Prozess um Rosenheimer Familientragödie
Mutter redete Angeklagter kurz vor Kinder-Mord noch ins Gewissen: „Du musst die Kurve kriegen“
Ein Schock ging am 25. Dezember vorigen Jahres durch Rosenheim: Eine Mutter tötete in der Nacht mutmaßlich ihre beiden Kinder. Sie waren gerade mal sechs und sieben Jahre alt. Am Montag (18. August) begann der Prozess gegen die 39-Jährige am Traunsteiner Landgericht.
Update, 16.49 Uhr – Mutter redete Angeklagter kurz vor Kinder-Mord noch ins Gewissen
Es ist eine Aussage voller Tränen, Trauer und immer noch Verwunderung – aber sie sagt aus: Die Mutter der Angeklagten erscheint als Zeugin, obwohl sie nicht müsste. Am Heiligen Abend sei die Tochter mit ihren drei Kindern noch bei ihr zu Besuch gewesen: „Meine Tochter war da völlig unruhig, getrieben und nervös, das hab ich noch nie gesehen.“
Sie habe die Angeklagte noch versucht zu überreden, sie solle mit ihren drei Kindern bei ihr übernachten. Doch nur der älteste Sohn wollte bleiben. Das könnte ihm das Leben gerettet haben. Zusammen mit den jüngeren Kindern sei die 39-Jährige dann wieder gefahren. Vor der Verabschiedung habe ihr die Mutter noch ins Gewissen reden: „So geht das nicht weiter. Du musst die Kurve kriegen.“
Auch sie berichtet, dass sich die psychische Situation der Angeklagten im Laufe des Jahres 2024 verschlechterte, vor allem zum Jahresende hin – „bis sie sich einbildete, der Sohn wird missbraucht. Da konnte man sie nicht mehr davon abbringen.“ Depressionen und psychische Probleme lägen väterlicherseits in der Familie. Auch bei der Angeklagten seien schon im Alter von 15 Jahren Depressionen diagnostiziert worden.
In den frühen Morgenstunden stand dann plötzlich die Polizei neben ihrem Bett. Nachbarn gewährten den Beamten Einlass. „Die Kinder sind tot“, hätten sie gesagt. Umso tragischer: Der Vater hätte mit der Angeklagten eigentlich ausgemacht, dass die Kinder die Weihnachtsferien bei ihm verbringen – aber erst ab 25. Dezember. Jenem Tag, an dem die 39-Jährige ihren sechsjährigen Sohn und ihre siebenjährige Tochter tötete.
Mit ihren Verteidigern Harald Baumgärtl und Alexander Kohut verständigte sich die Frau am heutigen, ersten Prozesstag darauf, zu schweigen. Die Verhandlung wird am 8. September um 9 Uhr in Traunstein fortgesetzt.
Update, 15.55 Uhr – „Sie hat ihre Kinder abgöttisch geliebt“
Bei all den Zeugenaussagen über die 39-jährige Rosenheimerin, die am 1. Weihnachtsfeiertag 2024 ihre beiden Kinder mit einer Holzspaltaxt tötete, zeigt sich ein zweischneidiges Bild: Einerseits wird sie als liebende Mutter dargestellt, andererseits verschärften sich im Jahr vor der Tat ihre psychischen Probleme ganz extrem.
„Sie hat ihre Kinder abgöttisch geliebt, sich gekümmert und sich Gedanken gemacht“, sagt da zum Beispiel eine ebenfalls 39-jährige Freundin der Frau. Die beiden hatten sich schon in frühester Kindheit kennengelernt. Vernommen wird auch der Ex-Partner (44) der Angeklagten. Er ist der Vater der getöteten Kinder. Aggressionen gegen den Buben und das Mädchen habe es nicht gegeben.
Aber ihr Ex-Partner, der im Prozess als Nebenkläger auftritt, sagt auch: „Sie war immer eine Person der Extreme.“ Im Dezember 2023, also ungefähr ein Jahr vor der Horror-Tat, trennte er sich. Anfangs habe alles recht gut geklappt, bis zum Herbst 2024. Die Frau habe „abstruse Vorwürfe“ erhoben, ihr Sohn würde im Kindergarten missbraucht. Die „Geschichten“ seien mit der Zeit immer „paranoider“ geworden.
Auch das bestätigen alle Zeugen: Eine Arbeitskollegin meint, zwei Wochen vor Weihnachten 2024 sei die Situation „gekippt“: Panik, Verfolgungswahn, Ängste und auch ihr Alkoholkonsum seien schlimmer geworden. Sie empfahl ihr eine psychiatrische Behandlung. Die Erzählungen über den Missbrauch des Sohnes im Kindergarten hätten sich „wie eine Verschwörung angehört“.
