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Expertengespräch

Ukraine warnt vor Kriegseintritt von Belarus – Selenskyjs Sorge ist wohl nicht nur militärisch

Wolodymyr Selenskyj warnt den Westen vor Belarus. Und Belarus vor Russland. Dabei gehe es nicht nur um das Kriegsgeschehen, meint ein Experte. Analyse.

Sehr hartnäckig, nahezu gebetsmühlenartig, warnt Wolodymyr Selenskyj vor einem Szenario: Belarus könne in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine eintreten, mahnt der ukrainische Präsident. Ende vergangener Woche erklärte Selenskyj, Putins Armee wolle von Belarus aus Richtung Kiew vorrücken – oder gar im Verbund mit Belarus einen NATO-Staat angreifen.

Wolodymyr Selenskyj warnt vor einem Zusammenwirken von Alexander Lukaschenko (li.) und Wladimir Putin im Ukraine-Krieg.

Ob das so kommt? Auszuschließen ist in Kriegszeiten wenig. Allerdings dürfte Diktator Alexander Lukaschenko wenig Eigeninteresse haben, seine Armee in den laufenden Abnutzungskampf zu schicken. So oder so: Boris Ginzburg, Experte der FU Berlin, sieht im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media eine um „einiges radikalere“ Rhetorik Selenskyjs gegenüber Belarus. Dahinter könnten ihm zufolge auch politische Sorgen und Erwägungen stecken.

Selenskyj ändert den Umgang mit Belarus – Sorge vor Trumps „Belohnung“ für Lukaschenko

Die jüngsten Warnungen vor einem Angriff auf Tschernihiw und Kiew begründete Selenskyj mit Geheimdiensterkenntnissen. Russland könne Belarus für solch eine Ausweitung des Krieges nutzen, erklärte er auf X. Selenskyj schrieb von „fünf Szenarien“ Russlands für einen Angriff auf die Nordukraine. Die Ukraine bereite sich auf alle der Eventualitäten vor – und überprüfe die Möglichkeiten, mit diplomatischen Maßnahmen auf Lukaschenkos Regime einzuwirken.

Ginzburg sieht indes schon seit einiger Zeit einen neuen Kurs des ukrainischen Präsidenten in Sachen Belarus. Eine zentrale Botschaft sei die Warnung an Lukaschenko, „zu stark mit Russland zusammenzuarbeiten“. Aber Selenskyj habe auch die Haltung zur – oftmals zerstrittenen – belarussischen Opposition neu ausgerichtet. Und natürlich richten sich seine Signale zugleich an die Partner der Ukraine.

