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Kommentar zu Neuers „Albtraum“

Warum Neuers CL-Negativrekord sehr viel mit Respekt zu tun hat

Manuel Neuer befand sich beim spektakulären 4:5 des FC Bayern im CL-Halbfinale bei PSG in einer ungewohnten „Zuschauerrolle“. Warum Hohn ihm gegenüber absolut unangebracht ist.

Der fünffache Welttorhüter Manuel Neuer muss sich im Halbfinalhinspiel der Champions League im Pariser Parc des Princes wie im falschen Film vorgekommen sein: Die spektakuläre Partie wurde schnell in die Liste der besten Königsklassen-Duelle aller Zeiten aufgenommen – viele, auch Beteiligte, sprechen vom besten Fußballspiel, das sie je erlebt haben. Nur der Bayern-Kapitän nahm an dem rasanten Match auf Weltklasse-Niveau quasi nicht teil, musste sogar fünfmal hinter sich greifen. Der 40-Jährige verließ in seiner Karriere so häufig das Spielfeld als Held, in Paris wurde er zum tragischen Rekordhalter der Wettbewerbsgeschichte.

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Denn seit Beginn der detaillierten Datenerfassung im Jahr 2010 ist es tatsächlich einmalig in einem K.-o.-Spiel der Königsklasse, dass ein Keeper mindestens fünf Gegentore kassierte, ohne dabei einen einzigen Schuss abgewehrt zu haben. Neuer nahm seinen eigenen Albtraum etwas konsterniert, aber auch mit professioneller Sachlichkeit zur Kenntnis. So resümierte er nach der Partie: „Man hat die Tore gesehen. Da ist es schwer, einen zu halten. Zweimal war es sehr knapp. Das sind Weltklasse-Spieler, das muss man klar sagen.“

Spott respektivlos – Negativrekord auch aus Respektsgründen

Wie in der heutigen (nicht nur) Fußballwelt üblich, musste der Weltmeister von 2014 dafür gerade in den Sozialen Netzwerken viel Hohn und Spott erleiden – und dies, obwohl alle fünf PSG-Treffer in die Rubrik „für den Keeper unhaltbar“ einzuordnen waren. Sollte er am Ende des Wettbewerbs zum dritten Mal nach 2013 und 2020 den Henkelpott in seinen Händen halten – und daran dann wahrscheinlich auch wieder entscheidenden Anteil wie in Wembley 2013 und in Lissabon 2020 haben, dürfte ihm dieser Negativrekord allerdings herzlich egal sein.

Denn er selbst weiß ohnehin, warum er im gesamten Spiel keinen Schuss, keinen Kopfball fangen, fausten, zur Seite abwehren oder mit dem Fuß klären konnte: Die Spieler des CL-Titelverteidigers verschwendeten keine Energie auf Distanzschüsse, zu welchen häufig völlig unterlegene Gegner – teilweise aus schlichter Verzweiflung – zurückgreifen müssen.

