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Baumgart-Wut nicht gerechtfertigt

Rekordserien des FC Bayern gerissen: Warum das Remis bei Union völlig normal war

Nach 16 Pflichtspiel-Siegen gewann der FC Bayern erstmals in dieser Saison nicht. Reflexartig wird nach Erfolgsrezepten des Gegners gesucht. Die Erklärung ist jedoch simpel. Ein Kommentar.

Berlin / München - Der FC Bayern hat den Saisonstart-Europarekord (Top-Fünf-Ligen als Maßstab) des AC Milan aus der Saison 1992/93 mit zwölf Pflichtspielsiegen um sage und schreibe vier Erfolge überboten, auf den Podestplätzen befinden sich noch Borussia Dortmund (2015/16) und Real Madrid (1968/69) mit je elf Siegen. Der Vereinsrekord des Rekordmeisters stammte bis zu dieser Spielzeit aus 1984/85 und 2012/13 mit „nur“ neun Siegen. Allein schon die genannten Vereine und die Dimension der Rekordverbesserung zeigt das Außergewöhnliche der Siegesserie der Kompany-Bayern.

Kampfspiel, dichtmaschige Union-Abwehr: Harry Kane & Co. taten sich in Berlin-Köpenick sehr schwer.

Mit dem letztendlich leistungsgerechten 2:2 bei Union Berlin endete die Serie, der Bundesliga-Startrekord von Pep Guardiolas Bayern aus der Saison 2015/16 wurde um einen Sieg verpasst. Eigentlich könnte man es sich nun ganz einfach machen und behaupten, dass jede außergewöhnliche Serie früher oder später reißen wird bzw. muss. Geht aber nicht, denn zahlreiche Experten haben schon Gründe für die „gefühlte Bayern-Pleite“ (Maßstab Erfolgserwartung) geliefert.

Liga-Auswärtsspiel nach Champions-League-Woche immer schwierig

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der als Trainer nicht in Ansätzen so erfolgreich wie als Spieler gewesen war, warf Vincent Kompany gar ein „Vercoachen“ vor, weil dieser nach der kräftezehrenden Partie bei Paris Saint-Germain (2:1) nicht mehr rotiert hatte. Andere sehen die gute taktische Einstellung von Union-Trainer Steffen Baumgart und die perfekte Umsetzung seiner leidenschaftlich kämpfenden Truppe auf dem Spielfeld als Hauptgrund. Harry Kane dagegen gefielen viele kleine Entscheidungen des Schiedsrichter-Gespanns und vor allem der sehr schlechte Zustand des Köpenicker Rasens überhaupt nicht. Tatsächlich ist die „Krautacker-Taktik“ gegen technisch überlegene Gastmannschaften immer schon ein gerne genutzter Heimvorteil gewesen.

Versuchen wir es aber doch einmal mit einem anderen Ansatz, der in früheren Fußballzeiten sehr häufig als Erklärung diente: Ligaspiele, vor allem auswärts, sind (speziell) nach (erfolgreichen) Europapokalschlachten meist besonders schwierig. Konzentrieren wir uns dabei diesmal auf die ersten 24 Mannschaften der aktuellen Champions-League-Tabelle.

Neuer-Bock, Pfiffe – und zwei Geniestreiche: Bayern gegen Union in der Einzelkritik

