Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies.
Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu.
Weitere Informationen
Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.
Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für
. Danach können Sie gratis weiterlesen.
Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.
Experten-Interview
ICE-Angst bei der WM: „Menschen sind traumatisiert und terrorisiert“
Hae-Lin Choi von der Organisation „Hands off New York“ beschreibt das Vorgehen der ICE-Agenten während der WM. Und ruft insbesondere den DFB auf, seiner Verantwortung gerecht zu werden.
Hae-Lin Choi (49) arbeitet seit diesem Jahr hauptberuflich für die Organisation „Hands off New York“, die Menschen dabei unterstützt, die von der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) verfolgt werden. Zuvor hatte sie für mehr zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Basis-, Gewerkschafts- und politischen Organisationsarbeit gesammelt.
Absolut hautnah. Absolut fundiert: Absolut Fussball berichtet für euch von der WM 2026. Unsere Reporter sind in Amerika vor Ort und versorgen euch mit News, Videos und exklusiven Einblicken.
Die Räumlichkeiten in der 23rd Street in Manhattan gegenüber vom Chelsea-Hotel sind voll von Transparenten, Flyern, Pfeifen und Visitenkarten. Viele Künstler beteiligen sich an den Aktionen, um den Protest hör- und sichtbar zu machen. Eingebunden sind Initiativen wie Team Wonder“, „No ICE In The Cup“, „Our Copa“ und „GOAL“, die alle dasselbe Ziel verfolgen: der Politik von Präsident Donald Trump die Stirn zu bieten.
Hands off New York wehrt sich gegen die „Methoden einer Diktatur“
Was ist die Aufgabe von „Hands off New York“?
Wir sind die größte Koalition in New York, die bei Angriffen der Trump-Regierung Widerstand leistet. Hinter uns stehen 250 Organisationen. Ein breites Spektrum von Gewerkschaften, gesellschaftlichen und religiösen Gruppen. Als wir vor einem Jahr zusammengekommen sind, hat Donald Trump das Militär erst nach Los Angeles, dann nach Washington und Chicago geschickt. New York stand vor der Bürgermeisterwahl, und es war klar, dass Zohran Mamdani, ein demokratischer Sozialist, der Moslem ist, alle Feindbilder der Regierung bedient. Wir wollten für den Fall gewappnet sein, dass das Militär hier einmarschiert.
Und dann?
Über den Winter hat sich herausgestellt, dass eher ICE (die Zoll- und Einwanderungsbehörde, Anm. d. Red.) zur Bedrohung wird, um besonders Migranten auf der Straße zu jagen. Wir waren uns mit den anderen Städten schnell einig, dass gegen solche Attacken eine lokale Organisation am besten hilft. Mit Hands off New York haben wir dieses Vakuum gefüllt. Als wir unser Statement veröffentlicht hatten, wurde am selben Tag mit Letitia James die Generalanwältin von New York von einer Grand Jury in Virginia wegen Bankbetrugs angeklagt. Das sind Methoden einer Diktatur.
Wer dieser Tage als WM-Tourist über die Straßen von Manhattan geht, kann sich schwer vorstellen, was hinter den Kulissen passiert.
Ich würde sagen, fast alle Menschen mit Migrationshintergrund sind traumatisiert, fühlen sich terrorisiert oder leben in Furcht. Denn ICE tritt in New York gewissermaßen wahllos auf: Sie können jederzeit überall auftauchen, selbst wenn man sein Kind nur zur Schule bringt. Wir hören über unsere Migrationsorganisationen von so vielen Familien, dass sie unterschwellig Panik schieben. Wir wissen von vielen Migranten, dass sie ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken. Restaurantbesitzer berichten, dass außerhalb von Manhattan viele nicht mehr zur Arbeit kommen, weil sie Angst haben, dort aufgegriffen zu werden.
Betrifft das nur die Leute, die sich unerlaubt im Land aufhalten?
Man sieht es ja in den Nachrichten, dass ab und zu auch US-Staatsbürger abgegriffen werden. ICE ist Racial Profiling erlaubt, und es besteht die Vorgabe von 3000 Festnahmen am Tag. Es werden immer wieder Leute verhaftet, die nicht illegal hier sind. ICE ist das aber egal.
