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Münchner Merkur-Interview

„Wir reden nicht über die Menschen“: Nobelpreisträgerin bemängelt Friedenspläne für die Ukraine

Entführt, gefoltert – und übersehen? Nobelpreisträgerin Matviichuk mahnt, den Schicksalen der Menschen in der Ukraine mehr Beachtung zu schenken.

Während die internationale Politik heftig über US- und EU-Friedenspläne für die Ukraine diskutiert, kommt nach Einschätzung der ukrainischen Menschenrechtlerin Oleksandra Matwijtschuk eine entscheidende Dimension deutlich zu kurz: die menschliche. Darauf machte die Juristin, deren Organisation Center for Civil Liberties 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, bei einem Besuch in Berlin aufmerksam.

Oleksandra Matwijtschuks Organisation „Center vor Civil Liberties“ erhielt 2022 den Friedensnobelpreis.

„In den letzten Monaten haben wir über Ressourcen, Putins Interpretation der ukrainischen Geschichte oder geopolitische Strategien gesprochen“, sagte sie. „Aber wir haben nicht über die Menschen gesprochen. Und das ist nicht in Ordnung.“

Folter und Entführungen: Aktivistin prangert russische Menschenrechtsverletzungen an

Mit Nachdruck verwies Matwijtschuk auf das Schicksal von mehr als 20.000 Kindern in der Ostukraine, die seit Beginn des Angriffskriegs durch die russischen Besetzer von ihren Familien getrennt und verschleppt wurden. Dies sei ein Versuch, die ukrainische Identität auszulöschen. In Umerziehungslagern werde den Kindern beigebracht, sie seien nicht Ukrainer, sondern Russen.

Darüber hinaus berichtete sie von dramatischen Erfahrungen von Ukrainerinnen und Ukrainern, die russische Gefangenschaft überlebt haben. Sie seien extremer Folter ausgesetzt gewesen. „Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Auge mit einem Löffel aus dem Kopf gedrückt wurde“, so Matwijtschuk. „Die Schicksale dieser Menschen tauchen weder im 28-Punkte-Plan von Trump noch im EU-Plan auf“, kritisierte die Aktivistin. Dabei handele es sich um Millionen von Betroffenen, die ohne Schutz vor solchen Menschenrechtsverletzungen unter russischer Besatzung leben.

Die Konsequenzen seien gravierend: Identitätsverlust, physische sowie psychische Traumata und in manchen Fällen sogar Suizid. „Wenn wir die menschliche Dimension nicht erkennen und ernst nehmen, werden wir niemals einen Weg zu nachhaltigem Frieden finden“, warnte Matwijtschuk. Ihr klarer Appell: Politische Entscheidungen dürfen nicht nur strategische und wirtschaftliche Interessen berücksichtigen. „Wir müssen die Menschen in den Mittelpunkt stellen, deren Leben und Zukunft auf dem Spiel stehen.“ (Quellen: Gespräch mit Matwijtschuk, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © dpa

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