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„Drehbuch eines Betriebsunfalls“

Abgesetzte Richterwahl: „Zentraler Verlierer dieses Prozesses ist die Union“

Nach der geplatzten Richterwahl bleibt zwischen Union und SPD ein Konflikt. Wolfgang Schroeder spricht über die Lösungen, Spahns Rolle und einen Schaden bei der Union.

Nach der kurzfristig abgesetzten Richterwahl ist noch immer nicht klar, wie sich SPD und Union in der Debatte um die SPD-Kandidatin Frauke Brosius-Gersdorf einig werden. Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, ordnet die Lage in Berlin ein. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Schroeder über die Koalitionskrise, die Rolle von Jens Spahn – und wie es im Konflikt innerhalb der Regierung nun weitergehen kann.

Herr, Schroeder, die Richterwahl wurde im letzten Moment von der Tagesordnung im Bundestag genommen. Der Bundeskanzler zeigt sich gelassen. Das sei „keine Krise“, sagte Merz im Sommerinterview. Andere äußern sich weitaus alarmierter. Wie sehen Sie das: Kann man hier von einer Koalitionskrise sprechen?
Eine Koalitionskrise ist es insofern schon, als die Partner, die Verantwortung tragen, sich nicht aufeinander verlassen können. Es wurde Zustimmung versprochen, die dann im laufenden Verfahren nicht eingehalten werden konnte. Und das ist eine Belastung für die weitere Entwicklung, weil man nicht weiß: kann man der anderen Seite vertrauen, wenn eine Vereinbarung getroffen worden ist. Das ist der Ausgangspunkt. Aber, solche Disharmonien, Unschärfen, Unklarheiten, die treten immer wieder auf im Abstimmungsprozess zwischen Koalitionspartnern. Insofern stimme ich nicht ein in den Chor, der den Untergang des Abendlandes an die Wand malt. Das ist reversibel, wenn auch sehr verfahren und bedarf deshalb besonderer Anstrengungen.

