Riesige Baustellen
FCB-Abwehr liegt in Trümmern: Was sind Vincent Kompanys Optionen?
Dem FC Bayern sind innerhalb von vier Tagen drei wichtige Abwehrspieler für das anstehende Saisonfinale weggebrochen. Kann das kompensiert werden?
München - Nach dem souveränen 2:0-Sieg im Champions League Achtelfinal-Rückspiel in Leverkusen, welcher dem FC Bayern einen in der Klarheit nie erwarteten Gesamtscore von 5:0 beschert hatte, waren die Erwartungen für den Saisonendspurt auf Seiten des Rekordmeisters riesengroß. Nicht einmal das nachfolgende ernüchternde 1:1 im Bundesliga-Duell bei Union Berlin konnte daran etwas ändern. Ein Schönheitsfehler, kein Malheur.
Länderspielverletzungen schocken den Rekordmeister
Die Länderspielpause und das erste BL-Spiel danach verwandelten jedoch die gewaltige Euphoriewelle in eine noch größere Ernüchterung: Alphonso Davies fällt mit einem Kreuzbandriss für mindestens ein halbes Jahr aus, Dayot Upamecano wurde wegen eines im Knie festgestellten Knorpelschadens ebenso operiert, Ausfalldauer wohl auch mindestens zwei Monate, möglicherweise sogar wesentlich länger. Beide zogen sich diese Verletzungen bei ihren Nationalteams zu.
Und weil der mit den Ausfällen verbundene Schock offenbar noch nicht groß genug war, zog sich Hiroki Ito, der japanische Neuzugang des FC Bayern, der zuvor schon ein halbes Jahr mit einem Mittelfußbruch ausgefallen war, langsam wieder in Schwung kam, grundsätzlich die Positionen beider Langzeitverletzten einnehmen kann, im darauffolgenden BL-Spiel gegen den FC St. Pauli erneut dieselbe Blessur zu. Ein Desaster.
Kompanys geballte Probleme
FCB-Coach Vincent Kompany steht nun vor gewaltigen Problemen: Gerade Davies ist auf seiner Position als Linksverteidiger quasi nicht zu ersetzen. Nach längerer sportlicher Durststrecke war er auf dem Weg zurück zu seinem Niveau als Weltklassespieler. Upamecano war in dieser Saison bislang der Abwehrchef, bildete meist zusammen mit Minjae Kim ein überragendes Innenverteidiger-Duo. Sein Aufbauspiel kann niemand in Kompanys Team nur ansatzweise ersetzen, seine gestochen scharfen Pässe sind Weltklasse. Ito wäre ein guter Back-Up für beide gewesen.
Hatten sich die Bayern nach den Ausfällen von Davies und Upamecano noch kämpferisch gezeigt - „haben genügend Qualität in unserem Kader, es darf aber nicht mehr viel passieren“ - war die Ernüchterung nach Itos Fußbruch doch sehr spürbar. Schon das BL-Spiel gegen St. Pauli hatte gezeigt, wie sehr der gesamte Abwehrverbund verwundbar ist. Der fünfmalige Welttorhüter Manuel Neuer muss aktuell zusätzlich durch den 21-jährigen Winterzugang Jonas Urbig ersetzt werden.
Schwachstelle linker Verteidiger
Auf der linken defensiven Außenbahn reißt der Ausfall von Alphonso Davies eine gewaltige Lücke. Der 24-jährige Kanadier fiel schon einmal nach dem Feyenoord-Spiel wochenlang aus: Weder der portugiesische Nationalspieler Raphaël Guerreiro noch der junge Marokkaner Adam Aznou, der aktuell zum LaLiga-Verein Real Valladolid ausgeliehen ist, konnten ihn nur ansatzweise ersetzen. Hiroki Ito deutete nach seinem Comeback zumindest an, dass er dazu auf seine Weise fähig wäre, fällt nun aber ebenso erneut monatelang aus.
Sasha Boey und Josip Stanišić, beide Rechtsverteidiger, haben in dieser Saison auch schon auf dieser Position gespielt, konnten dabei aber wenig überzeugen. Während der kroatische Nationalspieler, ein FCB-Eigengewächs, auf seiner Stammposition oder möglicherweise auf der rechten Innenverteidigerposition als Münchner Zukunftshoffnung gilt, wartet man beim Franzosen immer noch auf den Beweis, dass er tatsächlich die Qualität besitzt, um sich beim Rekordmeister durchzusetzen.
Eine außergewöhnliche, aber aufgrund seiner Athletik und Dynamik nicht unwahrscheinliche Lösung wäre es, Leroy Sané als linken Schienenspieler in einer Fünferkette nach hinten zu ziehen.
