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Selbstbestimmtes Arbeiten
Statt Bürgergeld: dm-Chef ist dafür, dass alle in Deutschland 1.200 Euro im Monat bekommen
Christoph Werner, Chef von dm, spricht über die Chancen des Grundeinkommens und warum das Bürgergeld in Verruf geraten ist.
Eine Vereinfachung des deutschen Sozialstaats wird schon lange diskutiert. Eine Lösung, die dabei immer wieder genannt wird: Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Bei diesem Konzept würde allen Bürgerinnen und Bürgern ein monatliches Einkommen zustehen, das alle grundlegende Lebenshaltungskosten in Deutschland decken würde – ohne Gegenleistung oder Bedarfsprüfung. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) läge dies bei etwa 1.200 Euro im Monat für Erwachsene und 600 Euro im Monat für Kinder.
Befürworter sehen das BGE als humanitäre Maßnahme zur Lösung sozialer Probleme. Kritiker befürchten, dass ein Grundeinkommen die Produktivität und den Wohlstand des Landes gefährden könnte. Eine deutsche Pilotstudie im Auftrag des Vereins „Mein Grundeinkommen e. V.“ hat die Auswirkungen des BGE untersucht. Einige Fachleute sehen das BGE als mögliche Alternative zum Bürgergeld.
dm-Chef befürwortet Grundeinkommen
Der 2022 verstorbene dm-Gründer Götz Werner zählte zu den prominentesten Befürwortern des BGE in Deutschland. In seinem Buch „Einkommen für alle“ beschreibt er das Konzept als Garantie für ein „bescheidenes Dasein in Würde und Freiheit – kein Leben in Saus und Braus“. Im Interview mit BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA spricht sein Sohn, Christoph Werner, heute Geschäftsführer der Drogeriemarktkette, über das BGE, SB-Kassen und höhere Steuern auf Sportwagen.
1.200 Euro für jeden. Ihr Vater war ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens. Wie stehen Sie dazu, Herr Werner?
Ich befürworte das BGE und glaube, dass es funktionieren würde. Ich halte es für eine Idee, mit der wir uns beschäftigen sollten, damit es unserem Land trotz des sich abzeichnenden Wandels weiterhin gut geht.
Haben Sie denn Sorge, dass es Deutschland bald schlecht geht?
Nicht zwangsläufig, aber wir sollten vorausdenken. Wenn bei stagnierenden Absatzmärkten und gleichzeitig steigender Produktivität durch Technologien wie die generative KI weniger Menschen für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen gebraucht werden, brauchen wir Antworten auf die Frage: Wie funktioniert unsere Gesellschaft und Volkswirtschaft, wenn immer mehr Menschen nicht mehr durch abhängige Arbeit zu ihrem Einkommen kommen können?
Als Grundsicherung für Menschen, die keine Arbeit finden, gibt es doch das Bürgergeld, oder?
Im Gegensatz zum Bürgergeld wird das BGE nicht gekürzt, wenn man arbeitet. Beim Bürgergeld überlegt man, ob sich Arbeit aufzunehmen überhaupt finanziell lohnt. Deshalb ist es in Verruf geraten. Beim BGE wäre jede Tätigkeit ein Hinzuverdienst. Das macht einen entscheidenden Unterschied für die Arbeitsbereitschaft und Selbstbestimmung. Durch das BGE kann jeder seine Talente in die Gesellschaft einbringen.
Und wenn jemand seine Talente nicht einbringen möchte?
Die meisten Menschen wollen arbeiten – nicht aus Zwang, sondern weil sie sich darin ausdrücken können. Es gibt natürlich auch einige, die nicht arbeiten wollen, aber es sind sehr wenige und damit kann eine Gesellschaft umgehen. Wichtiger ist, dass Menschen nicht mehr nur arbeiten, um sich abzusichern, sondern weil sie ihre Tätigkeit als sinnvoll erachten und damit zur Exzellenz bringen wollen.
Kritiker befürchten, dass viele unliebsame Jobs mit der Einführung des BGE nicht mehr besetzt würden. Ist diese Sorge berechtigt?
Es gibt eine ganze Menge an Tätigkeiten, die wir wirtschaftlich automatisieren könnten. Bei den restlichen Stellen glaube ich nicht, dass sie aufgrund des BGEs unbesetzt bleiben würden. Die Attraktivität von Arbeit ist sehr subjektiv: Was für den einen unattraktiv scheint, kann von anderen als sinnvoll und befriedigend erlebt werden.
Was ist mit Berufen aus dem Niedriglohnsektor, wie dem des Kassierers? Mit einem BGE wären die Menschen weniger darauf angewiesen, schlecht bezahlte Jobs auszuüben.