Merz-Kabinett: Neue Namen, alte Bekannte – die Komplette Liste in Bildern

Friedrich Merz
Das Kabinett Merz ist die seit dem 6. Mai 2025 amtierende Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Friedrich Merz. Es handelt sich um die fünfte schwarz-rote Koalitionsregierung und die 17. Regierung unter Führung der Unionsparteien auf Bundesebene. © Michael Kappeler/dpa
Nina Warken
Nina Warken hat bereits Geschichte geschrieben: Als erste Frau wurde sie im Juli 2026 Chefin des Bundeskanzleramtes. Die bisherige Bundesgesundheitsministerin übernahm das Amt von Thorsten Frei – und damit die zentrale Koordinationsstelle der Regierungsarbeit.  © Christoph Soeder/dpa
Linnemann
Im Zuge des Personalumbaus hat der bisherige CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann im Juli 2026 das Gesundheitsressort übernommen. Allerdings hat er vorab selbst Zweifel gesät, dass er wirklich der richtige Mann für den Job ist. Er wäre nach der Regierungsübernahme durch Merz gerne Arbeitsminister geworden, musste das Ressort aber der SPD überlassen. Dem Sender Phoenix hatte er im Mai 2025 zum Interesse an anderen Kabinettsposten gesagt, es sei nicht „sein Ding“, nur Minister zu sein, damit das irgendwo in Wikipedia stehe. „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen.“  © Christoph Soeder/dpa
Steffen Bilger
Ebenfalls neu im Kabinett ist der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Er gilt als fachlich geeignet, ist sehr gut vernetzt, arbeitete in der schwarz-roten Koalition bislang aber vor allem im Hintergrund. Der gelernte Rechtsanwalt stammt aus Baden-Württemberg und ist ausgewiesener Verkehrsexperte: Er saß schon als frisch gebackener Bundestagsabgeordneter von 2009 bis 2013 im Verkehrsausschuss. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wiederwahl von Angela Merkel (CDU) 2017 war er als Vertreter der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur beteiligt. 2018 wurde er dann Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium. © Marijan Murat/dpa
Sommerfest der SPD im Landkreis Verden
Und sonst? Lars Klingbeil ist als Vizekanzler weiter der zweite starke Mann in der Regierung Merz. Eigentlich brennt er für die Außenpolitik und geprägt durch den familiären Hintergrund als Soldatensohn am Heeresstandort Munster für Verteidigung. Jetzt steht er dem Finanzressort vor. Für Klingbeil, der im konservativen SPD-Flügel zuhause ist, könnte es das Sprungbrett für eine Kanzlerkandidatur 2029 sein - auch wenn manchen in der Partei aufstößt, mit welcher Skrupellosigkeit er sich zuletzt seine Macht sicherte. © Focke Strangmann/dpa
Alexander Dobrindt
Innenminister ist Alexander Dobrindt. Der bisherige Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag galt schon seit Wochen als gesetzt für den Posten, auf dem er die von der Union verlangte „Migrationswende“ umsetzen soll. Dobrindt war von 2009 bis 2013 CSU-Generalsekretär, danach vier Jahre Bundesverkehrsminister. Als CSU-Landesgruppenchef galt er als wesentlicher Faktor für die relativ geräuschlose Zusammenarbeit von CSU-Chef Markus Söder und Merz. © Sebastian Gollnow/dpa
Außenminister Wadephul bei der UN
Auswärtiges Amt: Johann Wadephul. Erstmals seit fast 60 Jahren führt die CDU wieder das Außenamt. Den Posten hat Merz, der im Kanzleramt maßgeblich auch die Außenpolitik mitgestalten will, nun an einen Fachpolitiker aus dem Bundestag vergeben. Wadephul kommt aus Schleswig-Holstein und ist bisher als stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Außen- und Verteidigungspolitik zuständig. Er gilt als international gut vernetzt und war in den vergangenen Wochen bereits in Paris, London und Warschau, um sich mit den dortigen Außenministern zu treffen. © Michael Kappeler/dpa
Verteidigungsminister Pistorius besucht Objektschutzregiment
Verteidigungsminister Boris Pistorius war für die SPD gesetzt – schließlich ist er Deutschlands beliebtester Politiker. Als er im November 2023 „Kriegstüchtigkeit als Handlungsmaxime“ für die Bundeswehr ausrief, legte der Niedersachse die Latte hoch. Seit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse kann er sich über mangelnde Finanzierung nicht mehr beschweren. Der Jurist wurde in Osnabrück geboren, er arbeitete in mehreren niedersächsischen Regierungsstellen und war von 2006 bis 2013 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt („das schönste Amt der Welt“). In den zehn folgenden Jahren war er Innenminister von Niedersachsen. 2023 übernahm er das Verteidigungsministerium von Christine Lambrecht und gewann in kurzer Zeit die Anerkennung der Truppe und der Verbündeten. © Hauke-Christian Dittrich/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Reiche zu Energiekosten