Militärparade am Tag des Sieges: Putins Verluste werden in Moskau deutlich

Am 9. Mai feiert Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland.
Am 9. Mai feiert Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland. Eingeführt wurde der Feiertag bereits 1965. Bis heute wird er in Moskau mit einer Militärparade.  © afp
Russische Soldaten stehen in einer Formation vor der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Am 9. Mai stehen russische Soldaten in einer Formation vor der Militärparade in Moskau. © Pavel Bednyakov/dpa
Nordkoreanische Soldaten stehen in einer Formation vor der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Auch Soldaten aus Nordkorea sind bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau vor Ort. © Pavel Bednyakov/dpa
Nordkoreanische Soldaten warten auf den Beginn der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Hier warten die nordkoreanischen Soldaten auf den Beginn der Militärparade. © Pavel Bednyakov/dpa
Kremlchef Putin kann die Militärparade zum 9. Mai im Schutz einer Waffenruhe abnehmen.
Präsident Wladimir Putin sagte in seiner Rede, dass die russische Armee in der Ukraine gegen „aggressive“, von der Nato unterstützte Streitkräfte kämpfe. Die „große Leistung“ der Roten Armee im Kampf gegen Nazi-Deutschland inspiriere die heutigen Soldaten bei ihrem Einsatz in der Ukraine, fügte er hinzu. Moskaus Sache sei „gerecht“. © Imago
Der russische Präsident Wladimir Putin (M, hinten) nimmt an einer Zeremonie zur Niederlegung von Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer in Moskau teil.
Der russische Präsident Wladimir Putin nimmt an einer Zeremonie zur Niederlegung von Blumen am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer in Moskau teil.  © Alexander Nemenow/AFP
Tag des Sieges in Russland
Hier ist Putin nur verdeckt zu sehen. © Alexander Nemenov/dpa
Russische Soldaten marschieren am 9. Mai während über den Roten Platz in Moskau.
Russische Soldaten marschieren am 9. Mai während der Militärparade über den Roten Platz in Moskau. © Igor Iwanko/AFP
Gäste nehmen an der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau teil.
Gäste nehmen an der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau teil. © Maxim Shipenkov/dpa
Russische Militärjets überfliegen die Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.
Russische Militärjets überfliegen die Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau.  © Maxim Shipenkov/dpa
Russische Soldaten, die an der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine beteiligt sind, marschieren am 9. Mai 2026 während der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz in Moskau.
Russische Soldaten, die an der sogenannten „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine beteiligt sind, marschieren am 9. Mai 2026 während der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz in Moskau. © Igor Iwanko/AFP
Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko (links) begleitet Putin bei der Militärparade.
Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko (links) begleitet Putin bei der Militärparade. © Pavel Bednyakov/dpa
Moskau am Donnerstag, den 7. Mai 2026, zwei Tage vor der Parade zum Tag des Sieges. Unweit des Roten Platzes sammeln sich an diesem Tag bereits Rekruten der Russischen Armee für Proben.
Die Vorbereitungen für die Militärparde liefen auch im Jahr 2026 im Vorfeld bereits auf Hochtouren. Moskau am Donnerstag, den 7. Mai 2026, zwei Tage vor der Parade zum Tag des Sieges. Unweit des Roten Platzes sammeln sich an diesem Tag bereits Rekruten der Russischen Armee für Proben. © dpa
Unweit der Großen Steinernen Brücke stellen sich Marine-Kadetten auf, um einer nächtlichen Probe für die Siegesparade in Moskau zu Ehren des Tages des Sieges am 9. Mai teilzunehmen.
Unweit der Großen Steinernen Brücke stellen sich Marine-Kadetten auf, um an einer nächtlichen Probe für die Siegesparade in Moskau zu Ehren des Tages des Sieges am 9. Mai teilzunehmen. © afp
Rekruten der russischen Armee besprechen sich vor Beginn der Generalprobe zur Militärparade am Tag des Sieges in Moskau.
Rekruten der russischen Armee besprechen sich vor Beginn der Generalprobe zur Militärparade am Tag des Sieges in Moskau. © afp
In den vergangenen Jahren haben bei der Parade zum Tag des Sieges in Moskau zwischen 9.000 und 11.000 Soldaten teilgenommen. Darunter Einheiten der Marine, der Luftwaffe und der Infanterie.
