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„Herbst der Reformen“

Bürgergeld, Steuern und Rente: Merz-Regierung plant Reformen – Wer davon profitieren könnte

Der „Herbst der Reformen“ kündigt sich an. Die Merz-Regierung wird Sozialpolitik-Entscheidungen treffen. Hauptthemen sind Steuern, Rente und Bürgergeld.

Berlin – Bürgergeld, Rente, Pflege oder Schuldenbremse und Gesundheitspolitik: Vor dem „Herbst der Reformen“ steigt der Druck auf die Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU), dem Sozialsystem droht der Kollaps. Der Blick in die Zukunft offenbart den Kern des Problems: Im Haushalt 2027 droht eine Milliardenlücke. Während Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) höhere Steuern nicht ausschließt und fordert, dass alle einen Beitrag leisten müssten, geht die Union auf die Barrikaden.

Merz-Kabinett: Neue Namen, alte Bekannte – die Komplette Liste in Bildern

Friedrich Merz
Das Kabinett Merz ist die seit dem 6. Mai 2025 amtierende Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Friedrich Merz. Es handelt sich um die fünfte schwarz-rote Koalitionsregierung und die 17. Regierung unter Führung der Unionsparteien auf Bundesebene. © Michael Kappeler/dpa
Nina Warken
Nina Warken hat bereits Geschichte geschrieben: Als erste Frau wurde sie im Juli 2026 Chefin des Bundeskanzleramtes. Die bisherige Bundesgesundheitsministerin übernahm das Amt von Thorsten Frei – und damit die zentrale Koordinationsstelle der Regierungsarbeit.  © Christoph Soeder/dpa
Linnemann
Im Zuge des Personalumbaus hat der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Juli 2026 das Gesundheitsressort übernommen. Allerdings hat er vorab selbst Zweifel gesät, dass er wirklich der richtige Mann für den Job ist. Er wäre nach der Regierungsübernahme durch Merz gerne Arbeitsminister geworden, musste das Ressort aber der SPD überlassen. Dem Sender Phoenix hatte er im Mai 2025 zum Interesse an anderen Kabinettsposten gesagt, es sei nicht „sein Ding“, nur Minister zu sein, damit das irgendwo in Wikipedia stehe. „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.“  © Christoph Soeder/dpa
Steffen Bilger
Ebenfalls neu im Kabinett ist der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Er gilt als fachlich geeignet, ist sehr gut vernetzt, arbeitete in der schwarz-roten Koalition bislang aber vor allem im Hintergrund. Der gelernte Rechtsanwalt stammt aus Baden-Württemberg und ist ausgewiesener Verkehrsexperte: Er saß schon als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2013 im Verkehrsausschuss. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wiederwahl von Angela Merkel (CDU) 2017 war er als Vertreter der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur beteiligt. 2018 wurde er dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium. © Marijan Murat/dpa
Sommerfest der SPD im Landkreis Verden
Und sonst? Lars Klingbeil ist als Vizekanzler weiter der zweite starke Mann in der Regierung Merz. Eigentlich brennt er für die Außenpolitik und geprägt durch den familiären Hintergrund als Soldatensohn am Heeresstandort Munster für Verteidigung. Jetzt steht er dem Finanzressort vor. Für Klingbeil, der im konservativen SPD-Flügel zuhause ist, könnte es das Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur 2029 sein - auch wenn manchen in der Partei aufstößt, mit welcher Skrupellosigkeit er sich zuletzt seine Macht sicherte. © Focke Strangmann/dpa
Alexander Dobrindt
Innenminister ist Alexander Dobrindt. Der bisherige Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag galt schon seit Wochen als gesetzt für den Posten, auf dem er die von der Union verlangte „Migrationswende“ umsetzen soll. Dobrindt war von 2009 bis 2013 CSU-Generalsekretär, danach vier Jahre Bundesverkehrsminister. Als CSU-Landesgruppenchef galt er als wesentlicher Faktor für die relativ geräuschlose Zusammenarbeit von CSU-Chef Markus Söder und Merz. © Sebastian Gollnow/dpa
Außenminister Wadephul bei der UN
Auswärtiges Amt: Johann Wadephul. Erstmals seit fast 60 Jahren führt die CDU wieder das Außenamt. Den Posten hat Merz, der im Kanzleramt maßgeblich auch die Außenpolitik mitgestalten will, nun an einen Fachpolitiker aus dem Bundestag vergeben. Wadephul kommt aus Schleswig-Holstein und ist bisher als stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Er gilt als international gut vernetzt und war in den vergangenen Wochen bereits in Paris, London und Warschau, um sich mit den dortigen Außenministern zu treffen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsminister Pistorius besucht Objektschutzregiment
