Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Washington Post

Trump lästerte ein Jahr über Europa – und braucht es jetzt für seinen Iran-Krieg

Präsident Donald Trump spricht am 6. Februar vor seiner Abreise aus dem Weißen Haus mit Reportern.
+
US-Präsident Donald Trump (Archivbild).

Nach dem US-Angriff auf Iran ringen Europas Regierungen um eine Linie. Trumps Team will Basen und Logistik – hinter den Kulissen wächst die Sorge vor Folgen bis nach Europa. Eine Analyse.

Die Regierung von Präsident Donald Trump verbrachte das vergangene Jahr damit, die Europäer als schwach und irrelevant abzutun. Nun, da er gemeinsam mit Israel einen Krieg führt, um einen Regimewechsel im Iran herbeizuführen, wünscht er sich Europas Beifall.

Europäische Staats- und Regierungschefs, die sich in den ersten Stunden vom US-Angriff distanziert hatten, verstärken inzwischen ihre Reaktionen auf eine Krise, die sich über den Iran hinaus ausbreitet. Frankreich, Italien und andere schicken militärische Verstärkungen in die Region, um ihre Stützpunkte und Partner zu schützen. Großbritannien erlaubt nun US-Truppen die Nutzung eigener Stützpunkte, um Teherans Vergeltung zu blockieren. Doch all diese Maßnahmen reichen bislang nicht an die Unterstützung heran, die Trump sich für einen Schlag gegen den Iran erhofft – einen Schlag, der die Region gewaltsam umgestaltet und für den es keinen klaren Endpunkt gibt.

Im Weißen Haus versucht man nicht direkt, eine Koalition der Unwilligen zu schmieden. Washington hat europäische Partner vor dem Angriff weder konsultiert noch um Mithilfe bei Bombardements in Teheran gebeten. Dennoch möchte die US-Regierung Zugang zu strategisch wichtigen europäischen Luftwaffenstützpunkten und Logistikzentren, um ihre Luftschläge zu unterstützen. Trump tadelt Regierungen, die keinen uneingeschränkten Rückhalt liefern – etwa Großbritannien – oder all jene, die den Krieg offen ablehnen, wie Spaniens Premier Pedro Sánchez.

The Washington Post vier Wochen gratis lesen

Ihr Qualitäts-Ticket der washingtonpost.com: Holen Sie sich exklusive Recherchen und 200+ Geschichten vier Wochen gratis.

„Es hat drei oder vier Tage gedauert, bis wir herausgefunden haben, wo wir landen können. … Wir sind sehr überrascht“, sagte Trump. „Das ist nicht das Zeitalter Churchills.“

Europas Spagat zwischen Distanzierung und Unterstützung

Die Zerbrechlichkeit der transatlantischen Beziehungen zeigt sich darin, dass Europas Spitzenpolitiker davor zurückschrecken, einen US-Präsidenten offen zu kritisieren, der sehr empfindlich auf Kritik reagiert – während dieser die Führung in Teheran angreift, die auch sie schwächen wollen. Doch die Staatschefs sind vorsichtig, was einen von ihrem mächtigsten Verbündeten entfesselten Konflikt angeht, der unvorhersehbare Folgen bis vor ihre Haustür bringen kann. Einen weiteren US-geführten Krieg im Nahen Osten wollen sie ihren Wählern kaum erklären.

Also liefert Berlin Rückhalt und Madrid Widerspruch, während die übrigen Führungsfiguren der EU einen Flickenteppich kaum konsistenter Positionen bieten. Viele versuchen, das Thema anzugehen und zugleich Neutralität zu wahren – Trump ist ohnehin auf dem Kontinent unpopulär.

Erst vor wenigen Wochen hatte Trump Dänemark, einen NATO-Verbündeten, mit der Androhung einer Grönland-Übernahme brüskiert.

„Mit wenigen Ausnahmen balancieren die europäischen Staatenlenker ‚halb drinnen, halb draußen‘, ignorieren ihre angeblichen Grundsätze und schlagen sich auf die Seite eines US-Präsidenten, den sie kaum beeinflussen können“, sagt Nathalie Tocci, Chefin des römischen Instituts für internationale Angelegenheiten.

Am Ende bedeute das eine stillschweigende Billigung eines Regimewechselfeldzugs, der die Region weiter ins Chaos stürze – auf deren Boden Europa militärisch präsent sei, mit Hunderttausenden eigenen Staatsbürgern.

