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Europa als verbundbare Klimazone

Wenn der Jetstream „stecken bleibt“: So entstehen in Europa wochenlange Hitzewellen und Dürre

Europa erwärmt sich laut dem aktuellen Klimazustandsbericht der Weltorganisation für Meteorologie und des EU-Klimadienstes Copernicus schneller als jeder andere Kontinent. Warum kommt es dazu?

Die besorgniserregende Entwicklung des Klimas in Europa zeigt sich besonders deutlich an immer häufigeren und stärkeren Hitzewellen. Vor allem Nord- und Osteuropa erlebten im vergangenen Jahr Rekordtemperaturen. Zudem kam es zu ungewöhnlich frühen und großflächigen Waldbränden, insbesondere in Spanien und Portugal.

Stickstoff im Dünger ist noch klimaschädlicher als CO₂.

Gleichzeitig sind die Meere so warm wie nie zuvor. Auch Flüsse führen weniger Wasser, und Gletscher sowie Schneedecken gehen deutlich zurück. Die Ursache hierfür liegt jedoch nicht nur im menschlichen Einfluss. Auch eine Kombination aus geografischen Besonderheiten und atmosphärischen Strömungen ist für die immer wärmeren Temperaturen in Europa maßgeblich.

Europa befindet sich in einer verwundbaren Klimazone

Die sich erwärmende Arktis

Europa liegt in einer Region, die von mehreren Klimafaktoren beeinflusst wird. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Arktis, die sich dreimal schneller erwärmt als der Rest der Welt. Wenn das arktische Eis schmilzt, verändert sich die Reflexion der Sonneneinstrahlung. Dunkle Meeresflächen nehmen mehr Wärme auf als helles Eis. Dies beschleunigt die Erwärmung Europas zusätzlich.

Der Jetstream

Zudem transportieren Windströmungen wie der Jetstream Luftmassen aus niedrigeren Breiten nach Europa. Der Jetstream ist ein schmales Band sehr starker Winde in großer Höhe der Atmosphäre und beeinflusst das Wetter auf der Erde maßgeblich.

