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Chaos statt Planungssicherheit

Regionalliga-Reform: Warum das Kompassmodell für Vereine so riskant ist

Fotos vom Hessenpokal-Halbfinale zwischen OFC und SG Barockstadt
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95 Kilometer liegen zwischen den Stadien der SG Barockstadt (links Leon Pomnitz) und des OFC (Johannes Brinkies). In einer Liga wären beide hessischen Teams nach dem Kompassmodell wohl nicht.

Das Thema „Regionalliga-Reform“ beschäftigt Fans, Verbände und Vereine zugleich. Torgranate-Redakteur Johannes Götze versucht in einer kommentierenden Analyse den Blickwinkel hessischer Clubs einzunehmen.

Die Debatte um die Regionalliga-Reform steuert auf einen Scheideweg zu. Während das Ziel – der direkte Aufstieg aller Meister – das große Versprechen an die Basis bleibt, droht der Weg dorthin gewachsene Strukturen zu zerreißen. Das vom DFB diskutierte „Kompassmodell“ erweist sich bei genauerer Analyse nicht als Lösung, sondern als massives Risiko für die sportliche und wirtschaftliche Stabilität der hessischen Vereine. Die einzig tragfähige Zukunft liegt im Regionenmodell.

Hinter dem technisch klingenden Namen „Kompassmodell“ verbirgt sich eine algorithmische Einteilung der Ligen, die das Prinzip der Planungssicherheit faktisch abschafft. Weil die vier Staffeln jedes Jahr auf Basis der Fahrtwege neu gewürfelt werden, herrscht bis tief in den Sommer hinein totale Ungewissheit. Erst Mitte Juni, wenn alle Lizenzierungsverfahren und sportlichen Entscheidungen bundesweit abgeschlossen sind, wüssten die Vereine, gegen wen sie in der nächsten Saison spielen. Ein einziger Lizenzentzug am anderen Ende der Republik könnte eine Kettenreaktion auslösen und die gesamte Einteilung verschieben. Für Klubs wie die SG Barockstadt bedeutet das: Die Kalkulation von Reisekosten, die Kaderplanung und die Akquise von Sponsoren werden zum riskanten Glücksspiel. Ein stabiles Wettbewerbsumfeld sieht anders aus.

Zudem droht eine schleichende „Drittligaisierung“. Das Modell sieht eine enorme Leistungsverdichtung vor, die den Vereinen von heute auf gleich professionelle Standards abverlangt. Diskutiert werden 20er-Staffeln, die nicht nur die Rahmenterminplanung sprengen, sondern auch teure Investitionen in die Infrastruktur – etwa Rasenheizungen – zur Pflicht machen könnten und deutschlandweit einheitlich sein müssten. Die bisherigen Anforderungen sind im Westen aber völlig andere als beispielsweise in Bayern.

Statement von Sportdirektor Patrick Schaaf (SG Barockstadt):

Der Sportdirektor der SG Barockstadt, Patrick Schaaf, blickt mit deutlicher Skepsis auf die aktuellen Pläne des DFB. Zwar unterstützt er die grundsätzliche Forderung, dass Meister aufsteigen sollen, mahnt jedoch an, dass die entsprechenden Konzepte bis zu Ende gedacht sein müssen – eine Qualität, die er beim Kompassmodell vermisst.

Besonders die massive Planungsunsicherheit steht für Schaaf im Fokus. Dass Vereine wie die Barockstadt bis Mitte Juni im Unklaren darüber gelassen würden, in welche Staffel sie sortiert werden, mache eine verlässliche Budgetplanung unmöglich. Vor allem die Reisekosten seien vorab nicht seriös zu kalkulieren, wenn die geografische Zuordnung jährlich am Reißbrett neu gewürfelt wird. Es mache einen massiven Unterschied, ob man beispielsweise sechs oder zwölf Übernachtungsfahrten kalkulieren müsse.

Ein weiterer Dorn im Auge ist Schaaf die drohende Entfremdung von der Region. Er warnt eindringlich davor, hessische Clubs durch den Algorithmus auseinanderzureißen. Derbys seien für Vereine und Fans unverzichtbar, doch das Kompassmodell nehme darauf keine Rücksicht. Zudem kritisiert er die unsicheren Zulassungsvoraussetzungen, die den Vereinen plötzlich hohe Hürden auferlegen würden und es beispielsweise Hessenligisten fast unmöglich mache, diese Auflagen zu erfüllen.

