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Kolumne vom Meteorologen Dominik Jung
Atlantik im Dornröschenschlaf: Warum Europas Wetter plötzlich stillsteht – und was das für den Winter bedeutet
Ein ungewöhnlich träger Atlantik lähmt das Wetter über Europa. Doch dieser Stillstand birgt Sprengkraft. Eine Wetter-Kolumne von Dominik Jung.
Kassel – Normalerweise ist der Atlantik die Wettermaschine Europas. Seine Tiefdrucksysteme jagen über den Ozean, treiben Regen und Wind zu uns und halten das Klima in Bewegung. Doch in diesem Herbst wirkt alles anders: Der Jetstream – das Hochgeschwindigkeitsband in der Höhe – wandert träge, teilweise bricht er sogar ganz ab. Diese Schwäche sorgt dafür, dass Tiefdruckgebiete auf offener See „verhungern“, während sich über Mitteleuropa stabile Hochs festsetzen. Meteorologen sprechen dann von einer blockierenden Wetterlage. Das klingt harmlos, bedeutet aber: Das Wetter kommt zum Stillstand – tagelang, manchmal wochenlang.
Was genau den Jetstream derzeit ausbremst, ist Gegenstand intensiver Forschung. Eine Rolle spielen die ungewöhnlich warmen Meeresoberflächen im Nordatlantik, die Temperaturgegensätze zwischen Tropen und Polarregion abschwächen – der „Treibstoff“ des Jetstreams versiegt. Hinzu kommt ein mächtiges Hoch über Grönland, das wie ein Bollwerk wirkt und die Westströmung umlenkt.
Wenn Wetter-Hochs nicht mehr weichen wollen
Solche Blockadelagen sind mehr als eine meteorologische Randnotiz. Sie entscheiden darüber, ob Mitteleuropa unter einem endlosen Spätherbsthoch versinkt – oder ob Kaltluft aus dem Osten freien Lauf bekommt. Im Moment deutet vieles auf ersteres hin: viel Sonne, kaum Wind, Nebel und Trockenheit. Doch die Kehrseite folgt oft verzögert. Sinkt die Sonne tiefer und die Nächte werden länger, kühlt sich die bodennahe Luft stark ab. Dann können sich Inversionslagen bilden, bei denen kalte Luft in den Niederungen gefangen bleibt – mit Frost, Nebel und Smog.
Tornados, Wüstenstürme, Zyklone: Wetterphänomene, die Sie kennen sollten
Diese Phasen wirken auf den ersten Blick friedlich, doch sie verändern Böden und Luftqualität, beeinflussen Landwirtschaft und Energieverbrauch. Der vermeintliche „Wetterfrieden“ kann also trügerisch sein.
„Wetterfrieden“ ein stiller Vorbote des Winters?
Wir erfahrenen Meteorologen beobachten solche Phasen genau – denn oft sind sie Vorläufer größerer Muster. Wenn der Atlantik schweigt, übernehmen andere die Regie: etwa der Polarwirbel oder kontinentale Kälteinseln über Sibirien. Eine langanhaltende Blockade kann den Winterstart in Europa verzögern, aber auch plötzlich umkippen lassen – in eine Phase mit scharfen Temperaturstürzen. Noch ist offen, wohin sich die Lage entwickelt. Doch eines steht fest: Der Atlantik spricht derzeit leise – und wer genau hinhört, erkennt, dass sein Schweigen vielleicht das lauteste Warnsignal des kommenden Winters ist.