Personalmangel in Kitas
„Das kotzt mich an“: Diese unbequemen Forderungen stellt eine Kita-Erzieherin
Eine Kita-Angestellte äußert sich ehrlich zu den Schwierigkeiten in Kitas. Ihre Forderungen an Eltern, Arbeitgeber und Politik sind schonungslos ehrlich.
Die mangelnde Verfügbarkeit von Personal belastet nicht nur Erzieherinnen und Erzieher: Sie sorgt auch für rund 430.000 fehlende Kitaplätze in Deutschland, trotz gesetzlichem Anspruch. Das trifft vor allem Eltern.
Doch was bedeutet der Kita-Notstand (zum Beispiel in NRW) konkret für die pädagogischen Fachkräfte? Wie geht es ihnen? BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA hat Hannah*, eine 29-jährige Erzieherin aus Baden-Württemberg, dazu befragt.
„Schade“: Was den Kita-Alltag einer Erzieherin „trübt“
Hannah, eine ausgebildete Kindheitspädagogin, ist seit etwa zehn Jahren als Erzieherin tätig und hat bereits in verschiedenen Einrichtungen gearbeitet, von kleinen kirchlichen Kindergärten bis hin zu bilingualen privaten Kitas und Einrichtungen mit großen gemeinnützigen Trägern.
„Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass es extrem von der Kita abhängt, wie gut die Arbeitsbedingungen sind“, so Hannah. Sie betont, dass sie ihre Arbeit als Erzieherin immer noch liebt. „Ich liebe es, die Welt durch Kinderaugen jeden Tag neu zu entdecken. Es ist nur schade, dass dieser schöne Beruf so getrübt wird“, fügt sie hinzu.
Hannah identifiziert mehrere Faktoren, die den Kita-Alltag „trüben“ und dringend verbessert werden müssen. Im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland teilt sie ihre fünf Wünsche an Eltern, Arbeitgeber und Politik.
1. Keine kranken Kinder mehr
Hannah ärgert sich besonders darüber, dass kranke Kinder in die Kita geschickt werden. „Das ist der Hauptgrund, warum wir Erzieherinnen Probleme haben“, sagt sie. Tatsächlich haben Erzieherinnen und Erzieher laut einer Studie der Barmer-Krankenkasse pro Jahr zehn Krankheitstage mehr als der Durchschnitt.
Sie versteht, dass Eltern nicht im Job fehlen wollen. „Aber warum ist es okay, wenn wir ausfallen?“ Wenn Eltern ihre kranken Kinder zu Hause lassen würden, wäre der Personalmangel nur halb so groß – davon ist Hannah überzeugt.
„Egal wie groß du die Aushänge machst, mit denen du auf Bindehautentzündung hinweist – die Kinder mit roten, vereiterten Augen kommen trotzdem und ihre Eltern lassen sich die witzigsten Ausreden einfallen“, sagt sie. „Das ist echt was, was mich mega ankotzt.“
2. Mehr Verständnis
„Ich wünsche mir mehr Verständnis und Respekt von den Eltern. Von uns wird das schließlich auch erwartet“, sagt Hannah. „Habt bitte auch mal Verständnis für unseren Personalmangel, Verständnis, wenn man mal kein Gespräch zwischen Tür und Angel führen kann“, bitte sie alle Eltern. In solchen Momenten sei man sowieso schon gestresst, weil man den Personalschlüssel nicht einhalte und in „einem Raum nebenan gerade mehr als zehn Kinder alleine sind“, übrigens eine Red-Flag, auf die Eltern bei Kitas achten sollten.
3. Mehr Mithilfe
Hannahs Tipp: Mit kleinen Gesten können Eltern den Kita-Alltag für Erzieherinnen und Erzieher erleichtern und ihnen Arbeit abnehmen. Besonders bei Sommerfesten, Nikolausfeiern oder Laternenfesten wäre es eine große Hilfe, wenn der Elternbeirat die Organisation übernehmen würde – insbesondere bei akutem Personalmangel.
4. Mehr Gehaltsstufen
„Ich finde, dass das Gehalt reicht“, sagt die Erzieherin. Das sei aber natürlich eine sehr individuelle Wahrnehmung. Was „deprimierend“ sei, ist, dass es sich nicht wirklich ändern werde, fügt sie hinzu. In vielen Berufen steigen Angestellte nach einigen Jahren auf und verbessern ihr Gehalt kontinuierlich.
Als Erzieherin gehe es zwar am Anfang relativ schnell voran, aber irgendwann sei Schluss mit den Gehaltsstufen. Viele Kollegen und Kolleginnen sagten deswegen, sie machen das nicht ewig, weil sie mehr Geld verdienen wollen. „Wenn du dann noch den Personalmangel auffängst und ständig krank bist, dann verlierst du halt irgendwann die Lust und kündigst.“
5. Mehr Gesundheitsvorsorge vom Arbeitgeber
„Es ist schon krass, wie sich die Kitas und Träger unterscheiden“, sagt Hannah. Sie arbeitet derzeit in einer Einrichtung, die ihren Erzieherinnen und Erziehern eine betriebliche Altersvorsorge (auf die jeder Anspruch hat), eine betriebliche Zusatzversicherung, Entschleunigungstage und private Coachings zur Stressbewältigung bietet. „Ich fühle mich so mehr gesehen und wahrgenommen“, sagt Hannah. Das ist für sie ein großer Pluspunkt.
„Bei den vergangenen Kitas, in denen ich gearbeitet habe, war es immer nur so, dass du funktionieren musstest, egal wie es dir ging“, erzählt Hannah. Ein großer Unterschied zu ihrem jetzigen Arbeitgeber, der die mentale und physische Gesundheit seiner Mitarbeiter ernst nehme. „Da sollten Arbeitgeber heute schon darauf achten. Ist bestimmt kein Zufall, dass ich vom Personalmangel bei meiner aktuellen Stelle viel weniger mitbekomme, als bei der davor.“ *Hannah ist ein Pseudonym. Ihr voller Name ist der BuzzFeed News Deutschland-Redaktion bekannt.
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