Stimmkreis Rosenheim-West
Landtagswahl 2023: Martina Thalmayr (Grüne) im Steckbrief und zu den wichtigsten Fragen
Bei der Landtagswahl 2023 in Bayern stehen im Stimmkreis Rosenheim-West 13 Kandidaten zur Wahl. Wir stellen alle Kandidaten einzeln vor. Dieses Mal: Martina Thalmayr (Grüne).
Rosenheim - Am 8. Oktober 2023 findet in Bayern die Landtagswahl 2023 statt. Im Stimmkreis Rosenheim-West treten 13 Kandidaten an. Jeder Kandidat hat sich zu sechs Kernfragen geäußert. Hier sehen Sie die Antworten von Martina Thalmayr (Grüne).
Kandidaten-Steckbrief
Bitte stellen Sie sich kurz vor und formulieren Ihre Kernaussage, Ihre politischen Schwerpunkte und Ihre Motivation.
Martina Thalmayr (53), Bad Aibling, Referentin für regionale Vermarktung, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, Bündnis 90/Die Grünen.
„Meine beiden Kinder stehen schon lange auf eigenen Beinen und ich darf mich bereits über zwei wunderbare Enkel freuen. Nach meinem Studium an der TH Rosenheim habe ich meine ersten beruflichen Erfahrungen im Bereich der EDV und des Sozialmanagements gesammelt. Nach vielen Jahren der Selbstständigkeit, mit eigenem Bioladen, bin ich heute für einen Bio-Anbauverband als Referentin für regionale Vermarktung in Bayern unterwegs. Ich berate Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette vom Erzeuger bis zum Handel und versuche, regionale Vermarktungsstrukturen zu stärken.
Seit vielen Jahren bin ich kommunalpolitisch aktiv: als Stadträtin und Fraktionssprecherin der Grünen in Bad Aibling, als Kreisrätin im Landkreis Rosenheim und als Sprecherin des Grünen-Kreisverbandes Rosenheim Stadt und Land.
Im Kunstverein Bad Aibling bin ich als Vorsitzende seit acht Jahren eng mit der Kunst- und Kulturszene im Raum Rosenheim verbunden.
In der Freizeit ist meine größte Leidenschaft die Imkerei. Als Bio-Imkerin versorge ich meine fleißigen Helferinnen und arbeite nach den Prinzipien der wesensnahen Bienenhaltung.
Mein großer Antrieb in allem, was ich tue, ist der Erhalt unserer Lebensgrundlagen. ,Wir haben diese Welt von unseren Kindern nur geliehen‘, ist mehr als nur ein nettes Sprichwort. Mich für eine enkeltaugliche Zukunft einzusetzen, ist für mich Motivation und Verpflichtung in einem. Ich bin überzeugt, dass es uns noch gelingen kann, die Klimakrise einzubremsen und einen Weg zu finden, der ein gutes Leben ermöglicht, ohne die Ressourcen, die uns diese Welt zur Verfügung stellt, unwiederbringlich aufzubrauchen.
Ich bin bereit, für dieses Ziel notwendige Veränderungen und Anpassungen sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft anzuschieben, durchzusetzen und zu begleiten.“
Dauerbrenner Brenner-Nordzulauf
Viergleisig nach Tirol: Dringend erforderliches Mega-Verkehrsprojekt oder überflüssiges Milliardengrab mit verheerenden Auswirkungen für Mensch und Natur? Wie stehen Sie zum Brenner-Nordzulauf? Wie sollte es weitergehen?
Antwort: Die Strecke München-Kufstein ist überlastet – schon heute. Ich bin viel mit der Bahn unterwegs und weiß, dass man sich auf die Verbindungen nicht verlassen kann. Für die Mobilitätswende brauchen wir ein gut ausgebautes Schienennetz für Personen- und Güterverkehr. Und davon sind wir wirklich weit entfernt.
Das Ziel ist es, den Verkehr auf die Schiene zu verlagern. Darin sind sich weitestgehend auch alle einig. Der Skandinavien-Mittelmeer-Korridor ist elementarer Bestandteil des geplanten transeuropäischen Netzes – ein Projekt auf EU-Ebene. Über den Brenner-Nordzulauf wird 2025 im Bundestag entschieden. Ob er kommt, ist nicht mehr die Frage – die Frage ist wie.