Manuel Neuer: Wurde lange nicht gefordert und lenkte dann einen strammen Schuss von Leverkusens Tella stark am Tor vorbei (52.). War da, wenn man ihn brauchte. Note: 2
Manuel Neuer: Lief diesmal ganz in rosa auf und hatte in diesem Outfit ordentlich zu tun. Hatte Glück, dass der erste Ball, der hinter ihm im Netz zappelte, aus Abseitsposition dorthin geraten war (9.). In der 27. aber war es dann wirklich passiert – und unschuldig war Neuer nicht am 1:0, im Gegenteil. Der Ball von Doekhi flutschte dem 39-Jährigen regelrecht durch die Hände. 99 von 100 dieser Bälle hat er. Bitter. Danach wieder auf der Höhe. Note: 5 © IMAGO/Jerry Andre
Konrad Laimer: Hatte auf der linken Seite viel Offensivdrang. Defensiv zudem tadellos. Note: 2
Konrad Laimer: Hatte diesmal viel nach hinten zu tun und sah früh Gelb (15.). Bereitwillig gingen Unions Offensivmänner danach mit ihm in jedes Duell. Allen voran Ansah stellte den tapfer kämpfenden Österreicher immer wieder vor Probleme. Note: 4 © IMAGO/Ulrik Pedersen/DeFodi Images
Dayot Upamecano: Ließ zu Beginn die Chance aufs 1:0 liegen, verteidigte dafür fehlerfrei und gewann mit seinen aggressiven Tacklings zahlreiche Bälle. Note: 2
Dayot Upamecano: Weil Union früh störte, war der Druck auf die Innenverteidigung hoch. Upamecano war aber auch in seiner Funktion als Abwehrchef gefordert und klärte gleich mehrere Unioner Angriffe. Note: 3 © IMAGO/Markus Fischer
Jonathan Tah: Entschied die wichtigen Duelle für sich und hielt Leverkusens Stürmer souverän in Schach. Note: 3
Jonathan Tah: War als Aufbauspieler gebraucht und blockte den ersten schnellen Vorstoß von Union in höchster Not (8.). War zudem bei jedem Ballkontakt mit Pfiffen aus der Unioner Kurve konfrontiert (alte Geschichte aus Leverkusener Vergangenheit). Gegen den umtriebigen Upamecano neben sich fiel er ab. Note: 4 © IMAGO/Michael Weber IMAGEPOWER
Josip Stanisic: Hinterlief immer wieder Olise und schaffte so zusätzliche Anspielstationen. Blieb defensiv konzentriert. Note: 3
Josip Stanisic: Hatte auf der linken Abwehrseite mächtig zu tun und stand nicht immer nah genug am Mann. Dass sein eigentlich zu weit geratener Pass auf Luis Diaz plötzlich ein Assist zum Ausgleich wurde, war auch eher Glück. Wurde mit fortschreitender Spieldauer sicherer. Note: 4 © IMAGO/STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
Joshua Kimmich: Verteilte die Bälle im Mittelfeld und hielt außerdem das Zentrum vor der Abwehr dicht. Note: 2
Joshua Kimmich: War sichtlich bemüht, das Geschehen in diesem schweren Auswärtsspiel an sich zu reißen – das gelang in der ersten Halbzeit schwer, in der zweiten besser. Brachte nötige Ruhe ins Spiel, konnte aber die Unioner Führung auch nicht verhindern. Note: 3 © IMAGO/Noah Wedel
VfB Stuttgart - FC Bayern München
Leon Goretzka: Rückte nach dem 2:1 in Paris für Aleksandar Pavlovic in die Startelf – die einzige Änderung in der Startformation. Konnte nach vorne wenige Akzente setzen und leistete sich den einen oder anderen Ballverlust. Insgesamt ausbaufähig. Note: 4 © IMAGO/Noah Wedel
Michael Olise: Zog immer wieder in die Mitte und suchte den Abschluss, war dabei aber oft zu eigensinnig. Blieb dadurch ineffektiver als zuletzt. Note: 4
Michael Olise: War 30 Minuten lang so gut wie gar nicht zu sehen, ehe er mal beherzt von rechts nach innen zog – und abgefangen wurde. Insgesamt kam in der zweiten Halbzeit mehr, aber immer noch zu wenig. Verursachte außerdem den Freistoß, der zum 2:1 führte. Note: 5 © IMAGO/Frank Hoermann/SVEN SIMON
Fussball Supercup Saison 2025/2026 VfB Stuttgart - FC Bayern Muenchen
Serge Gnabry: Mit gewohntem Stirnband, aber diesmal offenem Wuschelhaar unterwegs. Es wehte vor allem in der Rückwärtsbewegung durch die Alte Försterei, weil nach vorne erstmal wenig ging. In aussichtsreichen Aktionen nicht gedankenschnell genug. Hat schon deutlich bessere Tage erlebt. Note: 5 © IMAGO/Markus Ulmer
