„Project Tosa“ - Mit Herz und OP-Besteck
Griesstätter Christian auf Ehrenamts-Mission in Tansania: „Du weißt nicht, was dich erwartet“
Nur noch wenige Tage, dann hebt die Maschine ab - Zielflughafen: Daressalam in Tansania. Mit an Bord des Medizinerteams: Christian Andraschko aus Griesstätt. Für ihn ist es bereits die vierte Ehrenamtsmission für „Project Tosa“. Was ihn antreibt, wovor er Respekt hat und welche Herausforderungen auf ihn in Afrika warten:
Griesstätt - Zum „Project Tosa“ kam Christian wie die Jungfrau zum Kind. Er arbeitet als Krankenpfleger mit OP-Weiterbildung in der Wirbelsäulenchirurgie der Schön Klinik Vogtareuth, war lange stellvertretender Krankenpflegeleiter der Kinder-Orthopädie.
Durch den ständigen Kontakt zu Ärzten kam eins zum anderen: Als Christian vor ein paar Jahren gefragt wurde, ob er sich vorstellen könnte, bei der 16-tägigen Ehrenamtsmission in Tansania dabei zu sein, musste er nicht lange überlegen: Nach kurzer Rücksprache mit seiner Familie sagte er zu.
Das Ziel: Vor Ort medizinisch schulen
„Du fährst runter und weißt nicht, was dich erwartet“, erinnert sich Christian an die ersten Male. Aufgeregt ist er auch heute noch, je näher die Reise rückt. Eine Reise in eine ganz andere Welt. „Die Arbeit dort ist komplett konträr zu deutschen Krankenhäusern. Unser Gesundheitssystem ist gut, es gibt jede Versorgung zu jeder Zeit, da brauchen wir uns nicht zu verstecken“, betont er im Vergleich zu den Entwicklungsländern.
Daher sei es von Bedeutung, die Menschen vor Ort in den Krankenhäusern zu schulen: „Der Austausch ist sehr wichtig, damit sie das Wissen in ihren Krankenhäusern in Afrika weitergeben können und ihre Systeme letztlich auch selbstständig bedienen können. Ein Narkosegerät beispielsweise konnte im vergangenen Jahr aufgrund mangelnden Know-hows des Personals nicht genutzt werden.“
„Projekt Tosa“
Ausstattung und Räume sowie die hygienischen Standards können in keinster Weise mit Deutschland mithalten: „In Tosamaganga stehen wir bei brütender Hitze im OP, während Mückengitter Insekten draußen halten und dennoch die ein oder andere Fliege um den OP-Tisch schwirrt. Nicht selten kommt es zu Stromausfällen. Dann wird mit Stirnlampe weiter operiert.“
Krankheitsbilder, die in Deutschland undenkbar wären
Am 14. Februar ist es wieder so weit: Über Tansanias Flughafen Daressalam geht es mit dem Bus zwölf weitere Stunden nach Tosamaganga. 40 Stunden sind sie insgesamt auf den Beinen, bis sie sich vor Ort einrichten können und chirurgisch sowie orthopädisch loslegen können.
In der Regel konzentrieren sie sich auf Kinder, in Ausnahmefällen behandeln sie auch akute Notfälle Erwachsener. Das Ärzteteam wird mit Krankheitsbildern konfrontiert, die in Deutschland undenkbar sind. In Tansania wird oft ohne Narkose operiert, lokales ein- oder nachspritzen kostet extra.
„Vielen fehlt das Geld für eine Behandlung, daher sehen wir alte und vernarbte Verletzungsbilder, die mit Fehlbildungen einhergehen. Häufig handelt es sich um nicht behandelte Brandwunden, die die Kinder erleiden, wenn sie im Hof am offenen Feuer spielen.“
Während in Deutschland in solchen Fällen eine optimale Versorgung erfolgt, werden die Wunden in Tansania oft nur mit Wasser ausgespült und infizieren sich, weiß Christian: „Nicht selten ist die Haut zäh wie Leder und weist eine Dicke von fünf Millimeter auf. Das macht Korrekturen umso schwieriger.“
Das Ärzteteam sieht Schicksale, die berühren, wie das des vierjährigen Kiliba. Er hatte sich sechs Monate zuvor schwere Verbrennungen am Oberkörper und im Gesicht zugezogen, als seine Kleidung Feuer fing. Kilibas Vater, der den Unfall miterlebte, erlitt durch das Erlebnis einen emotionalen Schock, an dem er kurz darauf verstarb.
Durch die Narben hat er in beiden Schulter- und Ellbogengelenken sowie in den Händen nahezu keinen Bewegungsradius. Das Team entschied, die rechte Hand zu operieren, um hier einen gewissen Grad an Funktionalität wiederherzustellen und hofft, beim diesjährigen Einsatz Kilibas Ellenbogen operieren zu können.
