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Münchner-Merkur-Interview

Israelische Generalkonsulin: Israel geht es heute besser als vor dem 7. Oktober

„Ein Deal mit der Hamas wäre ein Pakt mit dem Teufel“, sagt Israels Generalkonsulin Talya Lador-Fresher im Interview - und erinnert immer wieder an das Massaker vom 7. Oktober.

Talya Lador-Fresher ist seit 1989 israelische Diplomatin. Von 2015 bis 2019 war sie Botschafterin in Österreich und Slowenien. Seit September 2023 leitet sie das Generalkonsulat für Süddeutschland und ist damit unter anderem für Bayern und Hessen zuständig. Im Interview mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA spricht sie über die Lage in Gaza, die neue geopolitische Ordnung in Nahost und über Antisemitismus in Deutschland.

Israels Deal mit der Hamas: „Pakt mit dem Teufel, trotzdem versuchen wir ihn zu erreichen“

Frau Lador-Fresher, Sie sind seit 2023 im Amt und haben seitdem den Angriff der Hamas und die Eskalation mit dem Iran erlebt. Wie geht es Ihnen?
Ich mache mir natürlich Sorgen um mein Land. Meine ganze Familie lebt in Israel. Es belastet mich, wenn ich Dinge weiß wie: Heute greift der Iran an. Die letzten zwei Jahre waren sehr herausfordernd. Der 7. Oktober 2023 bleibt eine Zäsur für die israelische Gesellschaft. Dieser Tag hat aber die geopolitische Lage im Nahen Osten verändert und das sehen wir gerade.
Der Terrorangriff der Hamas hat Israel also nicht geschwächt?
Israels geopolitische Position ist heute besser als vor dem 7. Oktober. Wir haben eine Regierung im Libanon ohne Hisbollah, ein Syrien ohne Assad-Regime, ein geschwächtes iranisches Regime und eine geschwächte Hamas. Das sind gute Nachrichten für Israel, die Region und die Welt. Die Huthis im Jemen agieren weiter, werden aber hoffentlich in der Zukunft auch geschwächt. Dabei hätte all das auch anders kommen können.
Inwiefern?
Der 7. Oktober war nicht nur ein Massaker mit Vergewaltigungen und der größten Zahl getöteter Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust. Diese Woche wurde auch der Bericht des Dinah-Projekts vorgestellt. Dieser wissenschaftliche Bericht zeigt die klaren Muster bei der Art und Weise, wie am 7. Oktober sexualisierte Gewalt verübt wurde: Es gibt unter anderem Hinweise auf Gruppenvergewaltigungen mit anschließender Hinrichtung sowie Genitalverstümmelung und öffentliche Demütigung. Dieser Tag hätte auch das Ende Israels bedeuten können. Hätten die Hisbollah und der Iran gleichzeitig von der anderen Seite angegriffen, wäre Israel heute vielleicht nicht mehr da.
Ist Israel jetzt die dominierende militärische Macht im Nahen Osten?
Israels Interesse ist es, sich selbst zu verteidigen. Wir sehen einen neuen Nahen Osten, in dem Israel eine stärkere Position einnimmt. Das gilt auch auf diplomatischer und wirtschaftlicher Ebene. Wir brauchen stabile Partner in der Region, die genau wie wir die Region weiterentwickeln möchten.
Es scheint schwer vorstellbar, dass Israel und diese Länder stabil zusammenzuarbeiten. Wie soll das gehen?
Wir möchten noch mehr Freunde im Nahen Osten haben. Es passiert bereits: Durch die Abraham-Abkommen beispielsweise haben wir bereits eine gute Zusammenarbeit mit Bahrain, Marokko und den Arabischen Emiraten. Von den Arabischen Emiraten gibt es sogar in Zeiten, in denen Lufthansa nicht nach Israel fliegt, neun Flüge pro Tag. Die Zusammenarbeit kann also sehr gut funktionieren. Ein Deal mit der Hamas wäre zwar ein Pakt mit dem Teufel, trotzdem versuchen wir ihn zu erreichen.
Die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher im Gespräch mit Markus Knall, Chefredakteur IPPEN.MEDIA (li,), und Politikreporter Andreas Schmid.

