Vor 25 Jahren
Mit Vier-Minuten-Meister S04 – das verrückteste Saisonfinale des FC Bayern
Der FC Bayern hat die abgelaufene Bundesligasaison vom ersten Spieltag an dominiert. Das absolute Kontrastprogramm dazu hatte die Spielzeit 2000/01 geliefert.
Am 19. Mai 2001 erlebte die Bundesliga das dramatischste Finale ihrer Geschichte – am Ende jubelten die Bayern und Schalke versank in einem einzigen Tränenmeer. Dabei hatte man schon gedacht, dass am vorletzten Spieltag, welcher bereits an Dramatik kaum zu überbieten gewesen war, die (Vor-)Entscheidung gefallen wäre. Der Reihe nach …
Rückblickend betrachtet war die Saison 2000/01 trotz des herausragenden Finales – Deutsche Meisterschaft und erster Königsklassen-Triumph nach 25 langen Jahren des Wartens – eine vor allem in der Bundesliga äußerst mäßige des FC Bayern. Am Ende gewann der deutsche Rekordmeister seine 17. Deutsche Meisterschaft mit lediglich 63 Punkten und 62:37 Toren.
Eine emotionale, verrückte, sportlich eher schwache FCB-Saison
19 Bundesligasiegen standen satte neun (!) Niederlagen gegenüber. Nur 1993/94 hatte man – umgerechnet in die 3-Punkte-Regelung – eine schwächere Bilanz als Bundesligameister. 32 Mal war man – zumeist ganz klar – besser. Zum anschaulichen Vergleich die gerade abgelaufene Spielzeit: Vincent Kompanys Bayern stehen bei 89 Punkten und sagenhaften 122:36 Toren. Sie haben damit fast genau doppelt so viele Tore wie vor 25 Jahren erzielt. Selbst die distanzierten Dortmunder (73 Punkte) und Leipziger (65) haben mehr Punkte als Hitzfelds CL-Sieger eingefahren.
Es war damals insgesamt eine FCB-Bundesligasaison mit vielen emotionalen Spielen, vielen Enttäuschungen. Das beste Spiel war wohl der grandiose 6:2-Heimspielsieg in der Vorrunde gegen den BVB, der lange Zeit auch um den Titel mitspielte und am Ende Dritter wurde.
Abwehrschlacht in Unterzahl im Westfalenstadion
Das Rückspiel in Dortmund, das Samstagabendspiel des 28. Spieltags am 7. April 2001, geriet zur Schlacht: Die Bayern führten früh durch Roque Santa Cruz (6.), Fredi Bobic glich kurz nach der Halbzeit aus. Es gab eine Unmenge an Gelben Karten, vor allem für Bayernspieler. Bixente Lizarazu musste bereits früh (35.) mit Gelb-Rot vom Platz, Stefan Effenberg folgte nicht so viel später (55.) mit glatt Rot.
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Es war in der 2. Halbzeit eine Abwehrschlacht, bei einem Freistoß an den Innenpfosten kurz vor Spielende hatten die Bayern großes Glück, die anschließende Jubelgeste von Oliver Kahn mit dem vom Pfosten abgeprallten Ball in der Hand war wohl die Szene des Spiels. Das lange Zeit in doppelter Überzahl spielende Dortmund zeigte sich am Ende entnervt und deprimiert – so musste auch Evanilson kurz vor Spielende nach einer Tätlichkeit vom Platz.
Der FC Bayern bereits aus dem Meisterrennen?
Zwar als moralischer Sieger dieses 1:1-Unentschiedens, aber personell arg geschwächt, traten die Bayern eine Woche später gegen den Zweiten Schalke 04 an: Der Jubel im ausverkauften Olympiastadion über Carsten Janckers frühes 1:0 dauerte nur kurz an: Ebbe Sand erschoss die Bayern mit einem Hattrick fast im Alleingang: Diese 1:3-Heimniederlage schien die Vorentscheidung in der Meisterschaft zuungunsten des FCB zu sein.