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In der Innenverteidigung fehlt der Chef
In der laufenden Saison war zwar der südkoreanische Nationalspieler Minjae Kim der Vielspieler im Münchner Abwehrverbund, der Chef war aber der französische Vize-Weltmeister Dayot Upamecano. Robust im Zweikampf, für seinen massiven Körperbau sehr antrittsschnell und technisch versiert. In der laufenden Spielzeit noch ohne die früher üblichen „Aussetzer“, insgesamt Prädikat Weltklasse. Leider der einzige FCB-Innenverteidiger in dieser Kategorie.
Minjae Kim, im Sommer 2023 als bester Defensivspieler der Serie A an die Säbener Straße gekommen, hat grundsätzlich auch dieses Potenzial, vielleicht ein kleines bisschen weniger als Upamecano, befindet sich aber seit vielen Wochen - weil auch „Dauerbrenner“ - nicht im besten körperlichen Zustand. Die Achillessehne zwickt seit Monaten, nun plagt ihn wohl auch eine Erkältung und der Rücken. Man kann nur hoffen, dass dies bei der Dauerbelastung gut geht.
Eric Dier - solide, aber keine Kompany-Wunschlösung
Der frühere englische Nationalspieler Eric Dier ist bei den Fans sehr beliebt, nicht zuletzt wegen seines klaren Bekenntnisses zum Verein, spielt äußerst solide. Er ist aber keineswegs der Fels in der Brandung, wenn sein Nebenmann in der Innenverteidigung, wie zuletzt Minjae gegen St. Pauli, nicht in Topform spielt. Dann wackelt auch der 31-Jährige Brite. Probleme mit der Grundgeschwindigkeit und im Aufbauspiel hat er sowieso, war deswegen auch länger bei Kompany außen vor und galt lange Zeit als sicherer Sommerabgang. Dagegen könnte er nun aber genügend Argumente sammeln.
Auch Stanišić kann in der rechten Innenverteidigung spielen, ist aber wohl auf der Seite außen besser.
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Rechts hinten: Keine Qualitätseinbuße, aber auch keine offensichtliche Stärke
Auf der rechten defensiven Außenbahn bleiben dem FCB-Chefcoach grundsätzlich alle Optionen. Anders als in der deutschen Nationalmannschaft ist dort Joshua Kimmich unter Kompany aber ganz offensichtlich keine Option.
Die meisten Einsätze auf dieser Position konnte in dieser Saison der österreichische Nationalspieler Konrad Laimer verbuchen. Der ist aber eigentlich ein sogenannter Sechser. Dass er sich dennoch hinten rechts mehr oder weniger festgespielt hat, lag an den lange Zeit mangelnden Alternativen. Der Ex-Campus-Spieler Stanišić könnte diese grundsätzlich sein, in der Nations League hat er dem französischen Superstar Kylian Mbappé abermals das Leben schwer gemacht. Hoffentlich erreicht er nun zum Saisonfinale seine Bestform.
Keine wirkliche Option, auch perspektivisch, scheint der 24-jährige Franzose Sasha Boey zu sein. Aus der Not heraus wurde er im Januar 2024 für 30 Millionen Euro von Galatasaray Istanbul verpflichtet. Zunächst dauerverletzt kann er bislang auch im fitten Zustand nicht ansatzweisen beweisen, warum die FCB-Verantwortlichen damals so viel Geld für ihn ausgegeben haben.
Die Alternativen
Formschwach, angeschlagen, möglicherweise nicht auf FCB-Niveau - die Attribute der aktuellen bayerischen Abwehrspieler. Das klingt derzeit wenig erfolgsversprechend. Besitzt Vincent Kompany noch andere Alternativen?
Die Nachwuchskräfte vom Campus sind es sicherlich nicht. Seit einigen Jahrgängen spielen die Hochtalentierten dort eher in der Offensive oder sind aktuell - Aznou - ausgeliehen.
Als Innenverteidiger könnten wohl auch - im äußersten Notfall - die Mittelfeldrecken Leon Goretzka und João Palhinha aushelfen. Groß und robust genug wären beide auf alle Fälle. Der deutsche Nationalspieler hat das beim FCB schon einmal im Pokal - allerdings bei einem unterklassigen Gegner - souverän getan, der portugiesische wohl bereits auch einmal in seiner Nationalelf. Allerdings strotzt Palhinha nach einer bislang für ihn eher suboptimal verlaufenen Saison nicht gerade voller Selbstvertrauen.
Kann es die Offensive richten?
Die Bayern-Defensive kommt in der nun entscheidenden Saisonphase leider tatsächlich auf dem Zahnfleisch daher. Sehr bitter, denn vor wenigen Wochen sah es nahezu optimal aus.
Dagegen kann die Offensive fast aus dem Vollen schöpfen - und es gilt im Fußball auch immer noch die Regel: Wenn du vorne ein Tor mehr erzielst als du hinten bekommst, gewinnst du. Das Phrasenschwein füllen die Bayern sicher gerne bis zum Rand, tritt dies jetzt im Saisonfinale regelmäßig ein.
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