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Energiegipfel 2.0 in Burghausen

Hochspannung im Chemiedreieck: Bürger fordern mehr Transparenz beim Netzausbau

Beim Energiegipfel am 24. Juni in Burghausen ging es um die zahlreichen Großprojekte, die in Burghausen und in Haiming anstehen.
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Beim Energiegipfel am 24. Juni in Burghausen ging es um die zahlreichen Großprojekte, die in Burghausen und in Haiming anstehen.

Der Energiegipfel 2.0 lieferte Einblicke in die Zukunft des Chemiedreiecks: Neue Hochspannungsleitungen, Umspannwerke, Windräder, Wasserstoff und Gaskraftwerke. Doch wie viel Wandel schafft die Region?

Burghausen – Trotz hochsommerlicher Temperaturen war der Stadtsaal in Burghausen am 24. Juni 2025 gut gefüllt, denn beim Energiegipfel 2.0 ging es um die Energieversorgung des Chemiedreiecks – und um die Großbauprojekte, die dafür notwendig sind. Vertreter von ChemDelta, Qair, Tennet, RAG und RWE präsentierten ihre Pläne und traten anschließend in die Diskussion mit dem Publikum. Die Ausgangslage war klar: Ohne massive Ausbaumaßnahmen in der Energieerzeugung und Netzinfrastruktur drohen Versorgungslücken – und damit Unsicherheit für die wirtschaftliche Zukunft der Region. Besonders stark betroffen ist die Gemeinde Haiming, wo neben Windrädern, einer 380-kV-Leitung und einem Umspannwerk auch ein Gaskraftwerk und eine PFOA-Monodeponie entstehen sollen. Und auch für den Bannwald wird es eng.

ChemDelta: Strombedarf wächst schneller als Kapazitäten

Es muss ein klimaneutraler Weg in die Zukunft sein, und Energie ist der Schlüsselfaktor“, betonte Burghausens Bürgermeister Florian Schneider zum Auftakt. Burghausen verstehe sich als Wirtschaftsmotor der Region. Die Industrie, insbesondere die Chemie, brauche sichere Energie – nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern auch für die regionale Stabilität von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen.

Auch Dr. Bernhard Langhammer von ChemDelta Bavaria unterstrich die Dimensionen: Bereits heute verbrauche das Chemiedreieck rund acht Prozent des gesamten bayerischen Strombedarfs – Tendenz steigend. „Wenn wir klimaneutral werden wollen, brauchen wir Strom und Wasserstoff in neuen Dimensionen“, sagte er. Ein Rückgang des Energieverbrauchs sei nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Durch den Ausstieg aus Erdgas werde künftig deutlich mehr Strom für industrielle Prozesse benötigt. Bis 2050 müsse mit einem Jahresbedarf von rund 10 Terawattstunden gerechnet werden.

Tennet: Stromnetz am Limit – neue Leitung als Rettung

Doch woher soll dieser Strom kommen? Thomas Ehrhardt-Unglaub, Programmdirektor beim Netzbetreiber Tennet, stellte die Pläne für den nötigen Netzausbau vor. Wegen des Nord-Süd-Gefälles und der stark gestiegenen Last komme es im deutschen Stromnetz immer häufiger zu Ausfällen. „2003 mussten wir zweimal im Jahr eingreifen, heute über 2600 Mal.“ Im ChemDelta werde der Strombedarf durch die Dakarbonisierung um das 2,5-Fache steigen. Neue 380-kV-Leitungen, Umspannwerke in Burghausen und Simbach sowie eine Schaltanlage in Zeilarn seien in Planung. Der Bau der Leitung soll ab 2030 beginnen, die Umspannwerke bereits deutlich früher. „Wir geben Vollgas“, so Ehrhardt-Unglaub – verwies aber zugleich auf technische und planerische Herausforderungen.

Qair: Inbetriebnahme des Windparks ein Jahr später

Auch Heike von der Heyden vom Windparkentwickler Qair berichtete vom aktuellen Stand der 27 Windräder im Landkreis Altötting. Trotz Einschränkungen durch Artenschutz, Wasserschutzgebiete und Industrieinfrastruktur sei das Genehmigungsverfahren vorangekommen. Mit der Inbetriebnahme werde ab 2028 gerechnet – ein Jahr später als ursprünglich geplant. Im Oktober beginne die öffentliche Auslegung der Planungsunterlagen. Die Anlagen vom Hersteller Nordex sollen mit einer Nabenhöhe von 199 Metern und einer Gesamthöhe von 286,5 Metern errichtet werden.

