IPPEN.MEDIA-Serie
Seit 5 Jahren verschwunden: Chronik, Ermittlungsstand und Schlüsselmomente im Fall Rebecca Reusch
Rebecca Reusch bleibt nach ihrem Verschwinden im Februar 2019 vermisst. Wir haben uns den Fall mit vielen Drehungen und Wendungen noch einmal angeschaut.
Berlin – Seit 2019 wird Rebecca Reusch aus Berlin mittlerweile vermisst. Dass die 15-Jährige noch einmal auftaucht, diese Hoffnung gibt die Familie nicht auf. Doch für die Staatsanwaltschaft ist klar: Die Ermittlungen gelten nicht einer Vermissten, sondern einem Leichnam.
Der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, Sebastian Büchner, sagte Anfang 2024 Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Die Akte ist nicht geschlossen, neuen Hinweisen wird nachgegangen. Aber aktuell gibt es keine neuen Ermittlungsspuren.“
Rebeccas Schwager gilt weiter als Verdächtiger Nummer 1
Für Aufsehen sorgten die Ermittler Anfang 2023. Damals erhofften sie sich mit einer Hausdurchsuchung beim Schwager von Rebecca, Ehemann ihrer älteren Schwester Jessica, neue Hinweise. Ihnen war ein fehlender Bademantelgürtel aufgefallen. Der Mann gilt nach wie vor als Verdächtiger Nummer 1 und war bereits zweimal festgenommen worden. Allerdings wurde er beide Male aufgrund mangelnder Beweise wieder freigelassen. Es gilt weiter die Unschuldsvermutung. Zeit für eine Chronik:
IPPEN.MEDIA-Serie Teil 1
Seit dem 18. Februar 2019 wird die damals 15-jährige Rebecca Reusch aus Berlin vermisst. Zum fünften Jahrestag ihres Verschwindens wollen wir den Fall noch einmal aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Dazu veröffentlichen wir an den kommenden fünf Freitagen eine Mini-Serie mit den neuesten Erkenntnissen, den Theorien von Experten und Einschätzungen aus dem Kreis der Ermittler.
Teil 2 der Serie: Blick auf die Theorien: 5 mögliche Szenarien zum Verschwinden Rebeccas
Teil 3 der Serie – Blick auf den Schwager: Warum den Ermittlern sogar eine Blamage drohen könnte
Teil 4 der Serie: Blick auf die Familie: Vorwürfe gegen Rebeccas Familie
Teil 5 der Serie: Blick auf die Ermittler: Die Fehler der Behörden und die Hoffnung auf das fehlende Puzzleteil
Berliner Vermisstenfall Rebecca Reusch - eine Chronologie des Tages ihres Verschwindens
Rebecca übernachtete am 17. Februar 2019 im Haus ihrer großen Schwester Jessica (damals 27) und deren Mann (damals 27) in Berlin-Neukölln.
Vermisste Rebecca Reusch: Viele Rätsel – und immer wieder ein Verdacht




18. Februar 2019:
- Um 5:45 Uhr kehrt Rebeccas Schwager nach eigener Aussage von einer Feier nach Hause zurück.
- Um 7 Uhr verlässt die Schwester Jessica das Haus, um die Kinder in die Kita zu bringen. Ihr Mann legt sich nach eigenen Angaben nach einer Firmenfeier zum Schlafen ins Bett.
- Gegen 7.15 Uhr bittet Jessica ihren Mann, ihre Schwester Rebecca für die Schule zu wecken. Als der Schwager das Wohnzimmer betritt, ist Rebecca seinen Angaben zufolge nicht da.
- 07:46 Uhr: Einer Analyse zufolge war Rebeccas Telefon zu diesem Zeitpunkt zum letzten Mal eingeloggt.
- Mutter Brigitte Reusch schickt ihrer Tochter um 8:40 Uhr noch eine WhatsApp-Nachricht, die sie ihrer Aussage zufolge noch bekommen hat. Sie folgert daraus: „Sie muss irgendwo nochmal an einem Router vorbeigekommen sein, der ihr diese Nachricht übermittelt hat. Das kann an der Schule gewesen sein, an den Gropius Passagen oder auch bei ihr an der Gemeinde Dreieinigkeitskirche. Oder wo sie noch eingeloggt war.“ Rebecca bekommt die Nachricht zwar, liest sie jedoch nicht mehr.
- Um 9.50 Uhr taucht Rebecca nicht zum Unterricht in der Schule auf.
- Der pinke Renault Twingo von Jessica und ihrem Mann wird vom Brandenburger Kennzeichenerfassungssystem KESY auf der A12 zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) in Fahrtrichtung Polen registriert. Es ist 10:47 Uhr.
- Rebeccas Familie meldet die 15-Jährige bei der Polizei am Nachmittag als vermisst und startet eine Suchaktion nach „Becci“.
Wettlauf gegen die Zeit – Rebeccas Schwager gerät unter Verdacht
19. Februar 2019:
Die Polizei veröffentlicht eine Vermisstenanzeige. Zugleich wird der Twingo von Schwester und Schwager um 22:39 Uhr erneut von einer Kamera auf der A12 zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) registriert. Nur der Schwager dürfte an diesem Tag im Auto gewesen sein. Seine Aussagen passen laut Polizei nicht zu den Bewegungsdaten seines Wagens.
21. Februar 2019:
Nun beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch erst drei Tage nach dem Verschwinden des Mädchens veröffentlicht die Polizei eine offizielle Vermisstenanzeige nach Rebecca Reusch.
23. Februar 2019:
Nun übernimmt die 3. Mordkommission des Landeskriminalamts Berlin den Vermisstenfall. In den Folgetagen ermittelt sie nicht nur. Parks, Altkleidercontainer und vieles mehr werden auch mithilfe eines Hubschraubers abgesucht. Familie und Freunde suchen mit.
