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XXL-Geburtstags-Interview
Rummenigge exklusiv: „Die wildesten Partys habe ich mit Bayern gefeiert“
An diesem Donnerstag wird Karl-Heinz Rummenigge 70 – Zeit für ein Gespräch. Im XXL-Geburtstags-Interview spricht der Ex-Boss des FC Bayern über früher, heute und morgen.
München – Bester Laune erscheint Karl-Heinz Rummenigge zum Geburtstags-Interview in einem Grünwalder Café. Warum auch nicht? Wer mit 70 Jahren so zufrieden auf Tore, Titel und Transfers zurückblicken kann, hat vieles richtig gemacht im Leben. Ein Gespräch über das Älterwerden, Generationenfragen – und den FC Bayern der Zukunft.
Herr Rummenigge, zum Geburtstags-Interview ist wichtig zu wissen: Schauen Sie gerne zurück?
Ich schaue gerne zurück, weil ich zufrieden bin und glücklicherweise auch noch ein sehr gutes Gedächtnis habe. Außerdem finde ich es wichtig, zu reflektieren. Auch ich habe Fehler gemacht, so wie alle Menschen. Für mich ist aber das Entscheidende im Leben, keinen zu wiederholen. Das ist mir weitgehend gelungen.
Haben Sie Probleme mit „Runden“ – oder ist für Sie jedes gelebte Jahrzehnt mehr Erfahrung?
Altersweise und altersmilde bin ich geworden. (lacht) Und ich lache nicht mehr, wenn mir jemand zum Geburtstag „gute Gesundheit“ wünscht. Trotzdem kann ich aus voller Überzeugung sagen: Mir geht’s gut! Ich bin soweit noch fit und ich habe kein Problem mit dem Älterwerden.
Welcher „Runde“ war denn der wildeste?
Ehrlich gesagt habe ich die schönsten und wildesten Partys immer mit Bayern München nach großen Siegen gefeiert. 2013 in London, 2020 in Lissabon. Bei runden Geburtstagen hingegen bin ich immer weggefahren. Die letzten beiden Male waren wir in Italien. Und dieses Jahr feiere ich gemeinsam mit meiner Enkelin Nala, die am 24. September 16 wird. Das macht mich stolz!
Helge Schneider ist vor ein paar Wochen 70 geworden – und er sagt: „Man hat die Chance, ein Leben lang cooler zu werden.“ Können Sie das unterschreiben?
Man wird im Alter etwas ruhiger, außer man heißt Uli Hoeneß, dann wird man unruhiger (lacht). Aber Spaß beiseite, auch zu ihm habe ich heute, nach 50 gemeinsamen Jahren, das beste Verhältnis, das wir je hatten.
Weil es gewachsen ist?
Ja. Und weil ich ihn verstehe. Ich kenne ihn auf allen Ebenen, als Mitspieler, als Manager, als Präsident, als Aufsichtsratsvorsitzender. Wir haben uns zwischendurch sehr gefetzt. Aber er will nur eins: einen erfolgreichen FC Bayern, der solide seriös finanziert ist und Freude macht. Dabei muss man ihn unterstützen. Das hat er sich mit seiner Lebensleistung verdient. Uli ist anders, als viele in der Öffentlichkeit denken und extrem hilfsbereit.
Er äußert seine Bedenken aber auf andere Art, als Sie es tun. Offensiver.
Das stimmt. Er scheut die Öffentlichkeit nicht, wenn man so will. Aber er wird mir manchmal zu Unrecht kritisiert. Jede seiner Aussagen wird auf die Goldwaage gelegt, um zu polarisieren und polemisieren. Ich habe nie einen Menschen erlebt, der mehr geleistet hat für den FC Bayern als Uli.
Matthäus nur der Letzte: Fehden von Uli Hoeneß haben beim FC Bayern lange Tradition
Ich möchte mich nicht hervorheben, sondern lieber die ganze Truppe um Franz (Beckenbauer/d. Red.), Karl (Hopfner/d.Red.), Uli und mich. Dieses Gespann war einmalig, ein wirklich verschworener Haufen. Selbst wenn wir unterschiedliche Interessen hatten, wurde so lange diskutiert, bis eine Entscheidung da war. Nie, wirklich nie, hat sich hinterher einer hingestellt und gesagt: „Ich habe es euch doch gleich gesagt.“
Also steht und fällt der Erfolg auch mit dem Teamgeist der handelnden Personen?
Für mich war immer entscheidend, dass der FC Bayern stabil bleibt. In den vergangenen 20 Jahren haben wir jede Krise gemeinsam gemeistert – und dabei lernt man die Menschen kennen, auf die man sich wirklich verlassen kann: Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl Hopfer, später Herbert Hainer oder Jan-Christian Dreesen. Sie alle sind loyal und standen bereit, wenn es darauf ankam, und hatten stets das Wohl des Clubs im Sinn.