Die unfassbare Trophäensammlung von Manuel Neuer

Am 19. August 2006 feierte Neuer beim 1:0 gegen Aachen sein Bundesliga-Debüt für den FC Schalke 04. Zuvor sorgte er schon im Jugendbereich für Aufsehen und gewann mit der B-Jugend die Meisterschaft sowie mit der A-Jugend den Pokal.
Am 19. August 2006 feierte Neuer beim 1:0 gegen Aachen sein Bundesliga-Debüt für den FC Schalke 04. Zuvor sorgte er schon im Jugendbereich für Aufsehen und gewann mit der B-Jugend die Meisterschaft sowie mit der A-Jugend den Pokal. © Team 2 / Imago Images
Der erste größere Titel folgte 2009. Mit der U21 des DFB schnappte sich Neuer den EM-Pokal, im Finale gab‘s ein 4:0 gegen England. Ebenfalls mit dabei: Die späteren Weltmeister Mesut Özil, Mats Hummels und Sami Khedira.
Der erste größere Titel folgte 2009. Mit der U21 des DFB schnappte sich Neuer den EM-Pokal, im Finale gab‘s ein 4:0 gegen England. Ebenfalls mit dabei: Die späteren Weltmeister Mesut Özil, Mats Hummels und Sami Khedira. © Ulmer / Imago Images
Bevor Neuer nach der Saison 2010/11 zum FC Bayern ging, durfte er mit seinem Jugendklub aus Gelsenkirchen noch einen Titel bejubeln. Im DFB-Pokalfinale wurde der MSV Duisburg mit 5:0 bezwungen.
Bevor Neuer nach der Saison 2010/11 zum FC Bayern ging, durfte er mit seinem Jugendklub aus Gelsenkirchen noch einen Titel bejubeln. Im DFB-Pokalfinale wurde der MSV Duisburg mit 5:0 bezwungen. © DeFodi / Imago Images
Das blieb natürlich nicht sein einziger Triumph im DFB-Pokal. Aktuell steht der langjährige DFB-Schlussmann bei sechs Pokalsiegen, seine weiteren fünf holte er mit dem FCB (Stand: vor der Saison 2024/25).
Das blieb natürlich nicht sein einziger Triumph im DFB-Pokal. Aktuell steht der langjährige DFB-Schlussmann bei sieben Pokalsiegen. (Stand: nach der Saison 2025/26). © Poolfoto / Imago Images
Noch einmal häufiger streckte der Keeper den Supercup in die Höhe. Mit dem deutschen Rekordmeister gewann Neuer bis dato sieben Mal die Trophäe.
Noch einmal häufiger streckte der Keeper den Supercup in die Höhe. Mit dem deutschen Rekordmeister gewann Neuer bis dato acht Mal die Trophäe. © motivio / Imago Images
Alleine für seine Bundesliga-Schalen braucht der Torhüter einen eigenen Trophäenschrank. Unfassbare elf Mal gewann Neuer mit den Münchnern die höchste deutsche Spielklasse.
Alleine für seine Bundesliga-Schalen braucht der Torhüter einen eigenen Trophäenschrank. Unfassbare 13 Mal gewann Neuer mit den Münchnern die höchste deutsche Spielklasse. © Michaela Merk / Imago Images
Auch in der Champions League hinterließ Neuer seine Spuren. Sowohl 2013 gegen den BVB als auch 2020 gegen PSG hatte er mit dem FCB im Endspiel das bessere Ende auf seiner Seite.
Auch in der Champions League hinterließ Neuer seine Spuren. Sowohl 2013 gegen den BVB als auch 2020 gegen PSG hatte er mit dem FCB im Endspiel das bessere Ende auf seiner Seite. © Poolfoto UCL / Imago Images
Im Anschluss an die CL-Siege holten Neuer und der FC Bayern auch beide Male den UEFA Supercup. 2020 schlug man Sevilla mit 2:1, sieben Jahre zuvor war der FC Chelsea fällig (5:4 n. E.).
Im Anschluss an die CL-Siege holten Neuer und der FC Bayern auch beide Male den UEFA Supercup. 2020 schlug man Sevilla mit 2:1, sieben Jahre zuvor war der FC Chelsea fällig (5:4 n. E.). © Sven Simon / Imago Images
Als CL-Sieger reisten die Münchner 2014 und 2021 zur FIFA Klub-WM und siegten jeweils. Natürlich mit dabei: Manuel Neuer.
Als CL-Sieger reisten die Münchner 2014 und 2021 zur FIFA Klub-WM und siegten jeweils. Natürlich mit dabei: Manuel Neuer. © Xinhua / Imago Images
Den wohl größten Erfolg seiner Karriere feierte Neuer im Sommer 2014. In Brasilien kürte sich Deutschland mit einem 1:0 nach Verlängerung gegen Argentinien zum Weltmeister, der Keeper nahm im Turnierverlauf eine Schlüsselrolle ein.
Den wohl größten Erfolg seiner Karriere feierte Neuer im Sommer 2014. In Brasilien kürte sich Deutschland mit einem 1:0 nach Verlängerung gegen Argentinien zum Weltmeister, der Keeper nahm im Turnierverlauf eine Schlüsselrolle ein. © HJS / Imago Images
Insbesondere seine Performance beim 2:1 im Achtelfinale über Algerien bleibt unvergessen. Völlig zurecht gab‘s noch die Auszeichnung zum besten Keeper der WM.
Insbesondere seine Performance beim 2:1 im Achtelfinale über Algerien bleibt unvergessen. Völlig zurecht gab‘s noch die Auszeichnung zum besten Keeper der WM. © MIS / Imago Images
Darüber hinaus hagelte es noch weitere individuelle Auszeichnungen. 2011 und 2014 wurde er Fußballer des Jahres in Deutschland. Zudem wurde Neuer fünf Mal IFFHS-Welttorhüter des Jahres und 2020 FIFA Welttorhüter des Jahres. Im Jahr des WM-Sieges landete er bei der Abstimmung zum Ballon d‘Or hinter Lionel Messi udn Cristiano Ronaldo auf Rang drei.
Darüber hinaus hagelte es noch weitere individuelle Auszeichnungen. 2011 und 2014 wurde er Fußballer des Jahres in Deutschland. Zudem wurde Neuer fünf Mal IFFHS-Welttorhüter des Jahres und 2020 FIFA Welttorhüter des Jahres. Im Jahr des WM-Sieges landete er bei der Abstimmung zum Ballon d‘Or hinter Lionel Messi und Cristiano Ronaldo auf Rang drei. © Bernd Müller / Imago Images