Verteidigungsminister Boris Pistorius war für die SPD gesetzt – schließlich ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Als er im November 2023 „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ für die Bundeswehr ausrief, legte der Niedersachse die Latte hoch. Seit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse kann er sich über mangelnde Finanzierung nicht mehr beschweren. Der Jurist wurde in Osnabrück geboren, er arbeitete in mehreren niedersächsischen Regierungsstellen und war von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt („das schönste Amt der Welt“). In den zehn folgenden Jahren war er Innenminister von Niedersachsen. 2023 übernahm er das Verteidigungsministerium von Christine Lambrecht und gewann in kurzer Zeit die Anerkennung der Truppe und der Verbündeten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu Energiekosten
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie ist Katherina Reiche. Lange galt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als wahrscheinlicher Minister – doch der sagte ab und blieb auf seinem Posten an der Spitze der Parteizentrale. Merz entschied sich dann für die frühere Umwelt- und Verkehrsstaatssekretärin Reiche aus Brandenburg. Sie ist seit vielen Jahren in der Wirtschaft und war von 2015 bis 2019 zunächst Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär. Die stellvertretende CSU-Vorsitzende war schon von 2018 bis 2021 als Staatsministerin für Digitales im Kabinett von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Bär kam 2002 zusammen mit vielen anderen jungen Christsozialen während der Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber erstmals in den Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen das deutschlandweit höchste Ergebnis. © Heiko Becker/Imago
Aktionsplan Steuer- und Finanzkriminalität
Justiz: Stefanie Hubig. Die SPD-Politikerin begann 2000 im Bundesjustizministerium und stieg zur Referatsleiterin auf. 2008 ging sie nach Mainz: Erst in die Staatskanzlei, 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung Strafrecht im Justizministerium. Hubig wurde 2014 Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Justizminister war damals ihr Parteikollege Heiko Maas. Beide gerieten mit dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range aneinander: Dabei ging es um später eingestellte Ermittlungen gegen zwei Blogger von Netzpolitik.org wegen Landesverrats. © Michael Kappeler/dpa
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Karin Prien – Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Die in Amsterdam geborene Prien arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsanwältin im Bereich Wirtschafts- und Insolvenzrecht, engagierte sich aber auch früh in der Hamburger Lokalpolitik. 2011 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt, bevor sie nach Schleswig-Holstein wechselte. Im „Zukunftsteam“ des gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet war sie 2021 gleichfalls für den Bereich Bildung zuständig. © Jens Schicke/Imago
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bodenständig, geradlinig, klar: Als Bundestagspräsidentin hat sich Bärbel Bas einen guten Ruf erworben. Zuvor war die Duisburgerin einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie sitzt seit 2009 im Bundestag und kümmerte sich unter anderem um Gesundheitspolitik. Ihre unkomplizierte Art mag mit der Herkunft zu tun haben: Die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales wuchs als zweitälteste von sechs Geschwistern in materiell einfachen Verhältnissen auf. Spielen, so erzählte Bas später, musste sie als Kind draußen, weil im Kinderzimmer zu wenig Platz war. © Imago
Pressekonferenz Wildberger und Warken
Digitalisierung und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger. Merz hat ganz früh angekündigt, dass er einen Experten aus der Wirtschaft mit dem neu geschaffenen Ressort betrauen will. Nun soll der Chef der Holding der Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn den Posten übernehmen. Der promovierte Physiker Wildberger war von 2016 bis 2021 Vorstand der Holding des Energiekonzerns Eon und davor unter anderem in Managementpositionen bei den Telekom-Konzernen Vodafone und Deutsche Telekom. © Soeren Stache/dpa
Fortsetzung der Sommerreise von Bundesumweltminister
Umwelt und Klimaschutz: Carsten Schneider war in der Ampel-Regierung von Olaf Scholz Staatsminister und Beauftragter für Ostdeutschland. Damit war er eine der profiliertesten Stimmen dieser Region und sollte vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern sorgen. Schneider stammt aus Erfurt und sitzt bereits seit 1998 im Bundestag. Dort war er unter anderem Haushaltspolitiker, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Der 49 Jahre alte Bankkaufmann gilt als pragmatisch, erfahren und vielseitig einsetzbar.  © Stefan Sauer/dpa