Tatsächlich erstattete die Angeklagte auch bereits Anzeige bei der Polizei wegen des vermeintlichen sexuellen Missbrauchs – ohne Ergebnis. Der Vater schaltete gleichzeitig auch das Jugendamt ein, weil er befürchtete, die Kinder würden bei der 39-Jährigen verwahrlosen. Als Zeugin wird heute auch noch die Mutter der Angeklagten erwartet.
Update, 13.33 Uhr – Rosenheimerin rief vor Kindstötung noch Bekannten
Jetzt sagt der Zeuge aus, dem die Angeklagte, eine 39-Jährige aus Rosenheim, wohl ihr Leben zu verdanken hat. Denn er rief in der Nacht auf 25. Dezember 2024 noch rechtzeitig die Polizei. Sie konnte die Frau nach ihrem Selbstmordversuch reanimieren. Der Mann ist ein Arbeitskollege und Freund der mutmaßlichen Mörderin.
Er wird der erste sein, der die Angeklagte im Prozess um die beiden getöteten Kinder beschreibt. Ihr Verhältnis zu den Kindern sei „fürsorglich und liebevoll“ gewesen. Zuletzt, ungefähr im Jahr vor der Tat, sei sie aber psychisch immer instabiler geworden. Der Zeuge spricht auch von einem Alkoholproblem. „Sie wurde zerstreut, nervös, ängstlich.“ Vermutlich sei die Trennung von ihrem Partner und Vater der Kinder der Auslöser gewesen.
Auch der Mann hat unter seiner Zeugenaussage immer wieder mit den Tränen zu kämpfen. Er war der Erste, der in der Nacht auf den 1. Weihnachtsfeiertag die Frau mit ihren Kinderleichen entdeckte. Auch darauf muss er jetzt zu sprechen kommen. Kurz vor der Tat habe ihn die 39-Jährige „mit trauriger, aber klarer Stimme“ angerufen, dass es ihr nicht gut gehe. Also machte er sich Mitten in der Nacht aus dem Landkreis Traunstein auf den Weg nach Rosenheim.
Schon unterwegs sei die Frau telefonisch nicht mehr erreichbar gewesen. Am Haus in der Rosenheimer Krainstraße hätte zwar das Licht gebrannt, doch niemand öffnete. „Das war schon alles komisch.“ Über die Terrassentür kam der enge Bekannte der Frau ins Haus – und fand sie im Schlafzimmer auf der Bettkante leblos und zusammengesackt. Dann der grauenvolle Anblick der toten Kinder, erschlagen mit einer Holzspaltaxt.
Damit das Bild, das die Angeklagte vor der Tat im Bekanntenkreis hinterließ, klarer wird, lädt das Traunsteiner Landgericht heute noch weitere Zeugen: unter anderem den Ex-Partner der 39-Jährigen.
Update, 11.34 Uhr – Polizist: „Entsetzlichster Einsatz, den ich je erlebt hab“
Durch die ersten Zeugen wird klar, wie arg belastend die Nacht auch für die Polizisten gewesen sein muss. „Das war der entsetzlichste Einsatz, den ich jemals erlebt hab“, sagt ein Beamter. Er war mit der zweiten Streife an der Krainstraße in Rosenheim, wo die Frau mit ihren Kindern wohnte: „Und die Kollegen, die vor uns da gewesen sind, waren auch schon durch den Wind...“
Die getöteten Kinder seien „blutüberströmt“ auf den Betten gelegen – mit schwersten Kopfverletzungen, „die nicht mit dem Leben vereinbar sind“, wie es der Polizist umschreibt. Im Gang entdeckte er dann auch das Tatwerkzeug: einen blutverschmierten Holzspalthammer. Insgesamt soll die Angeklagte damit ungefähr 75 Mal auf die Kinder eingeschlagen haben.
Die 39-Jährige versuchte sich nach der Tat wohl umzubringen, konnte von einem Polizisten aber erfolgreich reanimiert werden. Eine Notärztin habe vor Ort sofort den Tod der sieben- und sechsjährigen Kinder festgestellt. „Es hat ein paar Wochen gedauert, bis man das ganze verarbeitet“, so der Beamte im Zeugestand.
Ein weiterer Polizist, der vor Ort war, war der Einsatzleiter jener Nacht bei der Rosenheimer Polizei: „Den Funkspruch über die getöteten Kinder haben die Kollegen schon mit zittriger Stimme abgegeben“, so der Beamte zum Einsatz, der in der Nacht auf 25. Dezember 2024 begann. Als er vor Ort eintraf, sah er bleiche Kollegen, die wie versteinert gewirkt hätten.