Fehlt ein Franz?
Nicht ein Franz, sondern DER Franz. Diese Lockerheit, diese Lässigkeit. Wenn es Streit gab, hat Franz gesagt: „Genug jetzt! Jetzt spielen wir Karten!“ Dann wurde Weißbier getrunken, dann wurden Ulis Würstel gegessen, dann war’s wieder gut. Da sage ich selbst ich als alter Ost-Westfale: besser ging’s nicht. Und auch was er manchmal nach Spielen gesagt hat, gerne mit einem Lachen im Gesicht: Man hat’s ihm nie übel genommen. Heute wäre das etwas völlig anderes.
Weil sich die Typen geändert haben oder die Zeiten?
Beides. Die Medienwelt hat sich durch Social Media enorm verändert. Ich frage mich: Was soll daran eigentlich sozial sein? Diese Geschwindigkeit hat zu einer Oberflächlichkeit geführt, die ich sehr bedauere.
Kann man sich frei machen vom Gedanken „früher war alles besser“?
Ja! Denn es war nicht alles besser, es war nur alles anders. Was mir nicht gefällt: Alles hat sich ein Stück weit radikalisiert. Alle meckern mehr – egal ob im Sport oder in der Gesellschaft. Das werden wir aber nicht ändern, auch wenn wir darüber schimpfen. Man muss sich anpassen.
Rummenigge: „Wir altern schon anders als unsere Eltern“
Eine Studie hat ergeben, dass die Mehrheit Ihrer Gleichaltrigen sagt: 70 ist das neue 50.
Mit 50 war ich auf jeden Fall fitter (lacht). Und morgens, wenn ich aufstehe, fühlt sich die Muskulatur nicht mehr so an wie früher. Auf Anraten von Jupp Heynckes mache ich drei Mal pro Woche Stabilitäts-Übungen. Dazu fahre ich Fahrrad. Ohne E, wohlgemerkt! Aber es ist schon etwas dran: Wir altern anders als unsere Eltern.
Die Liste Ihrer Mit-Jubilare ist lang: Fangen wir an mit Kevin Costner.
Ein guter Typ und einer meiner Lieblings-Schauspieler. Außerdem sieht er gut aus!
Papst Leo XIV.
Obwohl er auch 70 ist: Ein junger Papst! Ich traue ihm zu, die verkrusteten Strukturen aufzulockern.
Marianne Rosenberg.
Sie war ja schon sehr jung erfolgreich, und ich erinnere mich, mein Vater und ich sind zu einem Fußballspiel gegangen und wurden mit nach Schalke genommen, da war ich fast noch ein Kind. Der Fahrer hatte eine Marianne-Rosenberg-Kassette. Ich fand sie gut, aber nach 1:30 Stunde Fahrtzeit konnte ich es nicht mehr hören (lacht).
Was hat Sie eigentlich mehr geprägt: Lippstadt – oder München?
Beides. Meine wunderbare Kindheit möchte ich nicht missen, mein tolles Jugend-Team. Aber 47 Jahre München haben schon auch viele Spuren hinterlassen.
Die Beatles – oder die Rolling Stones?
Die Beatles, die fand ich eleganter. Diese langen Haare! Neulich habe ich ein Foto von mir aus der damaligen Zeit gesehen und mich gefragt, ob ich den Frisör noch im Nachhinein verklagen kann.
Vorbild Johan Cruyff – oder Franz Beckenbauer?
Menschlich Franz, fußballerisch Johan. Ihn, den Erfinder dieser ganz modernen Spielweise, wollte ich sogar mal zu Bayern holen. 1996. Er hat geschmunzelt und gesagt: „Ihr kommt ein bisschen zu spät.“ Schade! Das wäre ein spannendes Experiment gewesen.
Harmonie – oder doch Streit bis aufs Blut?
Beides. Harmonie ist immer gut. Aber Streitkultur ist ein wichtiges Gut. Als ich mit Uli gestritten habe, musste sogar einmal der Schreiner kommen und den Türrahmen neu einsetzen. Aber es war immer zum Wohle des Vereins. Nie, weil wir Probleme miteinander hatten.
Dabei sind Sie unterschiedliche Typen. Können Sie besser ruhig bleiben?
Ich bin stur, Uli auch, Herbert Hainer ebenso. Ich lese zwar die Zeitung, blättere aber weiter – und denke mir: Jetzt leben wir mal in den Tag hinein. Man muss da entspannt bleiben. Das ist auch mein Rat an jüngere Kollegen.
Das hört sich so leicht an.