Nur wenn man den Güterstrom zwischen Deutschland und Italien deutlich reduzieren würde, könnte man aus meiner Sicht auf die Neubaustrecke verzichten. Das ist aber kein realistisches Szenario.
Mit einem Ausbau der Bestandsstrecke wären jahrelange erhebliche Einschränkungen der bereits jetzt überlasteten Verbindung nach Kufstein verbunden. An ÖPNV auf der Schiene ist während dieser Zeit nicht mehr zu denken. Eine Großbaustelle am Bahnhof Rosenheim, über Jahre hinweg, ist schlicht nicht vorstellbar. Langfristig würden Züge, die alle drei Minuten durch die Orte rauschen, den innerörtlichen Verkehr massiv beeinträchtigen und die Anwohner noch mehr belasten.
Es ist ein Monsterprojekt für unsere Region – darum ist es auch wichtig, dass die bestmögliche Lösung mit den geringsten Belastungen für Mensch und Natur erreicht wird.
Derzeit werden die Kernforderungen der betroffenen Kommunen abgefragt, die dann auch in der Entscheidung im Bundestag berücksichtigt werden. Das halte ich für einen wichtigen Schritt, denn diese Forderungen müssen bei der Entscheidung des Bundestags als Grundlage dienen.
Auf der Landesebene haben wir keinen Einfluss auf die grundsätzliche Entscheidung. Aber wir können die Bedarfe unserer Region unterstützen und kommunizieren, wie zum Beispiel zielführende Verbesserungsvorschläge wie der Verlauf durch den Wildbarren. Generell müssen wir den Weg mit der geringstmöglichen Belastung für Mensch und Natur finden.
Raubtier-Alarm in den Alpen
In den Bergen war zuletzt der Bär los. Auch der Wolf hält die Almbauern in Atem. Was ist zu tun?
Antwort: Ich möchte die Almwirtschaft in ihrer heutigen Form unbedingt erhalten. Sie gehört zu unserer Kulturlandschaft einfach dazu. Außerdem leistet die Almwirtschaft auch einen wesentlichen Beitrag zur Artenvielfalt, das sollte man nicht unterschätzen.
Ein Herdenschutz ist in den Bergregionen meistens nicht möglich. Es gibt aber auch andere Gebiete, in denen Schutz durch Zäune oder Herdenhunde möglich ist.
Ich finde es wichtig, dass man die örtlichen Gegebenheiten differenziert betrachtet und nicht alles über einen Kamm schert. Mit einem qualifizierten Wildtiermanagement können wir der Entwicklung der letzten Jahrzehnte und der Dynamik der Wolfspopulation Rechnung tragen.
Überzogene Forderungen wie die komplette Ausrottung des Wolfes sind nicht zielführend. Was wir brauchen, ist ein regional differenziertes Bestandsmanagement: Herden schützen, da, wo es möglich ist, und den Wolfsbestand regulieren, wo kein Schutz möglich ist. Mit einem regelmäßigen Monitoring stellen wir den Erhaltungszustand der Art sicher und können dann Fall für Fall die richtigen Maßnahmen ergreifen.
Wenn das Wetter verrückt spielt
Dürre, Waldbrände, Starkregen, Tornados - muss sich auch die Region auf deutlich mehr Wetter-Extreme einstellen? Wie kann sich Bayern wappnen? Und was kann Bayern zum globalen Kampf gegen den Klimawandel beitragen?
Antwort: Der Klimawandel wird zwangsläufig eine Häufung von Wetter-Extremen nach sich ziehen, das wissen wir.
In den Städten und Gemeinden müssen wir künftig mit höheren Schäden durch Sturm, Hochwasser und Hitze rechnen. Darum ist eine vorausschauende Stadtentwicklung so wichtig: Flächenfraß stoppen, Schwammstädte entwickeln, Versickerungs- und Rückhalteflächen schaffen, um uns bei Starkregen zu schützen. Wir wollen unsere Städte und Orte begrünen, um uns auch vor Überhitzung zu schützen.
In Bad Aibling habe ich schon vor einigen Jahren mit Kolleginnen ein Hinweispapier für Planer entwickelt, das den Bauherren schon in der Bauleitplanung wichtige klimarelevante Aspekte an die Hand gibt, die in die Planungen der einzelnen Bauvorhaben mit einfließen.