Luis Diaz: War zwar offiziell nicht am Führungstor beteiligt und hatte mit einem genialen Moment doch großen Anteil: Diaz ließ die Flanke gedankenschnell durch seine Beine und bewies damit seine Extraklasse. Ansonsten einer der Aktivposten im Angriff, ihm gelang das erlösende 2:0 in der Nachspielzeit. Note: 1
Luis Diaz: Hatte bereits früh eine Unterredung mit dem Schiedsrichter, weil er gerne einen Elfmeter bekommen hätte. Man sah ihm den Frust über den Spielverlauf in der ersten Halbzeit früh an – aber die Antwort war phänomenal: Rettete einen Ball, der eigentlich schon aus war und drosch ihn von der linken Seite aus spitzem Winkel hoch in die Maschen. Ein Treffer der Marke Tor des Monats (37.). Das 2:1 allerdings vergab er sieben Minuten später alleine vor Rönnow. Trotzdem Bayerns wichtigster Mann, bis Union final zuschlug. Note: 3 © IMAGO/Noah Wedel
Harry Kane: Scheiterte in der Anfangsphase noch per Lupfer, markierte dann aber nach 22 Minuten das wichtige 1:0 und schloss trocken ab. Hatte vor und nach der Pause sogar noch Chancen aufs 2:0, die er jedoch ausließ. Darüber hinaus fungierte Kane aber als wichtiger Taktgeber in der Offensive, weil er seine Stürmerrolle gewohnt mitspielend interpretierte. Note: 2
Harry Kane: Nahm den ersten Unioner Versuchen mit beherztem Defensivspiel den Schwung – und bekam auf dem Weg nach vorne mehrfach auf die Knochen. In vielen Aktionen überlegte er zu lange, ein vermeintlicher Treffer zum 2:1 war kurz vor der Halbzeit Abseits. Agierte fast ausschließlich im Mittelfeld und war dann auch noch am 2:1 direkt beteiligt: Klärte die Ecke direkt auf den Oberschenkel von Deokhi. Gut, dass er höchstselbst zurückschlug und in der Nachspielzeit zum 2:2 traf. Note: 3 © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Wolfgang Frank
Lennart Karl: Einwechslung in der 68. Minute, feierte somit sein Bundesligadebüt – ohne Bewertung.
Lennart Karl: Kam in der 59. Minute für Serge Gnabry und sorgte für deutlich mehr Schwung. Note: 3 © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Jenni Maul
Aleksandar Pavlovic: Schaltete sich häufig nach vorn ein und überzeugte mit Offensivläufen in den gegnerischen Strafraum. Note: 3
Aleksandar Pavlović: Kam in der 80. für Leon Goretzka. Ohne Bewertung. © IMAGO/Allstar Picture Library Ltd
GER, FC Bayern Muenchen vs. Tottenham Hotspur, Fussball, Telekom Cup, Testspiel, Saison 2025/2026, 07.08.2025
Tom Bischof: Kam in der 80. Minute für Konrad Laimer. Ohne Bewertung. © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Jenni Maul
Nicolas Jackson: Ohne Einsatz im Kader.
Nicolas Jackson: Kam in der 88. für Josip Stanisic. Ohne Bewertung. © IMAGO/Ulrich Wagner
02.08.2025, Fussball Testspiel, FC Bayern - Olympique Lyon
Minjae Kim: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Bernd Feil/M.i.S.
Franz Beckenbauer Supercup 2025 Supercup VfB Stuttgart - FC Bayern Muenchen 1 : 2 am 16.08.2025 in Stuttgart
Sacha Boey: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Laci Perenyi
VfB Stuttgart - FC Bayern München
Jonas Urbig: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Revierfoto
Leon Klanac: Ohne Einsatz im Kader.
Leon Klanac: Ohne Einsatz im Kader. © IMAGO/Mladen Lackovic
Jamal Musiala: Glänzte mit viel Spielfreude im Offensivzentrum, ließ sich immer wieder fallen und dribbelte von dort Löcher in Leverkusens Abwehr. Legte den Ball beim 1:0 präzise zurück, sodass Kane freistehend einschieben konnte. Bester Münchner Angreifer. Note: 1
Jamal Musiala: Nicht im Kader. © IMAGO/David Klein
CALCIO
Raphaël Guerreiro: Nicht im Kader. © IMAGO/STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL
Franz-Beckenbauer-Supercup 2025, VfB Stuttgart - FC Bayern München; 16.08.2025
Sven Ulreich: Nicht im Kader. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Goldberg
Wisdom Mike: Ohne Einsatz im Kader.
Wisdom Mike: Nicht im Kader. © IMAGO/Markus Ulmer
Alphonso Davies: Ohne Einsatz im Kader.
Alphonso Davies: Nicht im Kader. © IMAGO/JOERAN STEINSIEK
Hiroki Ito: Ohne Einsatz im Kader.
Hiroki Ito: Nicht im Kader. © DeFodi/Imago

