Steigende Armutsquote
Land der Ungleichheit: Soziale Kluft in Deutschland vertieft sich – Frauen besonders betroffen
Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland öffnet sich immer weiter. Lösungsansätze existieren, doch sie erfordern große politische Anstrengungen.
München – Deutschland gilt als wirtschaftlich starkes Land, doch die soziale Schere klafft immer weiter auseinander. Der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt alarmierende Entwicklungen: Seit 2010 hat die Einkommensungleichheit deutlich zugenommen. Die Zahl der Menschen in Armut ist auf einem neuen Höchststand, während insbesondere die untere Mittelschicht zunehmende Abstiegsängste verspürt (WSI Verteilungsbericht 2024).
Laut dem Bericht lebten im Jahr 2021 bereits 17,8 Prozent der deutschen Bevölkerung in Armut. Besonders alarmierend ist der Anstieg der sogenannten „strengen Armut“: 11,3 Prozent der Menschen hatten weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Das bedeutet, dass diese Personen mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1.120 Euro pro Monat auskommen mussten.
Große regionale Unterschiede bei Armut: Wo die ärmsten Menschen in Deutschland leben
Die am stärksten betroffenen Gruppen sind laut Bericht Frauen, Kinder, junge Erwachsene, Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund. Arbeitslose sowie Personen mit niedrigem Bildungsabschluss haben ein besonders hohes Armutsrisiko. Im Gegensatz dazu befinden sich Menschen in unbefristeter Vollzeitbeschäftigung häufiger in der Einkommensmitte. Besonders betroffen von Armut sind strukturschwache Regionen (Stichwort Armutssegregation), darunter viele ostdeutsche Bundesländer. Hier liegt das Durchschnittseinkommen oft unter dem Bundesdurchschnitt.
Auch in ehemaligen Industriehochburgen Westdeutschlands wie dem Ruhrgebiet ist die Armutsquote hoch. Diese Regionen haben in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Strukturwandel gelitten und kämpfen mit hoher Arbeitslosigkeit und sinkenden Einkommen.
Definition „Soziale Segregation“
Soziale Segregation bezeichnet die ungleiche räumliche Verteilung verschiedener sozialer Gruppen innerhalb einer Stadt oder Region. Dabei entstehen Viertel, in denen sich Menschen mit ähnlichem Einkommen, Bildungsstand oder sozialem Status konzentrieren. Besonders ausgeprägt ist die Segregation oft bei einkommensschwachen Haushalten, die sich zunehmend in bestimmten Stadtteilen ballen, während wohlhabendere Gruppen in anderen Gegenden leben.
Quelle: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Laut dem Bericht sind finanzielle Engpässe für viele Betroffene allgegenwärtig. Bereits vor der Inflationswelle 2021 hatten 42,8 Prozent der armen Menschen keinerlei finanzielle Rücklagen, um unvorhergesehene Ausgaben zu bewältigen. Rund zehn Prozent konnten sich keine neue Kleidung leisten, wenn die alte abgetragen war. Freizeitaktivitäten oder soziale Teilhabe sind für viele ebenfalls nicht finanzierbar.
Zukunftsängste wachsen, während Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht
Die wirtschaftlichen Unsicherheiten betreffen aber nicht nur Menschen in akuter Armut. Laut WSI haben sich Abstiegsängste in den vergangenen Jahren bis weit in die Mittelschicht ausgebreitet. 58 Prozent der Menschen mit prekären Einkommen und sogar 52 Prozent der unteren Mittelschicht befürchten, ihren Lebensstandard in Zukunft nicht halten zu können. Selbst in der oberen Mittelschicht teilen mittlerweile fast 47 Prozent diese Sorgen. Die Verunsicherung zeigt sich auch in der politischen Einstellung vieler Betroffener. Menschen mit niedrigem Einkommen haben oft weniger Vertrauen in staatliche Institutionen.
Nur knapp die Hälfte der Armen und prekär Verdienenden glaubt, dass die Demokratie in Deutschland gut funktioniert: „Es verdeutlicht auch, wie schwer es ist, Menschen in Armut oder prekären Lebenslagen zu mobilisieren, wenn es darum geht, ihre Situation im Rahmen demokratischer Prozesse zu verbessern.“ Zwar habe sich auch in der untersuchten Hälfte der Bevölkerung mit niedrigeren Einkommen bislang „nur eine Minderheit von der Demokratie verabschiedet“. Doch die Distanz sei erheblich und drücke sich längst nicht nur in Wahlabstinenz aus, schreiben die Studienautoren Dr. Dorothee Spannagel und Dr. Jan Brülle.
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Politik vor großen Herausforderungen: Mehr Sozialwohnungen und Investitionen in Bildung können helfen
Zudem ist die Wahlbeteiligung in dieser Gruppe geringer, was zu einem Teufelskreis aus sozialer und politischer Exklusion führt. Spannagel und Brülle empfehlen Maßnahmen, um die wachsende soziale Spaltung zu stoppen. Dazu gehören eine Stärkung von Tarifverträgen, eine auskömmliche gesetzliche Rente und Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. Eine gerechtere Besteuerung von großen Vermögen könnte ebenfalls zur Finanzierung sozialer Programme beitragen.
Lösungen hierfür muss die Politik, und allen voran der neu gewählte Bundeskanzler Friedrich Merz und sein neues Bundeskabinett, liefern. Sie stehen vor einer großen Herausforderung, um die Armutssegregation zu verringern. Eine Möglichkeit wäre es, Sozialwohnungen nicht nur in bestimmten Vierteln zu konzentrieren, sondern über die ganze Stadt zu verteilen. Gezielte Förderprogramme für Schulen in benachteiligten Gebieten könnten helfen, Bildungsungleichheiten abzubauen. (ls)
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