysiert dieses auf seiner Website. Zwar könnten Einsparungen von bis zu sechs Milliarden Euro möglich sein, doch drohten diese zu Lasten besonders einkommensschwacher Haushalte zu gehen. Gerade bei geringen Einkommen könne eine stärkere Anrechnung zu kurzfristigen Einkommensverlusten führen – ein politisch heikles Unterfangen.

In der Debatte bleibt Handwerkspräsident Dittrich indes bei seiner Linie: „Das Bürgergeld darf keine Wahlleistung sein. Die Menschen, die es brauchen, sollen es bekommen, aber es muss klar an die Bedürftigkeit geknüpft sein.“ Viele Handwerkerinnen und Handwerker äußerten ihm gegenüber Unverständnis über das aktuelle System. Es entstehe der Eindruck, dass Bürgergeld und Erwerbsarbeit wählbar seien – je nachdem, was besser passe. Dittrich warnt, dass dies „das Prinzip der Eigenverantwortung“ untergraben würde.

Die Bundesregierung steht damit vor einem Drahtseilakt zwischen Reformdruck, sozialer Absicherung und politischer Glaubwürdigkeit – und der Herbst 2025 dürfte tatsächlich viel politischen Zündstoff bieten. (dpa/chnnn)

Rubriklistenbild: © Foto links: IMAGO / Sven Simon | Foto rechts: IMAGO / Christian Spicker

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