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„Wostok 2022“

China bei Russlands gewaltigem Militärmanöver dabei: Die „felsenfesten“ Freunde üben den Ernstfall

Soldaten aus Russland, China und der Mongolei vor vier Jahren bei der Übung „Wostok-2018“.
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Soldaten aus Russland, China und der Mongolei vor vier Jahren bei der Übung „Wostok-2018“.

Mitten im Ukraine-Krieg nimmt China an einem russischen Großmanöver teil. Peking geht es um Solidarität mit Russland – aber auch um eigene Interessen.

München/Peking/Moskau – Es war das größte Militärmanöver, das Russland je durchgeführt hat: Vor vier Jahren kamen im Osten des Landes angeblich rund 300.000 Soldaten zur Übung „Wostok 2018“ zusammen. Aber nicht nur die schiere Größe (die von westlichen Experten allerdings stark bezweifelt wurde) machte das Manöver zu einem Wendepunkt: Erstmals waren mit China und der Mongolei zwei Staaten beteiligt, die nicht ein Teil der Sowjetunion gewesen waren. Wurde in den Jahren zuvor auch eine mögliche chinesische Invasion geübt, verschob sich 2018 der Fokus. Nun stand die Zusammenarbeit der Armeen beider Länder im Zentrum. Der leitende chinesische General Shao Yuanming sprach anschließend von einem „großen Erfolg“ und sagte, die Freundschaft und das gegenseitige Vertrauen zwischen Russland und China seien ausgebaut worden.

Heute, mehr als ein halbes Jahr nach Beginn des Ukraine-Kriegs, ist diese Freundschaft noch immer unerschütterlich. Noch immer hat Peking den russischen Angriffskrieg nicht verurteilt, noch immer steht Staats- und Parteichef Xi Jinping fest an der Seite des Kreml-Herrschers Wladimir Putin. Und auch in diesem Jahr nimmt China an Russlands „Wostok“-Manöver teil. Laut chinesischen Staatsmedien entsendet Chinas Volksbefreiungsarmee erstmals gemeinsam Boden- und Luftstreitkräfte sowie die Marine zu einer russischen Übung. Insgesamt sollen rund 50.000 Soldaten aus Russland, China, Indien, Belarus, Tadschikistan und der Mongolei ab Donnerstag (1. September) auf Truppenübungsplätzen in Ostsibirien sowie im Japanischen Meer Manöver durchführen.

Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus.
Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Nationalisten durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren. © Xinhua/Imago
Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden.
Eines der Hauptziele der neuen Regierung war die wirtschaftliche Entwicklung des verarmten Chinas. Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden. Doch Fehler in der Planung und Naturkatastrophen sorgen für eine Hungersnot, der 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. © agefotostock/Imago
1959 kam es in Tibet zu einem Aufstand gegen die Besatzer.
Bereits kurz nach der Machtübernahme besetzte die chinesische Volksbefreiungsarmee das bis dahin faktisch unabhängige Tibet. 1959 kam es zu einem Aufstand gegen die Besatzer, woraufhin der Dalai Lama das Land verlassen musste. Heute lebt er im indischen Exil. © United Archives International/Imago
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China.
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China. Mit der Kampagne wollte Mao mit den Mitteln des Klassenkampfes die chinesische Gesellschaft von „konterrevolutionären“ Elementen befreien; zudem zementierte er seine Macht an der Spitze des Staates. Der Kulturrevolution fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. © Photos12/Imago
1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik.
Anfang der 70er-Jahre öffnete sich China aber auch nach Westen. 1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik. Im selben Jahr nahm Deutschland diplomatische Beziehungen mit Peking auf. © agefotostock/Imagao
Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch.
Mao starb 1976. Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch. Deng leitete die Geschicke Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1997. © Zuma/Keystone/Imago
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran.
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran. Demokratische Reformen blieben aus, die Wirtschaft entwickelte sich allerdings rasant. Auch ausländische Unternehmen wie Volkswagen engagierten sich nun in China. © Sepp Spiegl/Imago
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben.
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben. © Jeff Widener/dpa
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben.
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben. Gouverneur Chris Patten erhielt die eingeholte britische Nationalflagge, die chinesische Flagge wurde gehisst.  © UPI Photo/Imago
Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt.
Chinas Wirtschaft entwickelte sich in den 90er-Jahren, vor allem aber ab dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001, rasant. Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt. © Ivan Tykhyi/Imago
Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert.
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs: Der Handel mit dem Westen brachte China keinen demokratischen Wandel - im Gegenteil. Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert. Es entstand ein neuer Personenkult, der an die Mao-Ära erinnert. © UPI Photo/Imago
In der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein.
China wurde immer mehr zum Polizei- und Überwachungsstaat. In Hongkong wurde die Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen, in der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein. © UPI Photo/Imago

China und Russland bei Militärmanöver: „Gewährleistung der militärischen Sicherheit in der Ostregion“

Ziel der Übung, so das russische Verteidigungsministerium, sei die „Gewährleistung der militärischen Sicherheit in der Ostregion“. Auch das chinesische Verteidigungsministerium wird kaum konkreter. Es spricht davon, bei der Übung gehe es darum, „die praktische und freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Armeen der teilnehmenden Länder zu vertiefen, das Niveau der strategischen Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Parteien zu erhöhen und die Fähigkeit zu stärken, gemeinsam auf vielfältige Sicherheitsbedrohungen zu reagieren“. Wie diese Bedrohungen aussehen, lassen beide Seiten zwar offen; aber auch so ist klar, dass die Übungen ein Zeichen sind an den Westen – und vor allem an die USA –, dass China und Russland trotz aller Kritik zusammenstehen.