In den vergangenen Jahren haben bei der Parade zum Tag des Sieges in Moskau zwischen 9000 und 11.000 Soldaten teilgenommen. Darunter Einheiten der Marine, der Luftwaffe und der Infanterie. © dpa
Eine Marschkolonne aus etwa 40 Soldaten probt die Militärparade in Moskau.
Eine Marschkolonne aus etwa 40 Soldaten probt die Militärparade in Moskau. Bewaffnet sind die Soldaten mit Kalaschnikow-Gewehren des Typs AK-12, das aktuelle Standard-Sturmgewehr der russischen Armee. Gekleidet ist der Trupp einheitlich in modernen Felduniformen mit schwarzen Beretten, was sie als Teil der Marine-Infanterie erkennbar macht. © dpa
Im Hintergrund der Soldaten ist ein Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße zu sehen.
Im Hintergrund der Soldaten ist ein Wohnhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstraße zu sehen. Es handelt sich dabei um einen der als „Sieben Schwestern“ bekannten Wolkenkratzer im stalinistischen Baustil, die sich in der russischen Hauptstadt finden. © dpa
Zwischen den Paradeproben gönnen sich die russischen Rekruten in Moskau eine Pause.
Zwischen den Paradeproben gönnen sich die russischen Rekruten in Moskau eine Pause. © afp
Daily life in Moscow
Die russische Hauptstadt ist Zentrum der Feierlichkeiten rund um den Tag des Sieges. Neben der traditionellen Militärparade sind zahlreiche weitere Veranstaltungen geplant. © IMAGO/Natalia Kolesnikova
Ganz Moskau ist vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges geschmückt. Auf der Moskwa-Brücke, östlich des Kreml gelegen, wehen bereits Tage vor der eigentlichen Siegesparade Fahnen mit der Aufschrift „Sieg“.
Ganz Moskau ist vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges geschmückt. Auf der Moskwa-Brücke, östlich des Kreml gelegen, wehen bereits Tage vor der eigentlichen Siegesparade Fahnen mit der Aufschrift „Sieg“. © afp
Vor dem am östlichen Ende des Kreml gelegenen Spasskaja-Turm („Erlöser-Turm“) werden bereits die Tribünen und sonstigen Anlagen für die Feierlichkeiten am Tag des Sieges errichtet.
Vor dem am östlichen Ende des Kreml gelegenen Spasskaja-Turm („Erlöser-Turm“) werden bereits die Tribünen und sonstigen Anlagen für die Feierlichkeiten am Tag des Sieges errichtet. Auf dem Roten Platz werden auch die Ehrengäste von Russlands Präsident Wladimir Putin ihren Platz einnehmen, um von dort die Siegesparade durch Moskau verfolgen zu können. © dpa
Die Sonne scheint und die Stimmung in Moskau scheint wenige Tage vor dem 9. Mai 2026 gut.
Die Sonne scheint und die Stimmung in Moskau wirkt wenige Tage vor dem 9. Mai 2026 gut. Das zumindest gilt für diese beiden jungen Menschen, die wenige Tage vor der großen Militärparade an einer Reihe von Fahnen vorbeilaufen, die zu Ehren des Tags des Sieges in Moskau aufgehängt wurden. © afp
Auf diesem Foto aus Moskau ist ein goldener Stern zu sehen, unter dem in kyrillischer Schrift geschrieben steht: „Heldenstadt Moskau“.
Auf diesem Foto aus Moskau ist ein goldener Stern zu sehen, unter dem in kyrillischer Schrift geschrieben steht: „Heldenstadt Moskau“. Der Schriftzug findet sich auf zahlreichen Plakaten und Fahnen. Den Titel erhielt die russische Hauptstadt bereits in der Sowjet-Zeit. Er soll den Heldenmut der Stadtbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs, in Russland als „Großer Vaterländischer Krieg“ bezeichnet, ehren. © afp
Bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau finden sich auch jedes Jahr folkloristische Darbietungen, die an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen.
Bei der Militärparade zum Tag des Sieges am 9. Mai in Moskau finden sich auch jedes Jahr folkloristische Darbietungen, die an die Zeit des Zweiten Weltkriegs erinnern sollen. Junge Rekruten schlüpfen in historische Uniformen und tanzen mit Frauen, die traditionelle Kleidung aus der Zeit der 1940er tragen. © dpa
Vor dem monumentalen Eingangstor der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft üben hunderte Tänzerinnen und Tänzer den „Siegeswalzer“ ein.
Vor dem monumentalen Eingangstor der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft üben hunderte Tänzerinnen und Tänzer den „Siegeswalzer“ ein. Im Hintergrund ist ein Modell des sowjetischen Siegesordens, des „Pobeda“, zu sehen – geschmückt mit dem Staatswappen der UdSSR und umrahmt mit roten Fahnen, auf denen das Wort „Sieg“ prangt. © dpa