Zum Schutz vor Hochwasser, aber auch, um Regenwasser für Trockenzeiten zu halten, brauchen wir Landschaften, die das Wasser speichern und aufnehmen können. Dazu renaturieren wir Auen und Flusslebensräume, setzen den schon lange geforderten Biotopverbund um, vernässen unsere Moore wieder und bauen Wälder zu klimaresilienten Mischwäldern um.
Im Kampf gegen den Klimawandel spielt der Ausbau der regenerativen Energien eine ganz zentrale Rolle. Wir haben in Bayern leider viel verschlafen. Die Stromnetze sind nicht entsprechend ausgebaut, und Stromtrassen von Nord nach Süd wurden aus politischen Gründen verhindert. Das rächt sich jetzt, vor allem auch für den Wirtschaftsstandort Bayern.
Wir brauchen einen massiven Ausbau der regenerativen Energien aus Sonne und Wind. Wir wollen die Windenergie in Bayern versechsfachen und die Photovoltaik-Leistung vervierfachen. Dabei gilt: So viel Photovoltaik auf die Dächer wie möglich und nur so viel wie nötig in die Flächen.
In erster Linie müssen wir Strom dort erzeugen, wo er benötigt wird. Mit Biomasse und Wasserkraft sichern wir die Grundlast, und mittelfristig wird uns ein intelligenter Speicherausbau, digital vernetzt, unabhängig von fossilen Brennstoffen und damit auch unabhängig von den Despoten dieser Welt machen.
Flüchtlinge und kein Ende
Was muss der Freistaat beim Thema Flüchtlingsunterbringung aus Ihrer Sicht tun, damit die Kommunen die Aufgabe der Unterbringung von Flüchtlingen bewältigen können?
Antwort: Wir stehen vor einer echten Herausforderung. Wir haben einen Höchststand an Flüchtlingen zu verzeichnen. Die aktuellen Zahlen liegen inzwischen über den Zahlen aus 2015 – und das größte Problem ist die Unterbringung.
Hier stehen die Kommunen vor einen Mammutaufgabe. Der Wohnungsmarkt ist angespannt und auch die bereits errichteten Gemeinschaftsunterkünfte sind belegt und überbelegt. Erschwerend kommt hinzu, dass Finanzmittel, die der Bund den Ländern zugesagt hat, viel zu langsam an die Kommunen ausgeschüttet werden.
Der Schlüssel liegt aus meiner Sicht in einer schnellen und gelingenden Integration. Der Schulbesuch für Kinder sollte genauso selbstverständlich sein, wie für Erwachsene die Möglichkeit, eine Arbeit aufzunehmen. Hier müssen wir dringend schneller werden und Bürokratie abbauen. Nur wenn wir die Menschen auch in unserem Alltag aufnehmen, sie in Arbeitsteams, in Sportgruppen oder sonstigen Aktivitäten integrieren, haben sie eine Chance, unsere Werte kennenzulernen und auch aktiv ihren Anteil zu unserer Gesellschaft beizutragen.
Der Freistaat muss die Infrastruktur für die gelingende Integration bereiten. Dazu gehört natürlich auch, bezahlbaren Wohnraum – vor allem auch Mitarbeiterwohnungen – zu schaffen. Die vielen ehrenamtlichen Strukturen, die sich aktiv für eine gelingende Integration einsetzen, brauchen entsprechende Ausstattung und Unterstützung.
Einzelfälle, die uns alle schon berührt haben, zum Beispiel der voll integrierte junge Mann in Ausbildung, der plötzlich abgeschoben werden soll, müssen schnell und individuell bearbeitet werden können. Dafür brauchen wir genügend Personal in den Ämtern.
Letztendlich liegt es an uns allen. Wir haben in Bayern jährlich 100.000 Geburten und 200.000 Menschen, die in Rente gehen. Wir werden sehr viele Migrant*innen brauchen, damit wir weiterhin all die Leistungen erbringen können, die wir auch benötigen. Der Freistaat täte gut daran, dieser Wahrheit ins Auge zu schauen und für eine gelingende Integration zu werben, anstatt sich auf das Errichten von Grenzen zu fokussieren.
Medizin hängt am Tropf
Die heimischen Krankenhäuser machen gewaltige Defizite. Welche Möglichkeiten muss der Freistaat nutzen, um die medizinische Versorgung in Kliniken in der Region sicherzustellen und dabei auch das Personal vernünftig bezahlen zu können? Wie kann man generell die medizinische Versorgung verbessern und Medikamenten-Engpässe vermeiden?