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie ist Katherina Reiche. Lange galt CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann als wahrscheinlicher Minister – doch der sagte ab und blieb auf seinem Posten an der Spitze der Parteizentrale. Merz entschied sich dann für die frühere Umwelt- und Verkehrsstaatssekretärin Reiche aus Brandenburg. Sie ist seit vielen Jahren in der Wirtschaft und war von 2015 bis 2019 zunächst Hauptgeschäftsführerin des Verbands kommunaler Unternehmen.  © Bernd von Jutrczenka/dpa
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär. Die stellvertretende CSU-Vorsitzende war schon von 2018 bis 2021 als Staatsministerin für Digitales im Kabinett von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Bär kam 2002 zusammen mit vielen anderen jungen Christsozialen während der Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber erstmals in den Bundestag. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in ihrem Wahlkreis Bad Kissingen das deutschlandweit höchste Ergebnis. © Heiko Becker/Imago
Aktionsplan Steuer- und Finanzkriminalität
Justiz: Stefanie Hubig. Die SPD-Politikerin begann 2000 im Bundesjustizministerium und stieg zur Referatsleiterin auf. 2008 ging sie nach Mainz: Erst in die Staatskanzlei, 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung Strafrecht im Justizministerium. Hubig wurde 2014 Staatssekretärin im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz. Justizminister war damals ihr Parteikollege Heiko Maas. Beide gerieten mit dem damaligen Generalbundesanwalt Harald Range aneinander: Dabei ging es um später eingestellte Ermittlungen gegen zwei Blogger von Netzpolitik.org wegen Landesverrats. © Michael Kappeler/dpa
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Karin Prien – Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Die in Amsterdam geborene Prien arbeitete zu Beginn ihrer Karriere als Rechtsanwältin im Bereich Wirtschafts- und Insolvenzrecht, engagierte sich aber auch früh in der Hamburger Lokalpolitik. 2011 wurde sie in die Bürgerschaft gewählt, bevor sie nach Schleswig-Holstein wechselte. Im „Zukunftsteam“ des gescheiterten Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet war sie 2021 gleichfalls für den Bereich Bildung zuständig. © Jens Schicke/Imago
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bodenständig, geradlinig, klar: Als Bundestagspräsidentin hat sich Bärbel Bas einen guten Ruf erworben. Zuvor war die Duisburgerin einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt. Sie sitzt seit 2009 im Bundestag und kümmerte sich unter anderem um Gesundheitspolitik. Ihre unkomplizierte Art mag mit der Herkunft zu tun haben: Die neue Bundesministerin für Arbeit und Soziales wuchs als zweitälteste von sechs Geschwistern in materiell einfachen Verhältnissen auf. Spielen, so erzählte Bas später, musste sie als Kind draußen, weil im Kinderzimmer zu wenig Platz war. © Imago
Pressekonferenz Wildberger und Warken
Digitalisierung und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger. Merz hat ganz früh angekündigt, dass er einen Experten aus der Wirtschaft mit dem neu geschaffenen Ressort betrauen will. Nun soll der Chef der Holding der Elektronikmärkte MediaMarkt und Saturn den Posten übernehmen. Der promovierte Physiker Wildberger war von 2016 bis 2021 Vorstand der Holding des Energiekonzerns Eon und davor unter anderem in Managementpositionen bei den Telekom-Konzernen Vodafone und Deutsche Telekom. © Soeren Stache/dpa
Fortsetzung der Sommerreise von Bundesumweltminister
Umwelt und Klimaschutz: Carsten Schneider war in der Ampel-Regierung von Olaf Scholz Staatsminister und Beauftragter für Ostdeutschland. Damit war er eine der profiliertesten Stimmen dieser Region und sollte vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse in den ostdeutschen Bundesländern sorgen. Schneider stammt aus Erfurt und sitzt bereits seit 1998 im Bundestag. Dort war er unter anderem Haushaltspolitiker, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Der 49 Jahre alte Bankkaufmann gilt als pragmatisch, erfahren und vielseitig einsetzbar.  © Stefan Sauer/dpa
90. Grüne Woche Berlin - Eröffnungstag
Ernährung, Landwirtschaft und Heimat: Alois Rainer. Nach dem Rückzug des zunächst vorgesehenen bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner ist der Niederbayer zum Zug kommen. Der 60 Jahre alte Metzgermeister sitzt seit 2013 im Bundestag. Schon sein gleichnamiger Vater saß 18 Jahre im Bundestag, seine Schwester ist die ehemalige Bundesbau- und Gesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt. © Sebastian Gollnow/dpa
Reem Alabali-Radovan