Sogar Kavallerie-Einheiten nehmen an der Militärparade durch Moskau am Tag des Sieges teil.
Sogar Kavallerie-Einheiten nehmen an der Militärparade durch Moskau am Tag des Sieges teil. Hier zu sehen sind drei Soldaten, die im Stil der russischen Kosaken mit traditionellen Uniformen an den Proben für die Parade teilnehmen. Sie tragen den langen dunklen Mantel der Kosaken, Tscherkesska genannt, dazu die traditionelle Pelzmütze (Papakha) und den typischen kosakischen Säbel (Schaschka) sowie den Dolch (Kindschal). © dpa
Diese Offiziere tragen bereits zu den Proben der Militärparade in Moskau, zwei Tage vor dem eigentlichen Tag des Sieges, bereits ihre Paradeuniformen.
Diese Offiziere tragen bereits zu den Proben der Militärparade in Moskau, zwei Tage vor dem eigentlichen Tag des Sieges, ihre Paradeuniformen. Die blaugrünen Jacken mit Stehkragen und roten Paspeln sind typisch für das russische Heer. © imago
Auch Veteranen und aktive Soldaten nehmen an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teil.
Auch Veteranen und aktive Soldaten nehmen an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges in Moskau teil. Diese Soldaten, teils hochdekoriert, entspannen sich einige Tage vor der Militärparade in der russischen Hauptstadt. Der Mann in der Mitte trägt dabei unter der klassischen Tarn-Uniform der russischen Armee ein blau-weißes Hemd, das sogenannte Telnyashka. Es wird traditionell von russischen Luftlandetruppen oder Marine-Infanteristen verwendet. © afp
Unter den aktiven Soldaten, die vor dem Tag des Sieges in Moskau eintreffen, sind auch verletzte Veteranen.
Unter den aktiven Soldaten, die vor dem Tag des Sieges in Moskau eintreffen, sind auch verletzte Veteranen. Ob sie sich die Verletzungen auf dem Schlachtfeld im Ukraine-Krieg zugezogen haben, ist nicht bekannt. © afp
eimlicher Hauptdarsteller bei der Militärparade in Moskau am Tag des Sieges ist Russlands Machthaber Wladimir Putin
Heimlicher Hauptdarsteller bei der Militärparade in Moskau am Tag des Sieges ist Russlands Machthaber Wladimir Putin, hier zu sehen auf dem Roten Platz vor Beginn der Feierlichkeiten. Geschmückt ist Putin mit dem Georgsband am Revers, in Russland ein Symbol für militärische Tapferkeit und den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. © afp
Im vergangenen Jahr rollte noch eine gigantische Militärparade durch Moskau.
Im vergangenen Jahr rollte noch eine gigantische Militärparade durch Moskau. Dieses Jahr finden die Feierlichkeiten am Tag des Sieges aber in abgespeckter Version statt. © dpa
Der Ukraine-Krieg zwingt Russland offenbar dazu, selbst im tausende Kilometer entfernten Moskau Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.
Der Ukraine-Krieg zwingt Russland offenbar dazu, selbst im hunderte Kilometer entfernten Moskau Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Dazu gehören Flugabwehrgeschosse, die sich auf zahlreichen offiziellen Einrichtungen in der Hauptstadt befinden. © afp
Kurz vor dem Tag des Sieges wurde ein Wohnhochhaus in der Mosfilmowskaja-Straße getroffen.
Sie sollen Drohnenangriffe während der Militärparade verhindern. Moskau ist im Verlauf des Ukraine-Kriegs immer wieder zum Ziel ukrainischer Drohnen geworden. Kurz vor dem Tag des Sieges wurde ein Wohnhochhaus in der Mosfilmowskaja-Straße getroffen. © dpa
Tausende Soldaten und Polizeikräfte sollen am Tag des Sieges einen reibungslose Militärparade gewährleisten.
Auch das Sicherheitspersonal in der Hauptstadt selbst wurde massiv erhöht. Tausende Soldaten und Polizeikräfte sollen am Tag des Sieges eine reibungslose Militärparade gewährleisten. © imago
Zu den Sicherheitskräften gehören auch Nationalgardisten, die in russischen Militärfahrzeuge des Typs Tigr in der Haupstadt unterwegs sind.
Zu den Sicherheitskräften gehören auch Nationalgardisten, die in russischen Militärfahrzeugen des Typs Tigr in der Haupstadt unterwegs sind. © afp
Eine strategische russische Atomrakete vom Typ Topol-M (Nato-Code: SS-27 Sickle B) fährt bei der Militärparade zum Tag des Sieges über den Roten Platz.
Aus Angst vor ukrainischen Angriffen müssen die Bewohnerinnen und Bewohner Moskaus bei der diesjährigen Militärparade offenbar auf schweres Militärgerät verzichten. Waren im Vorjahr noch strategische Atomraketen des Typs Topol-M Teil der Parade, sind dieses Jahr wohl weder Panzer noch Raketen zu sehen. © dpa

