Phänomen im Bundestag
Neue Regierung: Psychologin erklärt umstrittenes Verhalten von Merz - „erstmal heftiger“
Im neuen Bundestag sitzen weniger Frauen als 2021. In der neuen Regierung von Friedrich Merz auch. Ist dies das letzte Aufbäumen des Patriarchats?
Die neue Regierung hat ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Zudem kursieren Listen zur Besetzung des Kabinetts von Friedrich Merz. Bereits am 25. März kamen 630 Mitglieder des neuen Bundestags zum ersten Mal in dieser Konstellation zusammen. 204 von ihnen, also 32,4 Prozent, sind Frauen. In der vergangenen Legislaturperiode waren es 34,8 Prozent. Der Frauenanteil im Bundestag ist also auf unter ein Drittel gesunken.
Bei der SPD beträgt der Frauenanteil 41,7 Prozent, bei der Linken 56,2 Prozent und bei den Grünen ist er mit 61,2 Prozent am höchsten. Am niedrigsten ist er bei der AfD mit 11,8 Prozent, bei der CDU liegt er bei 22,6 Prozent, bei der CSU bei 25 Prozent. Am Internationalen Frauentag (8. März) forderten mehrere Unions-Politikerinnen (CDU/CSU), dass der Frauenanteil zumindest in der Regierung größer sein müsse und es gleich viele Frauen wie Männer, also Geschlechterparität, brauche.
Olaf Scholz, der am 25. März offiziell als Kanzler entlassen wurde, besetzte sein Kabinett 2021 mit gleich vielen Frauen wie Männern, löste damit ein Wahlversprechen ein. Der voraussichtlich neue Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz ließ bisher offen, ob er Forderungen nach Geschlechterparität im Bundeskabinett nachkommen wird. Laut Informationen von FR.de aus Unionskreisen sollen zehn Ministerien mit Männern besetzt werden und nur sieben mit Frauen. Wie viel er von einer Frauenquote hält, hat Merz mehrfach in Interviews deutlich gemacht.
Psychologin über mögliches Phänomen, das im neuen Bundestag sichtbar wird
Weniger Frauen als Männer in der Regierung und weniger Frauen im Parlament als noch vor vier Jahren: Für die Gleichberechtigung und Repräsentation von Frauen in Deutschland wäre es ein großer Rückschritt. Nicht nur in Deutschland sind diese Entwicklungen aktuell zu beobachten. Besonders in den USA fürchten Frauen aktuell um ihre Rechte, denn US-Präsident Donald Trump ließ erst vor kurzem Antidiskriminierungsprogramme (DEI) in der Bundesverwaltung abschaffen.
Experten und Expertinnen warnen, dass ohne DEI vor allem Frauen, ethnische Minderheiten und Menschen mit Behinderungen wieder größere Hürden beim Zugang zu Jobs und Bildungseinrichtungen haben könnten. Der Aufstieg von Konservativen und Rechtspopulisten bedroht die Frauenrechte weltweit. Toxische Maskulinität und Patriarchat scheint sich ein letztes Mal aufzubäumen, so schreibt es eine Instagram-Nutzerin (siehe unten) und benutzt den psychologischen Begriff „extinction burst“, um das Phänomen zu beschreiben.
Die Berliner Psychologin Belinda Karwe findet diese Perspektive sehr „interessant“. Mit dem Begriff „extinction burst“ bezeichne man in der Lerntheorie ein Verhalten, das vorübergehend noch stärker auftrete, wenn es nicht mehr belohnt werde. „Ein normaler Teil des Lernprozesses, besonders bei Verhaltensänderungen“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
„Als Beispiel könnte man sich ein Kind vorstellen, das immer Süßigkeiten bekommt, wenn es im Supermarkt quengelt. Wenn die Eltern plötzlich aufhören, darauf zu reagieren, könnte das Kind erstmal lauter und heftiger quengeln – das ist der gesuchte Effekt. Wenn die Eltern konsequent bleiben, hört das Quengeln schließlich auf“, erklärt sie.
„Extinction burst“: Warum die These ist aus psychologischer Sicht „zu marode“ ist
Das Patriarchat sei ein System, das lange von bestimmten Machtstrukturen profitiert habe und sich möglicherweise gegen den Wandel sträube, ähnlich wie es beim „extinction burst“ der Fall sei. „Wenn diese traditionellen Strukturen herausgefordert werden, könnte es zu verstärkten, teils extremen Reaktionen kommen. Diese Theorie könnte also gut erklären, warum es in Zeiten des Wandels oft Widerstand gibt“, sagt Karwe, die Teil des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (bdp) ist.
Doch es sei zu kurz gegriffen, komplexe gesellschaftliche und politische Wandlungen mittels basaler Lerntheorien vollständig erklären zu wollen, merkt sie an. „Die Vorstellung, dass verstärkte Gegenreaktionen auf feministische Errungenschaften lediglich eine kurzfristige Phase vor dem endgültigen Zusammenbruch patriarchaler Strukturen darstellen, mag ein attraktives Narrativ für Feminist*innen sein. Das argumentative Fundament für diese These ist aber zumindest aus psychologischer Sicht doch zu marode, um sichere Prognosen zu stellen“, sagt die Psychologin BuzzFeed News Deutschland.
Eine Wirkung könne eben viele Ursachen und auch mehrere zugleich haben. „In den seltensten Fällen lassen sich Verhaltensweisen also auf einzelne Effekte zurückführen.“ So seien auch die Widerstände gegen Gleichstellungspolitik nicht nur spontane Reaktionen auf den Entzug von Privilegien, sondern oft strategisch organisierte Gegenbewegungen. „Daher braucht es eine vielschichtige Analyse, die Macht, Ideologie und strukturelle Bedingungen mit einbezieht, um den gesellschaftlichen Wandel und die damit verbundenen Konflikte wirklich zu verstehen.“
Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

