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Groß angelegte Übung
Sapad: Putin zielt jetzt wohl auf die Nato – als Ziel gilt 2030
Wird die Oreschnik abgefeuert? Balten bleiben unbeeindruckt, die Nato spürt drohende Gefahr. Russland führt Kriegsübungen durch – gezwungen im Kleinformat.
Moskau – „Der Nato-Geheimdienst hat bisher keine Hinweise darauf, dass es sich bei Sapad um eine groß angelegte Übung handeln wird, die eine Bedrohung darstellen könnte“, sagte Deividas Matulionis dem in Vilnius sitzenden Radiosender Žinių Radijas. Den Berater des litauischen Präsidenten zitiert der litauische öffentlich-rechtliche Sender LRT. Die für September geplanten Sapad-Übungen (zu Deutsch: „Westen“) finden in den Grenzregionen zu den baltischen Staaten und Polen statt.
Vadym Skibitsky allerdings schlägt Alarm. Der stellvertretende Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes äußert gegenüber dem Sender ntv die Warnung über die hohe Produktivität der Rüstung Wladimir Putins. Laut Skibitsky baue Russland trotz des Ukraine-Krieges nicht nur emsig, sondern schieße sich mit einer so großen Militärübung auch langsam aber sicher auf die Nato ein.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Balten anscheinend gelassen, Nato besorgt: „Dies ist kein weiteres Routineereignis“
Die anstehenden Übungen zwischen dem 12. und 16. September scheinen insofern beachtenswert zu sein, weil sich auch Russland in der Transformation des Krieges befindet. In der Ukraine setzt Wladimir Putins Invasionsarmee zunehmend und gezwungenermaßen auf den Einsatz kleiner Infanterieeinheiten bis hinunter zu Trupps von einer Handvoll Männer, weil sich massierte Panzerangriffe schlichtweg verbieten. Raumgreifende Angriffe größerer Panzerverbände, wie beispielsweise im Kalten Krieg geplant, werden im kommenden Krieg unmöglich sein. „Dies ist kein weiteres Routineereignis – alle derartigen Bemühungen werden ernst genommen“, sagte im April Kęstutis Budrys. Laut LRT versicherte der litauische Außenminister, die Allianz werde reagieren, je nach Verlauf der Übungen und Umfang und Art der von Russland und Weißrussland eingesetzten Streitkräfte.
Russlands Sapad-Manöver würden als Beweis der Fähigkeiten des Landes, in großem Maßstab zu kämpfen betrachtet werden; aber ihren Nimbus habe Putins Armee in der Ukraine verloren, schrieben Giangiuseppe Pili und Fabrizio Minniti Mitte 2022: „Die jüngsten Entwicklungen in der Ukraine, wo die russischen Streitkräfte mit erheblichen logistischen und operativen Problemen konfrontiert sind, werfen ernsthafte Fragen über Moskaus Vorbereitungen auf einen größeren Konflikt auf.“ Bereits Mitte Februar hatte Belarus mittels der russischen Nachrichtenagentur Tass um Zurückhaltung nachgesucht. Die gemeinsame Übung Sapad-2025 von Belarus und Russland sei eine geplante Veranstaltung, die keine Bedrohung für andere Staaten darstelle, sagte zu der Zeit Alexander Wolfowitsch, Staatssekretär des belarussischen Sicherheitsrats.
„Trotz erheblicher Verluste auf dem Schlachtfeld in der Ukraine erholt und wächst das russische Militär schneller, als die meisten Analysten erwartet hatten.“
Über diese Aussage streiten sich die Geister – vor allem, weil die vormalige Übung Sapad-2021 als Tarnung für die Massierung von Truppen für den Ukraine-Krieg angesehen wird. Allerdings wird Russland in diesem Jahr zwar mit einer großen Zahl von Kräften antreten, aber wohl grundsätzlich abgespeckt aufmarschieren. Zu viele Kräfte seien im Ukraine-Krieg gebunden oder dort gefallen. Margus Parts geht davon aus, dass an diesem Manöver mindestens etwa 13.000 Kräfte teilnehmen würden; 2021 hatte Putin rund 200.000 Soldaten ins Manöver ziehen lassen, erinnert der Autor des Mediums The Baltic Sentinel. Seinen Schätzungen zufolge würden ungefähr 8.000 Soldaten auf belarussischem Boden und 4.000 in der russischen Exklave Kaliningrad teilnehmen, wie er schreibt.
Russlands Theaterdonner als Generalprobe? „Charakter eines zukünftigen Krieges“
„Dem litauischen Geheimdienst zufolge sind Übungen der russischen Luftwaffe in Dobrowolsk im Nordosten Kaliningrads geplant, während Bodentruppen in Gozha im Westen Weißrusslands, nur zehn Kilometer von der litauischen und polnischen Grenze entfernt, operieren werden“, so Parts. Trotz aller Einschränkungen Russlands aufgrund ihrer laufenden Kampfhandlungen und der Aufmerksamkeit des Westens, trage Sapad-2025 den „Charakter eines zukünftigen Krieges“, schreiben Aylin Matlé und András Rácz. Die beiden Analysten der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sehen dennoch eine deutliche Gefahr für die Nato in Russlands Probe-Krieg: Für sie ist „sehr wahrscheinlich, dass die Übung Sapad-2025 eine Form von Training mit der neuen ballistischen Rakete ‚Oreschnik‘ beinhalten wird – entweder simuliert oder mit scharfem Schuss“, wie sie schreiben.
