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FR.de-Interview
AfD könnte bei Vertrauensfrage strategisch für Scholz votieren – „Den Laden aufmischen“
Könnte die AfD Scholz die Neuwahlen ruinieren und für ihn bei der Vertrauensfrage stimmen? Ein Fachmann sieht das im Interview als realistisch an.
München/Chemnitz – Kanzler Olaf Scholz wird am 16. Dezember im Bundestag die Vertrauensfrage stellen, bereits am 11. Dezember reicht er den entsprechenden Antrag ein. Damit Scholz die Vertrauensfrage verliert, müssen mindestens die Hälfte der 733 Abgeordneten gegen ihn stimmen. Passiert das nicht, kommt es zu Neuwahlen am 23. Februar – wovon bisher jedermann ausgeht.
Aber ist es wirklich ausgemacht, dass Scholz die Vertrauensfrage verliert und es Neuwahlen gibt? Für Aufsehen hat jüngst der AfD-Abgeordnete Jürgen Pohl gesorgt: Er kündigte überraschend an, bei der Vertrauensfrage FÜR Scholz zu stimmen. Sollten andere AfD-Abgeordnete seinem Beispiel folgen und Scholz ebenfalls das Vertrauen aussprechen, könnte das eine Mehrheit für den Kanzler bedeuten – gegen seinen Willen. FR.de von IPPEN.MEDIA hat darüber mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Eric Linhart gesprochen. Er ist Professor an der TU Chemnitz mit Schwerpunkt für politische Systeme.
Herr Linhart, der AfD-Abgeordnete Jürgen Pohl hat angekündigt, bei der Vertrauensfrage für und nicht gegen Kanzler Olaf Scholz zu stimmen. Ist damit zu rechnen, dass noch mehr AfD-Abgeordnete für Scholz stimmen werden?
Der AfD ist grundsätzlich vieles zuzutrauen. Man hat auch an anderer Stelle schon gesehen, dass die AfD sich aus strategischen Gründen auf eine gewisse Weise verhält – nur um Chaos zu stiften und parlamentarische Prozesse ad absurdum zu führen. Und wenn Scholz die Vertrauensfrage gewinnt, würden die AfD einiges an Unruhe stiften. Von daher: zu rechnen ist damit schon, aber das heißt nicht, dass ich die Wahrscheinlichkeit dafür für hoch halte.
Stimmt AfD bei Vertrauensfrage für Scholz? „Es geht darum, den Laden aufzumischen“
Könnten AfD-Politiker es vor ihren Anhängern überhaupt rechtfertigen, dass sie nun plötzlich bei der Vertrauensfrage für Scholz stimmen?
Die Frage ist, ob es für die AfD überhaupt relevant ist, vor ihrer Kern-Anhängerschaft inhaltlich zu begründen, dass sie für Scholz stimmt. Vielen Wählerinnen und Wähler der AfD geht es ja genau darum, den Laden aufzumischen, Chaos zu stiften und andere vorzuführen. Ein anderer Aspekt ist, dass die AfD ein Interesse daran hat, die sogenannte Brandmauer aufzuweichen. Wenn sie jetzt sagen könnte, „seht her, wir haben gemeinsam mit SPD und Grünen den Kanzler im Amt gehalten“, könnte sie das strategisch gedacht mit Blick auf die Brandmauer für sich verbuchen.
Professor Dr. Eric Linhart ist Politikwissenschaftler und seit 2015 Professor für Politische Systeme an der Technischen Universität in Chemnitz. Er beschäftigt sich dabei schwerpunktmäßig mit Wahlen, Wahlsystemen, Parteien und Koalitionen. Linhart ist außerdem seit 2020 Editor-in-Chief der renommierten Fachzeitschrift „Politische Vierteljahresschrift“, in der neue Forschungsergebnisse der Politikwissenschaft vorgestellt werden.
Der AfD-Abgeordnete Jürgen Pohl argumentiert auch inhaltlich: Er wolle Friedrich Merz als Kanzler verhindern, Scholz sei „das kleinere Übel“.
