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Als Quereinsteigerin ins Lehramt

Statt für den Nobelpreis zu forschen, geht Miglena Neutzler jeden Tag zur Schule

Miglena Neutzler stammt aus Bulgarien, ist in Mühldorf zu Hause und unterrichtet an der Mittelschule Neumarkt-St. Veit.
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Miglena Neutzler stammt aus Bulgarien, ist in Mühldorf zu Hause und unterrichtet an der Mittelschule Neumarkt-St. Veit.

Lehrkräfte sind ein rares Gut. Deshalb unterrichten an Bayerns Schulen immer mehr Quereinsteiger, die ursprünglich ein völlig anderes Berufsziel hatten. Zu ihnen gehört die Mühldorferin Miglena Neutzler. Sie erzählt, wie sie zur Lehrerin wurde.

Mühldorf/Neumarkt-St. VeitPer Facebook und Instagram suchte der Landkreis Mühldorf dieses Jahr im Juni nach sogenannten schulischen Substitutions- oder Unterstützungskräften. Das sind Frauen und Männer ohne Lehrerausbildung, die bestimmte Voraussetzungen für eine Unterrichtstätigkeit mitbringen, wie ein Studium oder entsprechende Fortbildungen.

Auch Miglena Neutzler aus Mühldorf hat als eine solche Substitutionskraft begonnen. Über Umwege ist sie in dem Beruf angekommen, den sie heute ausübt. Als Lehrerin unterrichtet sie aktuell an der Mittelschule in Neumarkt-St. Veit die Fächer Englisch, Ethik, Musik sowie die Kombination Natur und Technik. Dabei hatte sie eigentlich etwas ganz anderes im Sinn.

Studium der Biotechnologie und Molekular-Genetik

Miglena Neutzler, geboren 1973, ist Bulgarin. Zum Studium der Biotechnologie und Molekular-Genetik ging sie nach England, machte ihren Master und begann ihre Doktorarbeit. An der Uni lernte sie ihren späteren Mann, einen Deutschen, kennen. Mit ihm kam sie im Jahr 2003 nach Deutschland.

Ihr Studienabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt. „Es hat mich schon etwas verwundert, dass mein in England gemachter Master innerhalb der Europäischen Union damals nicht anerkannt wurde“, bedauert sie. Wäre es ein bulgarischer Abschluss gewesen, hätte sie das noch nachvollziehen können. Nicht optimal, aber sie fand sich damit ab.

Deutsch lernte sie an der Volkshochschule

Sie erinnert an ihre eigenen Anfänge. An der Volkshochschule in Karlsruhe erlernte Miglena Neutzler die deutsche Sprache: „Unsere Lehrerin hat uns Deutschland erklärt.“ Als Orthodoxe hatte sie etwa keine Ahnung von der Adventszeit. Gemeinsam sang die Deutschklasse Herbert Grönemeyers „Wann ist ein Mann ein Mann“. „Ich musste natürlich pauken, bluten und schwitzen“, keine leichte Zeit für die Bulgarin.

Als Integrationslotsin engagiert

Seit 2015 ist Neutzler als Integrationslotsin bei „Lernen vor Ort“ im Landkreis Mühldorf engagiert. Als sogenannte Drittkraft unterrichtete sie an der Weiß-Ferdl-Mittelschule in Altötting seit 2019 Deutsch als Zweitsprache. „Das hat sehr gut gepasst“, sagt sie, die in ihren ersten Jahren in Deutschland hauptsächlich Englisch gesprochen hat. „Denn ich weiß, wie Ausländer Deutsch lernen.“ An der Grundschule Töging war sie in der Nachmittagsbetreuung tätig. Dann kam das Angebot der Mittelschule Neumarkt-St. Veit.

Zwei Jahre lang hat sie dort die Brückenklasse für Kinder aus der Ukraine geleitet: „In Bulgarien hatte ich an der Schule Russisch, ich kann es also gut lesen und verstehen, das hat mir im Unterricht geholfen.“ Nach mehreren Fort- und Weiterbildungen unterrichtet sie dort mittlerweile als voll anerkannte Lehrkraft die Klassen 5 bis 7.

Auch in Neumarkt besuchen Kinder aus den verschiedensten Nationen die Schule. Miglena Neutzler zählt auf: „Ich unterrichte türkische, afghanische, marokkanische, somalische und ukrainische Kinder. Diese Kinder haben kein Gespür für die deutsche Sprache. Sie hören zu Hause kein Deutsch, sprechen auch untereinander oft nur in ihrer Muttersprache.“

Musik-Unterricht in einfacher Sprache

Den Musik-Unterricht hält sie in sogenannter „einfacher Sprache“ ohne zu viele Fremdworte und komplizierte Formulierungen. „Das verstehen die Schüler zu etwa 90 Prozent“, sie begrüßt, dass es diese Möglichkeit gibt. Dagegen sei das Ethikbuch für die Schüler der 5. und 6. Klassen in üblicher, gehobener Unterrichtssprache geschrieben. „Da muss ich jeden Satz erklären“, stellt sie fest, vermutet aber, dass auch deutsche Kinder den Inhalt nicht immer verstehen könnten.

Aber alle Kinder ihrer Klassen müssten lernen, normales Deutsch zu verstehen. In ihrem weiteren Leben würde keine Rücksicht darauf genommen: „Ich muss die Kinder voranbringen, an der Schule herrscht nun mal ein gewisser Leistungsdruck und der Lehrplan muss erfüllt werden.“

Viele Schüler mit ausländischen Wurzeln

Die Vielfalt der Nationen an allen Grund- und Mittelschulen des Landkreises Mühldorf bestätigt auch das Schulamt: „Ein großer Teil der 7207 Schüler im Landkreis Mühldorf hat ausländische Wurzeln. Der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an den Grund- und Mittelschulen im Landkreis beträgt zirka 34 Prozent“, so Landratsamtsprecher Wolfgang Haserer.

Ist es ihr als Studentin in den Sinn gekommen, einmal als Lehrerin vor einer Klasse zu stehen? „Nein, das wollte ich eigentlich nicht“, lacht sie. „Mein Studienfach Biotechnologie war für mich ein aussichtsreiches Zukunftsfach. Aber abgesehen davon, dass mein Studium hier nicht anerkannt wurde, wäre es auch mit meinen beiden Söhnen schwierig geworden, beruflich Fuß zu fassen.“

„Ich will eine gute Lehrerin sein“

„Ich hätte gern den Nobelpreis für Genetik“, scherzt sie auf die Frage, ob Lehrerin zu ihrem Traumjob geworden ist. „Meine Arbeit macht mich zufrieden, ich mache es gern und habe mich darin gefunden.“ Mit Interesse und Ehrgeiz habe sie sich ihren Beruf über den Umweg als Quereinsteigerin erarbeitet und hofft, auch andere zum Unterrichten inspirieren zu können.

Eins liegt Miglena Neutzler besonders am Herzen: Sie hat mitbekommen, dass Schüler zwischen „netten“ und „guten“ Lehrern unterscheiden. „Ich will eine gute Lehrerin sein, die den Kindern in Erinnerung bleibt.“

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