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Reem Alabali-Radovan hat eine steile politische Laufbahn hingelegt. Zuletzt war sie Integrationsbeauftragte der Ampel-Regierung. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter der Schwerinerin. Geboren wurde Alabali-Radovan 1990 in Moskau. Im Alter von sechs Jahren kam sie mit ihrer Familie, die vor den politischen Verhältnissen im Irak floh, nach Mecklenburg-Vorpommern. Als Integrationsbeauftragte setzte sie sich unter anderem gegen Racial Profiling ein, also die verdachtsunabhängige polizeiliche Kontrolle von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe und anderen ethnischen oder religiösen Merkmalen. Alabali-Radovan ist verheiratet mit dem Profiboxer Denis Radovan und bekam 2023 eine Tochter.  © Katharina Kausche/dpa
Verena Hubertz
Die neue Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen ist eine politische Senkrechtstarterin: Verena Hubertz ist seit 2021 Bundestagsabgeordnete und wurde direkt stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, zuständig unter anderem für Wirtschaft, Klimaschutz und Energie, Bauen und Wohnen. Oft führte sie in der Ampel-Koalition Verhandlungen mit Politikern von Grünen und FDP, wenn es um strittige Fragen ging. Laute Töne sind nicht ihr Fall. Die Triererin und Betriebswirtin hat eine für Politiker eher ungewöhnliche Biografie. 2013 gründete sie mit einer Studienkollegin das Küchen-Start-up Kitchen Stories. Die Idee: in Videos und Schritt für Schritt zu zeigen, wie einfach Kochen sein kann.  © Kay Nietfeld/dpa
Patrick Schnieder
Bis Juli 2026 war Patrick Schnieder Bundesminister für Verkehr. Verkehr. Merz hat ihn entlassen, weil er mit seiner Amtsführung unzufrieden war – besonders bei den Dauerkrisenherden Schienennetz und Infrastruktur. Die Entlassung Schnieders nach nur gut einem Jahr im Amt stieß in der CDU teilweise auf heftige Kritik. © Sven Kaeuler/dpa
Jens Spahn
Auslöser für den Kabinettsumbau im Juli 2026 war der Rücktritt von Jens Spahn als Unions-Fraktionschef. Bundeskanzler und Parteichef Friedrich Merz nahm den Wechsel an der Fraktionsspitze zum Anlass, die CDU in Regierung und Partei neu aufzustellen. © Michael Kappeler/dpa
Thorsten Frei
Umbau auch in der Union: Thorsten Frei übernahm den Vorsitz der Unionsfraktion im Bundestag. Er war bisher Kanzleramtsminister. Frei steht für eine unverwüstlich wirkende Freundlichkeit, gepaart mit geduldiger Erklärlust. Trotz seiner nach außen getragenen Sanftmütigkeit steht wr inhaltlich für Härte. Die innere Sicherheit und die Begrenzung der Migration zählen zu den Kernthemen des Innenexperten, der als Sohn eines Polizisten in Südbaden aufgewachsen ist. © Michael Kappeler/dpa
Franziska Hoppermann
Für Linnemann wurde Franziska Hoppermann als CDU-Generalsekretärin ins Amt gewählt. Die bisherige Bundesschatzmeisterin gilt als arbeitnehmernah und hat ein starkes Profil in der Frauen Union.  © Christoph Soeder/dpa
Philipp Amthor
Philipp Amthor bekam eine Schlüsselrolle bei der föderalen Zusammenarbeit. Er wurde von Merz zum neuen Staatsminister im Kanzleramt für die Bund-Länder-Beziehungen ernannt, der bisherige Amtsinhaber Michael Meister musste gehen. Amthor war bisher parlamentarischer Staatssekretär im Digitalministerium. © Christoph Soeder/dpa
Christiane Schenderlein
Christiane Schenderlein wird Nachfolgerin von Tino Sorge als parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Sie war bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt.  © Kay Nietfeld/dpa
Wolfram Weimer
Er bleibt Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer. Er will aber nur für eine Legislaturperiode im Amt bleiben. 2003 war er Gründer des Berliner Magazins „Cicero“, das er bis 2010 leitete. Zuvor arbeitete er als Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sowie bei den Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“. Nach „Cicero“ war er bis 2012 Chefredakteur des Magazins „Focus“. Anschließend gründete Weimer gemeinsam mit seiner Frau, der früheren „FAZ“-Journalistin Christiane Götz-Weimer, die Weimer Media Group. © Georg Wendt/dpa
Was macht die Situation für die schwarz-rote Koalition so verfahren?
Erstens, weiß man nicht so genau, ist das ein Wertekonflikt (Schutz des ungeborenen Lebens) oder ist es einfach ein Machtkonflikt innerhalb der Union, oder ist es beides? Zweitens; anders als in der Bonner Republik spielen rechtspopulistische Medien, die von der Seitenlinie bestimmte Begriffe und Ressentiments triggern, eine weitaus größere Rolle. Dazu gehört auch, dass das Umfeld für diese Koalition so instabil ist, dass sich aus dieser volatilen Umwelt viele Unwägbarkeiten ergeben. Und drittens könnte es auch primär ein handwerkliches und geistiges Führungsproblem sein: Denn klar ist, die maßgebliche Verantwortung trägt Herr Spahn, der seine eigene Fraktion zum zweiten Mal in acht Wochen nicht überzeugen konnte.