Was Tiere am Wetter wahrnehmen – und Menschen mit keinem Sinn erfassen können

Bienen fliegen
Honigbienen: Vor einem Gewitter lädt sich die Luft elektrisch auf, ein Vorgang, den Menschen nicht wahrnehmen können. Honigbienen registrieren diese Veränderung über ihre Antennen und fliegen in den Stock zurück, bevor das Unwetter losbricht. Dass sie dabei oft früher reagieren als jede Wetterwarnung, beobachten Imker seit Generationen. Für die Tiere ist dieses feine Gespür keine Laune der Evolution, sondern pure Notwendigkeit: Im Sturm wären ihre empfindlichen Flügel schutzlos. © IMAGO / Silas Stein
Elefanten im Kruger-Nationalpark in Südafrika.
Elefanten: Die Riesen der Savanne besitzen ein außergewöhnliches Gehör für Infraschall, der für Menschen absolut unhörbar ist. Massive Gewitterfronten erzeugen diese tiefen Frequenzen, die über Hunderte von Kilometern durch den Boden und die Luft reisen. Elefanten nehmen dieses ferne Grollen wahr und navigieren ihre Herden gezielt auf Regenfronten zu, um sich frisches Wasser zu sichern. Ihr Körper fungiert dabei wie ein hochempfindlicher seismischer Empfänger für die Atmosphäre. © imagebroker/ IMAGO
Ein Schwarm fliegender Tauben
Brieftauben nehmen ebenfalls Infraschall wahr, also die Töne in einem Frequenzbereich, den kein menschliches Ohr erfassen kann. So erspüren sie herannahende Wetterfronten frühzeitig. Zusätzlich sitzt im Mittelohr das sogenannte paratympanische Organ, das auf kleinste Luftdruckveränderungen reagiert und die Tauben bei der Wahl ihrer Flughöhe leitet. © IMAGO
Schwarzspitzenhai (Carcharhinus limbatus)
Junge Schwarzspitzenhaie agieren wie schwimmende Barometer und registrieren fallenden Luftdruck über hochempfindliche Haarzellen im Innenohr. Stunden vor einem Sturm verlassen sie kollektiv ihre flachen Kinderstuben, um in tieferen Wasserschichten Schutz zu suchen. Da selbst Jungtiere ohne Sturmerfahrung so reagieren, gilt dieses Verhalten als lebenswichtiger, angeborener Instinkt. Im Gegensatz dazu bleiben erwachsene Tiere oft strategisch vor Ort, um von den Jagdchancen unmittelbar nach dem Unwetter zu profitieren. © IMAGO
Couchs spadefoot Scaphiopus couchii Amado Arizona Couch’s Schaufelfußkröte
Die Couch’s Schaufelfußkröte verbringt bis zu zehn Monate tief vergraben im harten Boden von Trockensteppen, wo keine Feuchtigkeit zu ihr vordringt. Ihr Wecksignal für den Monsun ist das tiefgreifende Grollen von Donner und die Vibration schwerer Regentropfen auf der Erdoberfläche. Sie bricht erst aus ihrer Starre aus, wenn sie die charakteristischen Frequenzen eines Starkregens durch die Erdschichten spürt. Nur so gewinnt sie den lebenswichtigen Wettlauf gegen die Zeit, bevor ihre Brutgewässer wieder verdunsten. © IMAGO
Salzwasserkrokodil
Krokodile: Die schwarzen Punkte auf der Haut von Krokodilen sind keine Schuppen, sondern hochempfindliche Drucksensoren, die empfindlicher reagieren als menschliche Fingerspitzen. Sie registrieren kleinste Bewegungen an der Wasseroberfläche, die für Menschen völlig unfühlbar wären: etwa die Wellenreaktion eines fernen Gewitters oder die ersten Tropfen einer herannahenden Regenfront. Für Krokodile ist das Wasser damit gewissermaßen eine riesige Sinnesfläche – selbst in völliger Dunkelheit nehmen sie darüber atmosphärische Veränderungen wahr, lange bevor sie sichtbar werden.  © Imago
Wanderalbatros
Der Wanderalbatros nutzt Infraschallwellen, die durch die Interaktion von Wind und Wellen entstehen, als akustische Landkarte des Ozeans. Diese Signale ermöglichen es ihm, Gebiete mit starken Winden zu finden, die er für seinen kräftesparenden Gleitflug benötigt. Er „hört“ quasi den idealen Aufwind für seine Reise über Tausende Kilometer, lange bevor er ihn erreicht. Diese Fähigkeit macht ihn zu einem der effizientesten Weitstreckenflieger der Weltmeere. © Chris & Monique Fallows/Imago
Weißbartgnu (Connochaetes taurinus) White bearded wildebeest (Connochaetes taurinus)
Gnu: Bei ihrer epischen Wanderung durch das Serengeti-Mara-Ökosystem folgen Gnus instinktiv dem Wasser. Sie können Regenfälle über Distanzen von mehr als 50 Kilometern riechen und den Donner ferner Gewitter hören. Ihr Ziel sind Gebiete, in denen der Niederschlag das Wachstum von nährstoffreichem Gras aktiviert hat. Das Wetter diktiert somit den Takt ihres gesamten Lebenszyklus und ihrer Wanderrouten über ganze Kontinente. © IMAGO/imageBROKER/Sunbird Images
Kranich Graukranich Grau Kranich Grauer Kranich Eurasischer Kranich Zugvögel (Grus grus)
Für Zugvögel ist das paratympanische Organ im Mittelohr ein unverzichtbares Instrument. Es erkennt minimale Luftdruckänderungen, die eine Verschiebung von Wetterfronten ankündigen, lange bevor erste Wolken sichtbar werden. Die Vögel nutzen diese Information, um den perfekten Zeitpunkt für den Abflug zu wählen oder ihre Route um Stürme herumzuleiten. So minimieren sie ihren Energieverbrauch und vermeiden lebensgefährliche Turbulenzen auf ihren langen Reisen. © IMAGO
Ein Rotkehlchen auf einem Ast.
Das Rotkehlchen besitzt in seinen Augen einen Quantenkompass, mit dem es das Magnetfeld der Erde förmlich sehen kann. Wenn starke Sonnenstürme dieses Feld stören, wird die magnetische „Landkarte“ für den Vogel unlesbar und er unterbricht seinen nächtlichen Zug. In solchen Phasen orientiert es sich stattdessen am nächsten Morgen an sichtbaren Landmarken. Diese Empfindlichkeit für „Weltraumwetter“ ist eine faszinierende Verbindung zwischen solarer Aktivität und irdischer Migration. © Philippe Ruiz/IMAGO
Goldflügel-Waldsänger (Vermivora chrysoptera) singendes Männchen, Ontario, Kanada
Goldflügel-Waldsänger: Diese kleinen Singvögel nehmen den Infraschall gigantischer Sturmsysteme über Hunderte von Kilometern hinweg wahr. Im Jahr 2014 evakuierten sie ihre Brutgebiete in Tennessee mehr als 24 Stunden vor dem Eintreffen einer verheerenden Tornadoserie. Sie „hörten“ die Gefahr, als der Himmel vor Ort noch wolkenlos war, und umflogen das System in einem 1.500 Kilometer langen Ausweichflug. Nach Abzug der Front kehrten sie unmittelbar und punktgenau in ihre Reviere zurück. © IMAGO/Glenn Bartley
Walddrossel Wood Thrush (Hylocichla mustelina) perched on a branch in Ontario, Canada.
Die Walddrossel reagiert hochempfindlich auf kurzfristige Änderungen des barometrischen Drucks, was sie zu einem lebenden Wetterglas macht. Sinkt der Luftdruck vor einem Sturm, intensiviert sie ihre Nahrungssuche massiv, um Reserven für die Schlechtwetterperiode aufzubauen. Zudem zeigt sie eine enorme Flexibilität gegenüber dem Klimawandel und brütet heute bereits 22 Tage früher als in den 1960er Jahren. Sie passt ihren biologischen Takt präzise an die Beschleunigung des vegetativen Frühlings an.  © IMAGO/Glenn Bartley
Wilsondrossel Adult Veery (Catharus fuscescens). Galveston Texas,
Die Wilsondrossel ist ein biologisches Phänomen der meteorologischen Langzeitprognose. Sie passt ihre Brutzeit und Gelegegröße Monate im Voraus an die erwartete Intensität der atlantischen Hurrikansaison an. Forscher vermuten, dass sie globale Klimazyklen bereits in ihren südamerikanischen Winterquartieren wahrnimmt. Ihre biologischen Daten waren in Studien oft präziser als die computergestützten Vorhersagen offizieller Wetterdienste. © IMAGO
Rauchschwalbe Rauch Schwalbe Hirundo rustica im Regen ueber kleinem Fluss Eintagsfliegen jagend
Wenn Schwalben vor Regen tief fliegen, folgen sie eigentlich nur den Bewegungen ihrer Beute. Bei steigender Luftfeuchtigkeit und sinkendem Luftdruck werden die Flügel kleiner Insekten schwerer und klebriger, was sie in bodennahe Schichten zwingt. Die Schwalbe nutzt ihr feines Gespür für Insektendichten, um in diesen Zonen effektiv zu jagen. Ihr Flugverhalten ist somit ein indirekter, dafür aber ein äußerst zuverlässiger Indikator für einen bevorstehenden Wetterumschwung. © IMAGO