Die nächsten drei Spiele gewannen die Bayern. Jedoch geriet die Bundesliga angesichts einer scheinbaren Fokussierung auf die Champions League etwas in den Hintergrund. Dass die Bayern am 32. Spieltag zwischen den beiden CL-Halbfinalspielen gegen Real Madrid (1:0; 2:1) durch ein spätes Santa-Cruz-Kopfball-Tor beim Tabellen-Vierten Leverkusen mit 1:0 gewannen, nahm man so lediglich wohlwollend zur Kenntnis.
Drama Teil 1 – 33. Spieltag
Vor dem 33. Spieltag war Schalke 04 in der besseren Ausgangssituation im Meisterschaftsrennen: Zwar punktgleich mit den Bayern, aber zum einen mit dem besseren Torverhältnis ausgestattet, zum anderen mit dem scheinbar leichteren Restprogramm: in Stuttgart und gegen Unterhaching, beide tief im Abstiegskampf.
Die Bayern trafen an jenem Spieltag auf den 1. FC Kaiserslautern. Die Pfälzer waren im vorderen Mittelfeld platziert, aber in München immer ein unangenehm zu bespielender, höchst motivierter Gegner. Das Spiel begann aus Bayernsicht katastrophal – 0:1 durch Lokvenc nach gerade einmal fünf Minuten. Mit diesem Spielstand ging es auch in die Halbzeitpause. In Stuttgart stand es zu dem Zeitpunkt zwischen dem VfB und S04 0:0.
Nach der Pause starteten die Bayern einen Sturmlauf – das 1:1 durch Jancker in der 56. Minute war die Belohnung. Trotz großer Überlegenheit verkrampften die Bayern im weiteren Spielverlauf deutlich sichtbar, das erlösende 2:1 wollte nicht fallen. Die Schalker schienen das in Stuttgart mitbekommen zu haben, und es gab im damaligen Neckarstadion wohl lange so etwas wie einen Nicht-Angriffs-Pakt. Die Gelsenkirchener wären bei diesen Spielständen als Tabellenführer in den letzten Spieltag gegangen.
Das Blatt wendet sich
In beiden Stadien brach die letzte Spielminute an – und plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Der unmittelbar zuvor eingewechselte Alexander Zickler brachte die Bayern mit einem fulminanten Volley-Nachschuss mit 2:1 in Führung. Legendär dabei sein Torjubel: Zuerst schien er nicht zu kapieren, was er gerade „angestellt“ hatte, dann „explodierte“ er förmlich.
Fast zeitgleich schoss in Stuttgart Krassimir Balakow die Schwaben gegen immer passiver werdende Schalker ebenfalls in Führung. Die frohe Kunde erreichte das Olympiastadion rasend schnell – die Arena glich sofort einem Tollhaus. Kurz darauf Schlusspfiff in beiden Arenen – die Bayern waren gefühlt bereits Deutscher Meister – lethargische Schalker am Boden.
Dass das alles noch einmal getoppt werden konnte, konnte an jenem strahlenden Nachmittag im Münchner Olympiastadion niemand erahnen …
Drama Teil 2 – drei Schauplätze
Wie es der Mannschaft in der folgenden Woche vor der finalen Partie in Hamburg ging, ist nicht bekannt, bei den Bayernfans ging auf alle Fälle das große Zittern los: Was ist, wenn man die Meisterschaft in Hamburg doch noch verspielt? Die Euphorie nach dem Lautern-Spiel verwandelte sich schrittweise in eine gewaltige Nervosität. Die Leistungen von Hitzfelds Team in der Bundesliga waren während der gesamten Saison zu schwankend, als dass man sich wirklich sicher sein konnte.
Dennoch schien die Meisterschaft an jenem 34. Spieltag der Saison 2000/01 frühzeitig zugunsten der Bayern entschieden zu sein – und die Bayern taten gar nichts dafür! Die SpVgg Unterhaching – unfassbar, nach 2000 (Leverkusen!) schon wieder die Münchner Vorstädter – ging auf Schalke sehr früh mit 2:0 in Führung.
Schalke musste nun schon drei Tore schießen, um bei einer gleichzeitig notwendigen Niederlage der Bayern noch Meister werden zu können. Die Hachinger hätten sich durch diesen Sieg noch vom 16. Platz lösen können, der damals – es gab keine Relegation – noch den direkten Abstieg bedeutete. Dafür durfte aber Energie Cottbus nicht in München bei den Löwen gewinnen.