90. Grüne Woche Berlin - Eröffnungstag
Ernährung, Landwirtschaft und Heimat: Alois Rainer. Nach dem Rückzug des zunächst vorgesehenen bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner ist der Niederbayer zum Zug kommen. Der 60 Jahre alte Metzgermeister sitzt seit 2013 im Bundestag. Schon sein gleichnamiger Vater saß 18 Jahre im Bundestag, seine Schwester ist die ehemalige Bundesbau- und Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt. © Sebastian Gollnow/dpa
Reem Alabali-Radovan
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Reem Alabali-Radovan hat eine steile politische Laufbahn hingelegt. Zuletzt war sie Integrationsbeauftragte der Ampel-Regierung. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter der Schwerinerin. Geboren wurde Alabali-Radovan 1990 in Moskau. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie, die vor den politischen Verhältnissen im Irak floh, nach Mecklenburg-Vorpommern. Als Integrationsbeauftragte setzte sie sich unter anderem gegen Racial Profiling ein, also die verdachtsunabhängige polizeiliche Kontrolle von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe und anderen ethnischen oder religiösen Merkmalen. Alabali-Radovan ist verheiratet mit dem Profiboxer Denis Radovan und bekam 2023 eine Tochter.  © Katharina Kausche/dpa
Verena Hubertz
Die neue Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist eine politische Senkrechtstarterin: Verena Hubertz ist seit 2021 Bundestagsabgeordnete und wurde direkt stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, zuständig unter anderem für Wirtschaft, Klimaschutz und Energie, Bauen und Wohnen. Oft führte sie in der Ampel-Koalition Verhandlungen mit Politikern von Grünen und FDP, wenn es um strittige Fragen ging. Laute Töne sind nicht ihr Fall. Die Triererin und Betriebswirtin hat eine für Politiker eher ungewöhnliche Biografie. 2013 gründete sie mit einer Studienkollegin das Küchen-Start-up Kitchen Stories. Die Idee: in Videos und Schritt für Schritt zu zeigen, wie einfach Kochen sein kann.  © Kay Nietfeld/dpa
Patrick Schnieder
Bis Juli 2026 war Patrick Schnieder Bundesminister für Verkehr. Verkehr. Merz hat ihn entlassen, weil er mit seiner Amtsführung unzufrieden war – besonders bei den Dauerkrisenherden Schienennetz und Infrastruktur. Die Entlassung Schnieders nach nur gut einem Jahr im Amt stieß in der CDU teilweise auf heftige Kritik. © Sven Kaeuler/dpa
Jens Spahn
Auslöser für den Kabinettsumbau im Juli 2026 war der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef. Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz nahm den Wechsel an der Fraktionsspitze zum Anlass, die CDU in Regierung und Partei neu aufzustellen. © Michael Kappeler/dpa
Thorsten Frei
Umbau auch in der Union: Thorsten Frei übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag. Er war bisher Kanzleramtsminister. Frei steht für eine unverwüstlich wirkende Freundlichkeit, gepaart mit geduldiger Erklärlust. Trotz seiner nach außen getragenen Sanftmütigkeit steht wr inhaltlich für Härte. Die innere Sicherheit und die Begrenzung der Migration zählen zu den Kernthemen des Innenexperten, der als Sohn eines Polizisten in Südbaden aufgewachsen ist. © Michael Kappeler/dpa
Franziska Hoppermann
Für Linnemann wurde Franziska Hoppermann als CDU-Generalsekretärin ins Amt gewählt. Die bisherige Bundesschatzmeisterin gilt als arbeitnehmernah und hat ein starkes Profil in der Frauen Union.  © Christoph Soeder/dpa
Philipp Amthor
Philipp Amthor bekam eine Schlüsselrolle bei der föderalen Zusammenarbeit. Er wurde von Merz zum neuen Staatsminister im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen ernannt, der bisherige Amtsinhaber Michael Meister musste gehen. Amthor war bisher parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium. © Christoph Soeder/dpa
Christiane Schenderlein
Christiane Schenderlein wird Nachfolgerin von Tino Sorge als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Sie war bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt.  © Kay Nietfeld/dpa
Wolfram Weimer
Er bleibt Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer. Er will aber nur für eine Legislaturperiode im Amt bleiben. 2003 war er Gründer des Berliner Magazins „Cicero“, das er bis 2010 leitete. Zuvor arbeitete er als Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie bei den Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Nach „Cicero“ war er bis 2012 Chefredakteur des Magazins „Focus“. Anschließend gründete Weimer gemeinsam mit seiner Frau, der früheren „FAZ“-Journalistin Christiane Götz-Weimer, die Weimer Media Group. © Georg Wendt/dpa

