Geopolitik
Heiliger Krieg? Wie Israel, die USA und Iran den Konflikt religiös aufladen
Bibelverse, Endzeitvisionen und religiöse Symbole tauchen im Krieg zwischen Israel, dem Iran und den USA immer wieder auf. Doch trotz heilig klingender Rhetorik bleibt der Konflikt ein geopolitischer Machtkampf. Ein Kommentar von Oliver Marquart.
Ist der Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran ein religiöser Krieg? Oder gar ein heiliger? Wer die Rhetorik der politischen Akteure verfolgt, könnte durchaus zu diesem Schluss kommen. Bibelverse, Endzeitvisionen und Erlösungsfantasien tauchen immer wieder in Reden, Symbolen und politischen Botschaften auf.
Religiöse Sprache als Tarnmantel – Mobilisierung statt Erklärung
Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die religiösen Motive erklären den Konflikt nicht, sondern rahmen ihn lediglich ein. Religion wird zur Sprache der Mobilisierung.
Als Israel seinen Angriff auf den Iran unter dem Namen „Roaring Lion” bekannt gab, war die religiöse Anspielung kaum zu übersehen. Der Name knüpft an die Bezeichnung des 12-Tage-Krieges im Juni 2025 an. „Rising Lion“. Dieser wiederum spielt auf einen Vers aus dem vierten Buch Mose an: „Ein Volk, das sich erhebt wie ein Löwe.“ Damit wird ein militärischer Konflikt mit einer biblischen Selbstbeschreibung Israels verknüpft.
Netanjahus Symbolpolitik – Bibelverse im Kriegseinsatz
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, gegen den ein internationaler Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vorliegt, griff diese Symbolik im vergangenen Juni öffentlich auf. Er schrieb den entsprechenden Bibelvers auf einen Zettel und steckte ihn in die Klagemauer in Jerusalem.
In einer Fernsehansprache zu Beginn der jetzigen Angriffe stellte er den Krieg zugleich als existenziellen Kampf eines „Volkes, das das Leben liebt“, gegen ein „Mordregime“ dar und begründete den Angriff vor allem sicherheitspolitisch. Eine ausdrückliche Bezeichnung des Konflikts als „religiösen Krieg“ vermied er dabei.
Amalek-Vergleiche – wenn der Gegner zum absoluten Bösen wird
Deutlich wird die religiöse Aufladung jedoch an anderer Stelle. Netanjahu und sein rechtsextremer Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, haben den Begriff „Amalek” für den Iran verwendet. In der biblischen Überlieferung steht Amalek für den archetypischen Feind Israels – eine Figur, deren vollständige Vernichtung in der religiösen Tradition als göttlicher Auftrag beschrieben wird.
Wenn heutige Gegner mit dieser Figur verglichen werden, verschiebt sich der Deutungsrahmen. Der Gegner erscheint dann nicht mehr nur als politischer Gegner, sondern als Verkörperung des radikal Bösen.
Apokalyptische Visionen im Pentagon – christlicher Fundamentalismus im Kriegseinsatz
Auch in den USA tauchen religiöse Deutungen auf. So wird in Teilen des US-Militärs religiöse Rhetorik verwendet, um den Konflikt mit dem Iran zu interpretieren. Bei einer Beobachtungsorganisation sind Beschwerden eingegangen, denen zufolge US-Militärkommandeure extremistische christliche Rhetorik über die biblische „Endzeit“ genutzt haben, um den Truppen die Beteiligung am Krieg gegen den Iran zu rechtfertigen. Die Military Religious Freedom Foundation (MRFF) gibt an, mehr als 200 Beschwerden von Angehörigen der Streitkräfte erhalten zu haben.
Ein Kommandeur einer Kampfeinheit erklärte demnach Unteroffizieren bei einer Besprechung, dass der Krieg gegen den Iran Teil von Gottes Plan sei und Präsident Donald Trump „von Jesus gesalbt worden sei, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon auszulösen und seine Rückkehr auf die Erde zu markieren“.
Politische Brandstifter – religiöse Provokationen aus Washington
Solche apokalyptischen Vorstellungen sind im evangelikalen Christentum in den USA weit verbreitet. Religiös aufgeladene Deutungen finden sich jedoch nicht nur in militärischen Kontexten. Auch führende Politiker greifen zu entsprechender Rhetorik.
Der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, bezeichnete die Iraner:innen als Anhänger einer „fehlgeleiteten Religion“ – eine Bemerkung, die weithin als Anspielung auf den Islam, die Mehrheitsreligion des Landes, verstanden wurde. Der republikanische Senator Lindsey Graham sprach sogar offen von einem „Religionskrieg“.
Kreuzritter-Symbolik – Tattoos des US-Verteidigungsministers
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch US-Verteidigungsminister Pete Hegseth – von der Trump-Administration mittlerweile offiziell als „Kriegsminister“ bezeichnet. Hegseth diente in der US-Armee und war in Afghanistan und im Irak stationiert. Aus dieser Zeit zieren einige Tattoos seinen Körper, die eine eindeutige Sprache sprechen. Bekannt sind unter anderem der lateinische Kreuzfahrerspruch „Deus Vult“ (“Gott will es“), das sogenannte Jerusalem-Kreuz (ebenfalls von den Kreuzfahrern) sowie das arabische Wort „Kafir“ (“Ungläubiger“).
