Rede in Passau

Söder beim Politischen Aschermittwoch der CSU: „Wieder in meinem Revier“

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„Mein Revier. Da werde ich bleiben“: Markus Söder in der Passauer Dreiländerhalle. Letztes Jahr durfte er nichts sagen.

Der Niemand vom Vorjahr ist heuer der Stargast: Markus Söder, 2017 noch ignoriert, hält die Hauptrede am CSU-Aschermittwoch. Der Auftritt kommt gut an. Seine Kernbotschaft: Der Kampf um die Wähler rechts der Mitte.

Passau – Am Ende wird Markus Söder bestohlen, und plötzlich muss sich beweisen, ob seine Rede was taugte. 75 Minuten hat er über Anstand, Werte und den Rechtsstaat geredet, nun steht er auf der Bühne, singt die Hymnen mit. Am VIP-Bereich greift in diesem Moment ein Gast unter dem Absperrband durch nach Söders schlecht bewachtem Bierkrug. Die Bedienung quiekt, kann den Dieb nicht stoppen. Wie hält’s der Saal nun mit der Ehrlichkeit?

Die Reihen schließen sich bei der CSU. Anders als sonst gern mal im bayerischen Bierzelt aber zulasten des Täters. Kein Durchkommen, keine Flucht, er läuft gegen eine Wand aus Leibern. Etwas kleinlaut liefert er die Beute wieder am Tisch ab. Söders Tugendpredigt zeigt also Wirkung im Saal. Wobei es für einen Spitzenkandidaten wohl auch ein gutes Zeichen ist, wenn Gäste sogar seinen gebrauchten Bierkrug ergattern wollen, um ihn sich daheim unters Kopfkissen zu legen.

Söder: „Ich bin wieder hier in meinem Revier“

Das spricht für eine gewisse Begeisterung. Tatsächlich gelingt es Söder, die Dreiländerhalle in seinen Bann zu ziehen. Sie lieben es ja laut in Passau, derb und grob, aber spüren trotzdem, ob der Redner da reinpasst. Trifft er den Ton nicht, wird es laut im Saal, Gläser klirren, eine Menschenkette in Richtung Klo im Keller setzt sich in Bewegung. Horst Seehofer, dem mit seiner Ironie und den leiseren Tönen das Riesenformat nicht liegt, hat sowas in früheren Jahren erlebt, wenn er mit matter Stimme ins Mikro krächzte. Söder weiß, dass er das unbedingt vermeiden muss. Er tritt deshalb kämpferisch auf, robust, kantig, eine kurze Auszeit vom zuletzt sorgsam gepflegten Image als Staatsmann und Kümmerer. „Ich bin wieder hier in meinem Revier“, donnert er eingangs schon in den Saal: „In den Fußstapfen von Edmund Stoiber.“

Wieder hier? Das stimmt. Sein Revier ist es aber erst seit 2018. Der Unterschied zum Vorjahr ist krass: Da war Söder noch der ungeliebte Seehofer-Rivale. Er durfte nicht reden, keinen Pieps, selbst als minutenlang viele CSU-Größen im Saal interviewt wurden. Ein eifriger Mitarbeiter kümmerte sich darum, dass Söder außerhalb von Seehofers Blickfeld saß. Die Bildregie im Saal trug dafür Sorge, dass Kameraschwenks zufällig meist knapp vor Söder endeten. Als gäb’s ihn nicht.

Diesmal zieht er zum Defiliermarsch ein, der eigentlich Ministerpräsidenten vorbehalten ist, vorbei an Lobhudel-Transparenten. „Wir, Dein Team“, ruft ihm Generalsekretär Andreas Scheuer entgegen, der auch den Auftritt vom Vorjahr verantwortete. Alles ist auf den „angehenden Ministerpräsidenten“ zugeschnitten, der huldvoll immer nur mit Doktortitel angesprochen wird. Auf seinem Platz liegen sogar ein Herzerl und eine Praline. Die Bühne gehört ihm ganz allein, denn Seehofer sagte 20 Stunden vorher grippekrank ab.