Abgesagte Richterwahl: Die Rolle von Jens Spahn – „hat einen Doppelkrieg zu führen“

Sie sprechen von der Rolle des Unions-Fraktionschefs: Wofür genau trägt Jens Spahn bei der abgesagten Richterwahl die Verantwortung?
Unter Schäuble wäre so etwas eher nicht passiert, vermute ich. Weil er Gefühle für solche Sollbruchstellen hatte. Bei Jens Spahn drängt sich der Verdacht auf, dass er sehr stark mit der Abwehr seiner eigenen Fehler in der Corona-Krise konfrontiert ist. Er hat also gewissermaßen einen Doppelkrieg zu führen. Er muss einerseits die Herausforderungen innerhalb der Koalition und der eigenen Fraktion bewältigen und andererseits ist er in eigener Sache unterwegs und muss sich in permanenter Selbstverteidigung behaupten.
Politikwissenschaftle über geplatzte Richterwahl: „Der zentrale Verlierer dieses ganzen Prozesses ist die Union.“ (Symbolbild)
Jens Spahn stand bereits aufgrund der Masken-Affäre in der Kritik. Jetzt kommt seine Rolle im Konflikt um die Richterwahl hinzu. Könnte ihm das nun mit Blick auf seinen Posten zum Verhängnis werden?
Nein. Man muss ja sehen, die Fraktion ist so schwach und Spahn ist im Vergleich zum durchschnittlichen und sonst sich anbietenden Führungspersonal ein Gladiator. Er hat alles schon gesehen, obwohl er noch relativ jung ist. Und er scheint auch in seiner physischen, psychischen Konstitution sehr robust zu sein, also machiavellistisch gefestigt.