Haben Sie eigentlich selbst Angst?
Ich bin erst letztes Jahr US-Staatsbürgerin geworden. Vor dem Flug nach Südkorea zu meiner Familie habe ich zwei Anwälte konsultiert. Im schlimmsten Fall hätte mir eine Abschiebung nach Deutschland gedroht. Das ist ein besseres Land als die USA – das fände ich jetzt nicht so schrecklich. Nur die Vorstellung, dass ich drei Monate irgendwo in einem Abschiebeknast rumhänge, würde mir Sorgen machen. Die Leute sind Freiwild. Das sind schlimme Geschichten.
Jeden Tag schauen Millionen Menschen die WM-Spiele und sehen meist fröhliche Menschen in vollen Stadien. Also eine Illusion der Realität?
Und man sieht es auch in einer Stadt wie New York zunächst nicht. Als ich mit Oke Göttlich (Präsident des FC St. Pauli, Anm. d. Red.) bei seinem Besuch in Williamsburg in einer Bar war, habe ich in einer Stunde drei Alarme bekommen, dass ICE schon wieder Leute in Queens und Brooklyn abgegriffen und in die lokalen Gefängnisse gebracht hat. Vor einer Woche hat erst der Grenzschutzbeauftragte Tom Homan dazu aufgerufen, noch mehr ICE-Agenten nach New York zu schicken. Es ist mit der WM 2026 eher mehr geworden. Nur mittlerweile kommt das gar nicht mehr in den Nachrichten vor. Es sei denn, jemand würde wie in Minneapolis erschossen.
ICE hat jetzt 22.000 Mitarbeiter und einen größeren Haushalt, als die meisten Länder für Militär ausgeben. Es gibt Milliarden Dollar Steuergeld, um Lager zu bauen, Überwachungsgeräte anzuschaffen und eigentlich nicht befähigte Leute einzustellen. Man hat den Eindruck, hier wird eine heimliche Armee aufgebaut. Wir wissen aus der deutschen Geschichte: Das nimmt kein gutes Ende.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) steht auf dem Standpunkt, sich nicht in die US-Tagespolitik einzumischen. Was würden Sie sich wünschen?
Vor allem das deutsche Team wäre wegen der historischen Parallelen gefordert. Für mich gibt es eine Verantwortung, das anzusprechen, was in diesem Land passiert. Ich bin ja mit der deutschen Geschichte aufgewachsen. Und wenn man jetzt sieht, wie Rechte bestimmter Gruppen ausgehebelt werden und Camps oder Lager errichtet werden, wo Leute verschwinden…
Die deutsche Mannschaft spielt am Donnerstag gegen Ecuador das dritte WM-Gruppenspiel in New York.
Aber diese Stadt mit mehr als acht Millionen Einwohnern ist eigentlich ein Geschenk an die Welt, weil hier Menschen von überall zusammenkommen. Amerika ist ja sonst nicht so divers, wie man denkt. Wir vertreten das Motto „New York is for all of us“. Es war und ist immer eine Stadt von Migranten: egal wo du herkommst, egal wie du aussieht. Eine WM könnte gerade hier das Zeichen setzen: Wir stehen alle zusammen.
Bei der WM 2022 in Katar hat der deutsche Fußball schlechte Erfahrungen mit politischen Botschaften gemacht. Welche Zeichen sollen kommen?
Ich fände es super, wenn es ein Statement oder eine Geste gäbe. Es kann auch ein Button „ICE out“ sein. Bei Preisverleihungen wie dem Oscar hat man so etwas von berühmten Schauspielern gesehen. Es kann aber auch was Positives sein. Wir haben genug Flaggen und Poster, die sich positiv über Migranten äußern. Vielleicht wäre es eine Idee, die im German House of Soccer aufzuhängen. Wir haben auch coole T-Shirts mit der Aufschrift „No ICE in the Cup“. Ich lade gerne die deutsche Mannschaft ein, sich eins anzuziehen (lacht). Nein, ich wäre schon happy, wenn irgendjemand nur diesen Button trägt.