Der Krieg im Iran begann „ohne Wissen der Welt“ und sei keine von irgendjemandem geteilte Entscheidung gewesen, sagte der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto am Donnerstag im Parlament. „Natürlich war das weit außerhalb des Völkerrechts. Da brauchen wir nicht drum herumreden.“

Crosetto, ein Mitglied der Partei von Italiens Premierministerin Giorgia Meloni, einer engen Trump-Verbündeten, schien dabei Kritik an der europäischen Reaktion und der fehlenden US-Vorwarnung zu adressieren. Er selbst sei in Dubai gestrandet, als die Angriffe begannen.

„Kein Land“ in Europa oder anderswo, fügte er hinzu, „kann die USA und Israel vom Krieg abbringen.“

Verschiedene Signale, Diskrepanzen und Eigeninteressen

Europäische Hauptstädte wurden vor dem Iran-Angriff nicht eingebunden und beteiligen sich nicht an Kampfhandlungen, sagen drei hochrangige europäische Diplomaten, die sich anonym zu vertraulichen Gesprächen äußerten.

Gelobt hat Trump bislang einzig einen Europäer: Bundeskanzler Friedrich Merz, der nach einem Besuch in Washington erklärte, es bringe wenig, „über die Illegalität des Krieges zu dozieren“. In Europa allerdings erntete Merz dafür heftigen Gegenwind – für den Bruch mit dem Völkerrecht, das er sonst (etwa bei Ukraine und Grönland) betont. Ebenso wurde kritisiert, dass er Trump nicht für dessen Angriffe auf Spanien in die Schranken gewiesen habe.

„Ahnungsloser Tourist im Krisengebiet“ titelte eine deutsche Zeitung zu Merz‘ Washington-Reise.

Das steht im Kontrast zu den Beteuerungen europäischer Einigkeit und Unabhängigkeit in Sicherheitsfragen. „Souveränität beginnt doch damit, dass man auch mal seine Meinung sagt“, so Tocci. Viele europäische Politiker seien so darauf bedacht, die US-Angriffe nicht zu kritisieren, dass es fast einfacher sei, sie bei den ersten Stellungnahmen zu ignorieren – egal, wie absurd das wirke.

Sánchez aus Spanien – seit Monaten warnt er seine Kollegen davor, mit doppelten Standards aufzutreten oder Bedrohungen von Süden zu übersehen – ist bislang der einzige, der Trump öffentlich klar widerspricht.

Europäisches Lavieren, Risiken und Schutzmaßnahmen

Trotzdem schweigt Europa nicht, sondern reagiert mit Truppenverlegungen, Ölpreisanstiegen und Sorge vor neuen Flüchtlingswellen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron entsendet zusätzliche Luftabwehrsysteme und Kriegsschiffe in den Nahen Osten. Er versprach, EU-Mitglied Zypern und Golfstaaten zu schützen, die durch Irans Vergeltung in Bedrängnis gerieten. Zugleich stellte er klar, dass der US-Angriff gegen internationales Recht verstößt, und sucht einen weiteren Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zu vermitteln, wo israelische Angriffe Hunderttausende vertrieben haben.

Das französische Militär teilte mit, dass die USA einen Stützpunkt in Frankreich nutzen dürften, dieser jedoch keinesfalls für amerikanische Angriffe auf den Iran herangezogen werden dürfe.

Auch Spanien, das den USA den Zugang zu eigenen Basen verweigert und damit einen offenen Konflikt riskiert, entsandte eine Fregatte nach Zypern, um so „das Bekenntnis zur Verteidigung der EU“ zu unterstreichen.

Trumps Ärger über Spanien war so groß, dass er mit einem „Embargo“ gegen das Land drohte – was angesichts des EU-Binnenmarkts aber kaum realistisch ist.

Premier Keir Starmer in Großbritannien, dessen Kehrtwende den USA die Nutzung britischer Basen erlaubt, steht unter Druck seiner Labour-Partei, sich vom Krieg zu distanzieren. Die Entscheidung sei „begrenzt“, behauptet er.