Wenn der Keeper im gegnerischen Kasten eine große Klasse aufweist, verzichten Angreifer von Top-Vereinen häufig bewusst auf Schüsse aus größerer Entfernung. Das passiert aus großem Respekt vor dessen Leistungsvermögen – wie bei Manuel Neuer in Paris. Übrigens auch, als Weltfußballer Ousmane Dembélé in der ersten Halbzeit kläglich allein vor einem sich breit machenden Neuer vergab.

So gab Paris Saint-Germain in der gesamten Partie tatsächlich nur zwölf Schüsse ab, davon zehn innerhalb des Strafraums – fünf davon kamen aufs Tor: darunter ein gut geschossener Elfmeter von Dembélé und zwei Bälle, die am Innenpfosten landeten, einer sogar verdeckt durch die Beine von Dayot Upamecano. PSG war im Ausnutzen seiner Torgelegenheiten extrem effektiv, man kann das gerne auch als „Weltklasse“ definieren, hatte dabei aber auch eine gehörige Portion „Dusel“.

Bayern-Niederlage war nicht Neuers Schuld

Auch die Bayern versuchten es fast ausschließlich aus Positionen innerhalb des Strafraums, nämlich bei neun von zehn Torschüssen. Erstaunliche acht davon gingen auf das Tor von Matvey Safonov, bekanntermaßen landeten aber „nur“ vier im Netz. Nach dem xGoals-Wert, dem Maßstab für die zu „erwartenden Tore“ („expected goals“), hätten die Bayern sogar gewinnen können, eher sogar müssen: 3,06 zu 1,90. Der FCB-Wert in Paris war übrigens sogar besser als der beim 2:1-Sieg bei Real Madrid (2,91 zu 2,20). Beide Werte stammen aus der kicker-Datenbank.

Für Manuel Neuer wird es dennoch nur ein schwacher Trost sein, dass er nun in der Königsklasse neben vielen Bestwerten – nicht zuletzt mit 62 die meisten „weißen Westen“ – nun auch diesen „Respekt-Negativrekord“ hält. Im Rückspiel in der Allianz Arena wird er sicherlich alles daran setzen, sich den Respekt wieder mit dem zu verdienen, was ihn zum fünfmaligen Welttorhüter gemacht hat: mit überragenden Paraden.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Dave Winter/Shutterstock

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