In der Frage der Gerechtigkeit nimmt Schaaf eine klare Position ein: Er erinnert daran, dass der Südwesten bereits 2018 solidarisch war und einen Aufstiegsplatz abgegeben hat. Nun sieht er die Regionalligen Bayern, Nordost und Nord in der Pflicht. Diese müssten nun ihrerseits Solidarität zeigen und aus ihren drei Ligen zwei bilden, um eine stabile und faire Lösung für den gesamten deutschen Fußball zu ermöglichen, ohne funktionierende Systeme wie den Südwesten zu gefährden.

Fußball lebt von regionaler Identität, doch der Algorithmus kennt keine Tradition. Er schaut nur auf die Landkarte. Es ist systemimmanent, dass gewachsene Strukturen – etwa im hessischen Verband – auseinandergerissen werden. Wenn Fahrtstrecken das einzige Kriterium sind, gibt es keine Garantie mehr für attraktive Lokalderbys. Die Gefahr ist groß, dass Vereine zu „Grenzgängern“ werden, die ihre angestammte sportliche Heimat verlieren. Das führt zwangsläufig zu sinkendem Faninteresse und macht es für regionale Sponsoren schwerer, sich langfristig an einen Verein zu binden. Insbesondere für hessische Clubs droht die Gefahr, fortan in vier verschiedenen Staffeln zu spielen. Beispielsweise Kassel im Norden, Steinbach Haiger im Westen, Barockstadt im Osten und der OFC im Süden.

Angesichts dieser systemischen Mängel kann die Empfehlung nur lauten: Zurück zur Vernunft, hin zum Regionenmodell. Hier bleiben die Regionalligen West und Südwest in ihrer bewährten Form bestehen. Die notwendige Reduzierung von fünf auf vier Staffeln muss dort stattfinden, wo sie strukturell hingehört: durch den Zusammenschluss der Verbände Nord, Nordost und Bayern zu zwei neuen Ligen.

Dies ist vor allem eine Frage der historischen Fairness. Die Regionalliga Südwest hat ihren Solidaritätsbeitrag längst geleistet. Zur Saison 2012/2013 wurde der Teilung des Regionalverbands Süd zugestimmt, um überhaupt eine fünfgleisige Regionalligastruktur zu ermöglichen. 2018 wurde zudem ein potenzieller Aufstiegsplatz aufgegeben, bis dato hatte die Regionalliga Südwest zwei Relegationsplätze statt eines direkten Aufstiegsplatzes. Bereits zweimal ist die Regionalliga Südwest somit in Vorleistung getreten und hat sich solidarisch gezeigt. Zudem wurden durch die Regionalliga Südwest GmbH in den vergangenen Jahren massive Investitionen in die Professionalität der Strukturen getätigt.

Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum ein funktionierendes System wie der Südwesten nun für die strukturellen Probleme in anderen Landesteilen geopfert werden sollte. Das Regionenmodell ist bereits erfolgreich erprobt, bietet dauerhafte Stabilität und schützt das, was den Amateurfußball ausmacht: Identität und Tradition. Es ist an der Zeit, dass die anderen Regionen ihren Teil der Verantwortung übernehmen, damit eine faire, viergleisige Regionalliga ohne algorithmisches Chaos und mit Aufstiegsrecht für alle Meister möglich wird.

SG Barockstadt empfängt SGV Freiberg

Im Heimspiel gegen den SGV Freiberg (Samstag, 14 Uhr) kann Trainer Daniyel Cimen wieder auf Hans Nunoo Sarpei bauen, der seine Gelbsperre abgesessen hat. Zum Zünglein an der Waage im Aufstiegsrennen der Regionalliga Südwest wird die SG Barockstadt indes wohl nicht mehr. Gegner Freiberg um die Ex-Barockstädter Leon Petö, Gal Grobelnik und Marius Köhl hat die vergangenen vier Spiele verloren und sich damit eigenhändig aus dem Traum von der 3. Liga gerissen. Neun Punkte beträgt der Rückstand auf die SG Sonnenhof Großaspach, der bereits ein Punkt gegen die U23 des FSV Mainz 05 für die Meisterschaft reichen würde – und sogar verlieren dürfte, wenn die SGB Schützenhilfe leistet.

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