„Es gab eine Anweisung“
Chameneis Sohn ist Oberster Führer des Iran: Experte warnt vor „Schlange mit vielen Köpfen“
„Es gibt Vorkehrungen im Iran für genau diesen Fall“, sagt Nahost-Experte Böhm über den Tod von Chamenei. Jetzt soll ein Nachfolger feststehen: dessen Sohn.
Update, 8. März 22:25 Uhr: Der Expertenrat des Iran hat Modschtaba Chamenei offiziell zum neuen obersten Führer ernannt. Der 56-Jährige tritt damit die Nachfolge seines Vaters, dem getöteten obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei, an.
Update, 4. März, 8 Uhr: Der Sohn des getöteten Ajatollah Ali Chamenei soll Berichten zufolge dessen Nachfolge im iranischen Mullah-Regime antreten. Der Expertenrat hat den 56-jährigen Modschtaba Chamenei zum neuen Obersten Führer bestimmt, heißt es in verschiedenen Medien. Er soll laut Daily Mail enge Verbindungen zur iranischen Revolutionsgarde haben, die auf seine Ernennung gedrängt haben soll. Bisher hat der Chamenei-Sohn keine offizielle Funktion im Regime, auch ist er kein hochrangiger Geistlicher.
Chamenei tot, Regime überlebt? Experten warnen vor „Schlange mit vielen Köpfen“
Erstmeldung vom 3. März: Das iranische Volk trachtet schon lange nach dem Sturz des unterdrückerischen Mullah-Regimes. Doch die Massaker nach den Protesten im Iran vor einigen Wochen haben gezeigt: Ohne Unterstützung aus dem Ausland sind die Iraner machtlos. Seit vier Tagen attackieren die USA und Israel die Diktatoren des Gottesstaats gezielt. Chamenei und andere Minister und Funktionäre sind tot – aber bedeutet das wirklich den Sturz des Regimes im Iran?
Iran-Experte Andreas Böhm zweifelt daran, denn der Iran sei gewappnet: „Es gibt Vorkehrungen im Iran für genau diesen Fall“ – den Tod des obersten geistlichen Führers, Ayatollah Ali Chamenei, schildert er gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Es gab eine Anweisung, für jede Führungsposition bis zu vier Nachfolger zu benennen, damit es kein Vakuum gibt“, erläutert der Dozent für International Affairs an der Universität St. Gallen.
Regime im Iran „wie eine Schlange, die mehrere Köpfe hat“ – Tod Chameneis war einkalkuliert
Damit schlägt der Experte ähnliche Töne an wie der deutsch-iranische Politiker Bian Djir-Sarai: Im Bild-Podcast „Ronzheimer“ sagte der ehemalige Generalsekretär der FDP, das Mullah-Regime im Iran sei „wie eine Schlange, die sehr viele Köpfe hat“. „Erst, wenn alle Köpfe weg sind, ist dieses Regime erledigt. Und noch sind wir nicht so weit.“
Wie Experte Böhm unterstreicht Djir-Sarai, dass der Iran für den Tod Chamaneis, der immerhin schon 86 Jahre alt war, gerüstet sei. Dass dies eintrete, sei immer wieder simuliert worden. Daher steuere das Regime aktuell nicht kopflos in diese Situation – auch wenn es seit 1979 nur einen einzigen Führungswechsel in der Islamischen Republik gab: Im Jahr 1989, nach dem Tod von Vorgänger Ruhollah Chomeini, wählte der Expertenrat den nun getöteten Ali Chamenei überraschend zum neuen „Revolutionsführer“.
Wer war Ayatollah Chamenei?
Ayatollah Ali Chamenei regiert den Gottesstaat Iran seit 1979 diktatorisch. Er hielt gewaltsam ein totalitäres, islamistisches System aufrecht, mit drastischen Verletzungen der Menschenrechte. Als oberster geistlicher Führer stand er mit unumschränkten Machtbefugnissen über allen Institutionen. Gleich zum Start der israelisch-US-amerikanischen Angriffe auf den Iran, die seit 28. Februar laufen, wurde der oberste geistliche Führer des Iran getötet.
Nachfolger von Chamenei: Aktuelle Lage im Iran werde Ernennung verzögern – das sei auch Taktik
Vorläufig gibt es ein dreiköpfiges Führungsgremium im Iran, das die Aufgaben Chameneis verfassungsgemäß übernimmt, bis ein Nachfolger für ihn ernannt wurde. Ihm gehört der hohe Geistliche Ayatollah Alireza Arafi an, der als neuer starker Mann im Iran eingeschätzt wird, außerdem Präsident Masoud Peseschkian und der Oberste Richter Mohseni-Eschei. „Damit soll Kontinuität aufgezeigt werden“, erläutert Nahost-Experte Böhm gegenüber unserer Redaktion. Auch der nationale Sicherheitsberater im Iran, Ali Larijani, soll bei der Rettung der Reste des Regimes eine große Rolle spielen.