28. Februar 2019:
Am 28. Februar wird Rebeccas Schwager (damals 27) von der Polizei vorläufig festgenommen und am Freitag, dem 1. März auf Anordnung eines Ermittlungsrichters wieder entlassen.
2. März 2019:
Die Ermittler gehen mittlerweile von einem Tötungsdelikt aus.
3. März 2019:
Die Staatsanwaltschaft legt Beschwerde gegen die Freilassung ein. Noch am Abend klicken bei Rebeccas Schwager erneut die Handschellen.
ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ – Tausende Hinweise folgen, doch Rebecca bleibt verschollen
6. März 2019:
Michael Hoffmann vom Landeskriminalamt Berlin tritt in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ auf und hat bildlich gesprochen „Sprengstoff“ mitgebracht. Fotos des Schwagers und seines himbeerroten Twingos werden veröffentlicht.
In der Folgezeit suchen Taucher, Leichenspürhunde und Echolot in Waldgebieten und Seen Brandenburgs – explizit im Gebiet entlang der Autobahn zwischen Berlin und der polnischen Grenze. Einmal schlägt ein Spürhund an, die weitere Suche ergibt nichts.
13. März 2019:
Die Familie geht mit dem Internetflirt Rebeccas, mit einem „Max“ oder „Maxi“ an die Öffentlichkeit. Dessen Instagramprofil sei allerdings nun gelöscht. Laut Polizei führt die Spur ins Nichts.
22. März 2019:
Rebeccas Schwager muss erneut aus der U-Haft entlassen werden. Zweifel am dringenden Tatverdacht des Totschlags bestehen, er bleibt aber Verdächtiger Nummer 1.
13. April 2019:
Die Suche nach Rebecca wird vorerst eingestellt.
Hausdurchsuchung beim Schwager – nimmt der Fall neue Fahrt auf?
Dezember 2020:
In einem Podcast der Journalistinnen Miriam Arndts und Lena Niethammer gerät der Schwager erneut ins Visier. Recherchen hätten ergeben, so berichten sie, dass eine Zeugin am Tag von Rebeccas Verschwinden einen „auffälligen Mann“ mit Baseballkappe in einem Waldgebiet bei Kummersdorf gesehen habe. Ganz in der Nähe will bereits ein anderer Zeuge den pinken Wagen entdeckt haben. Das war aber längst bekannt.
Ralph Knispel ist Oberstaatsanwalt und Leiter der Abteilung für Kapitalverbrechen in Berlin. Sein Namensvetter Martin Knispel leitet die Ermittlungen. „Die Suche hat sich offenbar als sehr schwierig gestaltet – das gilt gerade in Waldstücken. Man stellt sich das so einfach vor, aber Landschaften verändern sich und es gibt beispielsweise tierisch verursachte Oberflächenveränderungen.“, so Knispel, der auch Vorsitzender der Vereinigung Berliner Staatsanwälte ist.
13. April 2023:
Die Ermittler durchsuchen plötzlich das Haus des weiterhin als verdächtig geltenden Schwagers. Dabei ging es einerseits um mögliche Beweismittel. Laut Medienberichten hatten neue Daten aus dem Google-Suchverlauf des Schwagers gezeigt, dass dieser kurz vor dem Verschwinden Rebeccas im Internet nach Strangulierungspraktiken beim Geschlechtsverkehr gesucht haben soll. Den Ermittlern war zudem aufgefallen, dass bei einem Bademantel ein Gürtel fehlte. Andererseits führte die Polizei Akustikmessungen durch. Vermutlich sollte so festgestellt werden, wo und wie laut man mögliche Schreie von Rebecca möglicherweise hätte hören können. Rebeccas Mutter äußert sich zum Fall und spricht über ihre Hoffnung.
Experte für vermisste Personen: Das sind die vier Schlüsselmomente im Fall Rebecca
Die Drehungen und Wendungen, dazu die Informationsfülle in diesem Fall ist enorm. Um den Überblick zu wahren, untergliedert Peter Jamin, ein Vermissten-Experte, den Fall im Gespräch mit IPPEN.MEDIA im Frühjahr 2023 in vier Schlüsselmomente.
- Das spurlose Verschwinden der 15-Jährigen am 18. Februar 2019. „Dahinter steht nicht nur, dass die Polizei wenig Spuren hat und wirklich im Dunkeln tappt, sondern auch, dass das ein Riesen-Eingriff für die Familie, für die Angehörigen ist.“
- Schlüsselmoment 2: Das falsche Foto. „Dass es damals gewählt wurde, kann ich gut verstehen“, so Jamin. Doch dass die Polizei nach dem künstlich bearbeiteten Bild von Rebecca noch immer sucht, ist für ihn nicht zu verstehen.„Wie will man eine Vermisste suchen, wenn man das falsche Foto hat?“ Er sieht das als „eklatanten Fehler der Polizei“.
- Der Schwager steht im Fokus der Ermittlungen. Er greife in die Familienstruktur ein und löse eine ganz schwierige Situation aus.„Wenn die Familie der Polizei glaubt, haben sie einen ganz negativen Blick auf den Schwager. Wenn man aber dem Schwager glaubt, steht man in Konfrontation zur Polizei – was ja in der Tat auch so ist.“
- Als vierten Schlüsselmoment sieht Jamin das Engagement der Familie: „Sie gehen selbst an die Medien, sprechen von ihrer Hoffnung, erzählen aus ihrem Leben.“ So bleibe der Fall präsent.
Hinweise nimmt die 3. Mordkommission des Landeskriminalamts unter der Rufnummer (030) 4664-911333 oder per E-Mail an lka113-hinweis@polizei.berlin.de entgegen.
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