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Globale Folgen bereits sichtbar

Antarktis hat Fieber: Forscher zeigen sich alarmiert – „verändert sich schneller als erwartet“

Wissenschaftler warnen vor dramatischen Veränderungen in der Antarktis. Die Auswirkungen sind bereits heute auf der ganzen Welt zu spüren.

London – Wissenschaftler schlagen Alarm: Die Antarktis durchläuft dramatische Veränderungen in einem Tempo, das selbst Experten überrascht. Bei einem hochrangigen Treffen der britischen nationalen Akademie der Wissenschaften Royal Society in London am 29. und 30. September 2025 wurde eindringlich vor den globalen Konsequenzen dieser Entwicklung gewarnt.

Das Schmelzen in der Antarktis hat schon heute enormen Einfluss auf die Welt. (Symbolbild)

„Die Antarktis verändert sich schneller, als wir jemals erwartet haben“, betonte Professor Michael Meredith von der UK National Climate Science Partnership (UKNCSP) und Ozeanograf am British Antarctic Survey (BAS), bei der Tagung. Die beunruhigende Botschaft der Wissenschaftler: Was am Südpol geschieht, betrifft uns alle – und zwar schon heute.

Eis in Antarktis schmilzt: Forscher warnen vor mehr Extremwetterereignissen

Der südliche Ozean, der die Antarktis umgibt, spielt eine wichtige Rolle für das globale Klima. Er absorbiert bis zu drei Viertel der überschüssigen Wärme, die durch Treibhausgasemissionen entsteht. Diese Wärmeaufnahme verändert bereits jetzt die Zirkulationsmuster und beschleunigt das Schmelzen des antarktischen Eises, erklärte Karina von Schuckmann vom französischen Forschungsinstitut Mercator Oceanin laut der BAS-Pressemitteilung. Die Folge: weltweit extreme Wetterereignisse.

Warum ist das Eis der Antarkis so wichtig für das Klima?

Das antarktische Eis wirkt wie ein Sonnenschirm und kühlt die Umgebung. Dahinter steckt die Eis-Albedo-Rückkopplung: Mehr Eis erhöht die Albedo (Reflexionsfähigkeit), es wird mehr Sonnenlicht zurückgeworfen, die Erde kühlt weiter ab und Eis breitet sich zusätzlich aus. Weniger Eis senkt wiederum die Albedo, die Oberfläche schluckt mehr Energie, es wird wärmer und noch mehr Eis geht verloren, informiert Spektrum der Wissenschaft.

Die Forscher sind sich einig, dass Extremwetterereignisse in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Kyle Clem von der Victoria University of Wellington erläuterte, wie sogenannte „atmosphärische Flüsse“ – schmale Bänder warmer, feuchtigkeitsgeladener Luft – zunehmend für rekordverdächtige Hitzewellen, Regenfälle und Schmelzereignisse in der Antarktis verantwortlich sind. Diese Phänomene verstärken wiederum extreme Wetterereignisse in anderen Teilen der Welt.

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Die Folgen sind auch unter dem Meer sichtbar: Von knapp 900 Riffe bildenden Warmwasser-Korallenarten weltweit sind 44 Prozent gefährdet, berichtet die Weltnaturschutzunion (IUCN). Eine Biologin hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie zu retten. Auch Jennifer Freer von der BAS und Michelle Taylor von der Universität Essex betonten bei der Tagung in London, dass Schlüsselarten wie der antarktische Krill und empfindliche Tiefsee-Schwamm- und Korallenlebensräume bedroht sind. Das wiederum wirkt sich direkt auf die Fischerei, die Artenvielfalt und den Kohlenstoffkreislauf aus.

Antarktische Kipppunkte: Meeresspiegel kann bis zu zehn Meter ansteigen

Besonders besorgniserregend ist auch der Meeresspiegelanstieg. Matt Palmer vom Met Office Hadley Centre warnte, dass schlecht verstandene antarktische Kipppunkte bis 2300 zu einem Anstieg des Meeresspiegels von mehr als zehn Metern führen könnten – mit erheblichen Auswirkungen auf die Küstenregionen weltweit. Bei diesen Kipppunkten handelt es sich um kritische Schwellenwerte, bei deren Überschreitung irreversible und sich selbst verstärkende Veränderungen einsetzen können.

Unterstrichen werden diese Erkenntnisse aus der Erdgeschichte: Vergangene Wärmeperioden haben zu einem rapiden Verlust des arktischen Eises und einem Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter geführt – oft innerhalb von nur wenigen Jahrhunderten oder sogar Jahrzehnten. Das zeigen Eisbohrkerndaten und Studien, die von Professor Sarah Woodroffe (Durham University), Thomas Bauska (British Antarctic Survey) und James Rae (University of St Andrews) in London vorgestellt wurden.

Forscher warnen eindringlich: „Was in der Antarktis passiert, betrifft uns alle“

„Wir müssen diese beispiellosen Extremereignisse in der Antarktis dringend verstehen, wenn wir zuverlässige Vorhersagen über zukünftige Veränderungen treffen wollen“, betonte BAS-Ozeanografin Kate Hendry. Die Prozesse seien aber derzeit nicht gut in Computermodelle integriert, sodass die Prognosefähigkeit nicht ausreiche. Gleichzeitig legen die Wissenschaftler nah, dass die von den raschen Veränderungen der Antarktis ausgehenden Gefahren nicht mehr nur theoretisch sind.

„Was in der Antarktis passiert, betrifft uns alle“, erinnerte BAS-Direktorin Dame Jane Francis. Die Botschaft der Wissenschaftler ist klar: Die Treibhausgasemissionen müssen dringend reduziert werden, wenn das Überschreiten gefährlicher Schwellenwerte vermieden werden soll. Das gilt nicht nur für die Antarktis: Weltweit können drastische Klimaänderungen verhindert werden, wenn es gelingt, den Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Dafür müssen laut Umweltbundesamt nach 2025 negative Emissionen erreicht werden.

Die Royal Society veranstaltet jedes Jahr ein Programm wissenschaftlicher Tagungen. Jede Tagung wird von einem kleinen Team mit einem gemeinsamen Forschungsinteresse organisiert. Die teilnehmenden Experten sind führend auf ihrem Gebiet. (Quellen: British Antarctic Survey, Spektrum der Wissenschaft, Umweltbundesamt, Weltnaturschutzunion) (cln)

Rubriklistenbild: © Annalise Kaylor/Imago

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