Werder-Kapitän Marco Friedl über den Rangnick-Effekt, das Milan-Gerücht und Österreichs erste WM-Teilnahme seit 1998.
Die größte Chance seiner Karriere: Österreich kehrt 28 Jahre nach der letzten Teilnahme an einer Weltmeisterschaft zurück. Dies gelingt mit Ralf Rangnick auf der Bank. „Ich glaube nicht, dass das Zufall ist“, erklärt Marco Friedl, Kapitän des SV Werder Bremen und Abwehrspieler des österreichischen Kaders, gegenüber der Gazzetta dello Sport. „Rangnick hat das Niveau unseres Fußballs deutlich angehoben.“
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel von Elmar Bergonzini entstand in Kooperation mit Gazzetta dello Sport.
Das tat er als Nationaltrainer – und zuvor als Verantwortlicher im Red-Bull-Netzwerk in Salzburg. Jede Mannschaft, die er betreute, wurde besser. Und mit ihr das Niveau der Vereine insgesamt. „Für uns war er entscheidend, das fehlende Element, um den nächsten Schritt zu machen.“ Für den AC Mailand wäre es nach Friedls Einschätzung ein Glücksgriff, Rangnick zu verpflichten – in welcher Funktion auch immer. „Ich habe von dem Interesse gelesen“, sagt er. „Mit uns hat er nicht darüber gesprochen, aber in der Kabine hoffen wir alle, dass er bei uns bleibt.“
„Aber ich muss sagen: Für den AC Mailand und für jeden anderen Klub wäre er die perfekte Lösung. Das hat er in seiner gesamten Laufbahn gezeigt. Er hat eine besondere Energie und drückt jedem Verein seinen Stempel auf.“
Werder-Kapitän Friedl im Interview: ÖFB macht unter Rangnick „spürbare Fortschritte“
Stören Sie die Gerüchte kurz vor der Weltmeisterschaft?
„Ich halte das angesichts der Qualität seiner Arbeit für unvermeidlich. Ich orientiere mich an dem, was er sagt: Sein einziger Ansprechpartner ist der ÖFB. Ich weiß nicht, was passieren wird, aber wenn ich Fan des AC Mailand wäre, würde ich mir wünschen, dass der Deal zustande kommt.“
Was macht ihn besonders?
„Er und sein Stab geben allen im Verein eine klare Richtung. In Österreich ist er nicht nur Nationaltrainer, sondern befasst sich auch mit den Trainingsstrukturen aller Teams, damit junge Spieler sich optimal entwickeln. Die Nachwuchsabteilungen machen dabei spürbare Fortschritte. Es ist kein Zufall, dass wir nach Jahren eine gute Europameisterschaft gespielt haben und zur Weltmeisterschaft zurück sind. Rangnick hat die praktische Kontrolle über jeden Aspekt eines Klubs. Und wo er nicht direkt eingreift, überwacht er dennoch alles. Als Nationaltrainer konzentriert er sich nicht nur auf die Zeit, die wir bei der Nationalmannschaft verbringen, sondern sorgt dafür, dass alles jederzeit funktioniert.“
Können Sie ein Beispiel nennen?
„Ich bin relativ schnell in den Kreis der Nationalmannschaft gekommen, war dann aber eine Zeit lang nicht mehr dabei. Trotzdem blieb ich immer in Kontakt mit ihm. Er hat mich nicht nominiert, aber er erklärte mir anhand von Videos, was ich falsch und was ich gut machte. Natürlich hilft es auch, dass viele österreichische Nationalspieler in den besten europäischen Ligen spielen. Aber es ist kein Zufall, dass die Qualität dieser Mannschaft höher ist als je zuvor. Schon im Training sieht man, dass etwas anders ist.“
Was genau?
„Wir sind, wie auch die Nachwuchsnationalteams, nur 7, 8 oder 9 Tage zusammen, und oft stehen zwei Spiele an. Die Trainingszeit ist gering, aber in jeder Einheit gibt es Freude, Leidenschaft und Energie. Rangnick und sein Stab verlangen das und helfen jedem Spieler, sich Tag für Tag zu verbessern. Als Fan, unabhängig vom jeweiligen Verein, würde ich Rangnick immer als Verantwortlichen an der Spitze wollen. Ich spiele aber für Österreich und hoffe, dass er bei uns bleibt.“
Österreich seit Jahren das erste Mal wieder bei einer WM
Mit welchen Gefühlen gehen Sie an die Weltmeisterschaft heran?
Schon als Kind habe ich von der WM geträumt, als ich die Spiele im Fernsehen gesehen habe. Aber niemand weiß, ob man diesen Traum jemals verwirklichen kann. Vor allem als Österreicher, da unsere Nationalmannschaft nur selten teilnimmt. Deshalb bin ich überzeugt, dass es ein außergewöhnliches Erlebnis sein wird.“
Was ist Ihre erste Erinnerung an eine Weltmeisterschaft?