Ich habe es immer so gehalten, und als ich aufgehört habe, schien die Sonne auch sehr hell. Wir hatten sieben Titel gewonnen, die Finanzen waren trotz Corona in Ordnung. Danach haben wir – das muss man auch selbstkritisch sagen – etwas zu viel Geld ausgegeben. Als ich vor zwei Jahren zurückkam, habe ich mich beim Blick auf die Finanzen ehrlich gesagt ein bisschen erschrocken und gesagt: „Leute, wenn wir so weitermachen, laufen wir in ein finanzielles Problem hinein.“
Ihr Wort wurde erhört.
Unsere neue Philosophie beinhaltet auch Sparen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, uns von den Engländern auf dem Transfermarkt treiben zu lassen. Und im Übrigen auch nicht von den Medien. Wir haben unsere DNA! Und die kann man nicht kaufen! Wir machen den Irrsinn nicht mit!
Rummenigge ist überzeugt: „Werden weiterhin Erfolg haben.“
Zulasten des Erfolges?
Ich bin überzeugt, dass wir weiterhin Erfolg haben werden. Wenn ich mir die erste Elf anschaue, muss ich sagen: Wir haben keinen Schwachpunkt! Dass der Kader etwas kleiner geworden ist, sehe ich sogar als Vorteil. Wenn ich einen Jungen wie Lennart Karl sehe, macht mir das einfach nur Spaß, da geht doch jedem Bayern-Fan das Herz auf. Warum soll ich dem für 80 Millionen Euro jemanden vor die Nase setzen?
Auch Sie kamen jung – und durften spielen.
Als ich zu Bayern kam, hat halb Lippstadt gesagt, der packt das nie. Also habe ich geackert. Als Franz mich als „Bratwurst“ bezeichnet hat, hat mich das so angestachelt, dass ich wie ein Wahnsinniger trainiert habe. Dreimal am Tag, im Urlaub. Ich bin Franz noch heute dankbar dafür. Als ich in den Vorstand kam, hat mir das auch nicht jeder zugetraut. Aber ich war neugierig und ehrgeizig. Und ich wollte jede Chance nutzen.
61 Titel allein mit dem FC Bayern sind dabei rausgekommen. Eine Typ- oder Generationenfrage?
Meine Generation kommt aus bescheidenen Verhältnissen. Man hat Spaß an der Arbeit gehabt. Und wir Fußballer waren doch ohnehin in einer sehr glücklichen Lage, wir durften an der frischen Luft arbeiten, wurden dafür schon damals gut bezahlt – und am Samstag kamen 80.000 ins Stadion. Was willst Du denn mehr?
Was wären Sie denn heute wert?
Ich habe mal gelesen: 150 Mio. Euro. Da musste ich schlucken. Vielleicht stimmt es in der Relation, aber das ist natürlich eine Spielerei und stammt wie gesagt nicht von mir.
Sie hatten nach der Karriere nicht ausgesorgt, sondern waren bereit für die zweite Karriere.
Deshalb ist es auch schwieriger, die neue Generation für einen Job im Club zu begeistern. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass jeder, der mal Fußball gespielt hat, denkt, er kann auch Manager sein. Du hast einen Startvorteil, aber mehr auch nicht. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich neben Karl Hopfner gesessen habe, um zu lernen. Man muss dazu bereit sein, das Herzblut haben. Ich setze eine gewisse Hoffnung in Thomas Müller. Der ist so ein Typ, der kann das schaffen.
Was wären Sie ohne den FC Bayern?
Viel, viel ärmer. Aber nicht nur wegen der Finanzen, sondern vor allem an Erfahrung und Erlebnissen.
Es heißt, Sie ziehen sich zurück, wenn das „richtige Team“ gefunden ist.
Der FC Bayern war immer am erfolgreichsten, wenn es in der Führungsetage Kontinuität gab. Der operative Bereich muss laufen. Bei Max Eberl ist wichtig, dass er sich mit den Ratschlägen, die er hin und wieder von Uli oder auch von mir bekommt, auch positiv auseinandersetzt. Es ist noch nicht alles erledigt, aber wir sind wieder auf einem guten, richtigen Weg angelangt.
Wird der Moment kommen, bis Sie 80 sind?
Davon gehe ich aus. Ob er bei Uli und mir gleichzeitig kommt, weiß ich nicht. Aber irgendwann werden wir sagen: Hier sind die Schlüssel, jetzt muss jemand anderes das Tor aufsperren.
Was soll bis dahin noch passieren?
Dank meiner Frau habe ich eine wunderbare Familie. Und die will ich genießen. Es gibt ja nichts Besseres, als Opa zu sein. Spielen, fernsehen, dann Schnitzel mit Pommes und hinterher ein Eis. Wenn die heimkommen, sagen sie immer: „Bei Opa ist’s am besten.“