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„Ergebnisse sind entscheidend“

Forschungsteam lüftet nach Jahren das Geheimnis der Hitzewellen im Mittelmeer

Die Entstehungsmechanismen von Hitzewellen im Mittelmeerraum wurden von Forschern entschlüsselt. Man hofft nun auf verbesserte Vorhersagemöglichkeiten.

Lecce – Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Strand von Mallorca, Rimini oder Jesolo, suchen Abkühlung von hochsommerlichen Temperaturen um die 40 Grad und das Wasser ist so warm wie in der Badewanne. Was klingt wie ein düsteres Zukunftsszenario, ist längst Realität. Forschende haben jetzt endlich das Geheimnis gelüftet, warum der Mittelmeerraum immer häufiger zur Hitzefalle wird.

Anzahl und Intensität von Hitzewellen im Mittelmeerraum haben in den letzten Jahren zugenommen, konstatiert ein Forschungsteam. Nun hat man auch die Ursache für viele dieser Hitzewellen gefunden. (Collage)

Ein Team um die italienische Forscherin Giulia Bonino vom Centro Euro-Mediterraneo per i Cambiamenti Climatici (CMCC) in Bologna hat Wetterdaten und Meerestemperaturen aus 40 Jahren analysiert. Das Ergebnis: Für extreme Hitzewellen im Mittelmeerraum braucht es nur zwei Zutaten.

Zwei Zutaten machen Hitzewellen am Mittelmeer deutlich wahrscheinlicher

Zum einen: Heiße Luft aus Afrika, die sich als Hochdruckgebiet über das Mittelmeer legt. Diese „subtropischen Hochdruckrücken“ kommen regelmäßig, etwa alle zwei Tage. Zum anderen müssen die Luftmassen mindestens fünf Tage lang an Ort und Stelle bleiben. Dann passiert etwas Fatales: Die normalerweise starken Winde kommen zum Erliegen. Ohne Wind kann das Meer keine Wärme mehr an die Atmosphäre abgeben – und heizt sich rasend schnell auf.

„Dieser Wärmeverlust macht mehr als 70 Prozent des gesamten Wärmeflusses in den betroffenen Regionen aus und ist für den größten Teil der Veränderung der Meerestemperatur verantwortlich“, schreiben die Forschenden in einer Mitteilung zur Studie, die erst im August im Fachjournal Nature Geoscience erschienen ist.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Das Team untersuchte 123 große Hitzewellen zwischen 1982 und 2022, die jeweils eine Fläche von mehr als 100.000 Quadratkilometern betrafen – das entspricht etwa der Größe Ungarns. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass marine Hitzewellen vier bis fünf Mal wahrscheinlicher sind, wenn subtropische Hochdruckgebiete und schwache Winde gemeinsam auftreten. Im August waren mehrere Mittelmeerstaaten von langen Hitzewellen geplagt, teils verheerende Brände waren vielerorts eine der Folgen.

Ursprung mediterraner Hitzewellen ermittelt: Verheerende Auswirkungen an Land und im Wasser

Nicht nur an Land ächzen Menschen und extremen Temperaturen und langen Trockenperioden. Die Auswirkungen für die Flora und Fauna unter Wasser sind ebenso verheerend. „Das Mittelmeer leidet wie die Atmosphäre unter den Hitzewellen über Wasser“, sagt die Meeresbiologin Sandrine Ruitton der Frankfurter Rundschau.  

Erhitzt sich das Wasser für Wochen oder gar Monate ungewöhnlich stark, kann es zu Massensterben kommen, zeigte bereits eine Forschungsarbeit aus dem Jahr 2022. Besonders betroffen sind Korallen, Seegräser und Muscheln, die den extremen Temperaturen nicht entkommen können. Doch auch Fischbestände leiden unter den zunehmenden Temperaturen.

„Ergebnisse entscheidend für Verbesserung von Vorhersagen“ von Hitzewellen

Dennoch zeigt sich das Forschungsteam zufrieden mit den Ergebnissen der Studie: „Es ist sehr befriedigend, die Mechanismen hinter einem Phänomen zu identifizieren, das wir seit Jahren studieren“, sagt Studienleiterin Giulia Bonino. Co-Autor Ronan McAdam ergänzt: „Diese Ergebnisse sind entscheidend für die Verbesserung von Vorhersagesystemen und Erdsystemmodellen und stellen einen wichtigen Schritt hin zu wirksamen Frühwarn- und Minderungsstrategien im Mittelmeerraum dar.“

Die Erkenntnisse könnten dabei helfen, künftige Hitzewellen früher zu erkennen und Schutzmaßnahmen für die betroffenen Regionen und vielleicht sogar für die bedrohten Meeresökosysteme zu entwickeln. Auch riesige Stürme im Atlantik können das Wetter in Europa beeinflussen. (jm)

Rubriklistenbild: © Massimo Valicchia/Imago / CMCC

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