Wasserstoff und Speicher: Neue Hoffnungsträger

Thomas Pleßnitzer von RAG Austria präsentierte das Konzept für ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk. Seine Firma betreibt bereits einen 100-Prozent-Wasserstoffspeicher in der Region. Geplant sei eine Leitung von Haiming nach Straßwalchen, verbunden mit Stromspeichern und einer Elektrolyse-Anlage. „Wenn wir 2026 starten, ist die Realisierung in drei bis vier Jahren möglich“, erklärte er. Die Unterstützung des Bayerischen Wirtschaftsministeriums sei zugesichert, eine EU-Förderung in Brüssel beantragt.

H2-fähiges Gaskraftwerk in Haiming

Jens Dennhardt von RWE ergänzte die Perspektive eines Kraftwerksbetreibers. RWE plane zwei Kraftwerksvarianten: ein Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk (GuD) mit 800 MW Leistung sowie ein sogenanntes Peaker-Kraftwerk mit 100 bis 200 MW. Für Haiming sei nur die größere Variante relevant – sie benötige jedoch mehr Fläche. Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien derzeit noch unklar. Auch das bestehende Kraftwerk der Wacker Chemie könne H₂-fähig umgebaut und zur Förderung angemeldet werden, wie Werksleiter Dr. Peter von Zumbusch erklärte. „Wenn wir eine zweite 380-kV-Leitung bekommen, ist Burghausen ein guter Standort für mehr als nur unser Kraftwerk.“

Kontrovers diskutiert: Umspannwerk und Bannwald

Heftig diskutiert wurde das geplante Umspannwerk, das in Haiming auf einer Fläche von rund 30 Hektar entstehen soll. Da auch Windräder in der Nähe geplant sind und ein gesetzlicher Mindestabstand von 430 Metern einzuhalten ist, befürchtet eine Bürgerin, dass ein Windradstandort wegfallen könnte. Dadurch könnten Ausgleichszahlungen in Millionenhöhe an Qair anfallen könnten – was das Umspannwerk im Bannwald unwirtschaftlich machen würde und zu einer Verlagerung in Richtung Siedlungsnähe führen könnte.

Ein weiteres zentrales Thema war der Bannwald – nicht nur wegen des Umspannwerks, sondern auch wegen möglicher Leitungstrassen und Windkraftflächen. Gerhard Merches vom BUND Naturschutz und Dr. Heinz Utschig von den Bayerischen Staatsforsten waren sich einig: Der Bannwald dürfe nicht zur Verschiebemasse für technische Infrastruktur werden. Ein Bürger aus Haiming fasste zusammen: „Es fehlt eine übergeordnete Planung – derzeit wirft jeder seine Einzelprojekte an die Wand.“ Bürgermeister Schneider forderte ebenfalls eine koordinierte Herangehensweise. Gleichzeitig relativierte er: „Es geht um ein Prozent der 5630 Hektar Bannwaldfläche. Das ist viel – aber diese Vorhaben haben technisch gute Gründe.“

Mehr Öffentlichkeitsarbeit von Tennet erwünscht

Ministerialdirigent Prof. Dr. Frank Messerer vom Bayerischen Wirtschaftsministerium versuchte, zu beruhigen: „Wir versuchen, alle Akteure an einen Tisch zu bringen.“ Es gebe bereits viele Gespräche zwischen Firmen und Behörden. Qair-Geschäftsführerin von der Heyden bestätigte das: „Wir wurden bereits zweimal von anderen Projekten überrascht – und haben kollidierende Pläne angepasst.“

Als Bürger von Reut und ehemaliger OMV-Geschäftsführer in Burghausen erinnerte Dr. Gerhard Wagner daran, dass man früher von sinkendem Strombedarf ausgegangen sei. Heute sei klar: „All diese Projekte stehen und fallen mit der Bürgerbeteiligung.“ Er appellierte an Tennet, die Planungen frühzeitig und umfassend öffentlich zu begleiten. Denn die Erfahrung zeige: „Solche Großprojekte können Gemeinden spalten.“

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