Deutscher Clásico
13 Jahre Dominanz: Der FC Bayern hat sein Trauma besser überwunden als der BVB
Der FC Bayern empfängt Borussia Dortmund zum Topspiel. Seit 13 Jahren liegen die Roten in der Bundesliga vor den Schwarzgelben. Das hat seine Gründe.
München – Am Samstag steigt der deutsche Clásico in der Allianz-Arena. Der FC Bayern trifft auf Borussia Dortmund. Auch wenn die Münchner als Tabellenerster Borussia Dortmund auf Platz acht mit 28 Punkten Vorsprung empfangen, birgt die Partie zumindest etwas Brisanz:
Kovač kehrt mit dem BVB zurück in die Allianz-Arena
Trainer Niko Kovač wurde mit dem FC Bayern 2018/19 Double-Sieger. Nun coacht er den BVB und kann mit einem Sieg indirekt das Titelrennen zwischen den Münchnern und Bayer 04 Leverkusen (sechs Punkte Differenz) nochmal spannend machen.
Ansonsten aber hat der BVB seine Rolle als nationaler Erzrivale Nummer eins des FC Bayern schon längst verloren. Nadelstiche wären in den vergangenen Jahren möglich gewesen, aber selbst die möglichen Meistertitel 2018/19 (zeitweise sieben Punkte Vorsprung) und 2022/23 (Tabellenführer vor dem letzten Spieltag) verspielte Dortmund kläglich.
Dortmund gewann 2012 das Double
Das war in den Spielzeiten 2010/11 und 2011/12 noch anders. 2011 wurde der BVB mit Trainer Jürgen Klopp überraschend deutscher Meister. Der noch größere Coup folgte aber 2012: Dortmund verteidigte die Meisterschaft und gewann auch noch das DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern mit 5:2.
Für den deutschen Rekordmeister war es wohl das größte sportliche Trauma im neuen Jahrtausend. Kein Team zuvor hatte die Münchner so distanziert und teilweise blamiert. Außer Dortmund holte kein Bayern-Rivale im neuen Jahrtausend zweimal in Folge die Meisterschaft.
FC Bayern besiegt BVB 2013 in der Champions League
Gepaart mit der Niederlage im „Finale dahoam“ befanden sich die Münchner in einer tiefen sportlichen Krise.
Die Bayern hätten daran zerbrechen können. Doch es folgte eine Serie von elf deutschen Meisterschaften am Stück, dazu der prestigeträchtige Sieg gegen den BVB im Champions-League-Finale 2013.
Seit 2012/13: Bayern hat über 200 Punkte mehr als BVB geholt
In der Bundesliga hat der FC Bayern seit der Saison 2012/13 bis heute insgesamt 207(!) Punkte mehr geholt als Dortmund. Unfassbar! Auf die Saison umgerechnet sind das im Schnitt rund 16 Punkte Vorsprung – oder fünf Siege und ein Remis mehr pro Spielzeit!
Aber wie hat der FC Bayern das geschafft? Ein Kernelement der Münchner, das oft nicht erwähnt wird, ist der Mut auf dem Transfermarkt. Der FC Bayern besitzt viel Geld, er ist aber auch immer bereit, es zu investieren. Mal in Topstars, mal in Talente.
Und wenn etwas schiefgeht, ist er bereit, schnell Veränderungen vorzunehmen, während andere Klubs noch ein paar Wochen oder Monate darauf hoffen, dass es einfach so besser wird.
Trainer beim FC Bayern müssen schnell um ihren Job fürchten
Diese leistungsbezogene Strategie gilt im Besonderen für die Trainerposition. Die Münchner trauern zwar immer noch zwei Trainertypen nach: Jupp Heynckes, Triple-Sieger von 2013, der ein väterlicher Freund für alle Spieler war, und Pep Guardiola, Weltstar und Taktikgenie, von 2013 bis 2016 in München engagiert.
Aber auch im Trainerbereich wird nicht lange abgewartet, ob ein Coach sportlich noch die Kurve bekommt. Wenn der Erfolg ausbleibt, darf sich der nächste Coach ausprobieren.
So rettete Heynckes in einer weiteren Amtszeit die Meisterschaft 2017/18, Hansi Flick den Titel 2019/20 und Thomas Tuchel wurde 2022/23 noch deutscher Meister. Alle drei Trainer übernahmen den Job während der Saison.
BVB stand vor der Insolvenz
Zurück zu Schwarzgelb: Borussia Dortmund hat auch ein Trauma durchlebt. Es stammt vom Beginn des Jahrtausends. Der BVB übernahm sich im Wettstreit mit dem FC Bayern und stand vor der Pleite. 2004/05 erwies sich Hans-Joachim Watzke als Retter des Klubs. Er sanierte Dortmund finanziell und führte den BVB in die Erfolgsspur zurück.
Durch den Double-Sieg 2012 hätte man meinen können, der BVB habe sein Pleite-Trauma überwunden, doch da begannen erst die Probleme.
Watzke wollte, obwohl wirtschaftlich möglich, nicht einen Wettstreit auf Augenhöhe mit dem FC Bayern aufrechterhalten. Der Klub-Boss wollte für seine Spieler nicht ähnliche Gehälter hinblättern wie beim FC Bayern (vor rund zehn Jahren ging es in etwa um Topgehälter von acht bis zehn Millionen Euro pro Jahr).
Watzke hat das Duell mit FC Bayern gemieden
Und Watzke wollte auch medial kein Duell mit den Bayern ausfechten. Er pfiff einst Spieler wie Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang zurück, wenn sie öffentlich sagten, sie wollen die deutsche Meisterschaft gewinnen.
Watzke hatte stets Sorge, dass sich der BVB übernimmt, dass der Verein vielleicht nochmal vor der Pleite steht. Die Sorge war unbegründet, aber er konnte die Zeit um die Jahre 2004 und 2005 nicht abschütteln.
Klopp-Abgang als sportlicher und mentaler Cut beim BVB
Als dann Trainer Jürgen Klopp 2015 nicht mehr in Dortmund bleiben wollte, trauerte Watzke diesem wunderbaren Trainer zu lange nach. In die Fußstapfen von Klopp konnte bislang kein anderer Trainer treten, sie blieben einfach zu groß, auch weil Watzke immer nach einem neuen Typ Klopp suchte – und ihn nicht fand.
In diesem Zusammenhang spricht auch die Dortmunder Transferpolitik Bände. Natürlich gab es einige Volltreffer: unentdeckte Talente, die in Dortmund kometenhaft aufstiegen (Dembélé, Haaland).
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Dortmund kauft oftmals Ex-Spieler zurück
Doch bevor dann Dortmund im Idealfall noch einen weiteren gestanden Star holte, um die Mannschaft auf Topniveau zu stabilisieren, kaufte Watzke lieber ausgepowerte, ehemalige Spieler (u.a. Sahin, Kagawa, Götze, Hummels) zurück, die zwischenzeitlich bei anderen Topklubs gescheitert waren.
Der Kern also, warum Dortmund 13 Jahre nahezu nichts gegen den FC Bayern ausrichten hat können, lautet: Fehlender Mut, der aus einem alten Trauma herrührt.
Bayern hat sein (sportliches) Trauma von 2012 überwunden, Dortmund sein (finanzielles) Trauma von 2004 nicht.
Diese Konstellation wird nicht ewig so Bestand haben, aber sie ist ein Erklärungsansatz dafür, warum beim deutschen Clásico am Samstag die Brisanz nur noch in der Personalie Niko Kovač steckt.
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