Analyse
Schulentwicklung: Mittelschule in Bayern setzt auf eigenständiges Lernen – und hat Erfolg
Eine Mittelschule in Bayern änderte ihr gesamtes pädagogisches Konzept – trotz einer wenig begeisterten Schulaufsicht. Nun ist sie zum weiten Mal für den Deutschen Schulpreis nominiert.
Eine Klasse, ein Lehrer, ein Buch – dieses Konzept hat in der Eichendorffschule in Mittelfranken nicht länger überzeugt. 400 Schülerinnen und Schüler besuchen die Mittelschule in Erlangen, mehr als zwei Drittel haben eine Migrationsgeschichte, 35 Prozent kommen aus Familien, die Sozialleistungen beziehen. „Wir wollten die Eichendorffschule zu einem bildungsgerechteren Ort machen“, sagt Schulleiter Helmut Klemm über den Wandel seiner Schulen in den vergangenen acht Jahren. Bei der Schulverwaltung seien seine Ideen mitunter auf Skepsis gestoßen, die Zusammenarbeit beschreibt Klemm als „wechselhaft“. Aufhalten ließ sich die Schule davon nicht.
Als ersten Schritt stellte die Eichendorffschule im Schuljahr 2015/16 auf Ganztag um. In Bayern war das noch eine Seltenheit, daher startete das Angebot erst einmal nur für zwei fünfte Klassen. Inzwischen kommen alle Schüler ganztägig. Wer nur Halbtag möchte, muss auf eine der beiden anderen Mittelschulen in Erlangen gehen.
So bekommen Sie den Newsletter von Table.Media
Diese Analyse liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem Bildung.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte sie Bildung.Table am 06. September 2023.
Erhalten Sie 30 Tage kostenlos Zugang zu weiteren exklusiven Informationen der Table.Media Professional Briefings – das Entscheidende für die Entscheidenden in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und NGOs.
Mehr individuelles Lernen
Die Ganztagsschule soll dabei mehr sein als ein reines Betreuungsangebot: ein Bildungsort. „Wir wollten ein klares Konzept“, sagt Klemm. Statt 30 Wochenstunden Unterricht, standen auf einmal 37 zur Verfügung und es stellte sich die Frage: Was macht man mit diesem Mehr an Zeit? „Uns war wichtig, den Tag klar zu strukturieren und das Kerngeschäft zu hinterfragen“, sagt der Schulleiter.
Im herkömmlichen Unterricht gebe es ein Schema F, das auf alle Schüler gleichermaßen angewendet wird. Das Resultat ist für Klemm nicht verwunderlich: Lauter gelangweilte Achtklässler, die keine Lust auf Mathe haben. „Aus der Neurobiologie wissen wir, dass Lernen ein sehr individueller Prozess ist“, sagt Klemm. Daher griff er auf reformpädagogisches Wissen zurück und ließ sich beispielsweise von dem pädagogischen Konzept der Evangelischen Schule Berlin Zentrum inspirieren.
Neue Kleidungsregeln an Schulen?
Unterricht in Matheräumen und Lernbüros
Das Ergebnis der sukzessiven, mehrjährigen Umstellung ist eine neue Form des Lernens. Drei Säulen prägen den Unterricht: Zunächst wurde Wert darauf gelegt, Mathe anders zu lehren. In Matheräumen betreuen nun drei Pädagogen Schüler der Klassen fünf und sechs, die sich ihr Wissen selbständig erarbeiten. Das Konzept ist stark an Montessori orientiert.
Ab der siebten Klasse gibt es zudem sogenannte Lernbüros für Mathe, Deutsch und Englisch. Auch hier sollen die Kinder eigenständig lernen, wobei immer Ansprechpartner für Fragen da sind. Klassischer Unterricht findet nur zur Ergänzung statt – etwa, um das Sprechen auf Englisch zu üben. Die dritte Säule bedeutet ein Mehr an Projektunterricht. Dazu gehört beispielsweise die Teilnahme am Frei Day, bei dem sich Schülerinnen und Schüler jede Woche vier Stunden selbstbestimmt und in Projekten mit Zukunftsthemen beschäftigen sollen. Diese Initiative gib es bundesweit bereits an 111 Schulen.
Positives Fazit aus der Praxis
Glaubt man Schulleiter Klemm, kommen diese offenen Unterrichtsformen bei den Kindern gut an. Viele hätten erstmals Spaß daran, Mathe zu lernen, sagt er. In bayernweiten Vergleichstests schneiden seine Schüler besser als an anderen Mittelschulen ab. Und auch das Kollegium zieht mit. „Klar, gibt es Zweifler. Doch viele haben auf Veränderung gehofft.“
Wenig begeistert sei dagegen – zumindest zu Beginn – die Schulverwaltung gewesen. Es sei „fahrlässig“, einer so schwierigen Schülerschaft so viele Freiräume zu lassen, soll sie moniert haben. Diese Schüler bräuchten eine geordnete, engmaschige Betreuung. „Wir wissen mittlerweile: Das ist Quatsch“, sagt Klemm. Kinder und Jugendliche würden sich viel besser entwickeln, wenn man ihnen etwas zutraut. „Zu viel dreht sich um Noten“, sagt Klemm. Dabei kann es auch ein Fußballturnier sein, bei dem Kinder Potenziale entfalten und ein respektvolles Miteinander lernen können.
Umdenken in der Schulverwaltung
Wie die Zusammenarbeit mit der Schulverwaltung lief, sei stark von den zuständigen Schulräten abhängig gewesen. Manche hätten darauf gepocht, dass Klemm ja nicht von der Schulordnung abweiche. Als einzelne Mittelschule sei man aber nicht ständig auf dem Radar der Schulaufsicht. „Wir konnten daher trotzdem unser eigenes Ding durchziehen“, sagt der Schulleiter.
2019 kam dann die erste Nominierung zum Schulpreis und die Schulaufsicht wurde positiv aufmerksam. „Dadurch hat sich das Verhältnis entspannt“, sagt Klemm. Gleichzeitig hat auch in der Schulverwaltung ein Umdenken stattgefunden: „Wir predigen schon lange nicht mehr Frontalunterricht“, sagt Eduard Gradl, Referatsleiter für Erziehung, Unterricht und Qualitätssicherung an mittelfränkischen Grund- und Mittelschulen.
Die Eichendorffschule lobt er als vorbildlich, weil sie „sehr kreativ, vor allem schülerorientiert“ arbeitet. „Wir begleiten und fördern solche Schulen“, betont Gradl. An sich gebe es große Freiräume, wie Schulleben gestaltet werden kann. „Es müssten sich nur viel mehr trauen, diese Möglichkeiten zu nutzen.“