Das BGE gibt Menschen die Freiheit, selbst zu entscheiden. Wenn bestimmte schlecht bezahlte Tätigkeiten dann nicht mehr aus existenzieller Not angenommen werden müssten, hätten wir drei Möglichkeiten: Entweder diese Tätigkeiten werden künftig nicht mehr ausgeführt. Oder – und das halte ich für wahrscheinlicher – die Vergütung steigt, damit der Job wieder attraktiver wird. Die dritte Möglichkeit ist die Automatisierung. Wir sehen bereits, dass Kassiervorgänge durch SB-Kassen teilweise automatisiert werden. Am Ende entscheidet die Wirtschaftlichkeit: Wenn es sinnvoller ist zu automatisieren, als höhere Gehälter zu zahlen, wird dieser Weg eingeschlagen – wobei der menschliche Kontakt an der Kasse für viele Kunden weiterhin wichtig bleibt. Auch das gilt es zu berücksichtigen.
Die Pilotstudie aus Deutschland hat gezeigt, dass Menschen mit BGE häufiger den Job wechseln. Macht man sich da als Unternehmer Gedanken, dass einem die Mitarbeitenden davonrennen könnten?
Als Unternehmer sehe ich das nicht als Problem. Wer gute Arbeitsbedingungen bietet, wird auf der Gewinnerseite stehen. Viele Menschen wagen es wegen finanzieller Sorgen nicht, den Job zu wechseln. Das Grundeinkommen macht Mut, Veränderung zu wagen. Mehr Risiko wäre sogar gut für unsere Gesellschaft.
Und auch gut für dm?
Es ist gut für jedes Unternehmen. Denn Menschen, die risikobereit sind, probieren mehr aus, sind innovativer und warten nicht auf Anweisungen, weil sie Sorge haben etwas falsch zu machen.
dm-Chef über 4-Tage-Woche: „Wenn jemand seine Aufgaben gut erfüllt, spricht nichts gegen flexible Arbeitszeiten“
Das BGE kann entlastend wirken. Menschen, die wollen, könnten Arbeitszeit reduzieren. Experten sagen, dass es gut für die Wirtschaft sei, wenn alle so viel arbeiten, wie sie wollen. Was sagen Sie, wenn ein Mitarbeiter im Vorstellungsgespräch nach einer 4-Tages-Woche fragt?
Für uns bei dm ist das nichts Ungewöhnliches. Nur ein Viertel unserer Mitarbeiter sind in Vollzeit beschäftigt.Menschen haben neben ihrem Beruf auch andere Verpflichtungen im Leben. Wir sind ja nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Lebensunternehmer. Wenn jemand seine Aufgaben gut erfüllt, spricht nichts gegen flexible Arbeitszeiten.
Forderungen, dass Deutsche aufgrund der schwächelnden Wirtschaft mehr arbeiten sollen, halten Sie also für nicht sinnvoll?
Es geht nicht um mehr Arbeitsstunden, sondern um mehr Output auch durch Produktivität. Flexible Arbeitsmodelle wie die 4-Tage-Woche oder Homeoffice bei dafür geeigneten Tätigkeiten können die Effizienz sogar steigern, weil sie Menschen ermöglichen, ihre Zeit selbst einzuteilen und so die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie am produktivsten sich einbringen können.
Um ein BGE in der Praxis finanzieren zu können, wären wesentlich höhere Steuern nötig. Das wäre insbesondere für Besserverdienende nachteilig, somit sicherlich auch für einige dm-Mitarbeitende und Manager. Wie würden Sie ihnen das erklären?
Die Finanzierung des BGE ist letztlich eine Frage der staatlichen Einnahmen. Ein interessanter Ansatz wäre, stärker auf Konsumsteuern zu setzen statt auf die Besteuerung von Einkommen. Denn wenn Sie das Arbeiten besteuern, führt es dazu, dass Menschen sich überlegen: Möchte ich überhaupt mehr arbeiten, wenn ich dafür mehr Steuern zahlen muss?
Aber belastet eine höhere Mehrwertsteuer nicht besonders Menschen mit geringem Einkommen?
Das ließe sich ausgleichen, indem man etwa die ersten 20.000 Euro Jahreskonsum steuerfrei stellt. Damit würden alle Menschen eine Steuerrückzahlung erhalten, die wie ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre. Gleichzeitig könnte man für Luxusgüter höhere Steuersätze von 35 Prozent oder mehr einführen. So würden diejenigen, die beispielsweise auf teure Sportwagen und Sportboote Wert legen, mehr beitragen.