Während das Interimgremium den Staat vorerst anführt, bereitet sich eine Expertenversammlung im Iran auf die Wahl von Chameneis Nachfolger vor. Inmitten der aktuellen Eskalation des Konflikts könne das allerdings dauern. Falls es überhaupt dazu kommt. Denn Israel strebt definitiv einen Regimewechsel im Iran an, die USA möglicherweise. Mit dem Ernennen eines Nachfolgers wird man sich laut Politologe Böhm im Iran aber auch deshalb Zeit lassen, „um den Nachfolger nicht ins Schaufenster zu stellen und für die USA bzw. Israel zu exponieren“.
Menschen auf der Straße, Rauch über Städten: Bilder der Eskalation im Nahen Osten




Iran werde Tod von Chamenei strategisch nutzen – „Mit Nachfolger Botschaften setzen“
Dijr-Sarai sagte im Interview mit Bild-Journalist Paul Ronzheimer, dass der Iran mit der Neubesetzung der vakanten Plätze im Mullah-Regime nicht nur Zeit gewinnen wolle, „um in irgendeiner Form am Leben zu bleiben“. Sondern das verbleibende Regime werde dabei auch strategisch vorgehen und mit der Wahl des Nachfolgers „auch Botschaften setzen“. Der Iran werde bewusst den Eindruck erwecken wollen, dass jetzt ein Reformer an der Macht sei, mit dem die Europäer und die USA wieder verhandeln könnten.
Nahost-Experte zur Lage im Iran: „USA wollten einen kurzen Krieg, aber wurden von Israel gedrängt“
Unabhängig von der Frage des Nachfolgers Chameneis – wie es im Iran-Krieg weitergehen wird, ist ungewiss. Auch US-Präsident Donald Trump, der am Samstag den Befehl zum Luftkrieg gab und sich dabei eng mit Israels Premier Benjamin Netanjahu abstimmte, bleibt mit seinen genauen Zielen im Vagen.
Experte Böhm glaubt: „Die USA wollten zunächst einen kurzen Krieg, nur drei oder vier Tage, um die Führung zu eliminieren, wurden aber von Israel gedrängt, über mehrere Wochen auszudehnen.“ Jetzt würden die „Listen mit Zielen abgearbeitet: Raketendepots, Abschussbasen, Militärinfrastruktur, Kasernen, Basen der Revolutionsgarden und so weiter“. Das Problem: Ein finales Ziel sei nicht definierbar. Daher sei unklar, woran die USA festmachen würden, dass der Iran besiegt sei. Böhm ist sich sicher: „Der Iran wird versuchen, die Sache in die Länge zu ziehen, um die Raketenabwehr Israels, der USA und der Golfstaaten zu strapazieren und zu dezimieren.“
US-Außenminister Marco Rubio sagte laut Fox News am Montag (2. März), es sei unvermeidbar gewesen, dass die Amerikaner sich dem Angriff auf das Mullah-Regime anschließen – denn Israel hätte dies in jedem Fall getan. Netanjahu wiederum erklärte in dem US-Sender, dass die Militäroperation nötig gewesen sei, da der Iran nach dem Zwölf-Tage-Krieg 2025 begonnen habe, „neue Standorte, neue Anlagen, unterirdische Bunker zu bauen“. Der israelische Premierminister weiter: „Wenn jetzt keine Maßnahmen ergriffen worden wären, hätte man in Zukunft keine Maßnahmen mehr ergreifen können.“ Das Raketen- und Atomprogramm wäre „innerhalb von Monaten“ unangreifbar gewesen.
Ölkrise und Flächenbrand drohen – Golfstaaten wollen „schnelles Ende“ des Iran-Kriegs
Der Iran schlägt derweil wild um sich. Dramatische Folgen für die Weltwirtschaft und die Sicherheit im ganzen Nahen Osten drohen. Ein General der iranischen Revolutionsgarden drohte auf Telegram, jeden Öltanker in der Straße von Hormus „zu verbrennen“ und auch sonst nicht zulassen, „dass auch nur ein Tropfen Öl die Region verlässt“. Explodierende Benzin- und Gaspreise, auch in Deutschland, sind zu erwarten. Iranische Raketen und Drohnen schlagen unterdessen in den mit den USA verbündeten Golfstaaten ein. Lufträume sind gesperrt, zehntausende Urlauber sitzen fest.
Die Anführer der Golfstaaten aber seien „an einem möglichst schnellen Ende“ des Iran-Kriegs interessiert, so Andreas Böhm. „An der Seite Israels gegen den Iran zu kämpfen, wäre höchst unpopulär. Selbst, wenn es sich um absolutistische Monarchien handelt, können sie die Bevölkerung nicht ganz ignorieren.“ Den Golfstaaten sei die aktuelle Eskalation des Konflikts in höchstem Maße unrecht: „Denn sie wollen einen schwachen, aber stabilen Iran, um in Ruhe ihre großen Projekte anzugehen.“ (Quellen: eigene Recherche, Podcast „Ronzheimer“, Fox News, Telegram) (smu)
Rubriklistenbild: © Mahesh Kumar A./AP/dpa

