Erderwärmung schlägt zu
Lange verschollener Bohrkern aus Grönland: Hinweis auf dramatischen Anstieg des Meeresspiegels
Der grönländische Eisschild reagiert empfindlicher auf den Klimawandel, als bisher gedacht. Das könnte eine Gefahr für alle Küstenregionen darstellen.
Grönland – Ein erst kürzlich wiederentdeckter Bohrkern, der vor Jahrzehnten aus dem grönländischen Eisschild entnommen wurde, beinhaltet keine guten Nachrichten: Vor etwa 400.000 Jahren waren große Teile des heute größtenteils von Eis bedeckten Landes offenbar eisfrei. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass das grönländische Eisschild vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren entstand und dass es die ganze Zeit einfach da war und sehr stabil ist“, erklärt Tammy Rittenour, eine Forscherin an der Utah State University. Rittenour ist Co-Autorin einer Studie, die sich mit dem Bohrkern beschäftigt.
| Grönländischer Eisschild | |
|---|---|
| Ausdehnung: | etwa 1,8 Millionen Quadratkilometer (82% Grönlands) |
| Eisdicke: | im Schnitt 1500 Meter, maximal 3420 Meter |
| Eisvolumen: | 2,6 Millionen Kubikkilometer |
Sie sei davon überzeugt gewesen, dass das Eis „nicht weggeht und es schmilzt nicht dramatisch ab. Aber unsere Studie zeigt, dass es das tat.“ Tatsächlich weiß man bereits seit zwei Jahren, dass das Eis in Grönland vor weniger als einer Million Jahre geschmolzen ist. Doch bisher war nicht bekannt, wann genau das Eis verschwand. Die neue Studie zeigt jedoch, dass Sediment, das sich unter dem Eisschild befand, von flüssigem Wasser abgelagert wurde – und zwar zu einer Zeit, als die Region eisfrei war, im sogenannten marinen Isotopenstadium 11 (MIS 11), vor etwa 424.000 bis 374.000 Jahren.
Grönländisches Eis ist vor 400.000 Jahren geschmolzen
Das damalige Schmelzen des grönländischen Eises soll einen Meeresspiegelanstieg von mindestens eineinhalb Metern verursacht haben, heißt es in einer Mitteilung zu der Studie. „Es ist wirklich der erste wasserdichte Beweis, dass ein großer Teil des grönländischen Eisschilds verschwand, als es warm wurde“, sagt Paul Bierman von der University of Vermont, der Leiter der Studie, die im Fachjournal Science veröffentlicht wurde.
Maritimes Isotopenstadium 11
In der Geologie werden Sedimentschichten anhand der in ihnen enthaltenen stabilen Sauerstoff-Isotope datiert. Daraus ergibt sich das sogenannte maritime Isotopenstadium. Das maritime Isotopenstadium 11 (MIS 11) begann vor etwa 424.000 Jahren und endete vor 374.000 Jahren. MIS 11 gilt als die wärmste Warmzeit der letzten 500.000 Jahre.
Die Vergangenheit Grönlands ist in einem Bohrkern konserviert, der in den 1960er Jahren von Wissenschaftlern im amerikanischen Camp Century im Nordwesten Grönlands entnommen wurde. Die Forscher bohrten damals durch knapp 1,4 Kilometer dickes Eis und holten 3,6 Meter Erdboden aus dem Untergrund. Damals konnte man das Sediment nicht so gründlich untersuchen wie heute, deshalb geriet der Bohrkern in Vergessenheit. Über Jahrzehnte lag er in Tiefkühlern, bis er 2017 in Dänemark wiederentdeckt wurde. Seitdem wird er untersucht.
Grönland: Statt Eis gab es einst Pflanzen – neue Studie zeigt es
Die Forscher seien überrascht gewesen, Zweige, Moos, Blätter und Samen in dem Sediment zu finden, berichtet Bierman, der zwei Proben aus Dänemark in die USA geholt hat. „Wir haben ein fossiles, gefrorenes Ökosystem. Und das bedeutet natürlich, dass die Eisschicht weg gewesen sein muss, weil Pflanzen nicht unter einer Meile Eis wachsen.“ Das Sediment deutet Bierman zufolge „auf eine warme, feuchte und weitgehend eisfreie Zukunft für den Planeten Erde hin – es sei denn, wir können die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre drastisch senken“.
Wenn wir die Schmelzraten und die Reaktion auf einen hohen Kohlendioxidgehalt modellieren, sehen wir einen Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter, wahrscheinlich sogar um mehrere Dutzend Meter. Und dann schauen Sie sich die Höhe von New York City, Boston, Miami, Amsterdam an. Schauen Sie sich Indien und Afrika an – die meisten globalen Bevölkerungszentren liegen nahe am Meeresspiegel.
Die Studienergebnisse zeigen den Forschern zufolge, dass Grönland empfindlicher auf den Klimawandel reagieren dürfte, als bisher angenommen. Die Forschung will die Vergangenheit Grönlands genauer verstehen, um vorhersagen zu können, wie sich das riesige Eisschild in Zeiten des Klimawandels verhält und wie schnell es schmelzen wird. Denn Grönland ist ein wichtiges Puzzleteil: „Wenn wir nur Teile des grönländischen Eisschilds schmelzen, steigt der Meeresspiegel dramatisch an“, betont Rittenour.
Meeresspiegelanstieg als Gefahr: Globale Bevölkerungszentren liegen an den Küsten
„Wenn wir die Schmelzraten und die Reaktion auf einen hohen Kohlendioxidgehalt modellieren, sehen wir einen Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter, wahrscheinlich sogar um mehrere Dutzend Meter. Und dann schauen Sie sich die Höhe von New York City, Boston, Miami, Amsterdam an. Schauen Sie sich Indien und Afrika an – die meisten globalen Bevölkerungszentren liegen nahe am Meeresspiegel“, warnt die Forscherin. Vor 400.000 Jahren sei der starke Meeresspiegelanstieg noch kein Problem gewesen, macht ihr Kollege Bierman deutlich: „Vor 400.000 Jahren waren keine Städte an den Küsten. Und nun gibt es dort Städte.“ (tab)