Europäische Basen liegen vergleichsweise nahe an Iran – darunter Diego Garcia auf den Chagos-Inseln im Indischen Ozean, von Großbritannien kontrolliert. In einem längeren Krieg würde die US-Nutzung dieser Anlagen ermöglichen, Kampfjets, Treibstoff oder Waffen deutlich schneller in die Krisenregion zu bringen. Bei vergangenen Nahost-Einsätzen nutzte Washington solche Basen auch für Truppenrotationen – etwa im Irak und in Afghanistan.

Ein ranghoher britischer Vertreter sagte, die Nähe der Stützpunkte zu Iran erlaube den US-Streitkräften, „mehr Raketenstellungen und Führungszentralen in höherem Tempo auszuschalten“.

Zur gleichen Zeit registrierten Europas Regierungen am Samstag, wie unterschiedlich Trump auf Partner reagiert: Auf Alliierte, die den Krieg nicht mittragen, folgt harsche Kritik; auf Berichte, dass Russland Iran möglicherweise mit Geheimdienstinformationen zur Bekämpfung US-amerikanischer Truppen unterstützt, bleibt die Regierung erstaunlich zurückhaltend.

„Trump sanktioniert Spanien, aber zu Russland zuckt er nur mit den Schultern“, so ein europäischer Beamter. Das passe ins Bild: Trump weise gern anderen die Schuld zu, auf größere Schäden durch Russland reagiere er aber kaum.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte lobte Trump jüngst bei Fox News und Newsmax und betonte, wie umfangreich die Alliierten den US-Krieg unterstützen – eine Behauptung, die Spanien zurückweist. Rutte gelang damit, was mittlerweile sein Kerngeschäft sei: Trump zufriedenstellen. „Danke an unseren großartigen NATO-Generalsekretär!“, postete der Präsident in sozialen Medien.

Kalkulierte Erwartungen, historisch belastete Partnerschaften

Die Trump-Regierung hat klargestellt, dass Europa den USA helfen müsse – schließlich habe Amerika den Kontinent jahrzehntelang verteidigt. Die europäischen Unterstützer der Ukraine setzen zudem auf amerikanische Waffen im Kampf gegen Russland.

Trotz Zweifeln an Wert und Dauer des Krieges im Nahen Osten gibt es auch auf europäischer Seite erhebliche Kritik an Iran – unter anderem wegen dessen Raketenprogramms und der engen Beziehungen zu Russland. Fast die gesamte Schuld für die Eskalation schreiben europäische Hauptstädte dennoch Teheran zu.

Nur: Die Folgen könnten Europa härter treffen als die USA. Länder wie Zypern sind in Reichweite iranischer Raketen, ebenso wie die Türkei als NATO-Mitglied.

Die Erfahrung mit Irak und Afghanistan hat europäische Politiker vorsichtig gemacht – besonders angesichts breiter Ablehnung in der Bevölkerung. Auch ein Eintritt in einen israelisch geführten Krieg wäre in vielen Staaten höchst umstritten. Einzelne EU-Vertreter warfen Israel bereits Völkermord in Gaza vor.

Während Soldaten in die Region verlegt werden, geht es offiziell um den Schutz von Staatsbürgern und Energieinteressen.

Italiens Regierungschefin Meloni erklärte, die Golfstaaten seien „entscheidend“ für die Energiesicherheit. „Vor allem aber befinden sich zehntausende Italiener und etwa 2.000 Soldaten in der Region, die wir schützen wollen und müssen.“

Sánchez rief Europa dazu auf, die Folgen vergangener westlicher Interventionen nicht zu vergessen. „Man kann auf eine Rechtswidrigkeit nicht mit einer weiteren antworten“, sagte er, „denn so beginnen die großen Katastrophen der Menschheit.“

Birnbaum berichtete aus Washington. Anthony Faiola und Stefano Pitrelli in Rom sowie Karen DeYoung in Washington haben zu diesem Bericht beigetragen.

Zu den Autoren

Michael Birnbaum ist Weißes-Haus-Korrespondent der Washington Post. Er berichtete zuvor über nationale Sicherheit und Diplomatie aus Washington und war über zehn Jahre als Korrespondent in Brüssel, Moskau und Berlin tätig. Er ist seit 2008 bei der Post. Über Signal erreichbar: @mbwp.01.

Ellen Francis ist Brüssel-Korrespondentin der Washington Post und berichtet über die Europäische Union und die NATO.

Dieser Artikel war zuerst am 7. März 2026 in englischer Sprache bei der „Washingtonpost.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

Kommentare