Die Ausgaben für Sozialleistungen in Deutschland steigen seit Jahren: Im vergangenen Jahr gab der Bund 476 Milliarden Euro aus, davon entfielen 137 Milliarden auf Zuschüsse für Rente, Sozialversicherung und Arbeitslosenversicherung. Bereits im vergangenen Wahlkampf, und darüber hinaus, sorgt besonders das Bürgergeld für kontroverse Debatten. Ein Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert immer wieder Reformen und kritisiert unfaire Verteilungen. Bei der Erbschaftsteuer oder Einkommenssteuer gehen die Meinungen von Union und SPD teilweise deutlich auseinander. Das Tauziehen der Regierungspartner scheint eröffnet. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Steuern, Rente und Bürgergeld: Merz-Regierung streitet über Reformen des Sozialstaats

Seit mehreren Wochen diskutiert die Regierung von Merz über Reformen des Sozialstaats. Die SPD stemmt sich gegen Kürzungen, obwohl der Kanzler zuletzt immer wieder deutlich machte, dass das aktuelle System nicht zukunftsfähig sei. „Das wird schmerzhafte Entscheidungen bedeuten, das wird Einschnitte bedeuten“, sagte Merz am vergangenen Wochenende während des nordrhein-westfälischen CDU-Parteitags. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas bezeichnete die Vorstöße aus den Reihen der Union hingegen als „Bullshit“.

Dennoch: Dass der Sozialstaat kränkelt, ist bereits länger bekannt. Bereits im Koalitionsvertrag verständigten sich Union und SPD auf eine Reorganisation der Sozialleistungen und sprachen sich für eine bürgerfreundliche Reform aus. Nach der politischen Sommerpause ist vor dem „Herbst der Reformen“. Für die Merz-Regierung arbeiten nun mehrere Kommissionen an der Zukunft der Sozialleistungen. Während die Frage der Finanzierung Taktgeberin der Debatten sein dürfte, steht die Regierung vor einer besonderen Herausforderung: Der Koalitionsvertrag sieht Steuerentlastungen vor – und zusätzliche Anreize für Menschen, die Rente beziehen.

Über den Kopf des Kanzlers hinweg: Finanzminister Lars Klingbeil (l.) und Arbeitsministerin Bärbel Bas sind sich bei Steuern und Sozialstaat nicht ganz einig mit Friedrich Merz.

Bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen: Merz-Regierung arbeitet an Aktivrente

Für die Bundesregierung nehmen neun Ministerien teil. Im September und Oktober sollen Verbände, Wissenschaft und Praxis gehört werden. Inhaltlich liegt der Fokus auf den steuerfinanzierten Leistungen wie Wohngeld, Kinderzuschlag oder Bürgergeld. Sozialstaatssekretär Michael Schäfer kündigte „konkrete Empfehlungen“ an, „sodass wir ab 2026 in die Umsetzung gehen können“. Zu beachten sei, „dass wir uns den Sozialstaat leisten können müsse“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille. Die Regierung wolle mit mehreren Weichenstellungen bei Sozialem und Rente „entscheidende Schritte“ gehen.

Hille betonte, dass der Reformprozess bei Sozialem und Wirtschaft bereits vor dem Sommer begonnen habe. In diesem Herbst werde nun etwa die Aktivrente aufs Gleis geschoben. Mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten sogenannten Aktivrente sollen Rentnerinnen und Rentner bis zu 2000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen können. Merz setzt auf eine baldige Einführung als Anreiz für längeres Arbeiten im Alter. „Wenn alles gut geht, kriegen wir das zum 1. Januar hin“, hatte der CDU-Vorsitzende im ZDF gesagt.

Steuerentlastungen unter Merz-Regierung: Entlastung bei Einkommenssteuer?