Auch die junge Mutter und ihr dreijähriges Kind, die schwere Verbrennungen erlitten, als ein Benzinkanister an einer Tankstelle Feuer fing, wird Christian nicht vergessen. Beide starben kurz nach der Tragödie. Ein junger Mann kam indes mit schlimmen Verstümmelungen, nachdem er sich an einer Maschine mehrere Finger abgesägt hatte. Ohne Behandlung wären sie abgefault.
„Kinder überhaupt nicht wehleidig“
Erlebnisse, die sich ins Gedächtnis brennen. Verständlicherweise sind die Kinder sehr verängstigt, wenn sie das Ärzteteam aus Deutschland treffen. „Sie wissen, dass Desinfektionen mit Alkohol Schmerzen verursachen und werden erst lockerer, wenn sie merken, dass es nicht wehtut“, spricht der 47-Jährige aus Erfahrung.
Für Christian bewundernswert: „Die Kinder sind überhaupt nicht wehleidig - sie wachen aus der Narkose aus und spielen gefühlt fünf Minuten später schon Fußball. Allgemein sind die Tansanier entspannter als deutsche Patienten. Da wird geduldig in einer Schlange gewartet, bis man an der Reihe ist - und wer nicht mehr drankommt, stellt sich eben tags drauf wieder an.“
Als Dank erhält das Team häufig Geschenke in Form von Naturalien. „Meistens gibt es Bananen, Avocados und Reis - was sich eben am Straßenrand sammeln lässt. Nicht selten bringen sie uns ein lebendes Huhn, das in der Ecke des Krankenhauses darauf wartet, als Abendmahl zu enden. Dafür wird es sehr nachhaltig und typisch afrikanisch im Ganzen mitsamt Krallen und Schnabel über dem offenen Feuer als Suppenhuhn zubereitet.“
An die Landeskost musste sich Christian erst gewöhnen - wie eine Pizza mit Banane, Schinken, Rüben, Zucchini und Käse. „Die hat erstaunlich gut geschmeckt. Ich habe sogar versucht, sie zu Hause nachzukochen - was aber misslang“, sagt er lachend.
Was ihm aus der bayerischen Heimat abgeht, wenn er in Afrika ist? „Weißwürscht und Brezn“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Auf die freut er sich als erstes, sobald er am Münchner Flughafen gelandet ist.
„Das Ganze hat einen gewissen Suchtfaktor“
Afrika war Neuland für Christian und die Reise ist mit einem Arbeitseinsatz von bis zu 12 Stunden am Tag nicht mit Urlaub zu vergleichen - auch, wenn dafür bis auf drei Tage Sonderurlaub sein regulärer verwendet wird.
In Afrika taucht Christian in eine besondere Welt ein: „Hier gehe ich mit einem anderen Engagement an den Einsatz, es gibt weder Stress noch Hektik und nach einem halben Tag arbeiten wir zusammen, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Die Motivation und der Ansporn zum Helfen sind da, es gibt keine bösen Worte oder Unmut. Wir wollen so viel wie möglich schaffen.“
„Ich bin seit 20 Jahren im OP und auch für mich ist es immer wieder was Neues. Das Ganze hat einen gewissen Suchtfaktor und wird für mich definitiv weitergehen“, erklärt Christian grinsend. Das gemütliche afrikanische Motto „pole pole“, was so viel bedeutet wie „langsam langsam“, hat er schon verinnerlicht.
Vorfreude steigt
Das Team setzt sich aus Medizinern und Pflegern aus ganz Deutschland bis in die Schweiz zusammen. Christian ist dieses Jahr der Einzige aus Bayern. Er freut sich darauf, die Helfer vom letzten Jahr wiederzusehen, es sind schließlich auch Freundschaften entstanden.
„Ich hoffe, wir schaffen dieses Mal mehr Eingriffe. Waren es 2023 insgesamt 56 OP‘s konnten sie im vergangenen Jahr wegen eines fehlenden OP-Saals nur 36 durchführen“, erinnert sich Christian zurück. Außerdem ist er gespannt, wie es den Patienten, die bereits zur Behandlung bei ihnen waren und erneut kommen, ergangen ist und sie sich entwickelt haben.
Unterstützt wird „Project Tosa“ von der gemeinnützigen Organisation „Arche Med“, die auf Spenden angewiesen sind. Christian selbst nimmt auch Sachspenden entgegen, wie nicht mehr benötigtes Krankenhausmaterial, Spielsachen oder Süßigkeiten für die Kinder. Wer sich beteiligen möchte, darf sich gern per Mail an c-andraschko@web.de wenden. (mb)


