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Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung

Wetter historisch warm – sorgen Polarwirbel-Chaos und La Niña-Rückkehr für eisige Kälte-Wende?

Rekordmilde Novemberluft sorgt für Spekulationen: Wird der Winter ungewöhnlich warm oder lauert ein polarer Kälteschock. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.

Frankfurt– Ein extrem milder Novemberbeginn sorgt traditionell für große Erwartungen – und Befürchtungen. Historisch zeigt sich jedoch: Ein warmer November ist als isolierter Parameter kein verlässlicher Indikator für den Winter. Meteorologen sprechen hier von geringer Korrelation, also schwachem statistischem Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Wintersaisons, in denen auf überdurchschnittliche Novemberwärme strenge Kälte folgte.

Die Wahrscheinlichlichkeit für heftige Wintereinbrüche bis in tiefe Lagen sind auch in diesem Winter 2025/26 eher gering.

Dennoch ist ein warmer Start ein Hinweis auf dominante Westlagen, also überwiegenden Einfluss milder Atlantikluft, die häufig auch im Winter mildes Wetter begünstigt. Bauernregeln warnen gern und volkstümlich: „Ist der November mild, der Winter oft wild“ – ein Hinweis darauf, dass auf Trägheit der Wetterlage manchmal eine atmosphärische Gegenreaktion folgt. Wissenschaftlich belastbar ist diese Regel nicht, aber sie spiegelt den menschlichen Versuch wider, natürliche Schwankungen zu deuten.

Warmer Novemberauftakt: Mythos oder Signal? Große Player: Polarwirbel und ENSO-Phase

Der Blick von uns Atmosphärenforschern richtet sich aktuell stärker auf die Großwetterantriebe. Entscheidend ist der Polarwirbel, ein großräumiger Kaltluft-Wirbel über der Arktis in der Stratosphäre. Ist er stabil und stark, bleibt Kaltluft im Norden eingeschlossen; wird er gestört, kann es durch Stratosphären-Erwärmungen (plötzliche Temperaturanstiege in großer Höhe) zu Kaltluftausbrüchen nach Europa kommen. Parallel dazu spielt ENSO (El Niño-Southern Oscillation), also das tropische Pazifik-Ozean-Atmosphären-System, eine zentrale Rolle. Die aktuelle Tendenz zur La-Niña-Phase, einer Abkühlung des tropischen Pazifiks, kann telekonnection-basiert – sprich über großräumige Fernwirkungen der Atmosphäre – europäische Winter eher wechselhaft bis kühl beeinflussen.

Prognosen und das mögliche Temperatur-Kippen im November

Kurzfristige Modelle deuten tatsächlich eine Abkühlung zur Monatsmitte an, möglicherweise begleitet von einer Umstellung auf meridionale Strömungsmuster, also Nord-Süd-gerichtete Luftmassenbewegungen. Das würde den Zustrom kälterer Luft aus höheren Breiten begünstigen. Jedoch gilt: Saisonale Prognosen bleiben probabilistisch, also wahrscheinlichkeitbasiert, und nicht deterministisch. Die Wahrscheinlichkeit für einen durchgehend eiskalten Winter ist derzeit moderat, während Szenarien eines wechselhaften Winters mit milden Episoden und zeitweiligen Kaltlufteinbrüchen am plausibelsten erscheinen. Ein milder Novemberauftakt ist daher eher Ausgangslage als Vorhersage – die Tür zur Winterkälte steht trotz Wärme noch offen.

Rubriklistenbild: © IMAGO / Arnulf Hettrich

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