Ihnen zufolge sei das vor allem deshalb zu erwarten, wenn Putin ernst genommen werden wolle – gerade mit einer Drohung, die er selbst wiederholt als Premium-Pfeil in Russlands Köcher beschrieben hat: „Unter diesen Umständen könnte ein demonstrativer Einsatz einer Oreschnik während der Übung durchaus als Element der informativen Abschreckung dienen, während Russland die Rakete zur Vorbereitung auf einen zukünftigen Krieg weiterentwickeln könnte.“ Auf genau diese Gefahr weist auch Vadym Skibitsky hin, wie ntv berichtet. Der ukrainische Geheimdienstler rechnet damit, dass Russland während des Manövers „auf die Verbesserung der Genauigkeit und Erhöhung der Effektivität der Sprengköpfe sowie auf die Reichweiten-Verlängerung“ abziele, wie ihn ntv wiedergibt. Laut Wladimir Putin soll die Waffe auch in Belarus stationiert werden.
Putin aktiviert seine Verbündeten: „Entsendung einer regionalen Truppengruppe“
„Ziele in der Ukraine zu treffen, erfordert einen bestimmten Einsatzradius, aber die Vorbereitung auf einen Krieg mit der Nato bis 2030 erfordert eine viel größere Reichweite“, so Skibitsky. „Vielleicht ist dieser Sommer der letzte Sommer, den wir noch im Frieden erleben“, äußerte beispielsweise Deutschlands profiliertester Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Uni Potsdam. Ihm zufolge würden litauische Beobachter befürchten, für die Russen bedeutete das anstehende Manöver die Blaupause für eine Offensive auf das Baltikum. Und auch Sabine Adler warnte kürzlich in der Talkshow von Caren Miosga vor einer „echten Kriegsgefahr“ für die Europäische Union und die Nato – nach Einschätzung des Deutschlandfunks sei Adler eine der renommiertesten journalistischen Kenner Osteuropas.
Schnelligkeit von „hochbereiten Truppen“ ist eines der Übungsziele von Sapad-2025. Dass Russland vor den Augen der Welt seine Leistungsfähigkeit demonstriert, gilt in der Nato als alarmierend und beobachtungswürdig. Zuletzt hatte ein Sapad-Manöver 2021 stattgefunden (Archivfoto).
Von einer ähnlichen Intention Russlands geht auch der Wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses aus. Trotz der Miniatur-Ausgabe der Übung von 2021 „könnte die Wiederaufnahme strategischer Übungen darauf hindeuten, dass der Fokus wieder auf mögliche Konfliktszenarien zwischen Russland und der Nato gerichtet ist“, schreiben Andrew S. Bowen und Anya L. Fink – die Analysten heben damit hervor, dass vielleicht weniger interessant sein wird, was die russischen und belarussischen Truppen üben, sondern dass sie neben einem laufenden Krieg auch noch auf einem Nebenkriegsschauplatz „Theaterdonner“ abfeuern. Der Grat zwischen reiner Demonstration und bewusster Provokation scheint schmal zu sein – vor allem, weil Russland neben Belarus noch andere Verbündete einbinden werde, so Bowen und Fink.
Putin probt den Ernstfall – Russlands Militär bleibt trotz hoher Verluste eine Gefahr für die Nato
„Entsendung einer regionalen Truppengruppe“ lautet die Aufgabe für die Manöver-Kontingente der Mitgliedstaaten der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS): Neben Russland und Belarus gehören dazu noch Armenien, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan – Schnelligkeit von „hochbereiten Truppen“ gilt als Ausweis eines möglichen Überfalls auf die baltischen Staaten im Rahmen eines Angriffs Russlands auf die Nato. Insofern notieren Bowen und Fink Besorgnis unter Politikern und hohen Militärs der Regierung unter Donald Trump. „Trotz erheblicher Verluste auf dem Schlachtfeld in der Ukraine erholt und wächst das russische Militär schneller, als die meisten Analysten erwartet hatten“, habe Christopher Cavoli im April dieses Jahres vor dem Kongress ausgesagt, wie Bowen und Fink den damaligen Kommandeur des US European Command zitieren.
Insofern ist die Oreschnik eine konkrete Bedrohung für die westliche Freiheit und ihre Verteidigungsallianz, obwohl die baltischen Staaten vor Sapad 2025 Gelassenheit demonstrieren. Ian Williams hält einen Angriff mit einer Waffe wie der Oreschnik für langfristig folgerichtig, wie der Analyst des US-Thinktanks Center for International and Strategic Studies (CSIS) festgehalten hat: „Es ist unrealistisch zu erwarten, dass Russland jemals die Raketen ‚ausgehen‘ werden.“