Durch den Klimawandel wird der Jetstream instabiler, was zu Blockaden in seinem Fluss führen kann. Dadurch können lang anhaltende Hitzewellen entstehen, wie sie in den Sommermonaten 2018, 2019 und 2022 zu beobachten waren. Wenn es zu Blockaden im Jetstream kommt, kann warmes Wetter wochenlang über Europa festsitzen, während das Einströmen von kühleren oder feuchteren Luftmassen verhindert wird.

Gleichzeitig verstärkt die globale Erwärmung die Grundtemperaturen, sodass Hitzewellen intensiver werden und länger andauern. Diese Kombination aus dynamischen (Jetstream) und thermodynamischen (Erwärmung) Effekten erhöht die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen.

Die Rolle der Meere und Landmassen 

Europa wird von drei Seiten von Ozeanen umspült: dem Atlantik, der Nordsee und dem Mittelmeer. Wasser speichert Wärme länger als Land. Steigende Wassertemperaturen geben diese Wärme über Monate hinweg an die Luft ab. Landflächen wiederum können schnell austrocknen. Trockene Böden heizen sich tagsüber stärker auf und kühlen nachts weniger ab.

Die Rolle der Nordatlantischen Oszillation

Zudem hat die Nordatlantische Oszillation (NAO) einen maßgeblichen Einfluss auf das Wetter in Europa. Sie beschreibt die Schwankungen des Luftdruckgegensatzes zwischen dem Islandtief (tiefer Luftdruck über Island) und dem Azorenhoch (hoher Luftdruck über den Azoren).