Unwetter sorgt für Wasserschlacht: Die schönsten und skurrilsten Fan-Bilder der WM 2026
Gianni Infantino und Donald Trump spielen Doppelpass. Solche Statements könnten für den DFB auch das Verhältnis zur FIFA wieder gefährden.
Es spricht Bände, dass die Taktik der Einschüchterung offenbar wirkt. Das ist eine moralische Frage. Aber wenn man aus Deutschland kommt, muss man sich in der geschichtlichen Rückschau doch in den Spiegel schauen können: Was haben wir eigentlich damals gemacht, als mit ICE langsam der Faschismus auf den US-Straßen gestartet ist? Stellt man sich auf die Seiten des Autokraten? Möchte ein Land mit der Erfahrung eines totalitären Regimes sich vorhalten lassen, da nichts gesagt zu haben? Für mich ist das sehr klar: Faschismus startet nicht über Nacht. Faschismus startet leise und langsam.
Viele sagen: Fußball und Politik muss man trennen.
Diese WM ist auf jeden Fall politisch. Allein schon, weil schwarze und braune Fans, Teams und Schiedsrichter teilweise ausgegrenzt werden. Dabei zeigen doch gerade die hier gefeierten New York Knicks, die meines Wissens nur einen weißen Spieler im Team haben, dass es nichts Besseres gibt als den Sport, um Menschen aller Couleur zusammenzubringen.
Was macht „Hands off New York“ bei der WM?
Erstens: Wir stärken unsere Kampagne „Know your Rights“, um bei verschiedenen Events in ganz vielen Sprachen auf die Rechte aufmerksam zu machen. Wer nicht auf der Abschiebeliste steht, kann nicht in Handschellen abgeführt werden. Zweitens: Wir haben Tausende von Freiwilligen in der Stadt, denn wir wissen, ICE kann natürlich bei WM-Spielen in „little Ecuador“, „little Senegal“ oder „little Brasilien“, also den Communitys aus diesen Ländern, auftauchen. Da sind wir nervös. Wir würden dann sofort filmen, pfeifen, aufklären – und eine Pressekonferenz mit allen Politikern machen. Drittens: Über die Kampagne „Hands off our World Cup“, bei der sich das städtische Büro für Migrationsangelegenheiten beteiligt, machen wir auf die dunkle Seite aufmerksam. Aber es gibt noch unter „Our Copa“ eher spaßigen Events wie Watch Partys.
Zur Person
Hae-Lin Choi (49) wuchs als Tochter südkoreanischer Gastarbeiter in Bochum auf und promovierte an der Freien Universität in Berlin in Politikwissenschaften. 2001 begann sie in der Arbeiterbewegung der Deutschen Gewerkschaft Verdi, ehe sie über ein Stipendium 2008 in die USA ging, wo sie zuletzt als Gebietsdirektorin für Politik, Gesetzgebung und Mobilisierung für die Gewerkschaft Communications Workers of America (CWA) tätig war. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie in Brooklyn.
Gehen Sie eigentlich zu einem WM-Spiel?
Das kann sich ja keiner leisten. Unglaublich! Ich würde vielleicht nach Philadelphia gehen, aber von New York nach New Jersey zu gehen, klingt nach einem Albtraum. Das Spiel dauert 90 Minuten, aber dafür müsste ich ja anderthalb Tage freinehmen, um irgendwie hin- und wieder zurückzukommen.
Das Turnier geht noch fast einen Monat. Was würden Sie sich von dieser WM noch wünschen?
Dass Südkorea die WM gewinnt. ‚Finger crossed‘ (lacht). Nein, ich würde mir wünschen, dass man Diversität als Reichtum sieht – das Zusammenkommen von verschiedenen Ländern mit Teamspirit für ein sportliches Ziel. In einer Zeit, wo uns ständig gesagt wird, die, die anders aussehen, sind eine Gefahr oder Kriminelle. Diese Haltung wird ja nicht nur in den USA verbreitet, sondern in ganz vielen Teilen der Welt. Die WM ist eigentlich das Gegenteil: ein wunderschöner Anlass, um hervorzuheben, dass unterschiedliche Kulturen uns alle besser und stärker machen.