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Fürsorge für Geflüchtete in Kolbermoor: Zwischen Hilfsbereitschaft und Überforderung
Seit über einem Monat fliehen Menschen vor dem Krieg in der Ukraine. Auch in Kolbermoor sind Geflüchtete angekommen. Viele Bürger wollen helfen und bieten Wohnungen und Zimmer an, manche überfordert die Situation. An diesen Stellen wird Gastgebern und Ukrainern geholfen.
Kolbermoor/Rosenheim – Jeder Bürger kann sich an die Stadtverwaltung wenden. Christian Poitsch vom Stadtmarketing zufolge ist aber das Landratsamt für die Geflüchteten zuständig. Bei Fragen zur finanziellen Unterstützung oder Registrierung verweisen die Mitarbeiter in der Verwaltung Anrufer oder Besucher des Bürgerbüros deshalb meist dorthin weiter. Zudem werde die Website der Stadt laufend mit Informationen aktualisiert.
Sprachkurse, Lebensmittel und Kleidung
Die meisten Ukrainer sprechen kein Deutsch. Deshalb bietet die Stadt nun zusätzliche Kurse für Anfänger ohne Vorkenntnisse an der Volkshochschule. Auch im Bürgerhaus Mangfalltreff soll es bald Hilfe für Geflüchtete und deren Helfer geben.
Der neuen Leiterin Melanie Klettl zufolge haben sich bereits zehn ehrenamtliche Helfer gemeldet. Ihre Vorgängerin Dagmar Badura habe deren Kontaktdaten gesammelt. Am Donnerstag will sich Klettl mit den Freiwilligen treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
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Klettl vermutet, dass die Geflüchteten vor allem Hilfe bei alltäglichen Dingen brauchen, etwa beim Einkaufen oder der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. „Es geht um Fragen wie: Woher kriege ich eine SIM-Karte?“, sagt Klettl. Sie wolle auch ein offenes Treffen für Geflüchtete in der Cafeteria organisieren. Dabei könnten sich die Ukrainer über ihre Erfahrungen austauschen.
Tafel bekommt weniger Ware von Supermärkten
Benötigen sie Lebensmittel, können sie die Kolbermoorer Tafel an der Carl-Jordan-Straße besuchen. Sie ist jeden Mittwoch von 14.30 bis 15.30 Uhr geöffnet. Einen Berechtigungsschein brauchen die Geflüchteten nicht, sie können einfach ihren Ausweis vorzeigen und bekommen Nahrungsmittel. „Letzte Woche waren schon sechs ukrainische Familien da“, sagt Klettl. Sie vermutet, dass noch mehr kommen werden.
Problematisch sei jedoch, dass die Tafel aktuell weniger Spenden als sonst erhält. Die Kolbermoorer bringen zwar weiterhin Lebensmittel vorbei, die Supermärkte hingegen weniger. Die Bürgerhaus-Leiterin vermutet, wegen der Corona-Pandemie oder den Hamsterkäufen der Menschen. Deshalb werde jede Hilfe angenommen. Am besten sollten Bürger haltbare Nahrungsmittel spenden.
Kleidung beim Erstkauf kostenlos
In der Kleiderkammer der Evangelisch-Lutherischen Kreuzkirche bekommen Geflüchtete, die nun in Kolbermoor leben, die Kleidung beim Erstkauf kostenlos. „Bisher haben wir ungefähr 30 Ukrainer ausgestattet“, sagt Leiterin Heidi Andrä. Auch weiterhin nehme die Kammer Kleiderspenden an, aber nur in kleinen Mengen und wenn sie sauber, gut erhalten sowie der Jahreszeit angemessen seien.
„Die Hilfsbereitschaft in der Bevö0lkerung ist sehr groß“, sagt Landratsamtssprecherin Ina Krug. Die Zahl an angebotenen Privatunterkünften liege im mittleren dreistelligen Bereich. Das Landratsamt sichte abgeschlossene Wohnungen, um diese anzumieten. Krug geht davon aus, dass das Landratsamt Ukrainer voraussichtlich ab April in Privatunterkünften unterbringen kann.
Bis zu 1500 Ukrainer in Privatunterkünften
„Wir möchten die Flüchtlinge so schnell es geht von den Hallen in diese Unterkünfte verlegen, damit sie zur Ruhe kommen können“, sagt Krug. Viele Bürger hätten bereits Geflüchtete in solchen Wohnungen untergebracht oder Zuhause aufgenommen, ohne dass das Landratsamt involviert war. Krug schätzt, dass so bereits 1000 bis 1500 Personen eine Bleibe gefunden haben.
Kleinere Startschwierigkeiten bis zu starker Überforderung
Einige der Helfer hätten sich bereits beim Landratsamt gemeldet, weil sie mit der Situation überfordert sind. Sie hätten in guter Absicht schnell helfen wollen, das Ausmaß aber nicht bedacht. „Das Spektrum geht von kleineren Starschwierigkeiten bis zu einer stärkeren Überforderung. Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen aus einem Kriegsgebiet kommen und oft Schlimmes erlebt haben“, sagt Krug. Die Ukrainer seien mit den Abläufen in Deutschland nicht vertraut und nicht mobil. Das bedeute viel Arbeit und Engagement von den Helfern.
Überfordert in der Rolle als „Erstanlaufstelle“
Oft fehle ihnen Orientierung in der neuen Rolle als „Erstanlaufstelle“ für die Geflüchteten. Sie wüssten nicht, wie sie ihre Gäste registrieren, Sozialleistungen für sie beantragen, wie die medizinische Versorgung funktioniert oder sie deren Kinder in Schulen oder Kindergärten unterbringen.
Platzmangel und finanzielle Belastung
Die Gastgeber kann die Situation auch finanziell belasten. Sie müssten mehr Lebensmittel kaufen und Nebenkosten bezahlen. Aktuell gebe es noch keine Nebenkostenpauschale für Helfer. Das Landratsamt sei in Kontakt mit der Regierung von Oberbayern, um die Möglichkeit zu prüfen. Die Geflüchteten erhalten Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
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Neben der finanziellen Belastung kann Platzmangel Krug zufolge auch ein Problem sein. Oft gebe es sprachliche Schwierigkeiten.
Deshalb sei es wichtig, dass Gastgeber vor der Aufnahme von Geflüchteten überlegen, ob die Unterbringung zum Teil schwer traumatisierter Personen, die weder Englisch noch Deutsch sprechen, über einen langen Zeitraum für sie der richtige Weg ist, um zu helfen.