Von 2027 an hat die Merz-Regierung zudem Steuerentlastungen für kleine und mittlere Einkommen vorgesehen. Laut Bild werden voraussichtlich alle Beschäftigten mit bis zu 5200 Euro brutto pro Monat profitieren. Steuerzahler-Präsident Reiner Holznagel bezifferte die mögliche Entlastung im Schnitt auf 50 Euro pro Monat. Klingbeil erklärte zuletzt trotz der gestiegenen Sparzwänge gegenüber der ARD: Es sei im Koalitionsvertrag so verabredet, „dass wir diesen Weg gehen wollen“. Dies sei angesichts einer absehbar größeren Lücke von 30 Milliarden Euro im Haushalt 2027 natürlich eine riesige Herausforderung.

„Aber wenn man da bereit ist, sich zu bewegen und auch Kompromisse einzugehen, dann kriegen wir das hin. Und mein Ziel ist, dass das am Ende klappt“, sagte Klingbeil. Es würden unterschiedliche Modelle berechnet, und er werde einen Vorschlag präsentieren. Unionsfraktionschef Jens Spahn sprach sich ebenfalls für das Ziel aus. Aber: „Dafür braucht es Wachstum, um diesen Spielraum zu haben.“ Immerhin: Der Investitionsbooster ist beschlossen, die Körperschaftssteuer und die Mehrwertsteuer in der Gastronomie sollen modernisiert werden.

Söder gegen Steuererhöhungen – Kritik an Bürgergeld und Heizgesetz

In der vergangenen Woche positionierte sich auch Söder beim Thema Steuererhöhungen und lehnte die von der SPD ins Spiel gebrachten und auch von Teilen der Union für möglich gehaltenen Steuererhöhungen für Reiche kategorisch ab. „Wir haben einen klaren Koalitionsvertrag, der heißt ‚keine Steuererhöhung‘“, sagte er während seiner Helgoland-Reise. Angesichts der Finanzierungsprobleme favorisierte er andere Lösungen: „Da ist das Bürgergeld mit über 50 Milliarden Euro, immer wachsend“. Da könne man massiv sparen. Das zweite sei das „irre Heizgesetz“, so Söder und verwies auf 17 Milliarden Euro für Wärmepumpen. „Da kann man die Hälfte wegnehmen.“

Das Finanzierungsproblem beim Bürgergeld hatte zuletzt immer weiter zugenommen. Knapp fünf Millionen Menschen in Deutschland beziehen die Sozialleistung, die Hälfte davon sind Menschen aus dem Ausland. Der Anteil von Geflüchteten liegt laut Stern bei etwa 30 Prozent. Den Ausweg soll eine Alternative zum Bürgergeld bringen: die sogenannte Grundsicherung für Arbeitssuchende. Im Koalitionsvertrag hieß es dazu, dass der Fokus klar auf Arbeitsvermittlung und Qualifikation für den Arbeitsmarkt liegen soll. Zudem sollen Sanktionen schneller, einfacher und unbürokratischer durchgesetzt werden können. Mitten im „Herbst der Reformen“ soll ein Entwurf dazu vorgelegt werden.

Zukunft der Rente: Merz-Regierung will Kommission für Finanzierung

Neben Finanzierungsfragen beim deutschen Gesundheitssystem und der Pflegeversicherung sowie der Modernisierung der Schuldenbremse steht die Regierung von Merz vor der Aufgabe, die Zukunftsfähigkeit der Rente zu sichern. Von dem nächsten Jahr an soll daher eine Kommission erarbeiten, wie die Rente stabilisiert werden kann. Mögliche Reformen können laut Stern bis zur geplanten Bundestagswahl im Jahr 2029 auf den Weg gebracht werden. Im Zusammenhang mit der Rente in Deutschland kamen zuletzt unterschiedliche Vorschläge auf. Laut ZDF sprach sich der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, für eine Umverteilung aus.

Demnach sollen 20 Prozent der reichsten Rentnerinnen und Rentner einen Teil ihres Einkommens abgeben, damit die Menschen mit dem geringsten Einkommen profitieren. Ob dies eine Möglichkeit ist, wird vermutlich in den kommenden Wochen debattiert werden. Trotz der gegenwärtigen Differenzen in der Sozialpolitik sieht Bas laut Stern allerdings bei Merz den Willen, die schwarz-rote Koalition zum Erfolg zu führen. „Ich nehme dem Kanzler ab, dass er den Erfolg mit dieser Koalition will.“ Zugleich räumte sie allerdings auch mögliche Probleme ein: „Worauf andere in der Union spekulieren, weiß ich nicht.“ (fbu)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Metodi Popow