„Als Kind erlebt man die Dinge anders. Mit dem Älterwerden ändert sich die Perspektive. Seit 2006 glaube ich, alle Spiele gesehen zu haben. Das erste Bild, das ich noch genau vor Augen habe: der Kopfstoß von Zidane gegen Materazzi. Dann erinnere ich mich an das Tor von James Rodríguez gegen Uruguay, mit der spektakulären Ballannahme mit der Brust. Und dann an einige wichtige Spiele Deutschlands. Das sind Dinge, an die ich mich auch in 30 oder 40 Jahren erinnern werde. Und ich hoffe, dass einige dieser Momente die sein werden, die ich mit Österreich erlebe.“
Friedl unterstützt Deutschland nicht bei einer WM
Haben Sie bei Weltmeisterschaften ohne Österreich Deutschland unterstützt?
„Nein. Einige meiner Freunde können das, ich nicht. Ich lebe seit meinem elften Lebensjahr in Deutschland, ich spüre keine Rivalität mit den Deutschen, und ich würde auch nicht sagen, dass mir die Spielweise ihrer Nationalmannschaft nicht gefällt. Aber ich kann sie nicht unterstützen, einfach weil ich Österreicher bin. Ich habe mich 2014 für meine Freunde gefreut, aber ich glaube, nur wenige Österreicher halten zu Deutschland.“
Und was halten Sie vom neuen Format der WM?
„Ich finde es gut, dass Nationalmannschaften wie Haiti, Kap Verde oder Curaçao an so einem Turnier teilnehmen können. Leid tut es mir für die Fans, die wegen der Spiele in verschiedenen Ländern tief in die Tasche greifen müssen. Wahrscheinlich werden viele verzichten müssen. Die letzte Europameisterschaft in Deutschland war auch deshalb schön, weil die Menschen ohne übermäßige Ausgaben dabei sein konnten.“
Wie weit kann Österreich kommen?
„Wir wollen die Gruppenphase überstehen. Das ist sicher. Danach kann in K.-o.-Spielen alles passieren. Wir werden sehen, was passiert.“
Werder-Kapitän über Situation von Italiens Nationalmannschaft: „Ein harter Schlag“
Wie erklären Sie sich das Scheitern Italiens?
„Ich bin weit weg, es ist schwierig, das zu beurteilen. Aber es wirkt auf mich so, als gäbe es viel Unklarheit rund um die Nationalmannschaft. Eine Qualifikation zu verpassen kann passieren, aber drei in Folge sind für die Azzurri wirklich ein harter Schlag. Wir haben in Bosnien gespielt, und ich weiß, dass dieser Platz schwierig ist. Außerdem war das Spiel unglücklich: der Platzverweis, dann die Elfmeter. Ich wünsche Italien aber, dass es bald zurückkommt.“
Sie waren in der Vergangenheit einem Wechsel nach Italien nahe.
„Ja, aber es ist nicht wichtig, mit welchem Verein ich in Gesprächen war. Es gab Kontakte sowohl im Sommer als auch im Winter. Am Ende kam der Transfer nicht zustande, weil ich nicht zu 100 Prozent überzeugt war und weil sich auch die Vereine nicht vollständig geeinigt hatten. Ich bin aber Kapitän eines außergewöhnlichen Vereins, ich bin seit neun Jahren hier, und das zeigt, dass es mir gut geht. Ich weiß nicht, was in Zukunft passieren wird, aber wenn sich eine Gelegenheit ergibt, muss sie mich vollständig überzeugen. Ich möchte um etwas Wichtiges spielen, und ich hoffe, dass das mit SV Werder Bremen möglich ist.“
Was gefällt Ihnen am italienischen Fußball?
„Der Fußball an sich. Die Leidenschaft, die es gibt. Jede Mannschaft hat sehr leidenschaftliche Fans. Das Land ist außerdem schön. In der Serie A verfolge ich den AC Mailand. Ich habe das Team im Champions-League-Finale und in anderen wichtigen Spielen gesehen. Für mich ist das ein äußerst faszinierender Verein. Genau wie das ganze Land.“
Träumen Sie also davon, beim AC Mailand mit Rangnick zusammenzutreffen?
„Wenn die Rossoneri sich irgendwann für mich interessieren würden, würde ich auch ohne ihn hingehen. Aber im Ernst: Das ist alles sehr abstrakt. Ich konzentriere mich wirklich auf SV Werder Bremen und auf die Weltmeisterschaft, nicht auf einen möglichen Wechsel.“