„Ich habe dann nur einen kurzen Blick ins Schlafzimmer geworfen, wo die Kinder gelegen sind, um handlungsfähig zu bleiben“, berichtet der Polizist. Denn vier andere Polizisten seien es schon nicht mehr gewesen. Eine Kollegin sei nach wie vor arbeitsunfähig und in psychologischer Behandlung. „Jeder hat was anderes von diesem Einsatz mitgenommen.“
Als die Angeklagte reanimiert war, gab es für die Polizei an der Rosenheimer Krainstraße noch eine große Aufgabe: Wo ist das dritte Kind der 39-Jährigen? „Wir haben das ganze Haus abgesucht, jeden Schrank, jeder Vorhang wurde umgedreht“, berichtet der Polizist als Zeuge. Etwas später erhielt man dann die erleichternde Nachricht, dass der Bub bei der Großmutter war.
Bei den nächsten Zeugen wird es mehr darum gehen, welcher Mensch die Angeklagte ist. Bisher hat sie zu den Vorwürfen nichts gesagt.
Update, 10 Uhr – Richter verliest die Anklage
Das Interesse im großen Saal des Traunsteiner Landgerichts ist wie erwartet groß: Rund 50 Zuhörer sind, zusätzlich zu den etlichen Prozessbeteiligten, gekommen. Es geht um die beiden getöteten Kinder in Rosenheim an Weihnachten 2024. Die Angeklagte, eine 39-jährige Rosenheimerin, hat zwischen ihren Verteidigern Platz genommen. Die Kapuze ihrer dicken, schwarzen Jacke hat sie tief ins Gesicht gezogen.
Erst als der Vorsitzende Richter Volker Ziegler den Prozess eröffnet, zieht sie die Kapuze ab: eine etwas bleiche, schmale Frau mit langen braunen Haaren kommt zum Vorschein. Klar, deutlich und ohne Probleme antwortet sie auf alle Fragen des Richters – unter anderem: „Welchen Beruf hatten Sie zuletzt ausgeübt?“ Ihre Antwort: „Erzieherin“.
Staatsanwältin Kathrin Kreidl verliest die Anklage. In den frühen Morgenstunden des 24. Dezember 2024 soll die Angeklagte daheim ihre beiden Kinder ermordet haben: ihre Tochter im Alter von sieben Jahren und ihren Sohn im Alter von sechs Jahren. Mit einem Holzspalthammer hat sie laut Kreidl ihren Kindern die Schädel eingeschlagen. Beim Buben waren es angeblich über 30 Hiebe, beim Mädchen über 40.
„Es sind harte Tatsachen, die wir hier hören und sehen werden“, warnt auch Richter Ziegler die Zuhörer. Begleitet wird die 39-Jährige von den Rechtsanwälten Harald Baumgärtl und Alexander Kohut. Hinter der Frau sitzen zwei Angestellte der Forensik, in der sie untergebracht ist. Die Angeklagte ist psychisch krank. Sagen will die Rosenheimerin zu den Vorwürfen noch nichts. „Unsere Mandantin macht heute keine Angaben“, so Kohut. Jetzt werden die ersten Zeugen erwartet. Zu Beginn einer jener Polizisten, der mit als Erstes den Tatort betrat.
Der Vorbericht:
Rosenheim/Traunstein - Am heutigen Montag (18. August) wird die Horror-Tat juristisch aufgearbeitet, die an Weihnachten 2024 eine Schockwelle durch Rosenheim schickte. In der Nacht auf 25. Dezember tötete eine Mutter ihre beiden Kinder: einen sechsjährigen Buben und eine sieben Jahre altes Mädchen. Der Prozess gegen die 39-Jährige beginnt um 9 Uhr vor dem Traunsteiner Landgericht. Für den 8. September ist ein weiterer Verhandlungstag vorgesehen.
Frau wegen psychischer Krankheit schuldunfähig?
Angeklagt ist die Frau wegen zweifachen Mordes. Laut Staatsanwaltschaft hat die Mutter ihre Kinder wohl mit einem Holzspalthammer erschlagen. Beide starben noch an Ort und Stelle. Gleich danach soll sie versucht haben, sich umzubringen. Da ein Zeuge die Rosenheimerin jedoch gegen 3.30 Uhr schwer verletzt in ihrer Wohnung liegen sah und die Polizei alarmierte, überlebte sie. Die Frau wurde noch am selben Tag festgenommen und drei Tage später in die Forensik verlegt.
Weil die Frau unter einer schweren psychischen Krankheit litt, geht man davon aus, dass sie schuldunfähig ist. Verteidigt wird sie am Landgericht von den Rosenheimer Rechtsanwälten Alexander Kohut und Harald Baumgärtl. rosenheim24.de wird aktuell aus dem Prozessaal berichten. (xe)
Berichterstattung bei Suizid
Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe rund um die Uhr bieten auch die Krisendienste Bayern unter 0800-6553000.
Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienste.bayern.