„Donald Trump hätte den Friedensnobelpreis schon viel früher verdient gehabt“

Die israelische Regierung hat gesagt: Wir kämpfen so lange, bis die Hamas ausgelöscht ist. Wie nah ist man diesem Ziel?
Die Hamas hält weiter israelische Geiseln gefangen und hat ihre Macht im Gaza-Streifen noch nicht verloren. Die radikal-islamistische Hamas-Ideologie lässt sich nur schwer auslöschen. Wir möchten, dass in Gaza eine andere Organisation oder Koalition Verantwortung übernimmt.
Selbst wenn es zu einem Deal kommen sollte: Wie können Israelis und Palästinenser in Zukunft friedlich nebeneinander leben?
Wir leben schon seit vielen Jahren miteinander, mit Höhepunkten und Tiefpunkten. Wir haben oft versucht, in Frieden neben den Palästinensern zu leben. Das Kernproblem ist, dass viele den Fakt und das Recht auf einen jüdischen Staat in der Region nicht anerkennen wollen. 
Trotzdem bleibt die Frage: Wie geht Israel mit der palästinensischen Bevölkerung um? Die israelische Regierung plant derzeit ein Lager für 600.000 Palästinenser …
… Das Wort Lager mag ich überhaupt nicht. Es ist unpassend – hier geht es um eine humanitäre Zone. Das Wort Lager klingt gezielt nach einem anderen Lager, wenn Sie verstehen. 
Das wurde so in den offiziellen Übersetzungen formuliert. So oder so geht es um die freiwillige Ausreise der Palästinenser. Wie muss man sich das vorstellen?
In Gaza sind viele Teile zerstört. Wenn die Menschen von dort freiwillig ausreisen und auswandern möchten – warum nicht?
Kommen wir zum möglichen Deal mit der Hamas zurück. Benjamin Netanjahu hat darüber jüngst auch mit Donald Trump gesprochen. Wie nehmen Sie den US-Präsidenten in dieser ganzen Verhandlungsfrage wahr? Ist er ein ernsthafter Vermittler?
Wir sind Präsident Trump und Amerika sehr dankbar für die Unterstützung in der Operation gegen einen nuklearen Iran. Wir hoffen, dass der Iran zur Vernunft kommt. Seine Staatsräson ist es, Israel zu vernichten. Das muss aufhören. 
Das heißt, Sie würden Trump auch den Friedensnobelpreis verleihen, wie es Netanjahu vorschlägt?
Donald Trump hätte den Friedensnobelpreis schon in seiner ersten Amtszeit für die Abraham-Abkommen bekommen sollen. Das war ein Gamechanger in unserer Region, der Frieden zwischen Israel und den Emiraten, Bahrain und Marokko schafft. 
Israels Ministerpräsident Netanjahu im Weißen Hausmit Donald Trump.