Antwort: Die Krankenhäuser machen uns auch im Landkreis Rosenheim natürlich große Sorgen. Ein zweistelliges Millionen-Defizit, das von Stadt und Landkreis Rosenheim getragen werden muss, wird den finanziellen Spielraum der Kommunen in den nächsten Jahren belasten.
Die Struktur der Krankenhäuser wird sich verändern müssen. Zum einen, weil die Kosten nicht mehr zu tragen sind, zum anderen aber auch, weil nicht genügend Mitarbeiter*innen gewonnen werden können.
Hier spielt das Thema gelingende Integration wieder eine tragende Rolle. Die einzelnen Kliniken müssen sich noch stärker spezialisieren, nur so kann die Grundversorgung in den verschiedenen Häusern aufrechterhalten werden. Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist für diesen Schritt nicht sehr groß, wenn man zum Beispiel an die Diskussion um die ehemalige Geburtenstation in Bad Aibling denkt.
Dennoch führt hier kein Weg vorbei. Auch die Entscheidung in Bad Aibling hat sich inzwischen als richtig herausgestellt. Eine Entlastung unseres Gesundheitssystems kann etwa die digitale Gruppierung von Beschwerden, mit entsprechender Empfehlung an die Patienten für die bessere Wahl der behandelnden Arztpraxis oder Klinik sein. Dafür muss der Freistaat in die Entwicklung solcher digitalen Systeme investieren. So könnte zum Beispiel in einem Videonotruf die Notwendigkeit eines Besuchs in der Notaufnahme bestätigt oder eine passende Facharztpraxis vermittelt werden.
Auch die Versorgung mit Medikamenten kann mit Hilfe digitaler Erfassung des Bedarfs und der Beschaffungswege optimiert werden. Auch hier braucht es zentrale Datenbanken und Plattformen, die über den Freistaat organisiert werden müssen.
Ihr Lieblingsthema
Ein Thema, das Sie für sehr wichtig halten, fehlt in der Liste? Etwa Wohnraum, Energiekosten, Bildung, Mittelstand oder Landwirtschaft? Dann nur zu! Nehmen Sie Stellung zu einem Thema Ihrer Wahl.
Antwort: Die Wasserpegel der Grundwasserkörper sinken auch bei uns im Landkreis kontinuierlich. Trotz langer Regenphasen im April diesen Jahres waren einige heimische Grundwasserpegel bereits im Juni wieder „niedrig“ bis „sehr niedrig“. Die Wasserknappheit aufgrund von Dürre, aber auch aufgrund von Versiegelung und sinkender Fähigkeit unserer Böden, Wasser zurückzuhalten, nimmt erschreckend schnell zu.
Ein Blick nach Franken bestätigt das. Ausgetrocknete Böden, kranke Wälder, verschmutztes Trinkwasser und schlechte Ernten sind die Folge.
Der Schutz des Grundwassers muss für uns höchste Priorität haben. Trinkwasserschutzgebiete müssen stärker geschützt werden, außerdem müssen weitere Schutzgebiete ausgewiesen werden.
Derzeit sind gerade einmal vier Prozent der Fläche als Trinkwasserschutzgebiet ausgewiesen – notwendig sind jedoch zwölf Prozent. Die Stadt Rosenheim wird derzeit nur durch die Trinkwasserbrunnen in der Willinger Au versorgt. Das ist ein viel zu hohes Risiko. Die bestehenden Grenzen der Trinkwasserschutzgebiete dürfen auf keinen Fall – natürlich auch nicht für Bauwünsche – angegriffen werden. Außerdem sollte in den Schutzgebieten nur ökologische Landwirtschaft, ohne den Einsatz von Glyphosat oder Herbiziden, stattfinden dürfen.
Besonders die Entnahme von Tiefengrundwasser – unsere eiserne Reserve für nachfolgende Generationen – darf nur in dem Maße erfolgen, wie sich dieses Wasser auch nachbildet. Dafür brauchen wir eine Bepreisung des entnommenen Wassers und ein Monitoring der Entnahmemengen. So wird es auch für Unternehmen lukrativ, Oberflächenwasser aufzufangen und zu verwenden – statt gutes Trinkwasser zum Beispiel zur Reinigung oder Kühlung zu verwenden.
Anmerkung der Redaktion: Die Antworten des Kandidaten/der Kandidatin wurden 1:1 von der Redaktion übernommen, inhaltlich nicht überarbeitet und müssen deswegen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.