Der Iran ist die Kriegspartei, von der der westliche Beobachter am ehesten religiöse Aufladungen des gegenwärtigen Krieges erwarten würde. Seit der islamischen Revolution von 1979 bezeichnet das Regime Israel als „kleinen Satan“.
Iranische Rhetorik – religiöse Sprache, politischer Kern
In dieser Rhetorik erscheint der Staat nicht nur als politischer Gegner, sondern als religiöser Fremdkörper in der mehrheitlich islamischen Welt. Die USA wiederum werden häufig als „großer Satan“ bezeichnet – als Symbol einer arroganten, sündigen Weltmacht.
Tatsächlich lässt sich religiöse Kriegsrhetorik auch aus dem Iran nachweisen – allerdings eher von religiösen Autoritäten als von der politischen Führung. Auffällig ist, dass offene „Heiliger Krieg“-Formulierungen bislang eher von einzelnen Geistlichen stammen, während offizielle iranische Regierungs- oder Militärerklärungen den Konflikt überwiegend in strategischen, nationalistischen und politischen Kategorien beschreiben.
Dschihad-Rufe von Geistlichen – aber anderes Signal aus Teheran
So erklärte der einflussreiche schiitische Großajatollah Naser Makarem Shirazi am 28. Februar 2026 laut Berichten unter Berufung auf die iranische Nachrichtenagentur Tasnim den Beginn eines Dschihad (wird in Deutschland meist mit „heiliger Krieg“ übersetzt) gegen die USA und Israel.
Zugleich sprach er von einer „religiösen Pflicht zur Rache“ für die Tötung von Revolutionsführer Ali Khamenei und weiterer iranischer Führungsfiguren. Shirazi ist eine bedeutende religiöse Autorität, gehört jedoch nicht der Regierung oder der militärischen Führung im engeren Sinn an.
Taktik statt Theologie – Irans Militär setzt auf Machtpolitik
Die offizielle militärische Kommunikation aus Teheran wirkt bislang anders akzentuiert. Vertreter der Revolutionsgarden und ihrer Auslandseinheit, der Quds-Brigade, die beide von den USA als Terrororganisationen eingestuft werden, greifen zwar immer wieder auf religiös gefärbte Bilder zurück, formulieren ihre Drohungen jedoch meist in politisch-militärischer Sprache.
In einer Erklärung Anfang März hieß es etwa, für den Feind würden „die Tore der Hölle offen bleiben“ und er werde „nirgendwo auf der Welt“ mehr Sicherheit finden – eine stark religiös konnotierte Metapher, aber keine ausdrückliche theologische Begründung des Krieges.
Mobilisierung statt Glaubenskrieg – religiöse Wörter in weltlicher Strategie
Auch spätere Stellungnahmen der Revolutionsgarden betonten vor allem strategische Ziele: Iran werde die USA und Israel so lange angreifen, bis deren „vollständige Kapitulation“ erreicht sei. Erst über zwei Wochen nach Kriegsbeginn rief der mittlerweile von Israel gezielt getötete Sicherheitsratschef Ali Larijani Muslim:innen weltweit und Regierungen islamischer Staaten dazu auf, im Krieg mit den USA und Israel klar Partei für den Iran zu ergreifen.
Darin stilisierte er den Konflikt als Auseinandersetzung zwischen „amerikanisch-zionistischen“ Kräften und einem „muslimischen Iran“ und kritisierte zugleich die mangelnde Unterstützung durch andere islamische Staaten. Zugleich beschwor er die Einheit der islamischen Welt.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Sonntagsblatt.de.
Die Macht der religiösen Sprache – warum sie den Krieg gefährlicher macht
Trotz der religiösen Rhetorik von allen Seiten bleibt der Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran im Kern ein geopolitischer Machtkampf. Es geht um regionale Vorherrschaft, militärische Abschreckung, Einfluss auf Seewege und Energierouten und das Überleben politischer Systeme.
So unterschiedlich die religiösen Traditionen der Kriegsparteien auch sein mögen, ihre politische Funktion ähnelt sich: Religiöse Sprache erhöht die moralische Intensität eines Konflikts. Sie verwandelt komplexe strategische Interessen in einfache Erzählungen von göttlichem Plan, existenziellem Überlebenskampf oder heiligem Widerstand.
Wenn der Feind zum Dämon wird – religiöse Metaphern als Brandbeschleuniger
Wenn Kriege als Teil göttlicher Geschichte erscheinen, wird Kritik schnell als Verrat gedeutet und politische Entscheidungen erhalten einen heiligen Glanz, der sie schwerer hinterfragbar macht. Zugleich verändert sich das Bild des Feindes – und zwar paradoxerweise durch Aufwertung: Aus einem politischen Gegner wird eine kosmische Bedrohung, aus einem Staat Satan selbst.
Erst diese Überhöhung des Feindes legitimiert den göttlichen Gegenschlag. Wer gegen das Böse kämpft, braucht keine Verhältnismäßigkeit. Die religiöse Metapher wird so zum Freifahrtschein – und die Verantwortung für das, was folgt, liegt bei Gott.