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Experten schlagen Alarm
Kreml installiert Kontrollsoftware auf russischen Mobiltelefonen: „Digitaler Gulag“
Der Kreml nötigt seinen Bürgern eine Überwachungs-App auf. „Max“ sammelt sämtliche Daten ohne Verschlüsselung – das FSB bekommt direkten Zugriff.
Moskau – Russland geht mit der zwangsweisen Installation der Messenger-App „Max“ auf allen neuen Smartphones einen beispiellosen Schritt zur totalen digitalen Überwachung seiner Bürger. Seit dem 1. September 2024 ist die staatlich kontrollierte App auf allen in Russland verkauften Geräten vorinstalliert – ein System, das Experten als „digitalen Gulag“ bezeichnen.
WhatsApp-Alternative Max in Russland: Totale Datenerfassung ohne Verschlüsselung
Unabhängige Sicherheitsforscher haben Max mit forensischen Tools analysiert und alarmierende Befunde veröffentlicht. „Max ist überhaupt nicht sicher. Es gibt keine Kryptographie… Es ist absichtlich unsicher konzipiert, um seinem Zweck zu dienen: der Überwachung von Menschen“, warnt gegenüber Forbesein anonymer IT-Experte, der aus Angst vor Repressalien durch russische Geheimdienste ungenannt bleiben möchte.
Die App sammelt kontinuierlich umfassende Nutzerdaten: IP-Adressen, Standortdaten, Kontaktlisten, Gesprächsverläufe und laut eines unabhängigen Berichts, den die Helsinki Times zitiert, sogar biometrische Daten. Anders als WhatsApp oder Signal verwendet Max keine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Stattdessen nutzt die App eine vom russischen Geheimdienst FSB zertifizierte Verschlüsselung, die der Regierung unter Russlands Machthaber Wladimir Putin und ihren Behörden jederzeit Zugriff auf alle Nachrichten ermöglicht.
Kreml-Überwachung durch Max: FSB erhält direkten Zugang zu Bürgerkommunikation
„Alles, was Sie dort tun, wird dem FSB zur Verfügung stehen“, erklärt Mikhail Klimarev, Leiter der im Exil operierenden Internet Protection Society, gegenüber Politico. Die Datenschutzrichtlinien von Max erlauben ausdrücklich die Weitergabe von Informationen an staatliche Behörden und Dritte. Der Oppositionsjournalist Andrey Okun, der für die Nachrichtenseite Republic schreibt, bezeichnete Max als zentrales Element des „digitalen Gulags“, den Putin und seine Vertrauten im Kreml errichten würden. „Das wird ein steriler Raum sein, in dem die Behörden die vollständige Kontrolle über die Freizeit, die Motive und die Gedanken der Bürger haben“, warnte Okun.
Der Begriff „digitaler Gulag“ spielt auf die sowjetischen Straflager an und verdeutlicht, wie aus Sicht der Opposition die gesamte russische Gesellschaft unter der Herrschaft Putins zu einem überwachten Gefängnis werden könnte. Max sammelt nicht nur Kommunikationsdaten, sondern soll künftig auch den Zugang zu staatlichen Dienstleistungen, Zahlungssystemen und anderen digitalen Services kontrollieren – eine totale Abhängigkeit, die jeden Widerstand unmöglich macht.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Max ist in Russlands bereits existierendes Überwachungssystem SORM (System für operative Ermittlungsmaßnahmen) eingebettet. SORM verpflichtet seit 1995 alle Telekommunikationsanbieter, FSB-Hardware zu installieren, die direkten Zugriff auf Kommunikationsdaten ermöglicht, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt. Durch das 2016 verabschiedete Yarovaya-Gesetz müssen Anbieter alle Kommunikationsinhalte sechs Monate und Metadaten drei Jahre lang speichern.
Chinesisches Modell als Vorbild für Kreml-Messenger Max
Die Strategie folgt dem chinesischen WeChat-Modell einer „Super-App“, die alle digitalen Lebensbereiche abdeckt. Max soll nicht nur Nachrichten übertragen, sondern auch Zahlungen abwickeln und den Zugang zu staatlichen Dienstleistungen ermöglichen. „Es versucht, die Kommunikation zwischen Bürgern zu kontrollieren, nicht nur ihr Verhalten auf öffentlichen Plattformen“, analysiert Sarkis Darbinyan von der Menschenrechtsorganisation RKS Global gegenüber Politico.
„Max“, WhatsApp und Co.: Vergleich der Messenger
Messenger
Nutzer in Russland (Stand 2025)
Verschlüsselung
Staatlicher Zugriff
Besondere Funktionen
Status in Russland
WhatsApp (Meta)
ca. 100 Mio.
Ende-zu-Ende
Kein Zugriff, Meta verweigert
Sprach- & Videoanrufe, weltweite Verbreitung
Verbreitung eingeschränkt, Meta als „extremistisch“ eingestuft
Telegram
ca. 60 Mio.
Teilweise (Cloud nicht E2E)
Keine volle Kooperation
Kanäle, Bots, Gruppen
Störungen bei Calls, weiter nutzbar
Max (VK)
18 Mio. registriert
Keine Ende-zu-Ende
Voller Zugriff, Weitergabe
Integration von Behördendiensten, Finanzen
Preinstallationspflicht ab 1. Sept
WeChat (China)
<1 Mio. in Russland, >1 Mrd. weltweit
Verschlüsselt, aber staatlich einsehbar
Umfassende Kontrolle durch Staat
All-in-One: Chat, Zahlung, Services
Vorbild für „Max“ in Russland
Quellen: Washington Post, Reuters, Forbes, CNN, DW.
Russlands digitale Überwachung geht weit über Max hinaus. Das Land betreibt Gesichtserkennungssysteme in Städten, überwacht soziale Medien systematisch und hat nach dem Ukraine-Krieg die Kontrolle massiv ausgeweitet. Roskomnadzor, die russische Medienaufsichtsbehörde, führt laut BBC Listen mit Hunderten von Journalisten und Bloggern, die als „ausländische Agenten“ eingestuft werden.
Max kann laut CNN und der russischen Nachrichtenagentur Interfax nur mit russischen oder belarussischen Telefonnummern genutzt werden, was Russen im Ausland ausschließt. Gleichzeitig werden ausländische Messenger systematisch eingeschränkt: WhatsApp und Telegram (dem Kontakte zum FSB nachgesagt werden) sind bei Anrufen blockiert, YouTube wird gedrosselt. Die Regierung arbeitet an einem System, das bei Internet-Abschaltungen nur noch „lebenswichtige“ Dienste wie Banken, Taxis und Max zugänglich macht. Experten warnen laut BBC vor einer vollständigen digitalen Isolation der russischen Gesellschaft nach chinesischem Vorbild. (cgsc)