Deutschlands Blick auf Israel und Gaza: „Ich kann das Gefühl verstehen“

Schauen wir auf Deutschland. Die neue Bundesregierung ist gut zwei Monate im Amt. Wie blicken Sie auf die Koalition rund um Kanzler Friedrich Merz, der zuletzt ja immer wieder mit Aussagen zu Israel für Aufsehen gesorgt hat, Stichwort: Israel mache die Drecksarbeit im Iran?
Unsere Beziehungen mit Deutschland auf politischer Ebene waren gut, sind gut und werden hoffentlich auch gut bleiben. Friedrich Merz ist ein Freund, wir hören ihm zu.  Der erste Staatsbesuch in Israel nach der Operation gegen einen nuklearen Iran war von Bundesinnenminister Dobrindt. Das ist ein sehr gutes und wichtiges Signal für die deutsch-israelischen Beziehungen.
Viele in Deutschland fragen sich: Wie kann man zu Israel stehen, wenn die Bilder aus Gaza erschüttern? Was sagen Sie diesen Menschen?
Ich kann das Gefühl verstehen. Menschen sehen das Leid und sind empathisch. Das Leid ist groß. Dafür ist aber die Hamas verantwortlich. Sie trägt die Verantwortung für die schwierige Lage ihrer eigenen Bevölkerung. Wenn die Hamas alle Geiseln freilässt, wird sich auch die gesamte Situation in Gaza zum Positiven verändern.
Da machen Sie es sich etwas einfach. Im Zuge der Gefechte wurde zum Beispiel von israelischer Seite das Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza zerstört und Zivilisten getötet.
Man muss verstehen, wie die Hamas in Gaza agiert. Normalerweise ist es im Krieg so: Die Armee kämpft oben, die Zivilbevölkerung ist unten im Bunker. In Gaza ist es das genaue Gegenteil. Die Hamas versteckt sich in Tunneln und die Zivilbevölkerung bleibt oben. Unter dem Al-Shifa-Krankenhaus zeigen beispielsweise Überwachungskameras, wie Hamas-Terroristen am 7. Oktober Israelis durch die Lobby des Krankenhauses in die Tunnel verschleppten. Wenn man die Terroristen in den Tunneln treffen will, trifft das leider auch Krankenhäuser.
Talya Lador-Fresher ist seit 2023 Generalkonsulin des Staates Israel in München. Sie ist für Süddeutschland zuständig.

„Der Antisemitismus in Deutschland ist seit dem 7. Oktober explodiert“

Wie bewerten Sie das deutsch-israelische Verhältnis im Vergleich zu anderen Staaten?
Wir können über die deutsch-israelischen Beziehungen nicht reden, ohne über die Vergangenheit zu sprechen. Israel hat zu Deutschland eine andere Beziehung als zu Ländern wie Panama oder Finnland. Leider ist der Antisemitismus auch in Deutschland seit dem 7. Oktober explodiert. Wenn Jüdinnen und Juden Angst haben müssen, mit Kippah oder Davidstern auf die Straße zu gehen, dann hat die gesamte Gesellschaft ein großes Problem.
Sie sind zuständig für Süddeutschland; zu ihrem Wirkungskreis gehört auch Hessen. Wie sieht es hier mit Antisemitismus aus?
Ich sollte letztes Jahr an der Goethe-Universität sprechen, doch auf dem Campus fanden massive Demonstrationen gegen mich statt – inklusive Vorwürfen wie „Genozidleugnerin“ und „Kriegskriminelle“. Am Ende konnte ich an diesem Tag nicht an der Uni sprechen. Wofür stehen diese Demonstrantinnen und Demonstranten? Für Demokratie und Meinungsfreiheit? Mit Sicherheit nicht. Ich durfte meine Meinung auf dem Campus nicht äußern. Das Gespräch mit mir konnte zwar zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden, aber das zeigt, wie die Anti-Israel-Stimmung an Universitäten ist. 
Wie ist die Lage in Bayern?
Am 5. September gab es einen Angriff von einem bewaffneten Terroristen auf unser Generalkonsulat in Bayern. Auch gibt es manchmal sehr aggressive Demonstrationen. Ich bin froh, dass es in Bayern bereits zwei Urteile gab, die bestätigten, dass der Ausspruch “from the river to the sea” strafbar ist. Es ist mir wichtig, die gute Zusammenarbeit mit der Polizei in Bayern und Hessen zu betonen.
Die Rechtslage ist derzeit nicht in anderen Bundesländern so. Der Bundesgerichtshof hat noch nicht entschieden, ob die Aussage der Hamas zugeordnet werden kann und daher strafbar ist. Sie haben vorhin von Meinungsfreiheit gesprochen …
… Das ist keine Meinungsfreiheit. Das ist ein Ruf nach der Vernichtung Israels. Wer sowas sagt oder schreibt, soll auch bestraft werden. (Interview: Markus Knall & Andreas Schmid)

Rubriklistenbild: © Yannick Thedens

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