Abgesagte Richterwahl: Wie Union und SPD den Konflikt lösen können

Die SPD will an ihrer Kandidatin festhalten. Eine Mehrheit für Frau Brosius-Gersdorf scheint jedoch weiterhin unsicher. Wie kann der Konflikt zwischen Union und SPD aufgelöst werden?
Von den vier oder fünf Möglichkeiten, die öffentlich verhandelt werden, ist die naheliegendste, dass sich die Union als aufgeklärte Partei beweist und im rationalen Diskurs die Unklarheiten und Missverständnisse aus der Welt schafft. Danach sieht es gerade nicht aus. So wäre die Option, dass Frau Brosius-Gersdorf sich zurückzieht, am vernünftigsten.
Diese ganzen Angriffe gegen Frau Brosius-Gersdorf sind nicht nur überzogen, sie sind infam, aber das ist nun mal so in der Politik, und sie hat keinen Rechtsanspruch darauf, dass ihr dieses Amt übertragen wird. Es kam jetzt zu diesem Betriebsunfall und da das jetzt ein Kampf ums Gesicht ist, gibt es vermutlich nur die Möglichkeit: Die Kandidatin zieht sich zurück. Das ist nicht schön. Da aber die Sozialdemokratie mindestens zehn hochkarätige Juristinnen aufbieten kann, die ein ähnliches Profil haben wie Sie, vielleicht aber weniger öffentlich sichtbar, könnte damit der Koalitionsfrieden hergestellt werden. Dafür sollte die SPD aber einen Preis verlangen, schließlich ist sie durch das Vorgehen der Unionsspitze düpiert worden.
Halten Sie den Rückzug der SPD-Kandidatin nur für die vernünftigste oder auch für die wahrscheinlichste Lösung?
Das ist ja jetzt weniger ein Konflikt um die Kandidatin, wenngleich sie im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, sondern ein Konflikt zwischen den Fraktionen. Am Ende muss es für die SPD ja darum gehen, dass sie keine inhaltlichen Abstriche hinsichtlich der liberalen Besetzung des Gerichts macht und zugleich die gemeinsame Handlungsfähigkeit der Koalition wieder herstellt. Und ein solcher Wechsel, der dies möglich macht, hätte seinen Preis.

Es ist ein Stück weit auch das Drehbuch eines Betriebsunfalls, den man da erleben kann. 

Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder über die geplatzte Richterwahl.
In Berlin steht jetzt die Sommerpause an. Glauben Sie, dass Union und SPD den Konflikt in den kommenden Wochen lösen können?
Wenn man sich diesen Fall mit der Richterwahl anschaut, kann man Gründe benennen, warum das so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Auch wenn es bitter ist und den durchaus respektablen inhaltlichen Start in der Außen und Wirtschaftspolitik verdeckt, sollten die Parteien in der Lage sein, den Konflikt aufzulösen; vielleicht ist diese Krise auch ein hilfreicher Schuss vor dem Bug, aus dem sie lernen können und müssen. Sie sind erst am Anfang ihrer Legislatur.
Vor welchen Herausforderungen stehen Friedrich Merz, Jens Spahn und die Union vor dem Hintergrund der geplatzten Richterwahl?
Jens Spahn ist angeschlagen, nicht nur gegenüber dem Koalitionspartner, er ist auch, vermutlich noch stärker, innerhalb der Union angeschlagen. Weil die jetzt sagen: wie kann er der SPD solche Zugeständnisse machen und wie kann er uns in solch einen Prozess hineinführen.
Und da kommt der nächste heikle Punkt. Wenn die Unionsabgeordneten, die dem Vorschlag der eigenen Fraktionsspitze ablehnend gegenüberstehen, auch so schnell von außen getriggert werden können, dann entsteht so ein Bild eines Hühnerhaufens. Das heißt im Hinblick auf die Gruppe der Unionskritiker, dass sie nicht nur wenig Festigkeit in ihrem Wertefundament zu haben scheinen, sondern auch wenig Zutrauen zu ihrem eigenen Fraktionsvorsitzenden. Insofern ist der zentrale Verlierer dieses ganzen Prozesses die Union. Es ist eben nicht mehr die konsensorientierte Union unter Merkel, sondern eher die konfliktorientierte Union unter Merz/Spahn.
Vielleicht ist es auch der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Die Union ist in den Wahlkampf gezogen, mit dem Schlachtruf: mit uns kein Sondervermögen, mit uns keine Reform der Schuldenbremse. Danach hat die eigene Spitze eine 180 Grad Wende hingelegt. Damit ist eine Misstrauensgrundlage entstanden, an der sie heute noch knabbern. Dann bei der Reduktion der Stromsteuer etwas Ähnliches. Da ist also eine Fraktion, die sich ihrer selbst nicht so ganz sicher ist. Aber vielleicht bietet ja die Sommerpause die Möglichkeit, an der eigenen Aufstellung zu arbeiten.

Rubriklistenbild: © Florian Gaertner

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