Seit Kriegsbeginn im Jahr 2022 hatte Selenskyj belarussischen Exilmedien kein Interview gegeben, wie Ginzburg betont. Im Februar sprach der ukrainische Präsident dann aber mit dem Portal Zerkalo. Seine Warnung dort: Lukaschenko setze Belarus mit der Stationierung von Waffen Russlands – wie Drohnensteuerungssystemen oder der Hyperschallrakete Oreschnik – einer großen Gefahr aus. Ende Januar sprach Selenskyj in Vilnius auch zum allerersten Mal mit Swetlana Tichanowskaja, der Chefin der belarussischen Exilopposition. Ginzburg sieht verschiedene Motivationen hinter dem neuen Vorgehen. Eine Rolle spiele dabei auch Donald Trump.

Denn der US-Präsident hat nicht nur Washingtons Ukraine-, sondern auch die Belarus-Politik neu ausgerichtet. Vorgänger Joe Biden verhängte harte Sanktionen. Trump dringt auf eine Aufhebung, etwa beim Export von Kali-Dünger. Mutmaßlich im Gegenzug kamen 2025 politische Gefangene Lukaschenkos frei – darunter Tichanowskajas Ehemann Sergej Tichanowski, Maryja Kalesnikawa und Wiktar Babaryka. Neue Einnahmequellen für Belarus wären aber kaum im Sinne der Ukraine. Es gebe die Sorge, „dass der Co-Aggressor Belarus nun über die Aufhebung von US-Sanktionen noch belohnt werden könnte“, sagt Ginzburg.

Politik in Zeiten des Krieges: Warum die Ukraine neu auf die belarussische Option blickt

Insofern scheint plausibel, dass Selenskyj den Druck auf Lukaschenkos Regime wieder erhöhen will. Einen Verbündeten hat er dabei wohl in Außenminister Johann Wadephul. Aber auch Kritik an der Haltung der EU übte er, wie Ginzburg betont. „Selenskyj hat in einer Rede in Vilnius auch die EU ermahnt und beklagt, Brüssel habe bei den Protesten 2020 keine klare Linie gezogen.“ Das wirke gleichwohl für kundige Beobachter „etwas seltsam“. Selenskyj selbst habe 2020 zwei Tage nach Beginn der Proteste gegen die manipulierte Präsidentschaftswahl in Belarus noch Lukaschenkos damaligen Agrarminister empfangen. Die EU habe zwar etwas gebraucht, um die Sanktionen ins Rollen zu bringen – „im Vergleich mit der Ukraine war sie aber sehr schnell darin, die Repressionen zu verurteilen“.

In der Praxis führt Lukaschenkos möglicher Weg zu einem Kali-Export indes über Ostseehäfen des Baltikums, beispielsweise das litauische Klaipeda. Litauens Außenminister Kestutis Budrys bestätigte laut Reuters zuletzt öffentlich, es gebe Druck aus den USA, Belarus Dünger-Exporte zu gestatten – er verwies aber auf die geltenden EU-Sanktionen. Womöglich habe Selenskyj beim Treffen mit Tichanowskaja eine Geste in Richtung Litauen und auch Polen im Sinn gehabt, meint Ginzburg: „Beide Länder gehören zu den größten Unterstützern der belarusischen Opposition.“ Mit Polen habe die Ukraine eine Luftverteidigungskooperation. Litauen wird zudem Anfang 2027 die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Kiew hofft auf Unterstützung bei seinem Weg in Richtung EU-Mitgliedschaft.

Ein weiteres Motiv Selenskyjs könne die mit den Freilassungen veränderte Gesamtlage in der belarussischen Opposition sein, erklärt Ginzburg. Babaryka war Direktor der Belgazprombank, einer Tochter der russischen Gazprombank, Kalesnikawa seine Stabschefin. Beide setzen sich öffentlich für ein „nicht-russisches“ Belarus ein. Beiden sage man dennoch einstmals „starke Verbindungen in den Kreml“ und eine „gewisse Affinität zu Russland“ nach, so Ginzburg.

Womöglich wolle Selenskyj in dieser Lage Tichanowskajas Oppositionsflügel stützen. Der setzt sich für eine scharfe Haltung gegen Lukaschenkos Regime ein. Das könne in Selenskyjs Augen auch ein Gegengewicht gegen Trumps Annäherungsbestrebungen an Lukaschenko sein. Aber: „Die Ukraine hofft weiter auf Sicherheitsgarantien der USA, sie wird Washington also nicht zu stark verärgern wollen.“ Ginzburg sieht in der Frage der belarussischen Opposition auch eine „paradoxe“ Interessensüberschneidung zwischen Ukraine, Lukaschenko und Tichanowskaja: Keiner der drei Akteure könne ein (macht-)politisches „Interesse am Erstarken Kalesnikawas und Babarykas haben“. (Quellen: Gespräch mit Boris Ginzburg, Reuters, dpa, eigene Recherchen)

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