Die Lachgas-Problematik in der Region – Teil 2
„Nicht nachweisbar, aber brandgefährlich“: Experten über die Risiken von Lachgas
Es beginnt als harmloser Spaß und endet im schlimmsten Fall mit Nervenschäden oder einer Explosion. Die Partydroge Lachgas breitet sich aus, doch die Ahnungslosigkeit über die Gefahren ist groß. Eine Spurensuche nach den Ursachen eines brandgefährlichen Trends.
Landkreise Traunstein/Berchtesgadener Land – Die Explosion einer Lachgas-Kartusche im Müllheizkraftwerk Burgkirchen hat einen finanziellen Schaden von einer halben Million Euro hinterlassen. Doch der technische Defekt ist nur das Symptom. Die eigentliche Ursache liegt in einem gesellschaftlichen Trend, der sich auch in der Region ausbreitet und von einer gefährlichen Ahnungslosigkeit geprägt ist. Die Spur führt zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen, für die Lachgas ein unverfänglicher Partyspaß ist. Regionale Sucht-Experten und die Polizei warnen jedoch eindringlich: Hinter dem vermeintlich harmlosen Kick verbergen sich gravierende Gesundheitsrisiken.
Die Caritas Fachambulanz für Suchterkrankungen im Berchtesgadener Land liefert auf Anfrage einen tiefen Einblick in die Wahrnehmung der Konsumenten. In der täglichen Beratungsarbeit spiele das Thema Lachgas bisher nur eine Nebenrolle, heißt es. Es tauche „vereinzelt in Gesprächen auf, meist beiläufig und ohne ausgeprägtes Problembewusstsein.“ Die Experten müssen oft gezielt nachfragen. Die Bilanz ist alarmierend: „Viele Jugendliche sehen Lachgas eher als harmlose Zusatzoption beim Feiern und nicht als Droge.“ Ein wesentlicher Faktor für diese fatale Fehleinschätzung sei, so die Caritas, dass Jugendliche berichten, Lachgas auszuprobieren, „weil es in gängigen Drogentests nicht nachweisbar ist.“
Offizielle Warnung: Von Nervenschäden bis zum unkalkulierbaren Risiko
Diese Verharmlosung steht im scharfen Kontrast zu den offiziellen Warnungen. Auf dem bundesweiten Präventionsportal polizei-beratung.de stufen die Behörden den Missbrauch von Lachgas als einen „besorgniserregenden Trend“ ein, der durch soziale Medien und eine „vermeintliche Harmlosigkeit“ angetrieben werde. Die Liste der potenziellen gesundheitlichen Folgen ist lang und gravierend. Die unsachgemäße Inhalation des unverdünnten Gases führt zu einem akuten Sauerstoffmangel im Gehirn, der zu Schwindel, Halluzinationen und sogar Bewusstlosigkeit führen kann. Zudem kann es zu Erfrierungen an Mund und Rachen sowie zu Rissen im Lungengewebe kommen.
Besonders perfide sind die Langzeitschäden. Die Caritas-Experten warnen: „Bei regelmäßigem oder intensivem Konsum drohen Nervenschädigungen durch Vitamin-B12-Mangel sowie bleibende neurologische Schäden.“ Das offizielle Polizei-Portal bestätigt dies und nennt Taubheitsgefühle und Gangstörungen als mögliche Folgen. Besonders gefährlich, so die Polizei, werde der Konsum in Kombination mit anderen Substanzen wie Cannabis: Der Mischkonsum berge ein „unkalkulierbares Risiko für Nebenwirkungen, die zum Tod führen können.“ Doch dieses Wissen, so die ernüchternde Bilanz der Suchtberatung, ist bei den Konsumenten kaum vorhanden: „Viele Jugendliche probieren es daher unreflektiert aus, ohne die möglichen Folgen zu kennen.“
Ruf nach Konsequenzen: Warum ein Verbot allein nicht reicht
Angesichts dieser wachsenden Gefahr für die Gesundheit der Jugend und die Sicherheit kritischer Infrastruktur wie der Müllverbrennung wird der Ruf nach politischen Konsequenzen lauter. Doch die Experten aus der Abfallwirtschaft warnen vor einfachen Scheinlösungen. Ein reines Verkaufsverbot, so die einhellige Meinung des Zweckverbands ZAS und des Branchenverbands ITAD, greife zu kurz. Sie verweisen auf die Niederlande, wo ein Verbot ohne flankierende Maßnahmen zu einem blühenden Schwarzmarkt und paradoxerweise sogar zu einer Zunahme der Explosionen in den Anlagen führte.
Die Industrie fordert daher eine technische und pragmatische Lösung. In einer gemeinsamen Stellungnahme heißt es: „Um die Entsorgungssicherheit zu erhöhen und den Mitarbeiterschutz zu gewährleisten, muss der Gesetzgeber deshalb unbedingt die Regulierung der größeren Lachgasflaschen (d.h. Einführung eines Pfandsystems und Überdrucksicherungen) weiterverfolgen.“ Ein Pfand würde einen finanziellen Anreiz zur korrekten Rückgabe schaffen und die gefährlichen Kartuschen so aus dem Hausmüll fernhalten.
Die Sucht-Experten der Caritas ergänzen diese technische Forderung um eine unverzichtbare gesellschaftliche Komponente. Ein staatliches Verkaufsverbot könne zwar die Hemmschwelle für manche erhöhen, aber auch den Reiz des Verbotenen steigern. Nachhaltig wirksam sei nur ein umfassender Ansatz: „Aufklärung über Risiken, frühe Präventionsangebote und eine offene Auseinandersetzung mit den Gründen, warum Jugendliche überhaupt zu solchen Substanzen greifen.“
Es ist ein zweigleisiger Ansatz, der sich aus der Analyse des Problems ergibt. Er zielt darauf ab, sowohl das gefährliche Symptom – die Bombe in der Mülltonne – technisch zu entschärfen, als auch die eigentliche Ursache zu bekämpfen: eine gefährliche Ahnungslosigkeit, die einen vermeintlich harmlosen Kick zur ernsten Bedrohung für die Gesundheit und zur teuren Kostenfalle für alle macht.