Das ist der Versuch einer inhaltlichen Rechtfertigung und die ist auch wichtig mit Blick auf potenzielle Wechselwähler, die die AfD für gute Wahlergebnisse braucht. Trotzdem ist das relativ absurd, wenn Sie sich Aussagen der AfD gerade in sozialen Medien anschauen. Dort werden Scholz und seine Regierung regelmäßig als schlechteste Regierung aller Zeiten bezeichnet. Diese Regierung bei der Vertrauensfrage dann doch zu unterstützen, wäre nicht besonders glaubwürdig. Und es wäre auch strategisch unklug. Die AfD steht aktuell in Umfragen sehr gut da, zumindest laut den aktuellen Umfragen deutlich besser als bei der letzten Bundestagswahl. Sie kann nicht zwingend damit rechnen, dass das in Zukunft so bleibt.
AfD wird von Neuwahlen wohl profitieren – Zustimmung zu Scholz bei Vertrauensfrage „unklug“
Damit Olaf Scholz die Vertrauensfrage gewinnt, bräuchte er zusätzlich zur rot-grünen Koalition 42 Stimmen aus anderen Fraktionen. Ist es denkbar, dass auch Abgeordnete von anderen Parteien außer der AfD Scholz das Vertrauen aussprechen und er überraschend die Vertrauensfrage gewinnt?
Ausschließen würde ich das bei der FDP und der Union. Bei diesen Parteien wäre es wirklich unerklärlich, warum sie bei der Vertrauensfrage für Scholz stimmen sollten. Bei der Linken würde ich es nicht völlig ausschließen, weil denen Rot-Grün natürlich deutlich näher ist als Schwarz-Gelb. Beim BSW ist die Einschätzung schwieriger, aber selbst wenn man SPD, Grüne, Linke und BSW zusammennimmt, wären das zu wenige Stimmen, um auf eine Mehrheit für Scholz zu kommen. Über die AfD haben wir schon gesprochen. Da weiß man nie, ob Personen auf einmal taktisch sich irgendwie verhalten, um Chaos zu stiften. Mit diesen Stimmen könnte es dann eventuell reichen.
In der SPD gibt es Gedankenspiele, eigene Abgeordnete können sich bei der Vertrauensfrage enthalten, damit der Kanzler diese nicht „versehentlich“ gewinnt.
Genau, diese Überlegungen gibt es, damit man eben nicht in die Gefahr kommt, von der AfD vorgeführt zu werden. Das scheint mir auch ein sinnvoller Weg zu sein, um das Risiko gar nicht erst einzugehen, dass andere Parteien die Abstimmung missbrauchen.
Was passiert, wenn Scholz die Vertrauensfrage am 16. Dezember gewinnt?
Wenn es zu dem unwahrscheinlichen Fall kommen würde, dass eine Mehrheit der Abgeordneten Scholz das Vertrauen ausspricht – was würde dann passieren?
Wenn Scholz die Vertrauensfrage gewinnt, ändert sich erstmal nichts – er bliebe Kanzler. Aber Scholz möchte ja, dass etwas passiert: Dass über die Vertrauensfrage Neuwahlen herbeigeführt werden. Er müsste dann erneut die Vertrauensfrage stellen.
Kabinett Scholz: Nach dem Ampel-Aus kommt Rot-Grün ohne Mehrheit
Scholz will Vertrauensfrage verlieren, um Neuwahlen zu erreichen – darf er das?
Scholz stellt die Vertrauensfrage mit dem Ziel, dass er sie verliert – ist das überhaupt verfassungsrechtlich zulässig?
Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Vertrauensfragen, die verfassungsjuristisch sehr kritisch gesehen wurden, weil ein absichtliches Verlieren des Vertrauens nicht so gedacht ist vom Grundgesetz. Bei Gerhard Schröder war das zum Beispiel so. Er hat 2005 die Vertrauensfrage gestellt, mit dem Ziel, sie zu verlieren, nachdem sie SPD die NRW-Wahl verloren und extrem schlechte Umfragewerte hatte. Das wurde verfassungsrechtlich sehr kritisch gesehen.
Was ist jetzt bei der Vertrauensfrage von Scholz anders?
Jetzt sind wir in einer komplett anderen Situation, denn Scholz hat ja tatsächlich nicht mehr die Mehrheit im Parlament. Er führt eine Minderheitsregierung, nachdem die FDP die Regierung verlassen hat. Hier muss also gar nicht getrickst werden, sondern wenn alle ehrlich abstimmen, wird Scholz die Vertrauensfrage verlieren. Von daher sehe ich an dieser Stelle die verfassungsrechtlichen Bedenken überhaupt nicht.