Bei einem starken Unterschied (positive NAO-Phase) verstärken sich die Westwinde. Diese bringen milde, feuchte Luft nach Europa, was zu milden, regnerischen Wintern führt.

Bei einem schwachen Druckunterschied (negative NAO-Phase) schwächen sich die Westwinde ab. Das kann zu kalten, trockenen Wintern oder langanhaltenden Wetterlagen wie Kälte- oder Hitzewellen führen. Die NAO ist somit ein zentraler Klimafaktor für das europäische Wetter.

Der Klimawandel hat deutliche Auswirkungen auf die Nordatlantische Oszillation: Durch die stärkere Erwärmung der Arktis kommt es zu insgesamt schwächeren Westwinden. Dies hat extreme Wetterlagen wie Kälte- oder Hitzewellen in Europa zur Folge.

Die Rolle menschlicher Aktivitäten in der Erwärmung Europas

Die Verbrennung fossiler Brennstoffe setzt Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO₂) und Methan (CH₄) frei. Diese fangen die Wärme der Sonne in der Atmosphäre ein und verstärken auf diese Weise den Treibhauseffekt. Europa hat eine lange Industriegeschichte. Die Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre ist hier besonders hoch.

Zudem tragen die zahlreichen dicht besiedelten Städte zur Erwärmung der Region bei. Beton und Asphalt – sogar geparkte Autos – speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts ab.

Auch die Landwirtschaft trägt entscheidend zum Klimawandel bei. Die Viehzucht und Reisfelder erzeugen Methan, gedüngte Böden belasten die Umwelt mit Distickstoffmonoxid (N₂O). Beide Gase tragen deutlich stärker zum Treibhauseffekt bei als CO₂. Methan wirkt über einen Zeitraum von 20 Jahren betrachtet etwa 80-mal stärker als CO₂, Distickstoffmonoxid sogar rund 265-mal.

Die Rolle von Aerosolen

Aerosole sind kleine Partikel in der Luft. Sie können das Klima beeinflussen, indem sie Sonnenlicht reflektieren oder die Bildung von Wolken fördern. In Europa hat die Luftreinhaltung in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gemacht. Weniger Aerosole bedeuten jedoch auch weniger Reflexion von Sonnenlicht. Dies kann die Erwärmung zusätzlich beschleunigen.

Gleichzeitig tragen Aerosole aus anderen Regionen, wie z. B. Saharastaub, zur Wolkenbildung bei. Diese Wolken können je nach Höhe und Zusammensetzung das Klime entweder erwärmen oder abkühlen.

Veränderte Niederschlagsmuster und Extremwetter als Resultat

Mit der Erwärmung ändern sich auch die Niederschlagsmuster. So nehmen die Niederschläge im Winter in Nord- und Mitteleuropa durch den menschengemachten Klimawandel zu. Im Sommer wird es dagegen trockener, was Dürreperioden und Waldbrände begünstigt.

Laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) waren die letzten acht Jahre die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Europa erlebte im Jahr 2022 den wärmsten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen.

Extremwetterereignisse wie die Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021 oder die Hitzewelle in Südeuropa im Jahr 2023 zeigen die Folgen des Klimawandels. Experten gehen davon aus, dass solche Extremwetterereignisse in Zukunft häufiger auftreten werden. Der sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC bestätigt, dass der menschliche Einfluss das Klima in einem Ausmaß verändert, das in den letzten 2000 Jahren beispiellos ist.

Was sagen Forschende über die Zukunft Europas?

Klimamodelle sagen voraus, dass sich Europa weiterhin schneller erwärmen wird als der globale Durchschnitt. Bis 2100 könnte die Durchschnittstemperatur in Europa um 3–5 Grad Celsius steigen, wenn die Treibhausgasemissionen nicht drastisch reduziert werden. Selbst bei ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen wird eine Erwärmung von 1,5–2 Grad Celsius erwartet.

Trotz dieser Entwicklungen gibt es auch Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien, die inzwischen einen großen Teil der Stromversorgung ausmachen. Dennoch betonen Fachleute, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen. Europa muss seine Anstrengungen verstärken und widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels werden, da eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zunehmend unwahrscheinlich erscheint.

Rubriklistenbild: © Imago/Frank Drechsler

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