„Es war ein Fehler, die demokratische Rechte zu lang aus dem Blick zu verlieren“

Söder erinnert sich sehr gut an 2017, verkneift sich aber fast alle Spitzen. „Vor elf Jahren“ habe er das letzte Mal hier geredet, lässt er nur fallen. Seine Botschaft ist eine andere, sie richtet sich tief an alle in der CSU, ob sie sich mit ihm beim Einmarsch im Scheinwerferlicht sonnen oder nicht. „Die Union darf nicht immer nur nach links drängen, nicht immer nur in der Mitte sein. Es war ein Fehler, die demokratische Rechte zu lang aus dem Blick zu verlieren.“ Kämpft um die AfD- und FDP-Wähler, trichtert er der CSU ein, streitet dafür! „Wer glaubt, nur in Matineen die Leute zu erreichen: In Deutschland sitzen viel mehr Menschen an Stammtischen.“

Leidenschaftlich klingt das, er gestikuliert viel, wedelt mit dem Zeigefinger. Die Ansprache der konservativen Seele ist aber genau kalkuliert. Söder hat die Rede selbst geschrieben, 31 Seiten handschriftliches Gekrakel, das außer ihm kein Mensch auf dieser Erde entziffern kann. Er hat lange über einzelnen Formulierungen gebrütet. Den Passauer Auftritt ordnet er auf Augenhöhe mit seiner Grundsatzrede vor der CSU-Fraktion in Banz und der ersten Regierungserklärung im Landtag ein. Mögen hier auch mitunter ungewöhnliche Gestalten im Publikum sitzen – ein Herr mit Strauß-Büste, eine Seehofer-Verehrerin mit einer handgefertigten Puppe des Ministerpräsidenten –, den Fehler, Passau als Komik oder Krawall im Fischsemmelmief zu unterschätzen, begeht er jedenfalls nicht.

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„Die Zuwanderung hat in Deutschland alles verändert“

Söders Rede hat manchmal Längen, gerade bei Ausflügen in die Finanzpolitik. Die Konzentration kehrt zurück, wenn er den Schwerpunkt auf Migration setzt, Integration, Werte. Kreuze in allen Behörden fordert – Themen, die hier immer ziehen. Er kündigt schon die zweite Verfassungsänderung an, diesmal die Aufnahme der „christlich-abendländischen Prägung“. Auch die erste, schon bekannte Verfassungsänderung – ein Zehn-Jahres-Limit für die Ministerpräsidenten-Amtszeit – sorgt für Jubel, weil er das mit einer gemeinen Spitze versieht: „Das wäre auch ein Signal an Deutschland“, ruft er. Ohne den Namen von Angela Merkel zu erwähnen, weiß jeder im Saal: Ihr gilt der Rempler. „Die Zuwanderung hat in Deutschland alles verändert“, ruft Söder noch. „Wer das ignoriert, der täuscht sich.“

Auch das trifft einen Nerv in Passau; die CSU-Basis ist eben nicht mit der Kanzlerin versöhnt, schon gar nicht nach dem Wahldesaster vom September. Noch immer ohne Merkel zu nennen, schimpft er über ihre Wahlkampf-Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“, höhnt vom „Wahlschlaf“.

Söder endet mit einer selbstbewussten, fast spöttischen Anspielung auf seinen umstrittenen BR-Soap-Auftritt: „I bin der Markus. Da bin i dahoam. Da werd’ ich auch bleiben!“ Eine Kampfansage? Eine Beschwörung im Jahr der für die CSU alles entscheidenden Landtagswahl? Wenn einer weiß, wie schnell die Stimmung kippen kann, dann ist es wohl der Geächtete von 2017.

Für heuer ist alles in Ordnung. In der Halle springen sie auf, als Söder sich nach der Rede noch den Schweiß abwischt, klatschen lang, rufen „Markus“, zwischendurch auch „Edmund“, nur nach „Horst“ ruft keiner. Es ist eine dieser Besonderheiten des Passauer Aschermittwochs: Manchmal wird man in einem Jahr gefeiert, und im nächsten würden die Anhänger noch nicht mal einen geschenkten Bierkrug mitnehmen.

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