Der Zeitpunkt für das gemeinsame Manöver könnte heikler kaum sein, auch wegen der aktuellen Spannungen in der Taiwanstraße nach dem Besuch von Nancy Pelosi in Taipeh. China seien die Reaktionen des Westens auf seine Teilnahme am „Wostok“-Manöver aber egal, glaubt Una Aleksandra Bērziņa-Čerenkova, Expertin für chinesisch-russische Beziehungen an der Stradiņš-Universität in Riga. Peking teile mit Russland eine „ähnliche Abneigung gegen die Nato“ und habe sich im Ukraine-Krieg nicht gegen den Kreml gestellt, sagte sie dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. Peking wolle bei dem Manöver seine Verbundenheit mit Moskau demonstrieren, gleichzeitig aber auch die Fähigkeiten der russischen Streitkräfte besser einschätzen lernen. Die Übungen, so Bērziņa-Čerenkova, böten Peking außerdem die Möglichkeit, seine eigene Armee zu trainieren. „Denn es ist bekannt, dass ihre fehlende Kampferfahrung sie verletzlich macht.“

China bei Russlands Militärmanövern

China nahm erstmals 2018 am Manöver „Wostok“ („Osten“) teil: „Wostok 2018“ galt mit angeblich 300.000 beteiligten Soldaten als größte Militärübung in der Region seit 1981, aus China waren 3.200 Soldaten dabei. Auch in den Folgejahren war China bei den im jährlichen Wechsel stattfindenden vier russischen Großmanövern zu Gast: 2019 in der Region Orenburg („Tsentr-2019“), 2020 in der Nähe von Astrachan („Kavkaz-2020“) sowie als Beobachter beim Manöver „Zapad-2021“ in Russland und Belarus.

Chinas Staatsmedien bemühen sich bereits, die Bedeutung des Manövers herunterzuspielen. Die Übung habe nichts mit der derzeitigen internationalen Situation zu tun, zitierte die Global Times den chinesischen Militärexperten Zhang Xuefeng. Der Westen, so Zhang, solle in die Übungen nicht zu viel hineininterpretieren. Was allerdings gar nicht so leicht ist angesichts der Entwicklungen der vergangenen Monate. Denn während Europa, die USA und ihre Verbündeten auf Distanz zum Kreml gehen, sucht China zunehmend die Nähe zu Russland. So lehnt Peking nicht nur die Sanktionen gegen Moskau ab, sondern erhöhte vielmehr seine Importe aus Russland. Nicht mehr Deutschland, sondern China ist heute der größte Importeur von russischer Energie. Auch chinesische Exporte ins Putin-Reich haben nach einem anfänglichen Rückgang fast wieder Vorkriegsniveau erreicht. So kaufte Russland laut Bloomberg im Juli Waren im Wert von 6,7 Milliarden Euro aus China.

China, Russland und der Ukraine-Krieg: Moskau als Pekings neuer Vasall

Peking behauptet seit Beginn des Kriegs, sich in dem Konflikt neutral zu verhalten, betont gleichzeitig aber stets seine „felsenfeste“ Freundschaft mit Russland. China sei zwar schnell dabei, andere Länder als Freunde zu bezeichnen, und verwende den Begriff „in so ziemlich allen bilateralen Beziehungen“, sagt die lettische Expertin Bērziņa-Čerenkova. Aber: „Es ist eine kluge Formel, denn sie klingt zwar sympathisch, bedeutet jedoch absolut nichts – Freundschaft ist unverbindlich und nicht exklusiv, und sie ist auch nicht klar definiert.“

China jedenfalls scheint Moskaus Konflikt mit dem Westen in die Karten zu spielen, weil es einem schwachen Russland diktieren kann, wie die Zusammenarbeit der beiden Länder in Zukunft auszusehen hat. „Um China glücklich zu machen, bleibt Russlands Führung nichts anderes übrig, als ungünstige Bedingungen bei Handelsgesprächen zu akzeptieren – und Chinas Positionen in internationalen Foren wie den Vereinten Nationen zu unterstützen“, schreibt der Analyst Alexander Gabuev von der US-Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace. Gabuev sieht Moskau bereits als „Chinas neuen Vasall“.

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Eines aber eint die beiden ungleichen Partner: Sowohl Xi als auch Putin träumen von einer neuen Weltordnung, in der die Dominanz der USA gebrochen ist. Das machten die beiden Staatsführer bereits Anfang Februar deutlich, als Putin in Peking zu Besuch war und sich in einer gemeinsamen Erklärung mit Xi gegen eine Nato-Erweiterung aussprach und das Verteidigungsbündnis aufforderte, „seine ideologisierten Ansätze des Kalten Krieges aufzugeben“.

In der Ukraine drängt China seit Februar auf eine diplomatische Lösung. Konkrete Schritte dazu hat Peking bislang allerdings nicht unternommen. Stattdessen nimmt Pekings Propagandamaschinerie Putin aus der Verantwortung und behauptet, die USA und die Nato seien alleinverantwortlich für die Eskalation der Gewalt. Es ist Rhetorik ganz im Sinne Moskaus. Mit der Teilnahme am „Wostok“-Manöver unterstreicht China noch einmal seine Verbundenheit zu Russland – und demonstriert dabei zugleich, dass Putin auch ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn alles andere als isoliert ist. (sh)

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