14 dieser 24 Teams, die mit ihrer aktuellen Platzierung direkt für das Achtelfinale (Top-8) oder die Zwischenrunde (9 bis 24) qualifiziert wären, mussten am Wochenende in der Fremde antreten. Lediglich vier von ihnen konnten gewinnen, fünf spielten unentschieden, fünf verloren sogar. Auch beim FC Arsenal, dem FCB-Gegner beim nächsten CL-Topspiel Erster gegen Zweiter in zwei Wochen, rissen beim 2:2 bei Aufsteiger Sunderland zwei überragende Serien: Zuvor zehn Pflichtspielsiege in Serie, davon die letzten acht (seit Ende September) sogar ohne Gegentor.

Real Madrid konnte im „kleinen Lokalderby“ bei Rayo Vallecano nicht gewinnen (0:0), Nick Woltemade verlor mit Newcastle United mit 1:3 bei Brentford, Galatasaray Istanbul musste bei Kocaelispor die erste Schlappe in der Süper Lig hinnehmen (0:1). Napoli verlor mit dem 0:2 in Bologna die Tabellenführung in der Serie A, der FC Brügge war nach dem 3:3-Coup gegen Barcelona nicht mehr fit genug in der heimischen Liga und verlor bei RSC Anderlecht (0:1). Die 0:3-Pleite des FC Liverpool bei Manchester City spiegelt dagegen die derzeitigen Kräfteverhältnisse wider. Übrigens die einzige Paarung am Wochenende zwischen CL-Teilnehmern.

Nicht so grimmig, Herr Baumgart!

Zuhause taten sich die Top-24 der CL-Tabelle hingegen wesentlich leichter: 7 Siege – 1 Unentschieden – 2 Niederlagen. Diese fielen allerdings recht deutlich aus: Der Europa-League-Gewinner 2023/24 Atalanta Bergamo kam gegen Sassuolo mit 0:3 unter die Räder, AC Monaco (ohne Eric Dier) mit 1:4 gegen Lens.

Union-Coach Steffen Baumgart hat sich nach der Partie gegen Bayern fürchterlich über die VAR-Millimeter-Entscheidung beim vermeintlichen Führungstreffer durch Ilyas Ansah aufgeregt. Joshua Kimmich konterte den Vorwurf mit der richtigen Erkenntnis, dass Abseits unter Einsatz des VAR eben eine Schwarz-Weiß-Entscheidung sei. Dabei möchte man den emotionalen Berliner Trainer auch gerne erinnern, dass er sich bei den Spielansetzungen auch einmal bei der DFL bedanken könnte. Zum zweiten Mal in Folge bekamen die Köpenicker den FCB nach einer harten CL-Auswärtspartie (im März 2:0 in Leverkusen) serviert.

Warum es dem FC Bayern nicht gelungen ist, den Rekord auf 17 Siege auszubauen, dafür gibt es sehr viele Gründe. Wie sein damaliger Vertreter Jonas Urbig im März patzte nun auch Manuel Neuer in der Alten Försterei entscheidend, beide hatten zuvor überragend in der Champions-League gehalten. In der Fußball-Historie war das 2:2 zwischen Union Berlin und dem FC Bayern jedenfalls ein insgesamt „völlig normales Unentschieden“. Denn sehr selten gewinnt man nach einem Auswärts-Topspiel in der CL auch ein schwieriges Auswärtsspiel in der Bundesliga, das gilt auch für die Premier League, LaLiga, die Serie A und die Ligue 1.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Taeger

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