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FR vor Ort

29-Jähriger überlebte Utøya-Anschlag – nun würde er fürs Klima sterben

Vebjørn Bjelland Berg protestiert mit einem Hungerstreik gegen die Ölpolitik von Norwegen. Pikant: Sein Cousin ist Teil der Regierung.

Oslo – Vebjørn Bjelland Berg schlägt die Augen auf und lächelt. „Heute Morgen bin ich ziemlich glücklich“, sagt er und blinzelt in den strahlend blauen Himmel über ihm. Der 29-Jährige liegt im Schlafsack auf einer Luftmatratze vor dem Storting, dem norwegischen Parlamentsgebäude in Oslo. Seit 28 Tagen schläft er hier jede Nacht. Und seit 28 Tagen hat er nichts mehr gegessen. Aus Protest gegen die Klima- und Umweltpolitik der Regierung. Sein Hungerstreik sorgt in Norwegen auch wegen eines besonderen Verwandtschaftsverhältnisses für Aufmerksamkeit: Bjelland Berg ist der Cousin ausgerechnet von Norwegens Klima- und Umweltminister Andreas Bjelland Eriksen. Die beiden teilen sogar eine prägende Erfahrung.

Norwegen – einst Europas Armenhaus – ist seit den 1970er Jahren dank seiner Öl- und Gasexporte zu einem der reichsten Länder der Welt geworden. Das norwegische Paradoxon: Einerseits versorgt sich das Land zu fast 100 Prozent mit erneuerbaren Energien, und auf Oslos Straßen sind nahezu ausschließlich Elektroautos unterwegs. Andererseits will die Regierung das lukrative Geschäft mit fossilen Energieträgern, das den milliardenschweren sogenannten Pensionsfonds des Landes speist, nicht aufgeben.

Öl und Gas in Norwegen: Der Staat will das lukrative Geschäft nicht aufgeben

Im Gegenteil: Erst im März wurde ein riesiges Ölfeld in der Barentssee erschlossen. „Der Preis für all den Reichtum ist, dass Millionen Menschen an den Folgen des Klimawandels sterben werden“, sagt Bjelland Berg. „Und da sind Opfer von Krieg, Hungersnot und Vertreibung noch gar nicht mitgerechnet.“ Darauf will er aufmerksam machen.

„Heute Morgen bin ich ziemlich glücklich“, sagt Vebjørn Bjelland Berg, der seit 28 Tagen nichts mehr gegessen hat.

Dass er seinen Streik im August 2025 begonnen hat, ist kein Zufall: In wenigen Wochen ist Parlamentswahl in Norwegen. Entlang der Karl-Johan-Gate, der langen Allee zwischen Hauptbahnhof und Königsschloss, in deren Zentrum der Storting liegt, sind längst die obligatorischen „Valgbodene“ aufgereiht, die Wahlkampfbuden sämtlicher Parteien.

Das Öl- und Gas-Paradoxon ist auch Thema im Wahlkampf. Norwegens hochgelobtes Bildungssystem, das gut ausgestattete Sozialsystem und die oft gepriesene Kulturförderung wären ohne das Geld aus dem Pensionsfonds nicht möglich. Und gerade erst hat die Regierung beschlossen, ihre Unterstützung für die von Putins Krieg gebeutelte Ukraine auf 85 Milliarden Kronen (etwa 7,3 Milliarden Euro) zu erhöhen. Kaum ein Land gibt mehr. Gleichzeitig warnen viele Wissenschaftler im Land vor den klimaschädlichen Folgen des Öl- und Gasgeschäfts. Und es wächst die Frage, was Norwegen machen soll, wenn die Ölquellen eines Tages versiegen. Ein klares Konzept gibt es bislang nicht.

Hungerstreik als Protest gegen Ölförderung in Norwegen

Während die Kandidaten an den Wahlbuden angeregt mit Passanten diskutieren, versucht Berg, wach zu bleiben. Der Hungerstreik fordert allmählich Tribut, und unter den hellblauen Augen zeichnen sich Schatten ab. „Gestern ging es mir deutlich schlechter. Ich denke, mein Körper beginnt ein bisschen zu kämpfen“, sagt er, als wäre sein Streik nicht mehr als der Verzicht auf die zweite Tasse Kaffee beim Frühstück.

Direkt neben dem Schlafplatz des Klimaaktivisten stehen die Wahlkampfbuden der Parteien – auch der Arbeiterpartei, die die aktuelle Minderheitsregierung stellt.

Dabei steht sein Leben auf dem Spiel. Zwei Jahre hat Berg für den Hungerstreik trainiert, hat seinen Körper mithilfe von Sport gestählt und seinen Geist mithilfe von Meditation. Bis zur Wahl will er durchhalten, also noch zwei weitere Wochen. „Meine Ärzte sagen, es gibt ein gewisses Risiko, dass ich in dem Zeitraum sterbe“, sagt er. Die Wahrscheinlichkeit sei zwar gering, aber dass seine Gesundheit langfristig beeinträchtigt sein könnte, damit müsse er womöglich rechnen. Hat er keine Angst? „Natürlich hab ich Angst. Aber ich bin emotional vorbereitet.“

Klimaaktivist überlebte das Massaker auf der Insel Utøya

Tatsächlich war das Leben des Klimaaktivisten schon einmal akut in Gefahr. Als Teenager hatte er sich bereits für Politik interessiert, war im traditionellen Sommercamp auf der Insel Utøya, die die Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei jedes Jahr veranstaltet. Auch im Jahr 2011. Damals überfiel der Rechtsterrorist Anders Breivik die Insel, verkleidet als Polizist, und schoss auf die Jugendlichen. 69 Menschen starben. Ein tiefes Trauma ist bis heute in der norwegischen Gesellschaft zurückgeblieben. Berg überlebte. Genau wie sein Cousin, der heute Umweltminister der sozialdemokratischen Minderheitsregierung ist. „Natürlich prägt ein solches gemeinsames Erlebnis eine Beziehung“, sagt Berg. Und doch könne sich die Sicht auf die Welt zweier Freunde mit der Zeit auseinanderentwickeln.

Berg ist erschöpft. Er spricht langsamer, macht Pausen zwischen den Wörtern und blinzelt in den Himmel. „Jeder weiß, wie lebensbedrohlich für die ganze Welt das Ölgeschäft ist. Aber es ändert sich nichts“, sagt er. „Deshalb will ich ein starkes Zeichen setzen.“

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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