Aber genau das passierte: Die Ostdeutschen gingen früh bei ziemlich uninspirierten Sechzigern in Führung. Nicht ausgeschlossen, dass dies damals nicht wenige Löwenanhänger sogar freute – mit einem Streich konnte man beide ungeliebten Lokalrivalen stark ärgern bzw. sogar ins Unglück stürzen…
Permanente Wendungen im Meisterschaftsfinale
Schalke glich kurz vor der Halbzeit per Doppelschlag gegen U´haching aus. In Hamburg stand es noch 0:0. Das Meisterschaftsrennen war wieder vollkommen offen. Jeweils ein Tor „auf der falschen Seite“ und Schalke wäre Deutscher Meister.
Aber die Spielvereinigung lebte noch und gab sich längst nicht auf: Abermalige Führung auf Schalke in der 69. Minute! Löwen und Bayern blieben zeitgleich passiv. Würden die Bayern denselben Fehler begehen wie Schalke eine Woche zuvor, nur auf das Ergebnis beim Titelkonkurrenten hoffen?
Dann traf ausgerechnet der Ex-Löwe Jörg Böhme mit einem weiteren Schalker Doppelschlag (73.; 74.) die Hachinger tief ins Herz – das Spiel war damit entschieden, Unterhaching auch ob der ausgebliebenen Schützenhilfe der Löwen demoralisiert und chancenlos. Dass einige Minuten zuvor Carsten Jancker in Hamburg zur 1:0-Führung der Bayern traf, welche aber – zu Unrecht – wegen einer angeblichen Abseitsstellung des Münchner Stürmers aberkannt wurde, ging schon damals unter und weiß heute fast niemand mehr.
Die Schlussphase: Drama pur
Das Drama nahm seinen Weg. Noch war Bayern Meister. Großes Zittern in Hamburg, Ebbe Sands 5:3 für S04 in der 89. Minute geriet zur Randnotiz.
Und dann köpfte Sergej Barbarez in der 90. Minute den HSV mit 1:0 in Führung. Der Jubel in Hamburg und auf Schalke war unendlich – es stellte sich die Frage, wer mit diesem Treffer eigentlich Deutscher Meister geworden wäre: der HSV oder S04?
Die Bayern am Boden – Oliver Kahns „Weiter, immer weiter!“ schien in diesem Moment nur eine hohle Phrase zu sein, sein aufmunternder Schubser für Sammy Kuffour eine wertlose Geste …
Schalke für vier Minuten, Bayern „auf ewig“ Meister
Während man in Gelsenkirchen fälschlicherweise den legendären „Vier-Minuten-Meister“ feierte, bahnte sich in Hamburg der letzte Teil des Meisterschaftsdramas seinen Weg. Die Bayern warfen noch einmal alles nach vorne – und dann kam ihnen tief in der Nachspielzeit ein Lapsus des HSV-Keepers zu Hilfe.
Schober (mit S04-Historie!) nahm einen Rückpass mit den Händen auf, anstelle ihn per Fuß auf die Tribüne zu jagen. Indirekter Freistoß im HSV-Strafraum, ungefähr zehn Meter vor dem Tor, halblinke Position. Die absolut letzte Hoffnung der Bayern, doch noch Meister zu werden.
Ganz Fußball-Deutschland hielt über eine Minute lang den Atem an. Denn so lange dauerte es, bis der Freistoß endlich ausgeführt werden konnte. Kahn wühlte sich durch den Hamburger Strafraum, musste von Willy Sagnol „gebändigt“ werden. Als dann Patrik Andersson den Ball tatsächlich zum 1:1 durch eine Vielzahl an Beinen hindurch ins kurze Eck schoss, war der „Vulkan“ schon wieder in seiner Hälfte – und feierte legendär mit der Eckfahne.
Tränen und grenzenloser Jubel
Dies war der passende Schlussakkord in einem verrückten Meisterschaftsrennen – der Jubel der Bayern kannte keine Grenzen. Die sich vier Minuten lang bereits als Meister feiernden Schalker versanken dagegen in einem Tränenmeer – und konsternierte Hamburger mussten frenetisch feiernden Bayern bei der Schalenübergabe zuschauen. Ein unfassbares Meisterschaftsfinale – heute vergisst man, dass es mehrere Akte hatte…
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