Immer wieder Verbindungen zu Kindern: Skandal um Seelsorger
Rosenheimer Missbrauchstäter: Spuren bis nach Südtirol und Südamerika
Der Missbrauchsskandal um den Krankenhausseelsorger Rudolf Kassian Greihansel erschüttert Rosenheim. Folgt man dem Leben des Stadtpfarrers, findet man Spuren bis nach Südtirol und Südamerika. Und immer wieder Verbindungen zu Kindern und jungen Menschen.
Rosenheim - Ausgerechnet den Schutzpatron der Lehrer hatte sich Rudolf Greihansel als Namenspatron bei seiner Ordination 1954 ausgesucht: Den heiligen Kassian, der etwa 300 nach Christus als Märtyrer starb - der Überlieferung zufolge hingerichtet von wütenden Schülern, die er körperlich gezüchtigt hatte. Ebenjenen Kassian verehrte Greihansel, ließ sich in Rosenheimer Kirchenkreisen und darüber hinaus auch so nennen. Selbst die damalige Krankenhauskapelle, in der Greihansel wirkte, war dem Heiligen Kassian geweiht. Die nach dem Umbau neu errichtete Kapelle indes nicht mehr.
Im Augenblick heißt er vor allem und ganz profan Rudolf G. und “Fall 26” des Missbrauchsgutachtens der Kanzlei Westphal Spilker Wastl. Für Vergehen an 14 Minderjährigen wurde er in den 60er-Jahren verurteilt, weitere Vergehen folgten – so das Gutachten während seiner späteren Tätigkeit als Krankenhausseelsorger in Rosenheim. Auch dort fiel der Mann auf - Saunabesuche mit Ministranten, sexuelle Übergriffe in Fahrstühlen oder in der Sakristei. Fälle, die erschüttern.
„Mit Gott im Reinen“
Folgt man den Spuren seines Lebens, gelangt man bis nach Südtirol und Südamerika. Denn auch jenseits der Alpen war Greihansels Verehrung für den Märtyrer groß, vielleicht sogar obsessiv. In einem Nachruf des katholischen Internats Vinzentinum in Brixen heißt es: „Er nahm öfters an der Kassiansprozession in Brixen teil und suchte auch gerne die verschiedenen Kassianskirchen im Land auf.“ Stolz sei er gewesen, dass die Krankenhauskapelle die einzige Kassianskapelle zwischen Brixen und München sei. Er hätte viele „begabte Vinzentiner Studenten“ unterstützt und sie auch öfter besucht und Briefe geschrieben. Viel mehr erfährt man nicht über ihn – außer den üblichen Floskeln und dass „er zufrieden sei und mit Gott im Reinen“. Offensichtlich scheint sein Glaube an Vergebung sehr groß gewesen zu sein.
Eine weitere Erwähnung in einem Jahresbericht des Vinzentinums Brixen ist inzwischen nicht mehr abrufbar. Aber die Verbindung nach Südtirol war eng. Er fuhr sogar mit seinen Ministranten hin, erzählt ein Kircheninsider, der anonym bleiben will. Bei Greihansels Beerdigung 2018 in Rosenheim waren auch Schüler des Vinzentinums zugegen.
Bedürftige Kinder in Peru und Südtirol
Für junge Menschen zeigte Greihansel auch außerhalb Europas großes Engagement. Er sammelte Geld für Straßenkinder in Peru: Anfang der 70er-Jahre gründete er einen privaten Missionskreis – über 100.000 Dollar kamen damals zusammen, wie zu dieser Zeit die OVB-Heimatzeitungen berichteten. Es bleiben viele offene Fragen. War Greihansel jemals in Peru? Unklar, aber nicht ganz so unwahrscheinlich. Ein peruanischer Bischof verlieh ihm den Titel des „Domkapitular ehrenhalber“.
Und Titel, berichten Quellen aus seinem Umfeld, seien Greinhansel sehr wichtig gewesen. Domkapitulare gehören zu den ehrenvollsten Titeln der katholischen Kirche. „Hochwürdigster“ lautet die korrekte Anrede. Hat sich Greinhansel die Ehrung entgehen lassen?
Merkwürdig sei er schon gewesen, aber auch nett und lustig. „Die Gottesdienste waren immer schön kurz“, erzählt ein Insider. Predigten von nur ein paar Minuten, das freut das Ministrantenherz. Und die waren ihm wichtig. Manche besonders: „Die Krankenhausministranten waren sein Heiligtum“, sagt der Insider. Bis zu sechs Ministranten sollen in den 1990er-Jahren in der Krankenhauskapelle tätig gewesen sein.
„Dies ist kein Verbot, aber eine Frage der Klugheit“
Nach seiner Ruhestandsversetzung 2003 bat er, so steht es im Missbrauchsgutachten, mehrfach darum, wieder als Seelsorger eingesetzt werden zu dürfen. „Sein Problem” habe er durch einen medizinischen Eingriff in den Griff bekommen. Ob der wirklich vorgenommen wurde, ist unklar. Einige Jahre später bat er den damaligen Generalvikar des Erzbistums, Dr. Robert Simon, die verhängten Sanktionen aufzuheben. Die Antwort Simons spricht Bände: Es gebe gar keine kirchlichen Strafmaßnahmen, er dürfe die Messe feiern, wenn der hiesige Kirchenrektor einverstanden sei. Dann schränkt Simon es doch ein wenig ein: „Auf Grund der Probleme in der Vergangenheit ist es allerdings nicht empfehlenswert, dass Sie in der Krankenhauskapelle zelebrieren. Dies ist kein Verbot, aber eine Frage der Klugheit.“
Ob jemals alle Fakten auf dem Tisch liegen - über die Taten Greihansels und über die Vertuschung durch die Kirche - ist fraglich. Fakt ist aber, dass der Fall gut 60 Kilometer entfernt von Rosenheim in der Kapellenstraße 4 in München ein Erdbeben auslöste. Die Befragungen der Staatsanwaltschaft hatten Hinweise aus Rosenheim auf versteckte Unterlagen im erzbischöflichen Ordinariat ergeben. Vor rund vier Wochen durchsuchten Ermittler die Räume am Stachus. Den Giftschrank, auf den es Hinweise gab, fanden sie nicht. Er wurde bereits 2011 aufgelöst und die Unterlagen zu den allgemeinen Personalakten gelegt, so die Staatsanwaltschaft München.
Bis zuletzt lebte Rudolf Kassian Greihansel mehr oder weniger unbescholten mitten in Rosenheim, nur einen Steinwurf vom Klinikum entfernt. Er starb am 9. Januar 2018 im Alter von 88 Jahren - friedlich, wie es in Nachrufen heißt. Strafrechtlich ist die Sache damit erledigt. Es bleibt abzuwarten, wie die Kirche und auch Rosenheim das Thema aufarbeiten.